Runberg & Martin: Weiße Felder [zuletzt gelesen #067]

weisse_felderWer kennt das nicht? Man hat sich ein Projekt vorgenommen, kommt aber nicht wirklich voran. Egal, was man unternimmt, es ist wie blockiert. Doch was passiert, wenn aus der Blockade eine ausgewachsene Schaffenskrise wird? Wenn es kein kleines Projekt, sondern im Grunde hakt und alles in Frage gestellt ist? Cases Blanches (Bamboo Édition) von Sylvain Runberg und Olivier Martin beleuchtet diese Frage im Kontext eines Comiczeichners, der einfach nicht über die erste Seite eines neuen Bandes hinauskommt. Die Graphic Novel ist 2015 beim Splitter Verlag auf Deutsch unter dem Titel Weiße Felder erschienen.

Wenn der Erfolg drückt

Eigentlich kann sich Vincent Marbier überhaupt nicht beklagen: Nachdem er jahrelang nur Durchschnittsserien gezeichnet hatte, konnte er mit seinem Fantasy-Auftaktband „Der Pfad der Schatten“ einen Sensationserfolg verbuchen. Der Autor, sein Verlag und die Fans drängen nun auf den Fortsetzungsband, aber Marbier hat gerade mal mit den ersten Panels begonnen und dabei rückt der Abgabetermin immer näher. Doch ihm scheint die Inspiration zu fehlen. Kürzlich hat er sich auch von seiner Frau scheiden lassen. Steckt er in einer vorübergehenden Schaffens- oder existenziellen Lebenskrise?

Runberg erzählt behutsam die Geschichte vom Scheitern. Dabei bleiben den Lesern die Gedanken des Protagonisten verwehrt, da Runberg auf einen Erzähltext verzichtet. So rätselt der Leser genauso wie die Freunde und Kollegen des Protagonisten, was mit diesem los ist. Das besondere an Weiße Felder ist der Realismus, der keine Stilisierung des Protagonisten oder stereotypische Erfolgsgeschichte zulässt, sondern das Thema „Scheitern“ ernst nimmt und von verschiedenen Seiten durchdringt. Die künstlerische Angst vor den titelgebenden „Feldern“ wächst zu einer Sinnkrise heran. Im Anschluss an die Geschichte hat Runberg ein Interview mit den beiden Autoren von „Der Pfad der Schatten“ verfasst.

Hauchzarte Farben contra weiße Felder

Martin illustriert die Geschichte in nur minimal kolorierten Bildern. Hauchzart deuten sich hier und da Farbtöne an, die dezent Akzente setzen. Der detaillierte Zeichenstil erscheint leicht skizzenhaft und minimal stilisiert. Die freien Flächen sind entweder weiß oder nuanciert aquarelliert. Durch die leeren Flächen gibt es einen starken Kontrast (vielleicht ja auch bewusst ein Kontrast „weiße Felder“ und „zarte Farben“?). Die gefälligen Bilder spenden insgesamt eine dichte Atmosphäre und illustrieren stimmungsvoll die Geschichte.

Weiße Felder ist ein gelunges Künstlerdrama mit einem interessanten Einblick in die Mechanismen der Comicindustrie und einem tiefgehenden Eindruck in die Zeichnerseele. Garantiert nicht nur für Comicnerds, sondern auch für Liebhaber von Gegenwartsdramen im Allgemeinen eine interessante Leseempfehlung. Wie viel Autobiographisches uns dabei Runberg offenbart, bleibt dessen Geheimnis (aus der Graphic Novel geht jedenfalls nichts hervor). Beim Verlag gibt es weitere Infos und eine Leseprobe.

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Lorenz & Kreitz: Rohrkrepierer [zuletzt gelesen #064]

9783551783783Herbertstraße, Tauschwirtschaft, vaterlose Familien, Großmütter mit Feldstecher, Prinz Eisenherz und Catcher… Das St. Pauli der Nachkriegsjahre hat viele Gesichter, zumindest in der Graphic Novel Rohrkrepierer (Carlsen) von Isabel Kreitz. Die deutsche Comiczeichnerin hat für diese Milieustudie den gleichnamigen autobiographischen Roman von Konrad Lorenz adaptiert. Kreitz ist ja bereits eine (prämierte) Expertin, was historische Stoffe angeht. Die Sache mit Sorge ist ein ausgefeilter Spionage-Thriller, der während des Zweiten Weltkriegs spielt, Haarman (mit Peer Meter) eine geniale Studie eines historischen deutschen Serienmörders. Darüber hinaus hat sie Erich Kästners Pünktchen und Anton, Emil und die Detektive und Der 35. Mai als Comics adaptiert. In Rohrkrepierer entsteht ein Gesellschaftsbild zwischen Kleinbürgertum und Großstadtleben.

Sittengemälde und Coming-Of-Age

Rohrkrepierer ist nicht nur eine historische Mileu-Studie der Hamburger Nachkriegsjahre, sondern in erster Linie ein Coming-Of-Age-Drama über Kalle, den der Leser von der Schulzeit bis zur Wehrdienstzeit (die als Matrose umgeht) begleitet. Als Schüler lernt Kalle zum ersten Mal seinen Vater kennen, der als amerikanischer Kriegsgefangener heimkehrt. Als Teenager dreht sich alles um Ausgehen, die erste Liebe und sexuelle Erfahrungen („Rohrkrepierer“). Kalle ist ein sensibler wie lebensfroher Junge, der viele Achterbahnfahrten erlebt und mit seinen Erfahrungen reift.

Kreitz adaptiert den Roman ohne Erzähltext. In dialogreichen Szenen taucht der Leser in die völlig eigentümliche Welt von St. Pauli ein, in der der von der Damenwelt begehrte Arzt seine Hausbesuche macht, die Großmutter mit dem Feldstecher alles im Blick behält und gewissenhaft notiert, der Viertel-Schläger Ratten im Rohr fängt und dann gegen die Wand wirft („Rohrkrepierer“), Zigaretten als Zahlungsmittel fungieren und die Schüler das Catch-Turnier sehen wollen und um Prinz Eisenherz-Comics wetten. Es gibt insgesamt drei größere Lebensabschnitte Kalles und diese sind teils mit Sprüngen und verschiedenen Handlungsebenen versehen. Das macht die Erzählung vielschichtig und anspruchsvoll.

Parallelen zu Kästners Kinderbücher liegen nahe. Einige Dialoge weisen zudem Hamburger Dialekt auf und es wird gesungen. Das macht die Geschichte authentisch und lebendig, erfordert aber auch die Mitarbeit des Lesers, denn der Dialekt ist nicht immer einfach zu verstehen. Auch das große Figurenensemble und die wechselnden Handlungsebenen erfordern hohe Konzentration, um den Überblick zu bewahren, so dass sich die Graphic Novel nicht als Lektüre für Zwischendurch anbietet. Positiv formuliert: Die Graphic Novel besitzt alle Qualitäten eines historischen Romans.

Historische Lebendigkeit und dichte Atmosphäre

Auch die (ausgefeilte) Zeichenkunst Kreitz‘ erfordert die vollständige Aufmerksamkeit des (geneigten) Lesers. Die detailreichen und gut recherchierten Schwarzweißzeichnungen bestechen durch einen individuellen Strich. Die Bleistiftzeichnungen sind aufgrund von Schraffuren und Grauflächen nuanciert und nicht kontrastreich. Das historische St. Pauli-Viertel erscheint getreu und lebendig. Die Darstellung von Mode, Mobiliar, Kleidung und Straßenansichten beeindrucken durch Glaubwürdigkeit und Finesse. Bei den Figuren hatte ich manchmal das Problem, die Gesichter sofort richtig zuzuordnen, aber das liegt an der Detailfülle der Illustrationen.

Rohrkrepierer ist zugleich ausgefeilt illustrierte Comicliteratur, abwechslungsreiches Coming-of-Age-Drama und lebendiges Sittengemälde. Von Beginn an erzeugt Kreitz eine starke Sogwirkung, die den Leser tief in die verganene Zeit eintauchen lässt. Es macht sehr viel Spaß, dem Protagonisten beim Älterwerden und Heranreifen zuzusehen und die Eigentümlichkeiten des Hamburger Stadviertels kennenzulernen. Die Lektüre erfordert aufgrund der detaillierten Zeichnungen und anspruchsvollen Erzählweise jedoch auch die volle Aufmerksamkeit des Lesers. Auf der Verlagsseite gibt es alle Infos zur Graphic Novel.

Sebastiano & Lorenzo Toma: Der Himmel über Berlin [zuletzt gelesen #058]

u1_mykPoetisch. Meditativ. Innovativ. Ohne jeden Zweifel ganz großes Autoren-/Kunstkino. Einer jener Filme, für die man die passende Stimmung mitbringen muss, aber für die Ewigkeit gedreht. Ja, Wim Wenders‘ Der Himmel über Berlin (1987) ist eines jener Filmgedichte, wie sie nur wenige Regisseure vollbringen. Andrej Tarkowski oder Terrence Malick sind solche Filmpoeten, die das Kino als sequentielle Verquickung aus Fotografie und Literatur interpretieren. Solche Filmregisseure stehen für anspruchsvolle Werke, die für eine assoziierende Bildsprache und Erzählweise stehen, wobei die Gedanken- und Gefühlsewelt der Protagonisten im Vordergrund steht und die Handlung vernachlässigt wird. Dadurch gelingen diesen Filmemachern tiefgehene Arbeiten, die zum (Mit-)Denken bewegen, grundlegende Fragen des Lebens behandeln und hypnotische Bilder enthalten. Das alles vermag eben auch Der Himmel über Berlin. Und nun haben Sebastiano & Lorenzo Toma diesen Film als Graphic Novel neu interpretiert.

Meisterwerk des Kinos im neuen Gewand

Die phantastische Geschichte dreht sich um die beiden Engel Damiel und Cassiel, die als schweigende Wächter die Menschen im Alltag begleiten. Sie hören ihre Gedanken und Gefühle, ohne eingreifen oder Trost spenden zu können. Damiel verliebt sich in die Trapezartistin Marion und hadert damit, selbst Mensch zu werden. Ein auktorialer Erzähler führt uns die Geschichte ein, nur um sich allsbald zu verabschieden und uns allein mit den Gedanken der Protagonisten und Menschen zu lassen, denen die Engel unmittelbar in der U-Bahn, auf der Straße oder in Wohnungen begegnen. Dazwischen tauschen sich die Engel in Dialogen aus und auch Lieder und kurze wiederkehrende Gedichtpassagen sorgen für eine abwechslungsreiche Erzählweise.

Zum 70. Geburtstag von Wim Wenders hat Jacoby & Stuart deren freie Graphic-Novel-Interpretation von Der Himmel über Berlin  veröffentlicht. Eine (wohltuende) Neuinterpretation der Toma-Brüder stellt die Verlagerung des Settings in das Berlin der Gegenwart dar. Dadurch ergeben sich zwangsläufit weitere künstlerische Freiräume, da sich seit den 1980er Jahren vieles verändert hat. So gibt es beispielsweise ein Szene am Holocaust-Mahnmal. Und auch sonst übertragen die Toma-Brüder nicht alle Szenen eins-zu-eins in ihre Graphic Novel, was ihrem Werk Originalität verleiht und von der Vorlage erfrischend abhebt.

Momentaufnahmen für die Ewigkeit

Streng genommen handelt es sich bei Der Himmel über Berlin der Toma-Brüder um keinen Comic. Es gibt keine Panels und keine Panelabfolgen, also auch keine Sequenzen. Die dargestellten Szenen nehmen oft eine ganze Seite ein. Manchmal überlagern sich Szenen oder Szenenmotive blendenartig, aber in der Regel arbeiten die Toma-Brüder mit starren Momentaufnahmen, die sich Kunstgemälden ähnlich tief einprägen, jedoch auf der anderen Hand kein dynamisches Potential bergen. Die Szenen wechseln zwar stets die Schauplätze, aber eine richtige sequentielle Abfolge ist nicht in Reinform vorhanden. Das schmälert den Lesegenuss jedoch nicht, da es sich um eine surreale Geschichte mit Tiefgang handelt.

Dazu enthält die Graphic Novel keine Sprech- und Gedankenblasen. Der Text wird frei in den ohnehin flächigen und leeren Hintergrund gesetzt, was die Strenge zusätzlich betont und ein weiteres Indiz für eine comicunübliche Form ist und die Notwendigkeit des Begriffs „Graphic Novel“ ausnahmseise einmal erforderlich macht (doch das müsste ausführlicher besprochen werden). Davon abgesehen variiert das Lettering zwischen dem auktorialen Erzähler und den Gedanken und Dialogen.

Hypnotischer Stream of Conscousness

Sebastiano Toma ist eigentlich Regisseur und Produzent am Theater, hält seine Projekte stets aber auch zeichnerisch fest. Lorenzo Toma studiert Design. Deshalb sind sie dem Medium „Comic“ nicht so nahe, aber auch darum enthält Der Himmel über Berlin ein rundum stil- und kunstvolles Artwork, das sich aus einem realistischen Strich und einer stilisierten Farbgebung zusammensetzt. Die Szenen wirken beinahe fotorealistisch, was durch die Kolorierung ins Surreale verschoben wird: Die beinahe monochromen Bilder liegen oft auf einem pechschwarzen Hintergrund, wobei ein harter Schwarzweißkontrast durch feine Schraffuren und nuancierte Grauabstufungen verhinderter wird. Dazu sorgen die Toma-Brüder stellenweise mit dezenten Brauntönen für stilvolle Akzente. Teilweise erinnert die Technik auch an den Linolschnitt, wenn leuchtende Furchen das Dunkelschwarz bündelartig und filigran durchzucken.

Die Autoren von Der Himmel über Berlin machen nicht den Fehler und liefern eine uninspirierte oder lediglilch ästhetisch aufgehübschte Version von Wenders‘ Filmklassiker. Nein, sie fügen dem Original inhaltlich und ästhetisch neue Facetten hinzu, weshalb die Neuinterpretation legitim und sinnvoll erscheint. Es macht Spaß die Engel (erneut) zu begleiten, wobei eine vorhergehende Sichtung des Films nicht notwendig ist. Die Graphic Novel steht für sich und zeigt, dass Literatur auch abseits von Literatur stattfindet. Mehr Infos gibt es auf der Verlagsseite.

Xavier Coste: Untergetaucht [zuletzt gelesen #057]

9783868738056Das Heist-Genre ist ein hochspannendes Subgenre des Thrillers. Jede Menge Filmklassiker sind Heist-Filme. The Killing (1956) von Stanley Kubrick, Pickpocket (1959) von Robert Bresson, Le Cercle rouge (1970) von Jean-Pierre Melville, Ocean’s Eleven (2001) von Steven Soderbergh oder Public Enemy No. 1 von Jean-François Richet bilden sicherlich nur die Spitze des Eisberges. Im Comic sind Heist-Thriller rar gesät. Mir fallen spontan nicht vieleTitel renommierter Comicautoren ein, die in das Genre passen. Es gibt Crime-Geschichten, bei denen auch ein Bankraub oder Überfall thematisiert wird, aber nicht umfassend, wo sich alles um den Raub (also Planung etc.) dreht. Ausnahmen wären Les faux visages (dt. Die falschen Gesichter) von David B. und Hervé Tanquerelle oder Pierre qui roule (dt. Hot Rock) von Lax. Eines der berühmtesten realhistorischen Beispiele ist das Gangsterpaar Bonnie und Clyde. Und auch in À la dérive (Casterman) von Xavier Coste wird ein historischer Fall aufgegriffen. Auf Deutsch ist die Graphic Novel unter dem Titel Untergetaucht bei Knesebeck erschienen.

Paris, Land unter

Coste siedelt seinen Heist-Thriller im Paris 1910 an, zur Zeit des Jahrhunderthochwassers. Durch den Ich-Erzähler Eddie erfahren wir von dessen Schicksal: Um seine Spielschulden innerhalb einer Woche zu begleichen, wandert er mit seiner Frau Agatha von Amerika nach Frankreich aus. In Paris prostituiert sich seine Frau, um das Geld aufzutreiben. Als Leser steigen wir zu Beginn in das Boot der beiden ein und begleitet sie durch das surreale Paris zu Wasser.

Nicht nur anhand des Ich-Erzählers, sondern auch anhand von Alltagsdialogen und Rückblicken führt uns Coste in die historische Lebenswelt des Paares ein, das sich zunehmend unter Druck gesetzt fühlt, so dass sie trotz großer Skrupel mit Hilfe von zwei Kriminellen einen Bankraub planen. Dabei macht Coste immer wieder kleine Zeitsprünge, so dass die Geschichte trotz Erzähltext temporeich vorangeht. Die Situation des Paares wird ambivalent dargestellt, voller Extreme und Widersprüche.

Die Geschichte ist spannend erzählt und wandelt sich nach der Hälfte. Insgesamt wirkt die Graphic Novel erzählerisch an manchen Stellen etwas holzschnittartig, aber dieser Schlaglicht-Effekt trübt nicht weiter. Was schwerer wiegt ist, dass Agathe weitestgehend blass bleibt. Sie tritt zwar immer wieder auch in Aktion, aber in Bezug auf ihren Charakter erfahren wir kaum etwas. Auch die Selbstverständlichkeit zur Prostitiuierung wird einfach vorausgesetzt und nicht wirklich nachvollziehbar gemacht.

Hommage an den Jugendstil

Eine große Stärke von Coste, der mir in ästhetischen Gesichtspunkten bereits in der expressiven Künstlerbiographie Egon Schiele (ebenfalls Knesebeck) gefallen hat, das Panellayout. Als Hommage an den Jugendstil hat er mehrere Panelformen an die typischen Formen des Jugendstils angepasst. Konkret sind es Ornamente und verspielte Formen, die der Kunstströumung entlehnt sind. Nicht nur einzelne Panels, sondern auch Panelabfolgen verneigen sich vor dieser Kunstströmung. Überhaupt variiert Coste die Seitenarchitektur mehrmals und bringt dadurch einerseits viel Abwechslung, aber auch Unruhe in seine Erzählweise.

Die expressiv kololierten und konturschwach gezeichneten Bilder wirken plastisch, stellenweise surreal und schwanken zwischen leichter Reduktion und Stilisierung. Es sind äußerst kunstvolle Bilder, auf die man sich einlassen muss. Hat man das einmal gemacht, taucht man tief in das Paris von 1910 ein. Stellenweise wirken die Illustrationen etwas hölzern, dafür aber auch umso ausdruckstärker. Die Farben wirken zum Teil wie von einem breiten Pinsel aufgetragen, dann aber auch wieder nuanciert-aquarelliert, insgesamt also sehr abwechslungsreich, jedoch auch unruhig. Aber genau diese narrative (siehe oben) und visuelle Unruhe passen hervorragend zurm Hochwasser-Paris und zu den aufgewühlten Emotionen der Charaktere.

À la dérive hat Stärken und Schwächen. Coste hätte noch mehr für seine Figuren machen können, glänzt jedoch durch die Verwendung innovativer Panelarchitektur und emotionsgeladener Bilder. Die Graphic Novel verströmt eine unruhige Stimmung, die gut zur inneren und äußeren Lebenswirklichkeit der Protagonisten passt. Lesenswert für diejenigen, die Heist mögen und für künstlerisch ambitionierte Illsutrationen offen sind. Beim Verlag gibt es eine Leseprobe.

Lafebre & Zidrou: Lydie [zuletzt gelesen #056]

457 Phantasie? Traum? Was wäre die Welt ohne diese Zutaten? Richtig, ein trostloser Ort. Manchmal kann man sich die Realität einfach nur schönträumen. Und manchmal ist eine Illusion besser als die Wahrheit. In der Tragikomödie wird durch „Flucht nach vorn“ oft ein Ventil geschaffen, um traumatische Erlebnisse zu verarbeiten. Im Film Good Bye, Lenin! von Wolfgang Becker glaubt eine Mutter nach dem Mauerfall immer noch an die Existenz der DDR. Im Spielfilm La vita è bella macht Roberto Benigni den Holocaust zu einem Ausflug mit Tochter. Dabei geht es weniger um die Trivialisierung des Traumas, sondern um die clevere (De-)Konstruktion von Realität. Bei Salleck Publications ist auf Deutsch ein abgescholossener Comic erschienen, der genau in diese Kategorie passt: Lydie von Jordi Lafebre und Zidrou (im Original bei Dargaud erschienen) breitet vor einem tragischen Schicksal eine Geschichte voller Wohlfühlstimmung aus.

Außergewöhnliche Erzählperspektive

Camille erscheint als liebenswerte, jedoch nicht ganz helle junge Frau, die ihr Baby bei der Geburt verliert. Der Vater des Babys ist über alle Berge und ihr eigener Vater vermag es nicht, sie zu trösten. Nach zwei Wochen verkündet sie jedoch voller Euphorie, dass ihr Baby doch überlebt hat und zurückgekehrt ist. Zidrou zeigt sich gleich von Beginn an als gewiefter Erzähler, indem er einen ungewöhnlichen auktorialen Erzähler wählt: eine Marienstatue. Es ist nicht irgendeine Marienstatute. Nein, es ist diejenige, die sich genau in der Gasse befindet, in der Camille lebt.

Anfangs folgt der Leser einer Panelsequenz mit Voice-Over-Passagen der Statue und taucht dadurch in die besagte Gasse ein. Die Erzählerin macht sich einen Spaß und verweist den Leser mit dabei mit einem Augenzwinkern darauf, dass sie sich nicht im gezeigten Panel, sondern oberhalb davon befindet. Der Kniff mit der Erzählerin funktioniert insgesamt sehr gut und Zidrou beutet das Stilmittel nicht weiter unnötig aus, sondern lässt auch die Protagonisten selbst viel zu Wort kommen.

Dezente Farben

Auch in der Panelarchitektur kann sich Zidrou behaupten: Im anfänglichen Schlüsselmoment arbeitet er mit einer Parallelmontage, bei der er auf einer Seite eine Sequenz mit der Geburt von Katzen zeigt, die ertränkt werden, und auf der darauffolgenden Seite, in einer ähnlich strukturierten Sequenz, die Fehlgeburt. Durch diese Gegenüberstellung von zuviel Leben, das von Menschenhand getötet wird, auf der einen Seite und Leben, das sich nie entfalten kann, betont Zidrou die Willkür des Schicksals.

Lafebre illustriert die einfühlsame wie heitere Geschichte durch seine schönen detaillierten Zeichnungen, die im typischen Semi-Funny-Stil gehalten sind, jedoch eine elegante individuelle Note aufweisen. Die Figuren erscheinen dadurch (je nach ihrem Charakter) besonders liebenswürdig oder jähzornig. Auch Lafebres Kolorierung verdient besonderes Lob, denn er versteht es, eine geniale Mischung aus dezenten Farben aufzutragen, die er gelegentlich mit kleinen Schatteneffekten ergänzt. Das wundervolle Artwork passt insgesamt perfekt zur Geschichte.

Lydie ist eine herzerweichende Tragikomödie, die den Leser garantiert ein Lächeln abringt und für alle Fans von Das Nest (von Régis Loisel und Jean-Louis Tripp) eine absolute Pflichtlektüre darstellt. Es gibt auch eine limitierte Vorzugsausgabe mit signiertem Druck und zusätzlichen Skizzenseiten. Beim Verlag gibt es eine Leseprobe.

Flurin von Salis: Der Mont Ventoux [zuletzt gelesen #055]

9773d__14salis_mont_14ventoux_14coverMasochisten und Touristen, Gipfelstürmer und Naturliebhaber, Hobbyradler und Vollblutsporter – sie alle zieht es hin zum „Riesen der Provence“. Gemeint ist der berüchtigte Mont Ventoux. Der „geschälte Berg“ (die Spitze ist abgeholzt und kahl) erhebt sich majestätisch über die pittoreske Urlaubsregion Südfrankreichs und lockt mit Ausnahme der Winterzeit Scharen an. Es muss nicht betont werden, dass auch die Tour de France auf dem Berg ausgetragen wird. Schön und gut, aber ist das auch für einen Normalsterblichen zu schaffen? Ja. Der gebürtige Gallener Flurin von Salis ist (trotz defizitärer Kondition) auf den Mont Ventoux hochgeradelt. Das hat er nicht nur aus Spaß an der Freude gemacht (oder um sich zu quälen), sondern für seine Bachelorarbeit im Fach Visuelle Kommunikation. Der Verlag Edition Moderne hat die Abschlussarbeit 2015 unter dem Titel Der Mount Ventoux veröffentlicht. Herausgekommen ist ein illustriertes Buch.

Die Lust am Exzess

In Prosa verfasst, berichtet von Salis retrospektiv von seiner eigenen Auffahrt. Wie ein Ethnologe hält er mit scharfer Beobachtungsgabe und Sinn für das Detail – quasi in Feldforschung – auch alles drumherum fest: Die Eigenheiten und typischen Charaktere vor Ort, die Profisportler mit ihren Energyriegel, die Fahrradwerkstatt, etc. Die Prosa ist schön anschaulich verfasst und führt den Leser in die Welt des Mont Ventoux ein. Dazu fügt von Salis geographische, kulturelle und historische Fakten zum Berg auf, die interessant sind und übersichtsartig vermittelt werden.

Zum Beispiel schlüsselt er die Herkunft des Namens auf: er geht auf den keltischen Windgott zurück. Interessant sind auch die Zitate berühmter historischer Radsportler, die pointiert und aussagekräftig Aufschluss über den Berg liefern. Ein weiteres positves Merkmal des Buches ist das Seitenlayout: Der Text wurde in sehr großen Lettern und äußerst großzügig auf die Seiten angebracht, so dass keine Bleiwüsten vorherrschen und ein flüssiges Lesetempo ermöglicht ist. Das Faszinierende an Der Mont Ventoux ist das Eintauchen in die Welt voller Extreme, in die Welt des Radsports und damit in die Welt des Exzessiven mit alle seinen Absonderheiten, Andekdoten und Legenden, die überraschen oder zum Schmunzeln verleiten.

Minimalismus in Schwarzweiß

Diese unterhaltsam verpackte Mischung aus persönlichem Erlebnis und aufschlussreicher Faktenzusammenfürhung illustriert von Salis in schwarzweißen Zeichnungen. Diese sind sporadisch und ganz- oder doppelseitig zwischen den Textteilen eingebaut und lockern die Prosa auf bzw. ergänzen diese. Von Salis‘ Stärke sind eindeutig die Landschaftsmotive, die beinahe abstrakt und in feinen Schattierungen oder filigranen Details erscheinen. Seine Schwäche sind die Figuren, die behelfsmäßig und an Kinderzeichnungen erinnern, da die Proportionen und die Perspektiven nicht immer sitzen.

Die Illustrationen sind minimalistisch stechen klar auf dem großflächigen, weißen Untergrund hervor, so dass alles Gezeigte schnell erfasst wird und das Lesetempo nicht gebremst wird. Durch diese Reduktion auf das Wesentliche kann sich einerseits die Phantasie des Lesers entfalten. Andererseits hätte man an der einen oder anderen Stelle realistischere oder detailreichere Darstellungen sicherlich begrüsst. Da es keine Panels, Sequenzen und Sprechblasen gibt handelt sich Der Mont Ventoux um keinen Comic, obwohl auch von Salis Text und Bild verknüpft. Insgesamt ist die Abschlussarbeit ein ganz nettes Anschauuungsmaterial für alle, die sich für den Mont Ventoux, Radsport oder ganz allgemein extreme Phänomene interessieren – textlich stark, aber visuell durchwachsen.

Schuiten & Peeters: Die Mauern von Samaris [zuletzt gelesen #054]

titel481Die Zutaten lauten „Architektur und Phantastik“. Les Murailles de Samaris (Casterman) von François Schuiten und Benoît Peeters stammt aus den frühen 1980er Jahren und zählt zur Reihe „Les Cités obscures“ (dt. „Die geheimnisvollen Städte“). Nein, dieser Comic zählt nicht nur zur besagten Reihe, sondern läutete sie sogar ein. Alle darauf folgenden Einzelbände von „Les Cités obscures“ beziehen sich inhaltlich nicht aufeinander und haben keine einheitlichen Figuren. Was sie verbindet ist lediglich, dass sie stets phantastisch-mysteriöse Szenarien aufweisen, archetiktonisch reizvolle Fantasiestädte präsentieren und kafkaeske Geschichten erzählen. 2015 ist auf Deutsch eine Neuausgabe bei schreiber&leser erschienen, die nicht nur den Band Les Murailles de Samaris (dt. Die Mauern von Samaris), sondern auch das für die Neuausgabe überarbeitete Episodenfragment Les mystères de Pâhry (dt. Die Geheimnisse von Pahry) enthält.

Biedermeierlich und obskur

In Les Murailles de Samaris verwendet Peeters den Offizier Franz als Ich-Erzähler, der in Retrospektive seine Erlebnisse mit seiner Reise nach Samaris schildert. Es ist eine alternative Realität, die biedermeierlich-phantastisch daherkommt, irgendwo zwischen zurückhaltender Sprödheit (Charaktere) und barockem Bombast (Architektur). Der Protagonist nimmt die beschwerliche Geschäftsreise an, obwohl andere nicht mehr von dort zurückgekommen sind. Anders als in manch darauffolgenden Bänden der „Cités obscures“ erklärt Peeters durch den Ich-Erzähler sehr viel, wodurch sich Les Murailles de Samaris hervorragend zum Einstieg in das Universum eignet.

Schuiten erschafft Samaris als opulente (aber auch monströse) Stadt, die verschiedene Baustile vereint und dadurch eine labyrinthartige Fata Morgana darstellt, in der Franz die Orientierung verliert. Die stilistisch eindrucksvollen Zeichnungen bestechen dabei durch Detailverliebtheit, Strenge, Geometrie, Schraffur und (als Kontrast) dezent aufgetragene, zumt Teil unnatürliche Farben. An der Kolorierung hat schreiber&leser nichts geändert (das hat meine Überprüfung mit der Feest-Ausgabe ergeben), so dass die ursprüngliche Stimmung beibehalten wurde.

Schein und Sein

Les mystères de Pâhry besteht aus vier fragmentarischen und unzusammenhängenden Episoden, die eine Hommage an Paris darstellen („Pâhry“ orientierts sich an der landesüblichen Aussprache von „Paris“ – also ohne „s“ am Schluss). Der Grundgedanke der Autoren war, eine Stadt voller Geheimgänge als eine Art Organismus zu entwerfen. Die Episoden weisen alle Zutaten typischer „Les Cités obscures“-Bände auf, wobei die ersten drei schwarzweiß sind und die vierte farbig illustriert wurde. Wer die anderen Bände der Reihe kennt, wird das ein oder andere Motiv vielleicht wiedererkennen.

Was Les Murailles de Samaris und Les mystères de Pâhry eint, ist das buchstäbliche Offenlegen von Strukturen, die sich hinter illusorischen Fassaden verbergen, was allegorisch ausgelegt werden kann. Was ist Schein? Was ist Sein? Was macht Realität aus? Was verbirgt sich hinter selbstverständlichen Oberflächen? Während sich Les Murailles de Samaris hervorragend zum Einstieg in die Reihe eignet, stellt Les mystères de Pâhry lediglich eine nette Fingerübung der Autoren dar, die vor allem für Komplettisten interessant sein dürfte. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe und alle andere erschienen Neuausgaben der beeindruckenden „Cités obscures“.

Hill, Matz, Jef: Querschläger [zuletzt gelesen #052]

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Die Prohibition hat schon öfter Anlass für das ein oder andere Crime-Szenario in der Literatur-, Film- und Comicgeschichte gegeben. Martin Scorceses HBO-Serie Boardwalk Empire hat in jüngster Vergangenheit auch einiges zur Populatität des Settings beigetragen. Nun liegt mit Balles Perdues (Rue de Sèveres) ein weiterer Comic vor, der zu dieser Zeit spielt und auf Deutsch unter dem Titel Querschläger beim Splitter Verlag erschienen ist. Das Grundgerüst stammt vom Filmemacher Walter Hill, der sich durch Filme wie Red Heat oder 48 Hours in den 1980ern einen Namen gemacht hat. Angeregt durch einen Freund, holte er ein bis dato unrealisiertes Filmdrehbuch (eines von 30 möglichen!) aus der Schublade, um es als Comic doch noch zu realisieren.

Hard-Boiled und Crime

Zur Verwirklichung haben sich mit dem Comicautor Matz und dem Zeichner Jef zwei Talente gefunden, die die Vorlage zu einer kompromisslosen Mischung aus Hard-Boiled und Crime formten. Ohne Erzähltext erleben wir den wortkargen Auftragskiller Roy Nash, der für seinen Boss Al aus Chicago nach Arizona und Los Angeles reist, um dort seinen Job zu machen. Mit an Bord ist sein (noch wortkargerer) Fahrer. Gemeinsam ziehen sie los, um die Aufträge zu erfüllen und nebenher noch Roys Liebe, die sich in den Fängen eines Gangsterbosses befindet, zu befreien.

Ja, das sind die archetypischen Zutataten (Zyniker würden sagen „stereotypisch“) von Balles Perdues. Die Geschichte hat aufgrund des Verzichts auf einen Erzähltext ein sehr hohes Erzähltempo, die Panels und Sequenzen erscheinen äußerst filmisch, beides erzeugt eine hohe Sogwirkung. Bis auf einen kurzen Rückblick wird die Story linear vorangebracht. Es fliegen viele Kugeln und es fließt viel Blut. Die Sprüche sind trocken und der Protagonist, dessen Antriebsfeder die Liebe seines Lebens ist, sieht aus wie der französische Schauspieler Alain Delon (leider stand im enthaltenen Interview dazu nichts, hätte mich interessiert, ob die Ähnlichkeit beabsichtigt ist, ob Hill tatsächlich an Delon dachte, oder ob sich die Comickünstler das überlegt haben).

Whiskeydurchtränkt und rauchgeschwängert

Die atmosphärisch ungeheuer dichten Bilder scheinen von Whiskey durchtränkt zu sein, die Farbgebung kommt einerseits lichtdurchflutet und andererseits verwaschen daher. So entsteht passenderweise zur Prohibition eine „alkoholisierte“ Ästhetik, die durch Jefs Strich verstärkt wird, denn oft entgleisen den Figuren scheinbar urplötzlich die Gesichtszüge, Augen werden aufgerissen, die Zigarette wird lässig geraucht oder die Hand zieht die Thompson-Maschinenpistole.

Insgesamt bietet Balles Perdues kurzweiliges Vergnügen für alle, die das Setting und Action lieben (allerdings wäre der Stoff als Film noch besser gewesen). Wer allerdings auch noch eine interessante Psychologisierung oder historisierende Hintergründe wünscht, wird in diesem Hard-Boiled-Crime-Crossover nicht fündig, denn darum ging es Hill nie, wie er selbst (einsilbig!) im Interview verrät. (Wem danach ist, der sollte unbedingt in Blue Note reinschauen: gleiches Setting, expressives Artwork, starke Charakterisierung, auch in Splitter-Qualität!). Für alle, die jetzt neugierig geworden sind: bei Splitter gibt es eine Leseprobe.

Zuletzt gelesen #050: „Pablo 4“, „Die Heimatlosen“ und „Blast 4“

Heute bündel‘ ich drei widerspruchslos empfehlenswerte Graphic Novels aus dem Hause Reprodukt.

Zuerst ist da ein Fortsetzungsband: Pablo 4 – Picasso von Clément Oubrerie und Julie Birmant. Es ist eine leichtfüßige und heitere Biographie über den welberühmten Künstler, der so gar kein langweiliges Leben hatte. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Picassos Geliebten. Picasso kämpft gegen Matisse und dessen Vorherrschaft, indem er die Kunstgeschichte revolutioniert. Der vierte Band hat mir sehr gut gefallen, nachdem der dritte etwas nachgelassen hatte!

Dann gab’s auch noch einen fetten Schinken: Die Heimatlosen von Paco Roca geht über 300 Seiten! In einem multiperspektivischen Verfahren (Gegenwartsebene: Interview mit antifaschistischem Widerstandskämpfer und Vergangenheit: Zweiter Weltkrieg) und zwei verschiedenen Illustrationsstilen erzählt Roca leicht zugänglich und unterhaltsam von spannenden Erlebnissen spanischer Anarchisten und Kommunisten im Kampf gegen den Faschismus. Einfach nur genial!

Noch ein Abschluss: Blast 4 – Hoffentlich irren sich die Buddhisten von Manu Larcenet zählt zu meinem absouluten Lieblingsserien. Der philosophische Krimi lotet erzählerisch, inhaltlich und ästhetisch die Grenzen aus. Ein Freidenker lösst sich von gesellschaftlichen Vorstellungen und lebt als Einsiedler in der Natur. Drogenkonsum, Gewalt und Exzesse führen in die Hände der Polizei, die in wegen Mordes gefangen nimmt. Mich hat das Szenario stark an Martin Suters Roman Auf der dunklen Seite des Mondes erinnert (nur noch besser!). Der Abschlussband bringt alles zu einem herrlichen Abschluss!

Zuletzt gelesen #048: „The Underwater Welder“ von Jeff Lemire

Nachdem mich jüngst die Miniserien Trillium und The Nobody überzeugt hatten, musste ich einfach noch mehr von Jeff Lemire lesen (ihr kennt das sicherlich selbst, wenn einem ein guter Autor begegnet). Zuvor hatte mich auch schon die Essex County-Trilogie des Kanadiers begeistert, nur Animal Man (schaut euch unbedingt den ersten Band an, der Zeichner ist der Oberhammer!) und Sweet Tooth wollten bei mir nicht zünden (beides eine der wenigen Serien, die ich abgebrochen habe).

Nun gut, lasst uns einen Blick auf The Underwater Welder werfen. Hier geht es um einen Ölbohrinseltaucher, der bald Vater wird, aber vor seiner Verantwortung in die Arbeit und seine tragische Vergangenheit flieht: Sein eigener Vater verschwand vor zwanzig Jahren an einem Halloweentag beim Tauchen. Lemire erzählt wie immer mit aller Zeit der Welt (absolut positiv gemeint!). Wir erhalten durch Dialoge mit der werdenden Mutter, Rückblicken und surrealen Sequenzen eine intensive Charakterstudie des Protagonisten.

Wie in seinen anderen Arbeiten auch ist der Protagonist jemand der seinen Mitmenschen gegenüber unsichtbar bleibt (The Nobody), in die Vergangenheit flieht (Essex County). Das heroische Momentum verkehrt sich dabei diametral zur Familie (Animal Man)/Liebe (Trillium) zum antiheroischen Momentum. Der Antiheld muss seine Familie/Liebe im Stich lassen, um ein letztes Rätsel zu lösen. Lemire verschleiert hier seine Aussage gar nicht hinter einer Allegorie, sondern präsentiert alles klar und offensichtlich.

Dazu hilft auch sein leicht zugänglicher, individueller Strich, der reduzierte Figuren und detaillierte Hintergründe erschafft, machnmal wird dabei etwas auch nur angedeutet. Was mir sehr gut an den Schwarzweißzeichnungen gefallen hat, waren die aquarellierten Graustufen, die für Nuancen sorgen. Insgesamt wirkt das Artwork filigraner als bei The Nobody, wo er dicke Panel- und Sprechblasenkonturen verwendet hat. Die Graphic Novel ist bei TopShelf erschienen.

Fazit

The Underwater Welder zählt zum besten, was Lemire gemacht hat. Der Kanadier gibt sich hier unverfälscht und beobachtungsbegabt was Charaktere und Story angeht und überzeugt mit einem schönen Artwork. Hoffentlich liefert Lemire neben seinen Mainstream-Arbeiten auch in Zukunft noch solche Comicperlen!