Charles Burns: Zuckerschädel [zuletzt gelesen #065]

9783956400346Es gibt Stories (egal ob Comic, Literatur oder Film), die sind glasklar erzählt und leicht verständlich. Alles, was dargestellt wird, bedeutet genau das und sonst nichts anderes. Die Handlung ist linear und es gibt keine weiteren Bedeutungsebenen. Dann gibt es Stories, die sind genau das Gegenteil: symbolisch aufgeladen, bedeutungsschwanger, verstörend – kurzum: interpretationsbedürftig. Sugar Skull (Pantheon Books) von Charles Burns zählt zu diesen Werken. Auf Deutsch ist die Graphic Novel unter dem Titel Zuckerschädel bei Reprodukt erschienen. Sie schließt eine Mystery-Trilogie ab, die mit X’ed Out (dt. X) begann und mit The Hive (dt. Die Kolonie) fortgesetzt wurde und eine bizarre Achterbahnfahrt zwischen Realität und Fiktion darstellt.

David Lynch in der Interzone

Doug (Fotograf und Beat-Poet) ist inzwischen gealtert und nicht mehr mit Sarah zusammen. Er wirkt immer noch sensibel und unsicher, hat mit Sally jedoch eine verständnisvolle Freundin und ist clean. Dennoch kommt er nicht ganz von Sarah los. Vor allem ein Konzertbesuch schleudert ihn wieder in vergangene Zeiten zurück. Auch seine Alpträume von seinem toten Vater suchen in noch heim. In einer grotesken Parallelwelt voller Echsenmenschen und mysteröser Eier spitzen sich die Ereignisse um Dougs Alter Ego Johnny indes zu.

Was soll diese verstörende Parallelwelt, deren Vorbild die Interzone aus William S.Burroughs Cut-Up-Kultroman Naked Lunch sein könnte (in beiden Fällen gibt es Echsenwesen und verschiedene Realitätsebenen). Ist sie eine parabelhafte Realitätsebene, um Dougs Gefühlswelt in der Wirklichkeit zu spiegeln? Ist sie eine drogeninduzierte Halluzination? Oder ist sie die eigentliche Realität und die Wirklichkeit nur Traum? In Zuckerschädel gibt Burns schließlich die Antwort auf diese Fragen, indem sich die Ebenen inhaltlich überlappen (oder doch nicht?). Die Wirklichkeit erscheint indes beklemmend und bedrohlich, wie ein Film von David Lynch.

Burns erzählt seine kafkesk-groteske Trilogie sprunghaft, assoziativ und verschachtelt. Auch in Zuckerschädel verlaufen die Übergänge zwischen fiktiver Parallelwelt und Wirklichkeit fließend. Dazu kommen Traumsequenzen, Rückblicke und Comic-im-Comic-Sequenzen (Sarah liest Comicromanzen, die Ausdruck für ihre vernachlässigten Gefühle sind), die die Story zusätzlich komplexer gestalten. Im Gegensatz dazu stehen die klaren Zeichnungen und geordneten Panels, die für Ruhe und Übersicht sorgen.

Neo Noir meets ligne claire

Burns verwendet zwei verschiedene Zeichenstile für beide Realitätsebenen. Die Wirklichkeit ist in seinem typisch düsteren Neo-Noir-Strich mit flächigen Farben und hartem Kontrast bzw. dunklen Schatten gezeichnet, wohingegen er die Parallelwelt im reduzierten ligne-claire-Strich zeichnet. Es ist keine bloße Anlehnung, sondern ein bewusstes Zitat, da Johnny tatsächlich stark an Tintin von Hergé erinnert (in der Wirklichkeit trägt Doug ein T-Shirt mit einem ikonisierten Tintin-Emblem). Die Parallelwelt wirkt karg und (aufgrund antinaturalistischer Farben) bizarr, wohingegen die Realität stilisiert und düster erscheint. Alleine das Artwork hat seine ganz eigene Sogkraft, die sich mit dem narrativen Strudel multipliziert.

Mit Zuckerschädel bietet Burns genug Antworten auf die Fragen, die er in den ersten Bänden aufgeworfen hat, um seine Leser zufriedenzustellen. Dennoch bleibt noch ein kleiner Interpretationsspielraum für jene, die gerne über Sinn und Unsinn grübeln. Insgesamt ist es eine hypnotisierende Trilogie aus einem Guss, die das Genre und das Medium erneuert. Sicherlich nichts für schwache Nerven oder Freunde von linearen Geschichten. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe.

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Media Monday #216 u.a. über Ant-Man, Sherlock Holmes, Klassiker und schlechtes Kunstkino

Das Wochenende war (wie immer) viel zu kurz, aber – juhu! – ich hab‘ es mal wieder ins Kino geschafft (siehe unten)! Ansonsten hab‘ ich mit der gehypten Serie Hawkeye von Matt Fraction begonnen, die für viele gerade die beste Marvel-Serie darstellt. Mich erinnert sie bisher stark an The Superior Foes of Spider-Man von Nick Spencer. Macht durchaus Spaß, aber der Jubel erscheint mir völlig übertrieben, an Ales Kot und seine Secret Avengers kommt halt (Marvel-technisch) nix ‚ran (aber jetzt les‘ ich erstmal Volume 2 und 3 fertig). Überhaupt kristiallisiert sich für mich immer stärker heraus, dass Kot zusammen mit Ed Brubaker und Jeff Lemire zu meinen absoluten Lieblingsautoren zählt, weil er erzählerisch im Gegensatz zu Fraction wirklich neue Pfade betritt (Lest unbedingt die Image-Serie Zero, dann wisst ihr, was ich meine!). Das Humorvolle bei Fraction (oder auch Spencer) ist schön und gut, reicht mir aber noch lange nicht aus. Weiter geht’s mit dem Media Monday: hier sind meine Antworten zu den Fragen vom Medien_Journal.

Media Monday #216

1. Kein Anspruch, kein Niveau, kein gar nix; trotzdem finde ich ja Avengers richtig klasse, denn ich bin mit den Rächer-Taschenbüchern aufgewachsen und es macht einfach Spaß, die Figuren in CGI-aufgemotzten Bildern zu sehen.

2. Ladri di biciclette von Vittorio di Sica ist einer dieser zeitlosen Klassiker, schließlich ist er einfach genial erzählt und voller Charme. Ich könnte hier aber auch The Angry Men von Sidney Lumet oder The Apartment von Billy Wilder oder Det sjunde inseglet von Ingmar Bergman oder …. aufzählen. Deshalb sind es ja alles Klassiker, weil sie herausragend erzählen.

3. Aus der Figur des Sherlock Holmes könnte man eigentlich viel mehr machen wie ich finde, denn der Ansatz der Neuverfilmung verseiert im angepassten Blockbustereinerlei. Dabei böte die Figur soviel Potential für originelle Geschichten.

4. Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach (ich erspar euch den Originaltitel) von Roy Anderson oder Enemy von Denis Villeneuve oder Holy Motors von Leos Carax konnten meine Erwartungen leider überhaupt nicht erfüllen, weil sie anspruchsvolles Kunstkino versprachen, aber dann nicht lieferten. Alle drei Filme sind zu formelhaft und leider ohne Spannungsbogen konzipiert.

5. Aus einem Animations- einen Realfilm zu machen oder anders herum halte ich im Grunde für unnötig (siehe Astérix), aber in Ausnahmen auch für interessant (siehe Ghost in the Shell).

6. Philip K. Dick schreibt eigentlich durchweg großartige Bücher, weil ihnen reizvolle Gedankenexperimente oder Konzepte zugrunde liegen. Dicks Prosa ist gar nicht so toll, die Figuren(konstellationen) ähneln sich und der Erzählstil ist nicht sonderlich innovativ, aber die Ideen wirken immer wieder unverbraucht.

7. Zuletzt habe ich Ant-Man von Peyton Reed und das war durchaus unterhaltsam, weil Reed neben der obligatorischen und abgelutschten Marvel-Origin-Story-mit-diabolischem-Gegenspieler-der-mit-der-Wissenschaft-Humbug-betreibt erfrischende Erzählkunsgriffe verwendet: Ähnlich wie die Coens in No Country for Old Men beginnt ein Charakter im On zu erzählen, wobei das Bild schließlich in die Vergangenheit wechselt und der Erzähler nur noch aus dem Off zu hören ist. Teilweise überschneidet sich dann aber das Erzählte mit dem in der Vergangenheit tatsächlich Gesagten, so dass die falsche Stimme (des Erzählers) über die Lippenbewegung eines anderen gelegt werden (so wer kann sich bei meinem Geschwurbel noch etwas darunter vorstellen?).

Media Monday #214 u.a. über Filmfinale, Untote und Lieblingsautoren

Am Wochenende bin ich medienbezogen nicht zu viel gekommen: Kein Film, dafür Bombenwetter und deshalb standen Basketball und Comiclesen auf dem Programm: Supreme: Blue Rose von Warren Ellis und Tula Lotay. Letztere läuft Gefahr, zu meiner neuen Lieblingszeichnerin zu werden: Konnte sie mich schon mit ihrem Beitrag zu Bodies von Si Spencer überzeugen, zementierte sie ihr Können nun zusätzlich. Inhaltlich ist Supreme: Blue Rose ein verschachtelt erzählt und innovativ illustrierter Zeitreise-Thriller, abgeschlossen in einem Band. Es handelt sich dabei jedoch nicht um geläufige Genrekost, sondern um ein konzeptuell ausgeklügeltes Szenario mit komplexer Handlung, interessanten Figuren und kaum Action. Doch genug davon, hier sind wie meine Antworten zum Media Monday von Medien_Journal.

Media Monday #214

1. Inspiriert von heute: Was war euer Nerven aufreibendstes, schlimmstes, ärgerlichstes Blog-Erlebnis? Bisher hatte ich glücklicherweise kein vergleichbares Blog-Erlebnis *dreimal auf Holz geklopft*.

2. Am meisten enttäuschendes Filmfinale für mich war ja Dredd, weil im Prinzip der gesamte Film ein „enttäuschendes Filmfinale“ darstellt.

3. Interpretationen von Untoten gab es ja schon in jeglicher Coleur, ob jetzt von Zombies, Vampiren oder sonst etwas die Rede ist. Die mir liebste Auslegung/Darstellung ist und bleibt allerdings From Dusk till Dawn, denn noch nie gab es einen ungewöhnlicheren Ansatz.

4. Müsste ich eine/n Lieblingsautor/in oder -schriftsteller/in benennen, es wäre wohl schwierig, sich auf einen festzulegen. Momentan sind es Ales Kot und Ed Brubaker im US-Comicbereich, Manu Larcenet und Gipi bei Graphic Novels, Jean Dufaux und André Juillard im franko-belgischen Comicbereich. Im klassischen Romanbereich wäre es wohl Philipp K. Dick (aber das ist phasenweise bei mir).

5. Es wäre der absolute Traum, in/auf Ökotopia aus der literarischen Utopie Ecotopia von Ernest Callenbach zu leben, denn dort ist alles nach ökologisch und sozial verträglichen Gesichtspunkten strukturiert.

6. Filmische Satiren sind nicht mir Paradodien zu verwechseln und sind meist nicht so gut, wie literarische Satiren.

7. Zuletzt habe ich House of Cards Season 1 und das war nur okay, weil der Protagonist keine Gegner und keine Herausforderung hatte, die Thematik mich kalt ließ und die Charaktere allesamt unsympathisch waren.

Zuletzt gelesen #049: „The Fall“, „The Massive 5“, „Secret Avengers 3“, „Bodies“ und „Captain America 4“

So, diesmal pack‘ ich euch ein paar US-Leseerfahrungen zusammen in einen Beitrag.

Da wäre zum einen The Fall (Drawn&Quarterly – dt. Herbstfall, Reprodukt) von zwei meiner Lieblingsautoren Jason Lutes und Ed Brubaker. Es ist kein Crime Noir – wie man es von Brubaker (zur Recht) erwarten könnte -, sondern ein psychologierendes Krimidrama um einen jungen Mann, der einen uralten Mordfall aufklären will. Das ganze spielt in der Gegenwart und der Mann wird aus seinem Alltag herausgerissen. Keine Cops, keine harten Kerle, sondern ein „Jedermann“ wie „Du und ich“ liest die Spuren im Stadtdschungel. Souverän in Schwarzweiß gezeichnet von Lutes und mit Sogwirkung erzählt von Brubaker!

Einen Serienabschluss gab’s mit The Massive 5 – Ragnarok (Dark Horse) von Brian Wood, Garry Brown und Jordie Bellaire. Die Serie spielt vor einer realistisch inszenierten postapokalyptischen Zukunftswelt, die nach einem verheerenden Klimakollaps spielt. Es gibt Umweltaktivisten, die das Schiff „The Massive“ sucht, wodurch sie in diverse Abenteuer gerät. Hier führt Wood alle Fäden gekonnt und übersichtlich zu einem überraschenden Ende zusammen. Das Artwork hat auch sehr gut gefallen!

Noch ein Abschluss: Secret Avengers 3 – God Level (Marvel) von Ales Kot und Michael Walsh. Geniale Superheldenserie zwischen selbstreflexiver Ironie, spannender Action und witzige Charaktere. Coulson kommt wieder zur Besinnung, M.O.D.O.K. ist immer noch in Maria Hill verliebt und was macht eigentlich Deadpool in einem VW-Bus mit Hawkeye als Logo? Erfahrt es in dem irrwitzigen Meta-Trip mit stilsicherem Artwork!

In Bodies (Vertigo) von Si Spencer, Tula Lotay, Phil Winslade, Meghan Hetrick und Dean Ormston gibt es vier Zeitebenen mit vier Mordfällen, die alle miteinander in Verbindung stehen und von verschiedenen Zeichnern illustriert wurden. Gutes Konzept, guter One-Shot!

Ach ja: Captain America 4 – The Iron Nail (Marvel) von Rick Remender war enttäuschend! Die Gegner sind nicht ernstzunehmend, Captain America taucht kaum auf, die Charaktere sind schwach, der Plot noch schlimmer. Ich hader‘ mit mir, ob ich den abschließenden fünften Band lese (aber ich kenn‘ mich doch eh, halbe Sachen mach ich nicht!).

Zuletzt gelesen #048: „The Underwater Welder“ von Jeff Lemire

Nachdem mich jüngst die Miniserien Trillium und The Nobody überzeugt hatten, musste ich einfach noch mehr von Jeff Lemire lesen (ihr kennt das sicherlich selbst, wenn einem ein guter Autor begegnet). Zuvor hatte mich auch schon die Essex County-Trilogie des Kanadiers begeistert, nur Animal Man (schaut euch unbedingt den ersten Band an, der Zeichner ist der Oberhammer!) und Sweet Tooth wollten bei mir nicht zünden (beides eine der wenigen Serien, die ich abgebrochen habe).

Nun gut, lasst uns einen Blick auf The Underwater Welder werfen. Hier geht es um einen Ölbohrinseltaucher, der bald Vater wird, aber vor seiner Verantwortung in die Arbeit und seine tragische Vergangenheit flieht: Sein eigener Vater verschwand vor zwanzig Jahren an einem Halloweentag beim Tauchen. Lemire erzählt wie immer mit aller Zeit der Welt (absolut positiv gemeint!). Wir erhalten durch Dialoge mit der werdenden Mutter, Rückblicken und surrealen Sequenzen eine intensive Charakterstudie des Protagonisten.

Wie in seinen anderen Arbeiten auch ist der Protagonist jemand der seinen Mitmenschen gegenüber unsichtbar bleibt (The Nobody), in die Vergangenheit flieht (Essex County). Das heroische Momentum verkehrt sich dabei diametral zur Familie (Animal Man)/Liebe (Trillium) zum antiheroischen Momentum. Der Antiheld muss seine Familie/Liebe im Stich lassen, um ein letztes Rätsel zu lösen. Lemire verschleiert hier seine Aussage gar nicht hinter einer Allegorie, sondern präsentiert alles klar und offensichtlich.

Dazu hilft auch sein leicht zugänglicher, individueller Strich, der reduzierte Figuren und detaillierte Hintergründe erschafft, machnmal wird dabei etwas auch nur angedeutet. Was mir sehr gut an den Schwarzweißzeichnungen gefallen hat, waren die aquarellierten Graustufen, die für Nuancen sorgen. Insgesamt wirkt das Artwork filigraner als bei The Nobody, wo er dicke Panel- und Sprechblasenkonturen verwendet hat. Die Graphic Novel ist bei TopShelf erschienen.

Fazit

The Underwater Welder zählt zum besten, was Lemire gemacht hat. Der Kanadier gibt sich hier unverfälscht und beobachtungsbegabt was Charaktere und Story angeht und überzeugt mit einem schönen Artwork. Hoffentlich liefert Lemire neben seinen Mainstream-Arbeiten auch in Zukunft noch solche Comicperlen!

Zuletzt gelesen #047: „The Nobody“ von Jeff Lemire

Zunächst klingt The Nobody gar nicht wie eine Hommage an H. G. Wells Romanklassiker The Invisible Man. Gut, ein „Nobody“ kann sprichwörtlich auch ein „Unsichtbarer“ sein. Der Kanadier Jeff Lemire hat hier eine moderne Interpretation frei nach Wells‘ Scientific Romance (aus dessen Frühwerk) geschaffen, die namentlich und charakteristisch den Protagonisten aufgreift und in die Gegenwart verfrachtet: Bandagiert flieht der unsichtarbe Wissenschaftler in die Provinz, um in Ruhe seinen Forschungen nachgehen zu können. Einzig eine Schülerin behandelt ihn vorurteilsfrei und freundet sich mit ihm an. Dennoch umwittert den Bandagierten eine rätselhafte Aura und es dauert nicht lange, bis die Situation sich zuspitzt.

Lemire gelingt es vorzüglich den klassischen Stoff zu erneuern, ohne Verrat beim Meister zu begehen: Wells nutzte seine Scientific Romances nicht nur zur Unterhaltung, sondern immer auch für sozialkritische Aspekte. Lemire thematisiert die Isolierung des Fremden aus der Gemeinschaft durch äußerliche Merkmale. Bei Lemire wird das Unsichtbarsein zum Stigma und zur Allegorie, während es bei Wells auch als Gabe erscheint. Wie in Lemires anderen Werken auch (Trillium, Essex County) spielen auch Erinnerung, Vergangenheit und Liebe eine wichtige Rolle.

Erzählerisch fällt einen ruhige und behutsame Erzählweise auf: Lemire lässt sich Zeit und verwendet gerne auch stumme, filmische Sequenzen. Als Erzählerin fungiert das Mädchen, das von ihrem Erlebnis mit dem Unsichtbaren berichtet. Dadurch bleibt dem Leser der Zugang zum Protagonisten auch versperrt: Nur durch Traumsequenzen und Erinnerungen bekommen wir Zugriff auf dessen Charakter.

Lemire pflegt einen individuellen Strich mit Hang zur Reduzierung und Stilisierung: Die Aufgen sind kleine runde Kreise, die Nasen markant, die Hintergründe detailliert. Die schwarzweißen Zeichnungen erhalten nur durch einen dezente einfarbige Beigabe eines grün-grauen Farbtons Licht- und Schatteneffekte, die zusätzlich die jeweilige Stimmung akzentuieren.

Fazit

The Nobody ist eine herausragende Comic-Allegorie, in die man tief eintaucht und die hängenbleibt. Keine Durchschnitts-Genre-Kost, sondern leicht zugänglich bebilderte Comicliteratur mit Tiefflug!

Zuletzt gelesen #046: „Narren“ von Jason Lutes

Nachdem mich bereits Houdini und Berlin dermaßen begeistert hatte, wollte ich unbedingt mehr von von Jason Lutes lesen. Zack – eh ich mich’s versah, hatte ich sein Erstlingswerk Jar of Fools (Drawn & Quarterly) als Sammelband in den Händen. Klingt nach Zauberei und darum geht es auch in dieser Graphic Novel. Ein abgehalfteter Zauberer hat keine Aufträge, liegt mit der Miete im Rückstand und trifft seinen schrulligen Mentor wieder. Die Ex des Zaubertrickkünstlers arbeitet in einem Diner und lässt sich ausrauben von einem alleinerziehenden Vater, der seine Tochter durchfüttern muss, ausrauben.

Lutes verwebt die Schicksale dieser Anti-Helden zu einem liebenswert nostalgischem Gegenwartscomic über veraltete Künste, die keinen Platz mehr in einer technisierten Welt haben. Daneben ist es ein Drama über Beziehungen gebeutelter Charaktere, die sich ihr Daseinsrecht mit jedem Tag erkämpfen. Es sind diese grundsympathischen und charakterstarken Figuren, die die Geschichte sehr lebendig und besonders machen.

Erzählerisch nimmt Lutes schon vieles Vorweg, was er hinterher in seiner Berlin-Trilogie zur Blüte treibt: beobachtende, stumme Sequenzen durchbrechen die dialogreichen Szenen. Auf einen Erzähltext verzichtet er vollständig, wodurch wir den Charakteren neutral begegnen. Allegorische Traumsequnzen wechseln mit tragischen und emotionalen Momenten oder humorvollen Szenen.

Die Schwarzweißzeichnungen sind reduziert und im Vergleich zu Berlin gröber. Der harte Kontrast wird durch Schatteneffekte verstärkt. Es gibt ausreichen Details damit der Blick auch mal hängenbleibt, aber insgesamt wirken die Bilder dennoch sehr roh. Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Narren bei Carlsen erschienen (wird aber leider nicht mehr auf der Verlagsseite aufgeführt).

Fazit

Jar of Fools ist eine wunderbare Geschichte mit feinen Charakterstudien vor einem urbanen Setting. Damit hat er alles, was einen guten Arthouse-Film oder einen modernen Großsstadtroman ausmacht. Sollte genauso wie Berlin und Houdini in keiner gut sortierten Comicsammlung (mit Anspruch) fehlen!

Zuletzt gelesen #044: „Thor 4 – Goddess of Thunder“ von Jason Aaron

Die Germanische Mythologie hat weitaus weniger Künstler inspiriert als die griechische. Im 20. Jahrhundert hat sicherlich die Vergiftung des Nationalsozialismus dazu geführt, dass der Stoff für viele zum Tabu wurde. Dennoch gibt es auch eine handvoll popkulturelle Ergüsse, die sich direkt oder indirekt auf die Germanische Mythologie beziehen. Die Marvel-Serie Thor greift nicht nur einen Hauptcharakter, sondern mehrere Elemente der Mythologie auf. Jason Aaron hat in jüngster Zeit das Steuer über die Serie übernommen. Ich hatte zuletzt seine Hard-Boiled-Arbeiten Men of Wrath und Southern Basterds gelesen und war gespannt auf seinen Run auf den Donnergott.

In Thor Volume 4 „wirbelt“ er das Universum „mächtig“ durcheinander, indem im ersten Band Thor 1 – Goddess of Thunder eine Frau den Hammer Mjolnir übernimmt und damit zum weiblichen Thor wird, allerdings maskiert und mit erweiterten Fähigkeiten (was den Hammer betrifft). Das kommt alles auch rechtzeitig, denn die Eisriesen werden vom dunklen Elfen Malektih angestachelt, Midgard anzugreifen. Der originale Thor ist dabei genauso erstaunt wie Odin, der sich als patriarchalischer Herrscher gegen solche Neuerungen wehrt.

Das Setting entspricht recht genau demjenigen der Filmadaptionen und selbst die Charaktere sind an die Filmpendants angelehnt. In dieser Hinsicht gibt es also nichts Neues. Melekith ist ähnlich wie Loki ein listenreicher Zauberkünstler. Die einzige Neuerung kommt also dadurch, dass eine maskierte Frau den Hammer schwingt. Aaron stellt sie noch wenig vor. Die Gedankenblasen, die (ähnich wie in den Filmadaptionen) etwas Humor (allerdings auch nicht mehr so überraschend neu) in die bierernste Welt bringen, oszillieren zwischen überfordert-sein-mit-der-neuen-Rolle und erstaunt-sein-über-die-neuen-Fähigkeiten.

Die Zeichnungen von Russell Dauterman sind typische Superheldenkost und befriedigen den darauf angelegten Anspruch sehr gut. Die Eisriesen, exotischen Schauplätze und Kämpfe gelingen dem Zeichner souverän. Die teils bunten Farben vollenden das Artwork hervorragend.

Fazit

Mir ist Aarons Leistung in Thor 1 – Goddess of Thunder insgesamt (noch) viel zu wenig. Da muss noch einiges nachgelegt werden. Der Stoff lebt einzig und allein von dem Mysterium um die weibliche Hammerträgerin und deren neue Fähigkeiten. Alles andere ist nur ein müder Aufguss des Altbekannten. Fans des MCU dürfte die Geschichte jedoch (oder gerade deshalb) gut gefallen. Eine Chance gebe ich Aaron noch (denn das Potential ist sicherlich da), dann bin ich raus aus der Serie.

Zuletzt gelesen #040: „Copperhead 1 – A New Sheriff in Town“ von Jay Faerber

Jay Faerber war mir vorher schon durch den Hard-Boiled-Thriller Point of Impact ein Begriff. Dann hat mich der Science-Fiction-Western Copperhead 1 – A New Sheriff in Town angelacht. Ich versprach mir eine unterhaltsame Mischung in Richtung Saga (nur besser, denn ich halte die Serie aufgrund schwacher Dialoge und nerviger Charaktere für heillos überbewertet!). Und tatsächlich dürften sich die Verantwortlichen und Kreativen genau das gedacht haben: „Hey, Faerber, mach doch mal so einen Genre-Mix à la Saga„.

Im Auftaktband der Serie kommt jedenfalls ein weiblicher, alleinerziehender Sheriff (na, erkennt ihr die Parallelen zu Saga? Natürlich ein bisschen abgeändert: statt Schwangerschaft wird hier das Mutterdasein thematisiert) auf einem für sie neuen Planeten an. Sie kämpft dort nicht nur gegen das Verbrechen, sondern auch gegen festgefahrene Strukturen (Eigentümer einer Mine und Brotgeber der Region) und Vorurteile (gegenüber Frauen und Mütter), sondern auch für das Wohlergehen ihres Sohnes (ein kleiner Abenteurer eben, der mal ausbüchst). Der Planet ist bevölkert von phantastischen oder monströsen Wesen.

Das ist alles ganz nett, aber erinnert zu sehr an bereits bekannte Western- und/oder Science-Fiction-Geschichten. Das macht an sich ja noch nicht viel aus, aber erzählerisch oder charaktertechnisch gibt es auch keine neuen Luftsprünge.

Immerhin grafisch kann die Serie überzeugen: Die Zeichnungen von Scott Godlewski und die Kolorierung von Ron Riley sind überdurchschnittlich gut. Godlewskis Strich ist individuell und die Rileys Farben sind angenehm.

Fazit

Mich lässt der Auftakt recht kalt. Fans von Saga sollten aber einen Blick in Copperhead 1 – A New Sheriff in Town reinwerfen, denen dürfte das aufgrund der Parallen gefallen. Ich zöger‘ noch, ob ich den zweiten Band lesen werde, wahrscheinlich aber nicht. Zu wenig!

Zuletzt gelesen #039: „Berlin 2 – Bleierne Stadt“ von Jason Lutes

Schon Berlin Book 1 – City of Stones (Drawn & Quarterly) hat mich in jeder Hinsicht überzeugt. So war meine Erwartungshaltung beim zweiten Teil Berlin Book 2 – City of Smoke nicht gerade niedrig. Kurz und knapp: Jason Lutes konnte sich sogar noch einmal steigern. Warum?

Thematisch variiert er noch mehr. Anahnd der Liebesbeziehung des Journalisten und der Kunststudentin zeigt er beispielsweise die Spaltung der Epoche: Während sich der Journalist als konservativ gegenüber Jazz im Speziellen und Amüsment im Allgemeinen zeigt, öffnet sich die Studentin hierfür und lernt die hedonistischen und frivolen Seiten Berlins kennen. Als neue Protagonisten erscheinen afro-amerikanische Jazz-Musiker, die auch inhaltlich für Abwechslung sorgen. Dazu kommen authentisch wirkende Einzelschicksale, die den Leser erfreifen.

Erzählerisch zieht Lutes alle Register: Er verwendet nicht mehr so stark, aber weiterhin auch Tagebucheinträge und Gedanken der Protagonisten. Darüber hinaus auch politische Agitation, Berliner Dialekt und viele Songs (was schon stark an das Brecht’sche Theater erinnert). An manchen Stellen folgt Lutes einer Nebenfigur eine Seite lang auf ihrem alltäglichen Weg nach Hause von einem Interview mit dem Journalisten. Das geschieht komplett textfrei und der Leser sieht neben den Straßen Berlins (anhand von der Inneneinrichtung und/oder Alltagszene zu Hause) wie die Lebensrealität der Menschen war.

Auch grafisch hat sich Lutes weiterentwickelt: Sein Strich wirkt nun eine Spur filigraner und sicherer als zuvor. Er variiert zwischen kontraststarken Nachtszenen, detailreichen Hintergründen und schnellen Panelabfolgen. Manchmal zeigt er nur Details und deutet etwas an, das sich nur durch „Mitarbeit“ des Lesers erschließt. So sehen wir zum Beispiel einen Mann, der in Abfolge mehrerer stummer Panels in eine Kabine geht (man weiß nicht genau, was es genau ist [oder ich bin einfach nur zu doof]), woruafhin man unten, im nicht abgeschossenen Abschnitt der Kabine, nur noch ein Paar Schuhe sieht. Dann gesellt sich ein zweites Paar Schuhe hinzu und die Schuhe „umarmen“ sich. Das zeigt welches Potential im grafischen Erzählen bzw. im Medium „Comic“ steckt und auch, welches Talent Lutes besitzt. Auf Deutsch ist der Band bei Carlsen erschienen.

Fazit

Lutes schafft es tatsächlich und steigert sich in Berlin Book 2 – City of Smoke sogar noch gegenüber dem ersten Band. Wir erleben hautnah das Berlin in den letzten Atemzügen der Weimarer Republik in alle seinen Facetten. Die Graphic Novel ist Klassiker, der in keiner gut sortierten Comic-Bibliothek fehlen darf, die einen literarischen Anspruch erhebt. Ich bin gespannt auf den Abschlussteil!