Patrice Pellerin: Der Schrei des Falken Gesamtausgabe 2 [zuletzt gelesen #061]

650-307502Aufgeblähte Segel, steil aufragende Masten, Frauen im Korsett, Schergen mit Perücke und tapfere Narbengesichter. Die historisiende Abenteuerserie L’Epervier (Dupuis) von Patrice Pellerin geht weiter. Bei comicplus+ ist die Comicserie unter dem Titel Der Schrei des Falken – Gesamtausgabe auf Deutsch in einer edlen Gesamtausgabe erschienen. In drei Bänden liegt der erste Zyklus der Serie vollständig vor (ursprünglich sechs Bände, ebenfalls comicplus+). Der zweite Band der Gesamtausgabe enthält die beiden Bände „Die Medusa läuft aus“ und „Verräter an Bord“ sowie Bonusmaterial u.a. aus dem französischen Begleitband Archives secrètes.

Seefahrt-Abenteuer – spannend erzählt und eindrucksvoll illustriert

Pellerin macht genau da weiter, wo er nach den ersten beiden Bänden aufgehört hatte. Bretagne im 18. Jahrhundert: de Kermeur alias „Der Falke“ wird wegen Mordes gesucht und will dennoch seine Crew befreien. Die Gräfin Agnès de Kermellec wurde von ihrem Cousin (Hervé de Villeneuve) niedergeschlagen und erinnert sich nicht mehr an die Vorkommnisse. Gemeinsam mit dem Marquis de la Motte und der „Medusa“ plant de Villeneuve sie in See zu stechen (in Richtung Guyana). Kann der „Falke“ seine (loyale und tapfere) Crew befreien? Schafft er es, wieder (rechtmäßiger) Herr über seine „Medusa“ zu werden? Was hat es mit dem (rätselhaften) Schatz auf sich? Erinnert sich die (hübsche) Gräfin wieder und entlarvt ihren (niederträchtigen) Cousin?

Pellerin erzählt seine fesselnde Geschichte dialogreich und erzähltextarm. Dadurch wirkt das Dargestellte sehr unmittelbar. Aufgrund mehrerer Handlungsebenen und eingebauter Rückblicke verwendet er zudem eine komplexe Erzählweise. Bei den Rückblicken rundet er seine Panels ab, wodurch diese visuell als solche erkennbar sind. Durch das große Figurenensemble und die Schauplatzwechsel sorgt Pellerin für viel Abwechslung und einen stets aufrechterhaltenen Spannungsbogen. Trotz des erzählerischen Anspruchs wirkt die Serie stets überschaubar und spannend.

Die Charakterisierung des Protagonisten erschließt sich indirekt – aus seinen Taten und Worten. Dazu kommen die im Bonusmaterial enthaltenen prägende Lebensstationen (Guyana, Piraten, Galeerensklave, Freiheit), die in Form von Kurzcomics und illustrierten Texten aufgerollt werden und dem Charakter Tiefe verleihen. Die Gesamtausgabe lohnt sich also auch für diejenigen, die die Serie bereits in Einzelbänden besitzen oder schon gelesen haben.

Pellerin führt einen klaren Strich, der sich am Stil seines Vorbilds André Juillard orientiert. Mit einer unnachahmlichen Vorliebe für Details erweckt er das 18. Jahrhundert und die Seefahrt zum Leben. Der zweite Band der Gesamtausgabe enthält beeindruckende Szenen von Schiffen auf hoher See. Man merkt, dass Pellerin befreundete Historiker befragt hat und gewissenhaft recherchiert hat. Dieser Umstand und die ausgefeilte Illustrationskunst (Pellerin schreibt, zeichnet und koloriert in Eigenregie!) entschuldigen auch die lange Veröffentlichungsdauer der Einzelbände (alle zwei Jahre erscheint ein neuer Band). In puncto Raumverständnis und Einstellung hat er sich zudem von Jean Giraud und dessen filmischen Verständnis inspirieren lassen, was vor allem bei den Schiffsmanövern auf hoher See zum Tragen kommt.

Klassiker des Abenteuercomics in schmuckem Gewand

Die Aufmachung der Gesamtausgabe lässt keinen Wunsch offen. Der gebundene Band wird auf Vorder- und Rückseite mit Spotlack veredelt. Die wunderschöne Ausgabe wird durch ein leicht strukturiertes, griffiges Vorsatzpapier (hier Dunkelgrün) abgerundet. L’Epervier wurde übrigens gleichnamig verfilmt, nur leider (noch) nicht ins Deutsche synchronisiert.

Der Schrei des Falken – Gesamtausgabe 2 besticht weiterhin durch (inhaltliche) Vieseitigkeit, (erzählerische) Komplexität, (historische) Authentizität und (visuelle) Finesse. Kurzum: eine anspruchsvolle wie mitreißende Abenteuerserie, die seinesgleichen sucht und comicplus+ veröffentlicht sie in vollendeter Form. Es wäre mehr als begrüßenswert, wenn auch der zweite Zyklus (bisher zwei Bände) derart prachtvoll zugänglich wird. Auf der Verlagshomepage gibt es mehr Infos zur Gesamtausgabe und beim Comicvertrieb PPM gibt es Leseproben. Für mich ist L’Epervier ohnehin einer der besten Seefahrercomics.

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Patrice Pellerin: Der Schrei des Falken Gesamtausgabe 1 [zuletzt gelesen #060]

gafalke1Kanonenfeuer und Fechtkunst, schnelle Schiffe und schöne Frauen! Das sind die altbekannten Zutaten für Seefahrerabenteuer. Die historisiende Abenteuerserie L’Epervier (Dupuis) von Patrice Pellerin vereint jedoch nicht nur diese altbekannten Zutaten, sondern bereichert und erneuert das Genre. Die Comicserie ist auf Deutsch in einer edlen Gesamtausgabe unter dem Titel Der Schrei des Falken – Gesamtausgabe bei comicplus+ erschienen. In drei Bänden liegt der erste Zyklus der Serie vollständig vor (ursprünglich sechs Bände, ebenfalls comicplus+). Der erste Band der Gesamtausgabe enthält die ersten beiden Bände („Kermellecs Geheimnis“ und „Der Totenkopf-Felsen“) und Bonusmaterial u.a. aus dem französischen Begleitband Archives secrètes.

Klassisches Abenteuer, komplexe Erzählweise und realistische Illustrationen

Pellerin fackelt nicht lange herum, sondern geht sofort ins Eingemachte: Der Chevalier Yann de Kermeur (ehrenwehrter Kapitän der „Medusa“ mit dem Spitznamen „Der Falke“) will sich vor der bretonischen Küste mit seinem Freund (dem Grafen de Kermellec) treffen. Er findet Kermellec aber sterbend auf, aber dieser verrät ihm noch ein rätselhaftes Geheimnis. Während der wahre Mörder mit einer Tonstatue geflohen ist, wird nun Kermeur für den Mord angeklagt. Die Enkelin (Gräfin Agnès de Kermellec) verständigt den Marquis de la Motte aus Brest, um Kermeur vor Gericht zu bringen. Ihr Cousin (Hervé de Villeneuve) verhält sich indes immer merkwürdiger ihr gegenüber. Indessen lässt der Marquis (in Brest) die „Medusa“ entern und die Crew verhaften. Gelingt dem (unschuldigen) „Falken“ die Flucht? Überlebt die (loyale) Crew die Folter? Was hat es mit der (unscheinbaren) Tonpuppe auf sich? Wer ist der (maskierte) Mörder?

Ohne viel Erzähltext und mit sprudelnden Dialogen nimmt die verschachtelt erzählte Story schnell an Fahrt auf. Dank zahlreicher und wechselnder Schauplätze, parallelen Handlungsebenen und einem reichhaltigen Figurenensemble strickt Pellerin in windeseile ein fesselndes Gespinnst aus (adeliger) Intrige, (ausgefuchsten) Fluchtplänen, (anbahnender) rätselhafter Schatzsuche, (einer Prise) Romantik, (detailgetreuer) Seefahrt, (bewährter) Fecht- und Kampfkunst und (eingeschworener) Seefahrermännlichkeit. Die komplexe Narration und die historische Glaubwürdigkeit hebt L’Epervier weit über den Durchschnitt, wobei es Pellerin gelingt, alles klar und leicht wirken zu lassen – die Story ist nie überfordernd oder unübersichtlich. Einziger Makel sind die zum Teil gesteltzten Sprüche (aber wer weiß schon, wie die Menschen sich damals unterhalten haben).

Das liegt vor allem an seinem klaren Strich, der sich am Stil seines Vorbilds André Juillard orientiert. Ohne Schraffuren, aber mit einer unnachahmlichen Detailverliebtheit, erweckt er die vergangene Epoche zum Leben. Der erste Band der Gesamtausgabe enthält stellenweise atemberaubende Szenen von Schiffen, Schiffswerften und Fachwerkhäusern. Man merkt, dass Pellerin befreundete Historiker befragt hat und gewissenhaft recherchiert hat. Dieser Umstand und die ausgefeilte Illustrationskunst (Pellerin schreibt, zeichnet und koloriert in Eigenregie!) entschuldigen auch die lange Veröffentlichungsdauer der Einzelbände (alle zwei Jahre erscheint ein neuer Band). In puncto Raumverständnis und Einstellung hat er sich zudem von Jean Giraud und dessen filmischen Verständnis inspirieren lassen.

Klassiker des Abenteuercomics in vollendeter Form

Die Aufmachung der Gesamtausgabe lässt keinen Wunsch offen. Der gebundene Band wird auf Vorder- und Rückseite mit Spotlack veredelt. Die wunderschöne Ausgabe wird durch ein leicht strukturiertes, griffiges Vorsatzpapier (hier Dunkelgrün) abgerundet. Dazu enthält der Band als Bonusmaterial Hintergrundinformationen zur Serie und zum Autor sowie einen exklusiven dreiseitigen Comic über die Familie Kermeur. Die Gesamtausgabe lohnt sich also auch für diejenigen, die die Serie bereits in Einzelbänden besitzen oder schon gelesen haben. L’Epervier wurde übrigens gleichnamig verfilmt, nur leider (noch) nicht ins Deutsche synchronisiert.

Der Schrei des Falken – Gesamtausgabe 1 beginnt (inhaltlich) vieseitig, (erzählerisch) komplex, (historisch) authentisch und (zeichnerisch) eindrucksvoll. Kurzum: Pellerin liefert uns eine anspruchsvolle wie mitreißende Abenteuerserie, die seinesgleichen sucht und comicplus+ veröffentlicht sie in schmuckem Gewand. Es wäre mehr als wünschenswert, wenn auch der zweite Zyklus (bisher zwei Bände) derart prachtvoll zugänglich wird. Auf der Verlagshomepage gibt es mehr Infos zur Gesamtausgabe und beim Comicvertrieb PPM gibt es Leseproben. Für mich ist L’Epervier ohnehin einer der besten Seefahrercomics.

Media Monday #218 u.a. über Basketball, Remakes, Ermittler-Teams und True Detective

Das Wochenende war leider wieder viel zu kurz und schon wieder ist es Montag. Hier sind meine Antworten zum Media Monday von Medien_Journal.

1. Baskettball wusste mich vom ersten Moment an zu packen, schlicht weil es eine perfekte Mischung aus Bewegungsabläufen, Körperbeherrschung, Tempowechsel, Sprungkraft, Wettstreit, Fairplay, Schnelligkeit, Körpertäuschung, Raumverständnis, Teamplay und Wurfgefühl ist.

2. Die Zeit für die Remakes Dredd und Total Recall mit Colin Farell hätte ich mir echt schenken können, schließlich waren beide Filme eine uninspirierte Aneinanderreihung von Actionszenen. Robocop hab ich mir dann gleich gespart, wobei ich das Gefühl nich loswerde, dass genau der, der beste der drei Remakes ist.

3. Johnny Depp war auch schon mal zielsicherer in ihrer/seiner Rollenauswahl, denn schon seit Jahren lockt mich keiner seiner Filme mehr ins Kino.

4. Die ComicBuchreihe Pablo von Clément Oubrerie und Julie Birmant ist eine lebensbejahend-kraftvoll erzählte und leichtfüßig-ausdrucksstark gezeichnete Biographie über den Künstler Pablo Picasso. Absolut empfehlenswert.

5. ____ ist ja eines der coolsten Ermittler-Teams, denn ____ . Ich mach mir nichts aus „coolen“ Ermittler-Teams. Ich mochte jedoch das Team/die Charaktere aus den Serien The Wire und KDD sehr gerne.

6. Dank eines Geschenks konnte ich endlich auch der Serie House of Cards mit Kevin Spacey eine Chance geben, denn von selbst hätte ich die Serie niemals angeschaut und nach der ersten Staffel habe ich auch keine Lust mehr, weiterzuschauen.

7. Zuletzt habe ich True Detective mit Matthew McConaughey und Woody Harrelson gesehen und das war genial, weil die Serie in puncto Charakterisierung, Filmmusik, Erzählweise und Spannung auftrumpft. Aufgrund zahlreicher negativer Kritiken (Mundpropaganda und Filmkritik) und Zeitmangel werde ich jedoch die zweite Staffel nicht sichten.

Didier Convard: Das geheime Dreieck – Gesamtausgabe 7 [zuletzt gelesen #059]

Krimis sind imm650-308130-20141202084312er wieder faszinierend. Und esoterische Krimis erfreuen sich (nicht erst) seit Dan Brown größter Beliebtheit. Freimaurer, Geheimkulte, ganz klar, das passt hervorragend zum Krimi. Le Triangle Secret (dt. Das geheime Dreieck) ist eine solche esoterische Krimiserie und sie stammt aus der Feder des Comicszenaristen Didier Convard, der dazu mit wechselnden Zeichnern zusammengearbeitet hat. Was ist noch so besonders an der Serie? Die Handlung des Krimis ist eigentlich in der Gegenwart angesiedelt, aber durch Rückblicke in die Geschichte gibt es immer wieder längere Passagen, die in verschiedenen Epochen der Menschheitsgeschichte spielen. Außerdem gibt noch zwei weitere unschlagbare Komponenten. Die eine ist die Vorstellung, dass der Vatikan eine eigene militante Untergrundschwadron unterhält, um seine Ziele mit Gewalt durchzusetzen. Die zweite ist die Thematisierung der Unsterblichkeit, die universell erscheint und eng an Jesus Christus geknüpft wurde.

Überblick über die Serie oder: Was ist bisher passiert?

Der erste Zyklus ist seinerzeit beim ehemaligen Ehapa Verlag erschienen und längst vergriffen. Hier geht es um die „Erste Loge“, die sich als Traditionsahnen von Jesus Christius sehen, aber nicht in religiöser, sondern in wissenschaftlicher Hinsicht. Sie suchen das fünfte Evangelion, das „Narrentestament“, das von einer Verwechslung beim Tode Christi handelt. Gegner sind die „Hüter des Blutes“, die das kirchliche Dogma (Jesus starb am Kreuz und ist wiederauferstanden) mit Gewalt verteidigt.

Ab dem zweiten Zyklus hat comicplus+ das Ruder übernommen. Hier geht es weiterhin um den Kampf zwischen den Parteien. Ein Ritualmörder hackt seinen Opfer die rechte Hand ab und markiert deren Stirne mit einer fünf, die auf die Ritter verweisen, die das Grab von Christi Bruder Thomas gefunden haben. Der zweite Zyklus markiert den Höhepunkt der Serie. Gerade die historischen Episoden sind genial.

Dritter Zyklus „Die Hüter des Blutes“

Mit Le Triangle Secret L’intégrale (dt. Das geheime Dreieck – Gesamtausgabe) liegt nun eine neunbändige edle Gesamtausgabe vor, die auf Deutsch ebenfalls bei comicplus+ erscheint und die Serie in edler Form zugänglich macht. Band 7 der Gesamtausgabe enthält die ersten beiden Einzelbände des dritten Zyklus „Les Gardiens du Sang“ (dt. „Die Hüter des Blutes“), der zeitlich vor den Ereignissen der ersten beiden Zyklen spielt. Von daher kann man den Zyklus im Prinzip ohne Vorkenntnisse bzw. vor den anderen beiden Zyklen lesen, aber davon würde ich trotzdem abraten.

Hier steht Professor Jean Nomane im Fokus, der überraschend nach drei Jahren wieder bei seiner ehemaligen Freundin auftaucht und wegen Mordes an Kardinal Mottelli gesucht wird. Nach und nach wird jedoch klar, dass es eine geschickt eingefädelte Intrige der „Hüter des Blutes“ war, die ihn zum Verdächtigen gemacht hat. Währenddessen forscht eine geheime vatikanische Forschungsgruppe in Kooperation mit einem Schweizer Konzern an einer Essenz für die Unsterblichkeit.

Dialogreich und detailliert

Convard erzählt seine Geschichte hauptsächlich mit dialogreichen Sequenzen. Dadurch werden wir als Leser unmittelbar in das Geschehen hineingeworfen und erfahren nach und nach mehr von den Verstrickungen und Drahtziehern im Hintergrund. Andererseits ist es auch ein erklärungswütiger Erzählstil, man muss viel lesen, was nicht heißt, dass nichts passiert. Im Gegenteil, die Schauplätze ändern sich oft und es passiert viel. Es gibt ein großes Figurenensemble, bei dem man den Überblick bewahren muss. Dennoch macht das alles sehr viel Spaß. Es ist nur kein Comic, den man nebenher oder zwischendurch konsumiert, sondern einer, der die volle Aufmerksamkeit erfordert.

Im Allgemeinen erzählt Convard sehr ruhig, klassisch und spröde, was ich nicht negativ, sondern positiv auslege. Im dritten Zyklus hat er sich jedoch herausgenommen eine Idee drastischer zu werden, was jedoch immer noch im Rahmen bleibt. Denis Falque zeichnet die Gegenwartsepisoden. Er führt einen detailliert-realistischen Strich mit leicht individueller Note, wodurch alles schön übersichtlich bleibt, aber auch reizvoll erscheint. Die Pariser Stadtszenen wirken sehr realistisch und die Figuren haben einen individuellen Stil.

Die historischen Rückblicke werden von wechselnden Zeichnern übernommen und führen uns diesmal zu Cagliostro, der hier als Universalgenie und geistiger Bruder von Christus inszeniert wird. Die ersten historischen Abschnitt hat Patrick Jusseaume gezeichnet, der einen reduzierten Strich plegt, der im Vergleich mit den anderen Zeichnern unspektakulärer und stilisierter wirkt. Den zweiten hat André Juillard (der Meister höchstselbst!) übernommen, der bislang auch schon die Cover illustriert hat und für seinen unnachahmlichen klaren Stil bekannt ist. Während Convard den ersten Rückblick mit Dialogen und Nomane als Erzähler ausstattet, wird der zweite Rückblick ausschließlich von Nomane erzählt. In Voice-Over-Passagen berichtet er von Cagliostros Abenteuer in Ägypten, wobei die Szenen systematisch in seitenbreiten, filmischen Panels angelegt sind. Dadurch wirkt diese Passage schematischer als die erste, die in abwechslungsreichen Panelstrukturen angelegt ist.

Guter Inhalt und schöne Aufmachung

Der siebte Band von Le Triangle Secret L’intégrale verspricht spannende Krimikost, wobei der dritte Zyklus nicht an die herausragende Qualität des zweiten Zyklus anknüpfen kann. Vor allem die historischen Rückblicke waren im zweiten Zyklus beeindruckender. Convard liebäugelt außerdem mit dem Heldenkino, wenn immer wieder Anspielungen auf jenes ausgeprochen werden und es gibt einen stilisierten Vollstrecker. Dennoch wissen auch diese beiden Abenteuer zu fesseln und enthalten einen interessanten Hauptcharakter. Wer nicht genug bekommt vom Le Triangle Secret-Universum, sollte unbedingt zugreifen. Für Schmalspurleser reichen sicherlich auch die ersten beiden Zyklen.

Die Gesamtausgabe erscheint in gebundenen Bänden mit Spotlack und enthält insgesamt neben den drei Zyklen („Das geheime Dreieck“, „I.N.R.I.“ und „Die Hüter des Blutes“) die ersten beiden Bände des Spin-Offs „Hertz“. Jeder Band der Gesamtausgabe ist jeweils auf 1.000 Exemplare limitiert und enthält Bonusmaterial. Diesmal eine bewertende Einordnung des dritten Zyklus, eine Skizze von Jusseaume, eine Studie von Juillard und eine Infobox über Cagliostro. Die wunderschöne Aufmachung wird durch ein leicht strukturiertes Vorsatzpapier (hier Gelb) abgerundet. Beim Verlag gibt es mehr Infos zur Gesamtausgabe und beim Comicvertrieb PPM gibt es (eine) Leseprobe(n).

Sebastiano & Lorenzo Toma: Der Himmel über Berlin [zuletzt gelesen #058]

u1_mykPoetisch. Meditativ. Innovativ. Ohne jeden Zweifel ganz großes Autoren-/Kunstkino. Einer jener Filme, für die man die passende Stimmung mitbringen muss, aber für die Ewigkeit gedreht. Ja, Wim Wenders‘ Der Himmel über Berlin (1987) ist eines jener Filmgedichte, wie sie nur wenige Regisseure vollbringen. Andrej Tarkowski oder Terrence Malick sind solche Filmpoeten, die das Kino als sequentielle Verquickung aus Fotografie und Literatur interpretieren. Solche Filmregisseure stehen für anspruchsvolle Werke, die für eine assoziierende Bildsprache und Erzählweise stehen, wobei die Gedanken- und Gefühlsewelt der Protagonisten im Vordergrund steht und die Handlung vernachlässigt wird. Dadurch gelingen diesen Filmemachern tiefgehene Arbeiten, die zum (Mit-)Denken bewegen, grundlegende Fragen des Lebens behandeln und hypnotische Bilder enthalten. Das alles vermag eben auch Der Himmel über Berlin. Und nun haben Sebastiano & Lorenzo Toma diesen Film als Graphic Novel neu interpretiert.

Meisterwerk des Kinos im neuen Gewand

Die phantastische Geschichte dreht sich um die beiden Engel Damiel und Cassiel, die als schweigende Wächter die Menschen im Alltag begleiten. Sie hören ihre Gedanken und Gefühle, ohne eingreifen oder Trost spenden zu können. Damiel verliebt sich in die Trapezartistin Marion und hadert damit, selbst Mensch zu werden. Ein auktorialer Erzähler führt uns die Geschichte ein, nur um sich allsbald zu verabschieden und uns allein mit den Gedanken der Protagonisten und Menschen zu lassen, denen die Engel unmittelbar in der U-Bahn, auf der Straße oder in Wohnungen begegnen. Dazwischen tauschen sich die Engel in Dialogen aus und auch Lieder und kurze wiederkehrende Gedichtpassagen sorgen für eine abwechslungsreiche Erzählweise.

Zum 70. Geburtstag von Wim Wenders hat Jacoby & Stuart deren freie Graphic-Novel-Interpretation von Der Himmel über Berlin  veröffentlicht. Eine (wohltuende) Neuinterpretation der Toma-Brüder stellt die Verlagerung des Settings in das Berlin der Gegenwart dar. Dadurch ergeben sich zwangsläufit weitere künstlerische Freiräume, da sich seit den 1980er Jahren vieles verändert hat. So gibt es beispielsweise ein Szene am Holocaust-Mahnmal. Und auch sonst übertragen die Toma-Brüder nicht alle Szenen eins-zu-eins in ihre Graphic Novel, was ihrem Werk Originalität verleiht und von der Vorlage erfrischend abhebt.

Momentaufnahmen für die Ewigkeit

Streng genommen handelt es sich bei Der Himmel über Berlin der Toma-Brüder um keinen Comic. Es gibt keine Panels und keine Panelabfolgen, also auch keine Sequenzen. Die dargestellten Szenen nehmen oft eine ganze Seite ein. Manchmal überlagern sich Szenen oder Szenenmotive blendenartig, aber in der Regel arbeiten die Toma-Brüder mit starren Momentaufnahmen, die sich Kunstgemälden ähnlich tief einprägen, jedoch auf der anderen Hand kein dynamisches Potential bergen. Die Szenen wechseln zwar stets die Schauplätze, aber eine richtige sequentielle Abfolge ist nicht in Reinform vorhanden. Das schmälert den Lesegenuss jedoch nicht, da es sich um eine surreale Geschichte mit Tiefgang handelt.

Dazu enthält die Graphic Novel keine Sprech- und Gedankenblasen. Der Text wird frei in den ohnehin flächigen und leeren Hintergrund gesetzt, was die Strenge zusätzlich betont und ein weiteres Indiz für eine comicunübliche Form ist und die Notwendigkeit des Begriffs „Graphic Novel“ ausnahmseise einmal erforderlich macht (doch das müsste ausführlicher besprochen werden). Davon abgesehen variiert das Lettering zwischen dem auktorialen Erzähler und den Gedanken und Dialogen.

Hypnotischer Stream of Conscousness

Sebastiano Toma ist eigentlich Regisseur und Produzent am Theater, hält seine Projekte stets aber auch zeichnerisch fest. Lorenzo Toma studiert Design. Deshalb sind sie dem Medium „Comic“ nicht so nahe, aber auch darum enthält Der Himmel über Berlin ein rundum stil- und kunstvolles Artwork, das sich aus einem realistischen Strich und einer stilisierten Farbgebung zusammensetzt. Die Szenen wirken beinahe fotorealistisch, was durch die Kolorierung ins Surreale verschoben wird: Die beinahe monochromen Bilder liegen oft auf einem pechschwarzen Hintergrund, wobei ein harter Schwarzweißkontrast durch feine Schraffuren und nuancierte Grauabstufungen verhinderter wird. Dazu sorgen die Toma-Brüder stellenweise mit dezenten Brauntönen für stilvolle Akzente. Teilweise erinnert die Technik auch an den Linolschnitt, wenn leuchtende Furchen das Dunkelschwarz bündelartig und filigran durchzucken.

Die Autoren von Der Himmel über Berlin machen nicht den Fehler und liefern eine uninspirierte oder lediglilch ästhetisch aufgehübschte Version von Wenders‘ Filmklassiker. Nein, sie fügen dem Original inhaltlich und ästhetisch neue Facetten hinzu, weshalb die Neuinterpretation legitim und sinnvoll erscheint. Es macht Spaß die Engel (erneut) zu begleiten, wobei eine vorhergehende Sichtung des Films nicht notwendig ist. Die Graphic Novel steht für sich und zeigt, dass Literatur auch abseits von Literatur stattfindet. Mehr Infos gibt es auf der Verlagsseite.

Media Monday #217 u.a. über Hawkeye, schlechte Vorlagen und Synchronstimmen

Schon wieder eine Woche um. Mann-o-Mann, wie die Zeit doch vergeht. Dieses Wochenende ist bei mir medienmäßig nichts passiert. Trotzdem gibt’s auch heute am Montag wie immer den Media Monday: Hier sind die Fragen vom Medien_Journal und hier sind meine Antworten dazu!

1. Den Roman The Circle von Dave Eggers musste ich abbrechen, denn das war leider überhaupt kein Lesegenuss. Das Szenario war an sich schon interessant, aber die Protagonist hat mich völlig kalt gelassen und die Story war unglaubwürdig und unspektakulär.

2. Wenn ich doch nur bedeutend mehr Zeit hätte, würde ich mehr Romane lesen und Serien anschauen, das kommt beides definitiv zu kurz. Ich würde dann auch wieder gern Die Zeit und zur Abwechslung auch mal wieder ein wissenschaftliches Buch lesen. Vielleicht würde ich mich dann auch ehrenamtlich engagieren, ich hätte Bock, WWF zu unterstützen.

3. Die Synchronstimme von Christian Bale finde ich gut, aber muss er sich den Sprecher mit Johnny Depp teilen? Dann kommt es auch dazu, dass im Film Public Enemies einer plötzlich eine andere bekommt und alle verwirrt sind.

4. Fragt man mich nach meiner/meinem derzeitigen LieblingsdarstellerIn würde ich immer noch Christian Bale und Alain Delon benennen. Bei den Frauen macht Jessica Chastain einen guten Job.

5. Die Vorlage zu Sin City hat mir mal überhaupt nicht gefallen, obwohl es ein gefeierter Klassiker von Frank Miller ist. Klar, stilistisch hat die Serie durchaus seinen Reiz, aber inhaltlich hat es mich echt nicht vom Hocker gerissen.

6. Wenn das deutsche Fernsehen versucht, amerikanische TV-Formate zu adaptieren, geht das selten gut. Bestes Beispiel ____ . Davon habe ich überhaupt keinen Plan. Ich schau kaum Fernsehen und das, was ich schaue, ist keine Adaption von amerikanischem Fernsehen.

7. Zuletzt habe ich Hawkeye von Matt Fraction (Tradepaperbacks 1-3) gelesen und das war sehr durchwachsen, weil die Serie nicht konstant innovativ und spannend ist. Fraction gibt der Nebenfigur von Clint Barton zuviel Raum, ist nicht so witzig/parodistisch wie Nick Spencer (in The Superior Foes of Spider-Man) oder durchgeknallt/spannend wie Ales Kot (Secret Avengers). Aber der vierte (abschließende) Band des Runs macht sich bislang sehr ordentlich.

Xavier Coste: Untergetaucht [zuletzt gelesen #057]

9783868738056Das Heist-Genre ist ein hochspannendes Subgenre des Thrillers. Jede Menge Filmklassiker sind Heist-Filme. The Killing (1956) von Stanley Kubrick, Pickpocket (1959) von Robert Bresson, Le Cercle rouge (1970) von Jean-Pierre Melville, Ocean’s Eleven (2001) von Steven Soderbergh oder Public Enemy No. 1 von Jean-François Richet bilden sicherlich nur die Spitze des Eisberges. Im Comic sind Heist-Thriller rar gesät. Mir fallen spontan nicht vieleTitel renommierter Comicautoren ein, die in das Genre passen. Es gibt Crime-Geschichten, bei denen auch ein Bankraub oder Überfall thematisiert wird, aber nicht umfassend, wo sich alles um den Raub (also Planung etc.) dreht. Ausnahmen wären Les faux visages (dt. Die falschen Gesichter) von David B. und Hervé Tanquerelle oder Pierre qui roule (dt. Hot Rock) von Lax. Eines der berühmtesten realhistorischen Beispiele ist das Gangsterpaar Bonnie und Clyde. Und auch in À la dérive (Casterman) von Xavier Coste wird ein historischer Fall aufgegriffen. Auf Deutsch ist die Graphic Novel unter dem Titel Untergetaucht bei Knesebeck erschienen.

Paris, Land unter

Coste siedelt seinen Heist-Thriller im Paris 1910 an, zur Zeit des Jahrhunderthochwassers. Durch den Ich-Erzähler Eddie erfahren wir von dessen Schicksal: Um seine Spielschulden innerhalb einer Woche zu begleichen, wandert er mit seiner Frau Agatha von Amerika nach Frankreich aus. In Paris prostituiert sich seine Frau, um das Geld aufzutreiben. Als Leser steigen wir zu Beginn in das Boot der beiden ein und begleitet sie durch das surreale Paris zu Wasser.

Nicht nur anhand des Ich-Erzählers, sondern auch anhand von Alltagsdialogen und Rückblicken führt uns Coste in die historische Lebenswelt des Paares ein, das sich zunehmend unter Druck gesetzt fühlt, so dass sie trotz großer Skrupel mit Hilfe von zwei Kriminellen einen Bankraub planen. Dabei macht Coste immer wieder kleine Zeitsprünge, so dass die Geschichte trotz Erzähltext temporeich vorangeht. Die Situation des Paares wird ambivalent dargestellt, voller Extreme und Widersprüche.

Die Geschichte ist spannend erzählt und wandelt sich nach der Hälfte. Insgesamt wirkt die Graphic Novel erzählerisch an manchen Stellen etwas holzschnittartig, aber dieser Schlaglicht-Effekt trübt nicht weiter. Was schwerer wiegt ist, dass Agathe weitestgehend blass bleibt. Sie tritt zwar immer wieder auch in Aktion, aber in Bezug auf ihren Charakter erfahren wir kaum etwas. Auch die Selbstverständlichkeit zur Prostitiuierung wird einfach vorausgesetzt und nicht wirklich nachvollziehbar gemacht.

Hommage an den Jugendstil

Eine große Stärke von Coste, der mir in ästhetischen Gesichtspunkten bereits in der expressiven Künstlerbiographie Egon Schiele (ebenfalls Knesebeck) gefallen hat, das Panellayout. Als Hommage an den Jugendstil hat er mehrere Panelformen an die typischen Formen des Jugendstils angepasst. Konkret sind es Ornamente und verspielte Formen, die der Kunstströumung entlehnt sind. Nicht nur einzelne Panels, sondern auch Panelabfolgen verneigen sich vor dieser Kunstströmung. Überhaupt variiert Coste die Seitenarchitektur mehrmals und bringt dadurch einerseits viel Abwechslung, aber auch Unruhe in seine Erzählweise.

Die expressiv kololierten und konturschwach gezeichneten Bilder wirken plastisch, stellenweise surreal und schwanken zwischen leichter Reduktion und Stilisierung. Es sind äußerst kunstvolle Bilder, auf die man sich einlassen muss. Hat man das einmal gemacht, taucht man tief in das Paris von 1910 ein. Stellenweise wirken die Illustrationen etwas hölzern, dafür aber auch umso ausdruckstärker. Die Farben wirken zum Teil wie von einem breiten Pinsel aufgetragen, dann aber auch wieder nuanciert-aquarelliert, insgesamt also sehr abwechslungsreich, jedoch auch unruhig. Aber genau diese narrative (siehe oben) und visuelle Unruhe passen hervorragend zurm Hochwasser-Paris und zu den aufgewühlten Emotionen der Charaktere.

À la dérive hat Stärken und Schwächen. Coste hätte noch mehr für seine Figuren machen können, glänzt jedoch durch die Verwendung innovativer Panelarchitektur und emotionsgeladener Bilder. Die Graphic Novel verströmt eine unruhige Stimmung, die gut zur inneren und äußeren Lebenswirklichkeit der Protagonisten passt. Lesenswert für diejenigen, die Heist mögen und für künstlerisch ambitionierte Illsutrationen offen sind. Beim Verlag gibt es eine Leseprobe.

Lafebre & Zidrou: Lydie [zuletzt gelesen #056]

457 Phantasie? Traum? Was wäre die Welt ohne diese Zutaten? Richtig, ein trostloser Ort. Manchmal kann man sich die Realität einfach nur schönträumen. Und manchmal ist eine Illusion besser als die Wahrheit. In der Tragikomödie wird durch „Flucht nach vorn“ oft ein Ventil geschaffen, um traumatische Erlebnisse zu verarbeiten. Im Film Good Bye, Lenin! von Wolfgang Becker glaubt eine Mutter nach dem Mauerfall immer noch an die Existenz der DDR. Im Spielfilm La vita è bella macht Roberto Benigni den Holocaust zu einem Ausflug mit Tochter. Dabei geht es weniger um die Trivialisierung des Traumas, sondern um die clevere (De-)Konstruktion von Realität. Bei Salleck Publications ist auf Deutsch ein abgescholossener Comic erschienen, der genau in diese Kategorie passt: Lydie von Jordi Lafebre und Zidrou (im Original bei Dargaud erschienen) breitet vor einem tragischen Schicksal eine Geschichte voller Wohlfühlstimmung aus.

Außergewöhnliche Erzählperspektive

Camille erscheint als liebenswerte, jedoch nicht ganz helle junge Frau, die ihr Baby bei der Geburt verliert. Der Vater des Babys ist über alle Berge und ihr eigener Vater vermag es nicht, sie zu trösten. Nach zwei Wochen verkündet sie jedoch voller Euphorie, dass ihr Baby doch überlebt hat und zurückgekehrt ist. Zidrou zeigt sich gleich von Beginn an als gewiefter Erzähler, indem er einen ungewöhnlichen auktorialen Erzähler wählt: eine Marienstatue. Es ist nicht irgendeine Marienstatute. Nein, es ist diejenige, die sich genau in der Gasse befindet, in der Camille lebt.

Anfangs folgt der Leser einer Panelsequenz mit Voice-Over-Passagen der Statue und taucht dadurch in die besagte Gasse ein. Die Erzählerin macht sich einen Spaß und verweist den Leser mit dabei mit einem Augenzwinkern darauf, dass sie sich nicht im gezeigten Panel, sondern oberhalb davon befindet. Der Kniff mit der Erzählerin funktioniert insgesamt sehr gut und Zidrou beutet das Stilmittel nicht weiter unnötig aus, sondern lässt auch die Protagonisten selbst viel zu Wort kommen.

Dezente Farben

Auch in der Panelarchitektur kann sich Zidrou behaupten: Im anfänglichen Schlüsselmoment arbeitet er mit einer Parallelmontage, bei der er auf einer Seite eine Sequenz mit der Geburt von Katzen zeigt, die ertränkt werden, und auf der darauffolgenden Seite, in einer ähnlich strukturierten Sequenz, die Fehlgeburt. Durch diese Gegenüberstellung von zuviel Leben, das von Menschenhand getötet wird, auf der einen Seite und Leben, das sich nie entfalten kann, betont Zidrou die Willkür des Schicksals.

Lafebre illustriert die einfühlsame wie heitere Geschichte durch seine schönen detaillierten Zeichnungen, die im typischen Semi-Funny-Stil gehalten sind, jedoch eine elegante individuelle Note aufweisen. Die Figuren erscheinen dadurch (je nach ihrem Charakter) besonders liebenswürdig oder jähzornig. Auch Lafebres Kolorierung verdient besonderes Lob, denn er versteht es, eine geniale Mischung aus dezenten Farben aufzutragen, die er gelegentlich mit kleinen Schatteneffekten ergänzt. Das wundervolle Artwork passt insgesamt perfekt zur Geschichte.

Lydie ist eine herzerweichende Tragikomödie, die den Leser garantiert ein Lächeln abringt und für alle Fans von Das Nest (von Régis Loisel und Jean-Louis Tripp) eine absolute Pflichtlektüre darstellt. Es gibt auch eine limitierte Vorzugsausgabe mit signiertem Druck und zusätzlichen Skizzenseiten. Beim Verlag gibt es eine Leseprobe.

Media Monday #216 u.a. über Ant-Man, Sherlock Holmes, Klassiker und schlechtes Kunstkino

Das Wochenende war (wie immer) viel zu kurz, aber – juhu! – ich hab‘ es mal wieder ins Kino geschafft (siehe unten)! Ansonsten hab‘ ich mit der gehypten Serie Hawkeye von Matt Fraction begonnen, die für viele gerade die beste Marvel-Serie darstellt. Mich erinnert sie bisher stark an The Superior Foes of Spider-Man von Nick Spencer. Macht durchaus Spaß, aber der Jubel erscheint mir völlig übertrieben, an Ales Kot und seine Secret Avengers kommt halt (Marvel-technisch) nix ‚ran (aber jetzt les‘ ich erstmal Volume 2 und 3 fertig). Überhaupt kristiallisiert sich für mich immer stärker heraus, dass Kot zusammen mit Ed Brubaker und Jeff Lemire zu meinen absoluten Lieblingsautoren zählt, weil er erzählerisch im Gegensatz zu Fraction wirklich neue Pfade betritt (Lest unbedingt die Image-Serie Zero, dann wisst ihr, was ich meine!). Das Humorvolle bei Fraction (oder auch Spencer) ist schön und gut, reicht mir aber noch lange nicht aus. Weiter geht’s mit dem Media Monday: hier sind meine Antworten zu den Fragen vom Medien_Journal.

Media Monday #216

1. Kein Anspruch, kein Niveau, kein gar nix; trotzdem finde ich ja Avengers richtig klasse, denn ich bin mit den Rächer-Taschenbüchern aufgewachsen und es macht einfach Spaß, die Figuren in CGI-aufgemotzten Bildern zu sehen.

2. Ladri di biciclette von Vittorio di Sica ist einer dieser zeitlosen Klassiker, schließlich ist er einfach genial erzählt und voller Charme. Ich könnte hier aber auch The Angry Men von Sidney Lumet oder The Apartment von Billy Wilder oder Det sjunde inseglet von Ingmar Bergman oder …. aufzählen. Deshalb sind es ja alles Klassiker, weil sie herausragend erzählen.

3. Aus der Figur des Sherlock Holmes könnte man eigentlich viel mehr machen wie ich finde, denn der Ansatz der Neuverfilmung verseiert im angepassten Blockbustereinerlei. Dabei böte die Figur soviel Potential für originelle Geschichten.

4. Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach (ich erspar euch den Originaltitel) von Roy Anderson oder Enemy von Denis Villeneuve oder Holy Motors von Leos Carax konnten meine Erwartungen leider überhaupt nicht erfüllen, weil sie anspruchsvolles Kunstkino versprachen, aber dann nicht lieferten. Alle drei Filme sind zu formelhaft und leider ohne Spannungsbogen konzipiert.

5. Aus einem Animations- einen Realfilm zu machen oder anders herum halte ich im Grunde für unnötig (siehe Astérix), aber in Ausnahmen auch für interessant (siehe Ghost in the Shell).

6. Philip K. Dick schreibt eigentlich durchweg großartige Bücher, weil ihnen reizvolle Gedankenexperimente oder Konzepte zugrunde liegen. Dicks Prosa ist gar nicht so toll, die Figuren(konstellationen) ähneln sich und der Erzählstil ist nicht sonderlich innovativ, aber die Ideen wirken immer wieder unverbraucht.

7. Zuletzt habe ich Ant-Man von Peyton Reed und das war durchaus unterhaltsam, weil Reed neben der obligatorischen und abgelutschten Marvel-Origin-Story-mit-diabolischem-Gegenspieler-der-mit-der-Wissenschaft-Humbug-betreibt erfrischende Erzählkunsgriffe verwendet: Ähnlich wie die Coens in No Country for Old Men beginnt ein Charakter im On zu erzählen, wobei das Bild schließlich in die Vergangenheit wechselt und der Erzähler nur noch aus dem Off zu hören ist. Teilweise überschneidet sich dann aber das Erzählte mit dem in der Vergangenheit tatsächlich Gesagten, so dass die falsche Stimme (des Erzählers) über die Lippenbewegung eines anderen gelegt werden (so wer kann sich bei meinem Geschwurbel noch etwas darunter vorstellen?).

Flurin von Salis: Der Mont Ventoux [zuletzt gelesen #055]

9773d__14salis_mont_14ventoux_14coverMasochisten und Touristen, Gipfelstürmer und Naturliebhaber, Hobbyradler und Vollblutsporter – sie alle zieht es hin zum „Riesen der Provence“. Gemeint ist der berüchtigte Mont Ventoux. Der „geschälte Berg“ (die Spitze ist abgeholzt und kahl) erhebt sich majestätisch über die pittoreske Urlaubsregion Südfrankreichs und lockt mit Ausnahme der Winterzeit Scharen an. Es muss nicht betont werden, dass auch die Tour de France auf dem Berg ausgetragen wird. Schön und gut, aber ist das auch für einen Normalsterblichen zu schaffen? Ja. Der gebürtige Gallener Flurin von Salis ist (trotz defizitärer Kondition) auf den Mont Ventoux hochgeradelt. Das hat er nicht nur aus Spaß an der Freude gemacht (oder um sich zu quälen), sondern für seine Bachelorarbeit im Fach Visuelle Kommunikation. Der Verlag Edition Moderne hat die Abschlussarbeit 2015 unter dem Titel Der Mount Ventoux veröffentlicht. Herausgekommen ist ein illustriertes Buch.

Die Lust am Exzess

In Prosa verfasst, berichtet von Salis retrospektiv von seiner eigenen Auffahrt. Wie ein Ethnologe hält er mit scharfer Beobachtungsgabe und Sinn für das Detail – quasi in Feldforschung – auch alles drumherum fest: Die Eigenheiten und typischen Charaktere vor Ort, die Profisportler mit ihren Energyriegel, die Fahrradwerkstatt, etc. Die Prosa ist schön anschaulich verfasst und führt den Leser in die Welt des Mont Ventoux ein. Dazu fügt von Salis geographische, kulturelle und historische Fakten zum Berg auf, die interessant sind und übersichtsartig vermittelt werden.

Zum Beispiel schlüsselt er die Herkunft des Namens auf: er geht auf den keltischen Windgott zurück. Interessant sind auch die Zitate berühmter historischer Radsportler, die pointiert und aussagekräftig Aufschluss über den Berg liefern. Ein weiteres positves Merkmal des Buches ist das Seitenlayout: Der Text wurde in sehr großen Lettern und äußerst großzügig auf die Seiten angebracht, so dass keine Bleiwüsten vorherrschen und ein flüssiges Lesetempo ermöglicht ist. Das Faszinierende an Der Mont Ventoux ist das Eintauchen in die Welt voller Extreme, in die Welt des Radsports und damit in die Welt des Exzessiven mit alle seinen Absonderheiten, Andekdoten und Legenden, die überraschen oder zum Schmunzeln verleiten.

Minimalismus in Schwarzweiß

Diese unterhaltsam verpackte Mischung aus persönlichem Erlebnis und aufschlussreicher Faktenzusammenfürhung illustriert von Salis in schwarzweißen Zeichnungen. Diese sind sporadisch und ganz- oder doppelseitig zwischen den Textteilen eingebaut und lockern die Prosa auf bzw. ergänzen diese. Von Salis‘ Stärke sind eindeutig die Landschaftsmotive, die beinahe abstrakt und in feinen Schattierungen oder filigranen Details erscheinen. Seine Schwäche sind die Figuren, die behelfsmäßig und an Kinderzeichnungen erinnern, da die Proportionen und die Perspektiven nicht immer sitzen.

Die Illustrationen sind minimalistisch stechen klar auf dem großflächigen, weißen Untergrund hervor, so dass alles Gezeigte schnell erfasst wird und das Lesetempo nicht gebremst wird. Durch diese Reduktion auf das Wesentliche kann sich einerseits die Phantasie des Lesers entfalten. Andererseits hätte man an der einen oder anderen Stelle realistischere oder detailreichere Darstellungen sicherlich begrüsst. Da es keine Panels, Sequenzen und Sprechblasen gibt handelt sich Der Mont Ventoux um keinen Comic, obwohl auch von Salis Text und Bild verknüpft. Insgesamt ist die Abschlussarbeit ein ganz nettes Anschauuungsmaterial für alle, die sich für den Mont Ventoux, Radsport oder ganz allgemein extreme Phänomene interessieren – textlich stark, aber visuell durchwachsen.