Media Monday #216 u.a. über Ant-Man, Sherlock Holmes, Klassiker und schlechtes Kunstkino

Das Wochenende war (wie immer) viel zu kurz, aber – juhu! – ich hab‘ es mal wieder ins Kino geschafft (siehe unten)! Ansonsten hab‘ ich mit der gehypten Serie Hawkeye von Matt Fraction begonnen, die für viele gerade die beste Marvel-Serie darstellt. Mich erinnert sie bisher stark an The Superior Foes of Spider-Man von Nick Spencer. Macht durchaus Spaß, aber der Jubel erscheint mir völlig übertrieben, an Ales Kot und seine Secret Avengers kommt halt (Marvel-technisch) nix ‚ran (aber jetzt les‘ ich erstmal Volume 2 und 3 fertig). Überhaupt kristiallisiert sich für mich immer stärker heraus, dass Kot zusammen mit Ed Brubaker und Jeff Lemire zu meinen absoluten Lieblingsautoren zählt, weil er erzählerisch im Gegensatz zu Fraction wirklich neue Pfade betritt (Lest unbedingt die Image-Serie Zero, dann wisst ihr, was ich meine!). Das Humorvolle bei Fraction (oder auch Spencer) ist schön und gut, reicht mir aber noch lange nicht aus. Weiter geht’s mit dem Media Monday: hier sind meine Antworten zu den Fragen vom Medien_Journal.

Media Monday #216

1. Kein Anspruch, kein Niveau, kein gar nix; trotzdem finde ich ja Avengers richtig klasse, denn ich bin mit den Rächer-Taschenbüchern aufgewachsen und es macht einfach Spaß, die Figuren in CGI-aufgemotzten Bildern zu sehen.

2. Ladri di biciclette von Vittorio di Sica ist einer dieser zeitlosen Klassiker, schließlich ist er einfach genial erzählt und voller Charme. Ich könnte hier aber auch The Angry Men von Sidney Lumet oder The Apartment von Billy Wilder oder Det sjunde inseglet von Ingmar Bergman oder …. aufzählen. Deshalb sind es ja alles Klassiker, weil sie herausragend erzählen.

3. Aus der Figur des Sherlock Holmes könnte man eigentlich viel mehr machen wie ich finde, denn der Ansatz der Neuverfilmung verseiert im angepassten Blockbustereinerlei. Dabei böte die Figur soviel Potential für originelle Geschichten.

4. Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach (ich erspar euch den Originaltitel) von Roy Anderson oder Enemy von Denis Villeneuve oder Holy Motors von Leos Carax konnten meine Erwartungen leider überhaupt nicht erfüllen, weil sie anspruchsvolles Kunstkino versprachen, aber dann nicht lieferten. Alle drei Filme sind zu formelhaft und leider ohne Spannungsbogen konzipiert.

5. Aus einem Animations- einen Realfilm zu machen oder anders herum halte ich im Grunde für unnötig (siehe Astérix), aber in Ausnahmen auch für interessant (siehe Ghost in the Shell).

6. Philip K. Dick schreibt eigentlich durchweg großartige Bücher, weil ihnen reizvolle Gedankenexperimente oder Konzepte zugrunde liegen. Dicks Prosa ist gar nicht so toll, die Figuren(konstellationen) ähneln sich und der Erzählstil ist nicht sonderlich innovativ, aber die Ideen wirken immer wieder unverbraucht.

7. Zuletzt habe ich Ant-Man von Peyton Reed und das war durchaus unterhaltsam, weil Reed neben der obligatorischen und abgelutschten Marvel-Origin-Story-mit-diabolischem-Gegenspieler-der-mit-der-Wissenschaft-Humbug-betreibt erfrischende Erzählkunsgriffe verwendet: Ähnlich wie die Coens in No Country for Old Men beginnt ein Charakter im On zu erzählen, wobei das Bild schließlich in die Vergangenheit wechselt und der Erzähler nur noch aus dem Off zu hören ist. Teilweise überschneidet sich dann aber das Erzählte mit dem in der Vergangenheit tatsächlich Gesagten, so dass die falsche Stimme (des Erzählers) über die Lippenbewegung eines anderen gelegt werden (so wer kann sich bei meinem Geschwurbel noch etwas darunter vorstellen?).

Advertisements

Zuletzt gelesen #049: „The Fall“, „The Massive 5“, „Secret Avengers 3“, „Bodies“ und „Captain America 4“

So, diesmal pack‘ ich euch ein paar US-Leseerfahrungen zusammen in einen Beitrag.

Da wäre zum einen The Fall (Drawn&Quarterly – dt. Herbstfall, Reprodukt) von zwei meiner Lieblingsautoren Jason Lutes und Ed Brubaker. Es ist kein Crime Noir – wie man es von Brubaker (zur Recht) erwarten könnte -, sondern ein psychologierendes Krimidrama um einen jungen Mann, der einen uralten Mordfall aufklären will. Das ganze spielt in der Gegenwart und der Mann wird aus seinem Alltag herausgerissen. Keine Cops, keine harten Kerle, sondern ein „Jedermann“ wie „Du und ich“ liest die Spuren im Stadtdschungel. Souverän in Schwarzweiß gezeichnet von Lutes und mit Sogwirkung erzählt von Brubaker!

Einen Serienabschluss gab’s mit The Massive 5 – Ragnarok (Dark Horse) von Brian Wood, Garry Brown und Jordie Bellaire. Die Serie spielt vor einer realistisch inszenierten postapokalyptischen Zukunftswelt, die nach einem verheerenden Klimakollaps spielt. Es gibt Umweltaktivisten, die das Schiff „The Massive“ sucht, wodurch sie in diverse Abenteuer gerät. Hier führt Wood alle Fäden gekonnt und übersichtlich zu einem überraschenden Ende zusammen. Das Artwork hat auch sehr gut gefallen!

Noch ein Abschluss: Secret Avengers 3 – God Level (Marvel) von Ales Kot und Michael Walsh. Geniale Superheldenserie zwischen selbstreflexiver Ironie, spannender Action und witzige Charaktere. Coulson kommt wieder zur Besinnung, M.O.D.O.K. ist immer noch in Maria Hill verliebt und was macht eigentlich Deadpool in einem VW-Bus mit Hawkeye als Logo? Erfahrt es in dem irrwitzigen Meta-Trip mit stilsicherem Artwork!

In Bodies (Vertigo) von Si Spencer, Tula Lotay, Phil Winslade, Meghan Hetrick und Dean Ormston gibt es vier Zeitebenen mit vier Mordfällen, die alle miteinander in Verbindung stehen und von verschiedenen Zeichnern illustriert wurden. Gutes Konzept, guter One-Shot!

Ach ja: Captain America 4 – The Iron Nail (Marvel) von Rick Remender war enttäuschend! Die Gegner sind nicht ernstzunehmend, Captain America taucht kaum auf, die Charaktere sind schwach, der Plot noch schlimmer. Ich hader‘ mit mir, ob ich den abschließenden fünften Band lese (aber ich kenn‘ mich doch eh, halbe Sachen mach ich nicht!).

Zuletzt gelesen #044: „Thor 4 – Goddess of Thunder“ von Jason Aaron

Die Germanische Mythologie hat weitaus weniger Künstler inspiriert als die griechische. Im 20. Jahrhundert hat sicherlich die Vergiftung des Nationalsozialismus dazu geführt, dass der Stoff für viele zum Tabu wurde. Dennoch gibt es auch eine handvoll popkulturelle Ergüsse, die sich direkt oder indirekt auf die Germanische Mythologie beziehen. Die Marvel-Serie Thor greift nicht nur einen Hauptcharakter, sondern mehrere Elemente der Mythologie auf. Jason Aaron hat in jüngster Zeit das Steuer über die Serie übernommen. Ich hatte zuletzt seine Hard-Boiled-Arbeiten Men of Wrath und Southern Basterds gelesen und war gespannt auf seinen Run auf den Donnergott.

In Thor Volume 4 „wirbelt“ er das Universum „mächtig“ durcheinander, indem im ersten Band Thor 1 – Goddess of Thunder eine Frau den Hammer Mjolnir übernimmt und damit zum weiblichen Thor wird, allerdings maskiert und mit erweiterten Fähigkeiten (was den Hammer betrifft). Das kommt alles auch rechtzeitig, denn die Eisriesen werden vom dunklen Elfen Malektih angestachelt, Midgard anzugreifen. Der originale Thor ist dabei genauso erstaunt wie Odin, der sich als patriarchalischer Herrscher gegen solche Neuerungen wehrt.

Das Setting entspricht recht genau demjenigen der Filmadaptionen und selbst die Charaktere sind an die Filmpendants angelehnt. In dieser Hinsicht gibt es also nichts Neues. Melekith ist ähnlich wie Loki ein listenreicher Zauberkünstler. Die einzige Neuerung kommt also dadurch, dass eine maskierte Frau den Hammer schwingt. Aaron stellt sie noch wenig vor. Die Gedankenblasen, die (ähnich wie in den Filmadaptionen) etwas Humor (allerdings auch nicht mehr so überraschend neu) in die bierernste Welt bringen, oszillieren zwischen überfordert-sein-mit-der-neuen-Rolle und erstaunt-sein-über-die-neuen-Fähigkeiten.

Die Zeichnungen von Russell Dauterman sind typische Superheldenkost und befriedigen den darauf angelegten Anspruch sehr gut. Die Eisriesen, exotischen Schauplätze und Kämpfe gelingen dem Zeichner souverän. Die teils bunten Farben vollenden das Artwork hervorragend.

Fazit

Mir ist Aarons Leistung in Thor 1 – Goddess of Thunder insgesamt (noch) viel zu wenig. Da muss noch einiges nachgelegt werden. Der Stoff lebt einzig und allein von dem Mysterium um die weibliche Hammerträgerin und deren neue Fähigkeiten. Alles andere ist nur ein müder Aufguss des Altbekannten. Fans des MCU dürfte die Geschichte jedoch (oder gerade deshalb) gut gefallen. Eine Chance gebe ich Aaron noch (denn das Potential ist sicherlich da), dann bin ich raus aus der Serie.

Zuletzt gelesen #036: „Moon Knight 2 – Dead Will Rise“ von Brian Wood und Greg Smallwood

Nachdem Warren Ellis und Declan Shalvey in Moon Knight 1 – From the Dead den Titelhelden in Kurzgeschichten modernisiert haben (aber insgesamt vor allem nur visuell Begeisterung ausgelöst haben), war ich gespannt, was Brian Wood und Greg Smallwood aus dem Charakter machen. Das Kreativteam wurde nicht vollständig ausgewechselt: Die begnadete Koloristen Jordie Bellaire ist auch noch im zweiten Volume mit von der Partie.

Inhaltlich benötigt man keinerlei Vorwissen aus dem ersten Volume. Der Millionär Marc Spector ist in New York damit beschäftigt, terroristische Anschläge zu vereiteln und muss dazu wiederum selbst gegen das Gesetz verstoßen (er bricht beispielsweise in das UNO-Gebäude ein).

Wood interpretiert Moon Knight als schizophrenen Charakter (aber im Vergleich zu Brian Michael Bendis nicht parodistisch-haarsträubend-fatalistisch, sondern mysteriös). Ein Teil von Spectors Persönlichkeit wird von der ägyptischen Gottheit bestimmt, die ihn nach seinem Tod wiedererweckt hat. Faszinierend ist, dass diese Gottheit nun oszilliert und mal für und mal gegen Spector arbeitet. Neben dieser mystisch angehauchten Ebene, breitet Wood eine knallhart politische Story aus, die afrikanische Warlords und Kindersoldaten genauso thematisiert wie das Verhalten der westlichen Welt dazu. Das ist ein extrem spannendes Verhältnis von Fiktion und politischer Wirklichkeit.

Neben dem Inhalt überzeugt Wood zudem durch seine innovative Erzählweise. Zunächst entsteht nach den ersten Kapiteln der Eindruck, Wood mache wie Ellis auch zusammenhangslose Kurzgeschichten. Mit der Zeit erschließt sich jedoch ein roter Faden. Erfrischend wirken auch Seiten- und Panellayout: Die Panels varriieren von kleinen, quadratischen Formen zu filmischen, seitenbreiten Panels. Dadurch wechselt er geschickt das Erzähltempo. Darüber hinaus verwendet er Display-Perspektiven von TV-Kameras (nicht mehr neu, gibt’s spätestens seit Frank Millers The Return of The Dark Knight), Überwachungskameras (eher neu), Smartphone-Kameras (auf jeden Fall neu) und so was ähnliches wie Gopro-Kameras (auch nicht so oft gesehen). Dabei sind typische Display-Elemente eingeblendet und der gesprochene Text wird je nach Person in verschiedenen Farben außerhalb der Panels angebracht. Dadurch wirken die Panels im Vergleich zu üblichen Comicpanels verfremdet, subjektiv und teilweise auch dokumentarisch.

Smallwoods leicht reduzierter und detaillierter Strich wirkt angenehm locker. Er setzt die Vorgaben von Wood herrvorragend um. Bellaires betont flächige Farben ergänzen die Zeichnungen perfekt.

Fazit

Wood tut Moon Knight gut! Moon Knight 2 – Dead Will Rise ist eine klare Steigerung zum ersten Volume und überrascht durch eine Kombination aus spannende Erzählweise, ungewöhnliche Neuinterpration des Charakters, politischen Inhalt (für Wood-Kenner natürlich keine allzu große Überraschung), neue Erzählmittel und ein schönes Artwork. Unbedingt reinschauen!

Zuletzt gelesen #034: „Elektra 2 – Révérence“ von von Haden Blackman und Michael del Mundo

Das erste Volume der neuen Elektra-Serie war visuell erfrischend, aber inhaltlich noch ausbaufähig. Da war ich gespannt, ob Haden Blackman (Szenario) und Michael del Mundo (Illustrationen) in Elektra 2 – Révérence einen Schritt weitergehen. Diesmal hat auch Alex Sanchez zwei Ausgaben illustriert. Inhaltlich ändert sich nicht viel an der Ausgangslage: Elektra und ihre Gefährten werden vom Geheimbund „Die Hand“ gejagt. Infolgedessen geht sie soweit, dass sie Bullseye aus dem S.H.I.E.L.D.-Gefängnis befreien will.

Blackman hat an seinem Konzept nichts geändert: Er befreit Elektra vom Dasein als Ex von Matt Murdock/Daredevil und Opfer von Bullseye und transportiert sie in ein rasantes Pulp-Fantasy-Setting. Das wirkt durchaus wie ein Befreiungsschlag und die Actionszenen und die Fantasy-Elemente kommen gut an. Die Charakterisierung kommt dabei leider zu knapp weg. Es geht hauptsächlich nur noch um Gegner und Action, die Figuren bleiben zu eindimensional, die Story inhaltlich zu flach. Einmal blitzt als Hommage an Frank Miller und Bill Sienkiewicz‘ Meisterwerk Elektra: Assassin ein narrativer Kunstgriff auf: Elektra erfährt eine traumähnliche surreal-übernatürliche Erfahrung, was mit einer speziellen Ästhetik visualisiert wird, aber so etwas hätte öfter kommen müssen.

Das Artwork von Sanchez ist zwar nicht so innovativ und kunstvoll wie das von del Mundo, aber auch seine Illustrationen können sich sehen lassen. Er führt einen wesentlich konventionelleren Strich mit Konturen, wohingegen del Mundo auf Kontruren selbst bei den Panels verzichtet.

Fazit

Die Serie endet abrupt nach zwei Volumes und die Schuld trägt der Autor, der nicht mehr aus dem Stoff herausgeholt hat. Er bleibt zu sehr an der Oberfläche der Figur und entwickelt keine tiefgehende Story. Elektra bleibt dennoch visuell eindrucksvoll und wer kurzweilige, schnelle Action für Zwischendurch mag, wird seine Freude mit den beiden Volumes haben!

Media Monday #207 u.a. über Lieblingsautoren, coole Schauspieler und Western

Am Wochenende gab’s viel Sonne. Neben Sonnencreme und -brille hatte ich auch wieder spannendes zum Lesen: Nemo: River of Ghosts von Alan Moore und Kevin O’Neill, Berlin 2 – City of Smoke von Jason Lutes, Thor 4 – Goddess of Thunder von Jason Aaron sowie Copperhead 1 – A New Sheriff in Town von Jay Faerber. Und hier sind meine Antworten zum wöchentlichen Media Monday von Medien_Journal.

Media Monday #207

1. Am liebsten wäre ich Teil der Film- oder Serien-Familie ____ ,weil ____ . Ich will kein Teil einer fiktionalen Familie sein, weil mir keine einfällt, die in irgendeiner Hinsicht reizvoll wäre.

2. Eine/r meine/r LieblingsautorInnen ist Philip K. Dick, weil er einfallsreich philosphische Ansatze und Konzepte in Science-Fiction-Settings zu unterhaltsamen wie inspirierenden Stories verwebt.

3. Christian Bale hat ja schon so einige Rollen gespielt, aber ich würde hätte sie/ihn ja gerne mal als Titelheld in Noah gesehen, denn dafür war er ursprünglich mal vorgesehen.

4. Mit Splatter, Horror, Liebes- und Feelgood-Komödien, Actionfilmen kann/konnte ich ja so überhaupt nichts anfangen, weil es mich kalt lässt, nervt oder langweilt und vorhersehbar ist.

5. Jeff Bridges ist an Coolness kaum zu übertreffen, schließlich war er nicht nur der Dude, sondern ebenso der Rooster.

6. Wäre ja schon cool, wenn es den Lebensbaum aus The Fountain auch im wahren Leben gäbe, denn dann könnte man vielleicht schwere Krankheiten heilen oder gar den Tod überwinden.

7. Western hat mich früher nie gereizt, aber mittlerweile habe ich gefallen daran gefunden, zumindest die jüngeren Filme, (noch) nicht die Klassiker.

Der Captain America-Run von Ed Brubaker Teil 5: Post-Fear Itself

So, ich mag es ja kaum glauben, aber der (ellenlange) Captain America-Run aus der Feder von Ed Brubaker ist tatsächlich vorbei! Zuletzt hatte sich der Autor auf Steve Rogers als Commander (Special-Ops und Secret Avengers) fokussiert. Nun wechseln die Masken/Kostüne wieder zurück und Steve Rogers wird wieder zu Cap, während Bucky wieder zum Winter Soldier mutiert.

In der Mini-Serie Winter Soldier steht Bucky Barnes im Zentrum: Nach den Ereignissen von Fear Itself (den Mega-Event habe ich nicht gelesen und dennoch alles nachvollziehen können) wird er für Tod erklärt und schlüpft im Verdeckten wieder in seine alte Rolle als titelgebender Spion/Special-Ops-Agent, der von seiner Freundin Black Widow unterstützt wird.

Hier erleben wir Brubaker erneut auf der Höhe seines Könnens. Winter Soldier ist mit das Beste, was der Run zu bieten hat. Das liegt daran, dass Brubaker eigentlich ein Bucky Barnes/Winter Soldier-Experte ist, weil ihm die Figur viel besser liegt als Captain America. Die Barnes-Stories (egal, ob als Cap oder Winter Soldier) sind allgemein düsterer, härter und rauer, eben typischer Brubaker.

Winter Soldier ist so etwas wie der Link zwischen Brubakers Mainstreamcomics und Independentcomics. Mich haben Erzählweise, -ton und Artwork mehr an Incognito als typischen Marvel-Mainstream erinnert. Hier bekommt es Barnes mit einem russischen Schläfer zu tun, den er ausgebildet hatte und der nun einen neuen kleinen Kalten Krieg initiiert. Die Sogwirkung ist enorm, die Stimmung kalt und düster.

Die Erzählweise ist strukturierter und weniger fahrig, Brubaker hat hier alle Fäden fest im Griff. Die Charakter werden manipuliert und gebrochen. Das Noir-typische Artwork von Butch Guice und Michael Lark ist phänomenal (stellenweise sogar innovativer und stilvoller als die Indie-Arbeiten)! Wenn man schon nicht den kompletten Run lesen will, dann unbedingt aber diesen Trade (geht auch ohne viel Vorkenntnisse).

Da Barnes wieder als Winter Soldier agiert, übernimmt Rogers wieder sein Schild und seine Führungsposition als Avengerchef. In den vier Volumes Captain America by Ed Brubaker (Zeichner: 1 mit Steve McNiven, 2 mit Alan Davis, 3 mit Patrick Zircher, 4 mit Scot Eaton und Steve Epting und Cullen Bunn war noch als Co-Autor tätig). Hier geht es darum, dass alte Freund aus dem Zweiten Weltkrieg plötzlich auf den Plan treten, um mit Unterstützung von Hydra Captain America zu schaden.

Im ersten Volume gibt es eine nette Philipp K. Dick-typische Story mit Scheinrealitäten, die zweite Story ist eher Durchschnittskost, in der dritten gibt es mit The Scourge immerhin wieder einen interessanten Gegegner und der Showdown im vierten Band ist auch nicht übel. Insgesamt jedoch nicht wirklich vergleichbar mit der Qualität von Winter Soldier, kann aber dennoch Spaß machen.

Fazit

Der Captain America-Run ist sehr durchwachsen mit qualitativen Höhen und Tiefen, Lückenfüllern und atypischem Brubker-Stoff. Herausragend und empfehlenswert sind die Barnes-Story-Arcs Captain America: Winter SoldierCaptain America: Red Menace, The Death of Captain America, die Heroic-Age mit Barnes als Cap und Winter Soldier. Brubakers Daredevil-Run und Gotham Central sind wesentlich kompakter und homogener, was die Qualität angeht (ich erwähne die beiden Reihen, weil es auch Mainstreamcomics von ihm sind).

Hier noch einmal der komplette Run mit seinen Stationen.

Pre-Death of Captain America:

  • [The Marvels Project]
  • Captain America: Winter Soldier
  • Captain America: Red Menace
  • Captain America: Civil War (collected in The Death of Captain America)

Death of Captain America:

  • The Death of Captain America (Vol. 1-3)
  • The Man with No Face
  • Road to Reborn
  • Captain America: Reborn

Heroic Age (Bucky as Cap):

  • Two Americas
  • No Escape
  • The Trial of Captain America
  • Prisoner of War
  • Captain America & Bucky Vol. 1
  • Captain America & Bucky Vol. 2

Heroic Age (Steve):

  • Steve Rogers: Super Soldier
  • Secret Avengers Vol. 1
  • Secret Avengers Vol. 2

Post-Fear Itself:

  • Winter Soldier
  • Captain America by Ed Brubaker Vol. 1
  • Captain America by Ed Brubaker Vol. 2
  • Captain America by Ed Brubaker Vol. 3
  • Captain America by Ed Brubaker Vol. 4

Zuletzt gelesen #025: „Miracleman Book Three – Olympus“ von Alan Moore

Es gibt nur wenige Comicautoren wie Alan Moore. Ich will jetzt gar nicht alle Klassiker von ihm auflisten oder in Lobhudelei verfallen, aber er zählt schon auch zu meinen Lieblingsautoren (wem es noch nicht aufgefallen ist, „Lieblingsautoren“ ist eine eigene Kategorie in diesem Blog).

Aus seinem Frühwerk (Anfang der 1980er Jahre) stammt die hochgelobte und über Jahre vergriffene Serie Miracleman. Marvel hatte sich die Rechte schon in den 2000er Jahren gesichert und Gerüchte über eine Neuauflage machten die Runde. Immer wieder hatte sich der Termin verschoben (was mich immer wieder dazu getrieben hatte nach überteuerten Ausgaben in Online-Antiquariaten zu schielen). Nun liegt die Serie endlich vollständig, neu koloriert und mit zahlreichem Bonusmaterial versehen auf Englisch als schöne Hardcover-Ausgabe vor (auf Deutsch erscheint die Serie bei Panini als erschwingliche Softcover-Ausgabe).

Warum hat die Neuauflage so lange auf sich warten lassen? Nicht zuletzt auch wegen Rechtsstreitigkeiten. Moore hat sich dagegen erfolgreich gewehrt, dass die Neuauflage mit seinem Namen versehen ist! Der querulantige Kauz hatte sich schon bei den Filmadaptionen zu The Leaugue of Extraordinary Gentlemen, Watchmen und V for Vendetta durchgesetzt, dass sein Name nirgends erscheint (zu stark wog anscheinend die Enttäuschung über die Verfilmung seines Werks From Hell). Marvel hat es so gelöst, dass als Autor „The Original Writer“ angegeben wird, in dem Vertraufen darauf, dass eh alle Comicnerds wissen, wovon die Rede ist.

Doch nun zur Serie und zum dritten Band „Olympus“. Miracleman erscheint zunächst als archetypische Superheldenserie: Der Titelheld wird (durch das Schlüsselwort „Kimota“ – rückwärts und leicht abgewandelt von „Atomic“) unverhofft zum übermächtigen Metawesen und bekämpft seine Nemisis. Was ist jetzt das Besondere an der Serie? Moore greift (für die damalige Zeit) inhaltlich revolutionäre Themen auf wie die Schwangerschaft, denn im Alltag und ohne Keyword ist der Held ein Normalsterblicher mit ganz gewöhnlichen Problemen.

„Olympus“ ist der finale Akt der Serie, in dem sich Moore zu Höchstleistungen steigert: Der Erzähltext liest sich wie hochliterarische Prosa (weshalb für die Englischschwachen die deutsche Übersetzung vorteilhaft ist) und dringt in die seelischen Tiefen des Charakters. Ich kenne wirklich sonst nichts Vergleichbares aus der (Superhelden-)Comicwelt, was bildliche Beschreibungen, Charakterisierung und sprachliche Formulierung berifft. So liest sich der Band/die Serie auch nicht konsumierleicht nebenher, vielmehr erfordert der Text die komplette Aufmerksamkeit des Lesers.

Inhaltlich betritt Moore in „Olympus“ in utopische Gefilde: Schon der Titel spielt auf die Olympier der antiken griechischen Mythologie, die die Titanen vertrieben. Die Metawesen errichten in Moores Comic dank ihrer Gaben auf Erden utopische Zustände (ähnlich wie übrigens in Mark Gruenwalds Marvel-Miniserie Squadron Supreme von 1985/86). Dadurch erhält der Superheld eine gestalterische, politische Dimension, die es bis dato so nicht im Comic gab. Und auch sonst enhthält Miracleman viele Elemente der antiken griechischen Mythologie (die ich hier niemals alle auflisten kann).

Ein philosophischer Grundstein der Serie und des dritten Bandes ist Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra: Der Übermensch überwindet den Nihilismus (der sich aus dem Tod Gottes ergibt) und entwirft religionsunabhängige Moralvorstellungen. Miraclemans Nemisis verkörpert die amoralische Variante des Übermenschen. So bilden die beiden Metawesen eine Medallie mit zwei Seiten. Dieses dualistische Prinzip von Gut und Böse greif auf das gnostische Grundprinzip zurück, das im Comic visuell aufgegriffen wird: Miracleman erscheint hell und blod, wohingegen der Schurke düster und schwarzhaarig ist. Ihr seht also, dass viel Metaphysisches in Miracleman steckt.

Daneben gibt es natürlich auch Actionszenen und Superheldencomicelemente, die jedoch deutlich hinter der Meta-Ebene zurücktreten und vor dem philosophischen Kontext gelesen werden müssen. Auch hier revolutioniert Moore das Genre, indem er die Auswirkungen eines Superheldenkampfes in London fatalistisch für die Bevölkerung inszeniert, indem die Londoner wie die Fliegen sterben und die Stadt ruiniert wird.

Narrativ ist die innovative Erzählweise Moores hervorzuheben, der mit Parallelmontagen und ungewöhnlichen Sequenzen/Seitenlayouts aufwaretet. Noch heute wirken die Panelformen und Sequenzen neu, raffiniert und andersartig. Für die Zeichnungen ist John Totleben verantwortlich, der sich für die utopischen Szenerien beim Zeitungsstripklassiker Winsor McCay (Little Nemo in Slumberland) orientiert und barocke Hintergründe erschafft hat. Im Bonusmaterial kann man seinen Schaffensprozess von der Bleistiftzeichnung zur Tuschierung nachvollziehen und dadurch zum Teil Änderungen beobachten. Überhaupt ist das Bonusmaterial mit einem kommentierten Making-Of (vergleichbar mit einem Audiokommentar bei Filmen) sehr aufschlussreich und gibt sogar noch Interpretationsansätze mit auf den Weg.

Fazit

Nach der Lektüre von Miracleman bleibt mir nichts anderes übrig, als die Lobesfanfare anderer Kritiker nachzuahmen. Die Serie war inhaltich, erzählerisch und visuell seiner Zeit voraus und ist bis heute kaum erreicht (dekonstruktivistische Superheldencomics wie Watchmen ausgenommen, aber das ist ja wieder Moore). Autoren wie Warren Ellis (Supergods) oder Kieron Gillen (The Wicked + The Divine) kratzen mit ihren Werken nur an der Oberfläche von Miracleman. Nichts für Zwischendurch, dafür für die Ewigkeit!

Der Captain America-Run von Ed Brubaker Teil 4: Heroic Age (Steve Rogers)

Der Captain America-Run von Ed Brubaker geht nun in seine vierte Runde. Nachdem zuletzt Bucky Barnes (als Captain America) im Fokus stand, rückt nun wieder Steve Rogers (als Commander für verdeckte Missionen) ins Rampenlicht. Streng genommen handelt es sich hier um einen kleinen Exkurs, denn Captain America ist nicht mit an Bord.

In Steve Rogers: Super Soldier will der Nachkomme des Supersoldatenserumerfinders (wow, was für ein langes und verschwurbeltes Wort) das Serum neu erfinden und an den meistbietenden Terroristen verkaufen. Die Story ist ein ziemlicher Lückenfüller voll mit Spy-Thriller-Action, die nicht an Brubakers Image-Serie Velvet herankommt. Dale Eaglesham sorgt für grundsolide actiongeladene Bilder.

Daraufhin folgen zwei Volumes von Secret Avengers, in denen Steve Rogers geheime Aufträge mit einer handvoll Superhelden ausführt. Im ersten Band fliegt das Team zum Mars und im zweiten Band bekommen sie es in FataleImmortal-Iron-Fist-Manier (weitere Titel von Brubaker) mit einer mysteriösen chinesischen Geheimbund zu tun, der ein teuflischen Ritual einsetzen will. Das Artwork von Mike Deodato garantiert realistische Hochglanzoptik, Will Conrad pflegt dagegen einen leicht stilisierten Strich. Mir hat das erste Volume besser als das zweite gefallen, beide insgesamt besser als der Steve Rogers-Story und lesenswert.

Pre-Death of Captain America:

  • [The Marvels Project]
  • Captain America: Winter Soldier
  • Captain America: Red Menace
  • Captain America: Civil War (collected in The Death of Captain America)

Death of Captain America:

  • The Death of Captain America (Vol. 1-3)
  • The Man with No Face
  • Road to Reborn
  • Captain America: Reborn

Heroic Age (Bucky as Cap):

  • Two Americas
  • No Escape
  • The Trial of Captain America
  • Prisoner of War
  • Captain America & Bucky Vol. 1
  • Captain America & Bucky Vol. 2

Heroic Age (Steve):

  • Steve Rogers: Super Soldier
  • Secret Avengers Vol. 1
  • Secret Avengers Vol. 2

Post-Fear Itself:

  • Captain America by Ed Brubaker Vol. 1
  • Captain America by Ed Brubaker Vol. 2
  • Captain America by Ed Brubaker Vol. 3
  • Captain America by Ed Brubaker Vol. 4
  • Winter Soldier

Zuletzt gelesen #024: „MPH“ von Mark Millar

Ich bin kein ausgewiesener Mark Millar-Fan. Nein, wirkllich nicht: Die Filmadaption seines Kickass fand ich nervtötend und schwach (so dass ich den Comic gar nicht erst in die Hand genommen hab‘). Ansonsten habe ich nur seinen Ultimates-Run gelesen und der hat mir durchaus Spaß gemacht. Dann ist mir der One-Shot MPH von Image Comics in die Hände gefallen (nein, nicht buchstäblich, natürlich nur im Übertragenen…) und die Thematik hat mich doch gleich angesprochen.

Dank der Einnahme von MPH-Pillen vergeht die Zeit für einen kleinen Nobody so langsam, dass er in einem Atemzug eine Bank ausrauben kann. Also, Superkräfte auf Rezept. Das gab’s zwar schon einmal bei Warren Ellis und dessen Miniserie No Hero, aber Ellis fokussierte die Bewusstseinserweiterung des Geistes und die körperliche Deformation durch Superhelden-Drogen. Bei Millar nimmt die Fahrt eine Heist-Drug-Exploitation-Richtung ein, indem sich die Protagonisten schlicht und banal bereichern. Moralische Dilemma und Fragen kommen erst nach der Zeit auf.

Ein weitere Parallele sehe ich zu Philip K. Dick gegeben: Durch die Einnahme von Drogen in der Zeit zu reisen (SPOILER!!!! in MPH ist einer der „Runners“ so schnell, dass er die Zeit „durchbricht“ und in die Vergangenheit reist) kenne ich schon aus Now Wait for Last Year. Was ist mir noch aufgefallen? Der Titel ist zwar die Abkürzung für die Droge, aber gleichzeitig ist steht es auch für Miles per Hour, also dem Deutschen km/h entsprechend eine Geschwindigeitseinheit.

Millar erzählt die Story aus der Sicht des Protagonisten und während die Story richtig gut beginnt, franst sie zum Ende hin leicht aus. Die Dialoge und Szenen wirken zunächst eher wie TV-Serien-Ausschnitte (ich dachte an Sopranos, The Wire und Breaking Bad) und entwickeln sich dann zu einer Art Flash oder Quicksilver in einem Film wie Heat. Die Bilder von Duncan Fregredo sind individuell, realistisch und dynamisch, illustrieren die Story also perfekt.

Fazit

Obwohl die Superkräfte altbekannt (siehe DC’s Flash oder Marvels Quicksilver) und das Drogenkonzept nicht neu (Ellis‘ No Hero) hat Millar dennoch etwas Eigenständiges und Unterhaltsames geschaffen. Ein rasanter One-Shot für Zwischendurch! Meiner Haltung zu Millar hat die Miniserie jedoch keine Ändeurng beschwert.