Dufaux & Jérémy: Barracuda 5 – Kannibalen [zuletzt gelesen #066]

U_3863_1A_ECC_BARRACUDA_05.IND8Das Piratengenre feiert ein Revival – und das ist gut so. Wobei die Seeräuber und Rum trinkenden Schatzsucher im Comicbereich nie wirklich weg waren. Mit Barracuda (Dargaud) machen Jean Dufaux und Jérémy eine Serie (sechs Bände sind geplant, aber da wäre ich vorsichtig, bei Dufaux kann es mitunter auch mehr werden), die das Genre nicht grundlegend erweitert (auch hier geht es um einen Schatz), aber resolut und mit interessanten Figuren umsetzt. Dufaux hat sich als Meister von Abenteuerserien vor historischen Kulissen erwiesen: Serien wie Murena oder Giacomo C. zählen zum besten, was der Belgier gemacht hat. Erfreulicherweise verzichtet er in Barracuda auf phantastische Elemente (wie im schwächeren Conquistador), es gibt nur wenige magische Elemente. Nun hat die Egmont Comic Collection den fünften Band unter dem Titel „Kannibalen“ auf Deutsch veröffentlicht.

Wenn sich Schicksale und Säbel kreuzen

17. Jahrhundert: Raffy (Sohn des Piraten Blackdog) ist in den Händen der Spanier, nachdem diese Puerto Blanco erfolgreich eingenommen haben und die wollen den Ehebrecher am liebsten massakrieren. Seine Herzensdame Maria del Scuebo und Jean Forehand, die den Roten Falken zu Hilfe ruft, wollen ihn mit den verbliebenen Freunden befreien. Auch Blackdog befindet sich in Gefangenschaft: die kannibalistischen Moori verlangen (wie alle anderen auch) den Diamenten von Kashar. Gibt Blackdog seinen Schatz Preis, um seinen Sohn zu retten und seine Freiheit zu erkaufen? Was hat es mit dem Roten Falken auf sich?

Auch im fünften Band spielt sich alles hauptsächlich auf der Insel ab. Dennoch gibt es einige typische Piratenmomente. Die „Barracuda“ bekommt einen Kurzeinsatz und die Freibeuter kämpfen vereint gegen die Spanier. Die Ereignisse spitzen sich jetzt drastisch zu (Dufaux hat alle Fäden fest in der Hand), so dass im abschließenden sechsten Band das endgültige Finale kommen darf. Der Belgier erzählt sehr rasant (wenig dialogreiche Szenen) und verwendet einen (sparsam eingesetzten) Erzähler. Er wechselt dabei immer wieder die Handlungsebenen und Schauplätze und schafft es, das große Figurenensemble mit Überblick einzusetzen.

Kraftvolle und intensive Bilder

Jérémys Illustrationen bestechen aufgrund intensiver Farben durch eine greifbare Unmittelbarkeit. Seine Zeichnungen sind eindrucksvoll, weil er einen individuellen Strich führt und kraftvolle Bilder schafft, egal ob historische Kleidung, Waffen, Schiffe oder Gebäude, Figuren, Kampfszenen oder ruhige Szenen. Sein großes Vorbild könnte der verstorbene Comiczeichner Philippe Delaby gewesen sein (mit dem Dufaux in Murena und Ritter des verlorenen Landes zusammengearbeitet hat). Das besondere an Jérémys Bildern ist die dichte Atmosphäre, die zwischen Realismus und magischer Entrücktheit oszilliert. Man spürt förmlich den Urwald auf der Insel, das plätschernde Meer und die Energie, die von den Protagonisten ausgeht (dabei ist Jérémy noch ein blutiger Anfänger).

In Barracuda 5 spitzen sich die Handlungen zu, die Spannung erreicht einen vorläufigen Höhepunkt. Dufaux und Jérémy haben alles fest im Griff und bescheren dem Leser beste Piratenkost mit viel Gewalt, interessanten Charakteren und einem magischen Schatz. Was mir auch sehr gut gefallen hat, war das graue Vorsatzpapier, das mit einer Kampfszene (man sieht die Kannibalen-Horde) illustriert ist. Mehr Infos zur Serie gibt es auf der Verlagsseite.

Christin & Juillard: Lena und die drei Frauen [zuletzt gelesen #063]

I3567m Paradies warten die Jungfrauen – das wird islamistischen Selbstmordattentätern gemeinhin versprochen. Doch was ist, wenn es Attentäterinnen sind, die (sich) für den Dschihad töten? Dieser Frage gehen Pierre Christin und André Juillard in Lena et les trois femmes (Dargaud; dt. Lena und die drei Frauen; Salleck Publications) nach. Wer Christin kennt, weiß, dass er ein Faible für politisch brisante und zeitgemäße Themen hat (man denke an seine Politfiktionen mit Enki Bilal aus den 1980er Jahren). Das Album ist keine direkte Fortsetzung von Le long voyage de Léna (Dargaud; dt. Lenas Reise; Carlsen/Salleck Publications), denn dieser Band war in sich abgeschlossen, jedoch erlebt die Titelheldin ein neues Abenteuer, wobei das Album problemlos als eigenständiges Werk gelesen werden kann (deshalb ist das Album auch nicht als Serie durchnummeriert).

From Outback to Paris

Lena ist eine Ex-Geheimagentin, die (nach den Ereignissen von Le long voyage de Léna) ein neues Leben in Australien begonnen hat. Doch dann unterbricht der französische Geheimagent Paul-Marie de Calluire ihre Wüstenrunden, die offenbaren, dass sie vielleicht doch nicht ganz zufrieden ist, mit ihrem Neuanfang. Lena soll noch einmal eine geheime Mission übernehmen, um einen Terroranschlag in Paris zu vereiteln. Gibt sie ihre neue Familie auf? Ist sie bereit, sich in ein Terrornetzwerk einschleusen zu lassen?

Christin und Juillard schildern unaufgeregt, aber (äußerst) stilvoll vom islamistischen Terror. Dabei stehen die Rekrutierung und Ausbildung von Attentätern im Mittelpunkt, was mit einer dokumentarischen Nüchternheit, aber nicht ohne Spannung inszeniert wird. In spröden (vollkommen positiv gemeint), realistischen Sequenzen begleitet der Leser die Titelheldin dabei, wie sie zunächst gebrieft wird und danch bei unspektakulären Wartezeiten oder schweißtreibenden Übungen im Terrorlager teilnimmt.

Die Geschichte erzählt Christin aus der Sicht von Lena, die in prosaischen (und ausführlichen) Texten als Ich-Erzählerin fungiert, wodurch sich Lenas Gefühlsleben vor dem Leser in der Tiefe ausbreitet. Die Namen der titelgebenden drei Frauen bzw. Muslima haben symbolischen Charakter. Dass Halima („sanft, liebich“), Ahlem („Traum“) und Suad („Wohlergehen“) zu Märtyerinnen werden wollen, kann als Widerspruch gedeutet werden, der die Absurdität des Terrors spiegelt.

Stilvoller Polit-Thriller

Die Erzählweise Chrisins unterstreicht dabei perfekt die typischen Illustrationen Juillards. Er führt einen prägnanten, flächigen und spitzen Strich, der in der Tradition der ligne claire steht, die Juillard allerdings verfeinert und erweitert. Die Farben sind flächig, zurückhaltend und realistisch. Die Einstellungen zeigen das Geschehen mit einer eleganten Beiläufigkeit. Auf Effekte verzichtet der Meister. Dabei beherrscht er das Outback genauso stilsicher wie die zerklüftete Lagerlandschaft und die Metropole.

Lena et les trois femmes ist beste Comicunterhaltung aus der Feder zweier Meister, die der Titelheldin aus Le long voyage de Léna eine weitere Geschichte schenken. Ihr Polit-Thriller erscheint quasi-dokumentarisch als stilbewusste Studie des Terrorismus. Die Dialoge einzelner Terroristen ist dabei authentischen Äußerungen entlehnt. Wer sehr gut illustrierte Polit-Thriller mag, sollte sich das Album nicht entgehen lassen. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe und Infos.

Zuletzt gelesen #050: „Pablo 4“, „Die Heimatlosen“ und „Blast 4“

Heute bündel‘ ich drei widerspruchslos empfehlenswerte Graphic Novels aus dem Hause Reprodukt.

Zuerst ist da ein Fortsetzungsband: Pablo 4 – Picasso von Clément Oubrerie und Julie Birmant. Es ist eine leichtfüßige und heitere Biographie über den welberühmten Künstler, der so gar kein langweiliges Leben hatte. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Picassos Geliebten. Picasso kämpft gegen Matisse und dessen Vorherrschaft, indem er die Kunstgeschichte revolutioniert. Der vierte Band hat mir sehr gut gefallen, nachdem der dritte etwas nachgelassen hatte!

Dann gab’s auch noch einen fetten Schinken: Die Heimatlosen von Paco Roca geht über 300 Seiten! In einem multiperspektivischen Verfahren (Gegenwartsebene: Interview mit antifaschistischem Widerstandskämpfer und Vergangenheit: Zweiter Weltkrieg) und zwei verschiedenen Illustrationsstilen erzählt Roca leicht zugänglich und unterhaltsam von spannenden Erlebnissen spanischer Anarchisten und Kommunisten im Kampf gegen den Faschismus. Einfach nur genial!

Noch ein Abschluss: Blast 4 – Hoffentlich irren sich die Buddhisten von Manu Larcenet zählt zu meinem absouluten Lieblingsserien. Der philosophische Krimi lotet erzählerisch, inhaltlich und ästhetisch die Grenzen aus. Ein Freidenker lösst sich von gesellschaftlichen Vorstellungen und lebt als Einsiedler in der Natur. Drogenkonsum, Gewalt und Exzesse führen in die Hände der Polizei, die in wegen Mordes gefangen nimmt. Mich hat das Szenario stark an Martin Suters Roman Auf der dunklen Seite des Mondes erinnert (nur noch besser!). Der Abschlussband bringt alles zu einem herrlichen Abschluss!

Zuletzt gelesen #049: „The Fall“, „The Massive 5“, „Secret Avengers 3“, „Bodies“ und „Captain America 4“

So, diesmal pack‘ ich euch ein paar US-Leseerfahrungen zusammen in einen Beitrag.

Da wäre zum einen The Fall (Drawn&Quarterly – dt. Herbstfall, Reprodukt) von zwei meiner Lieblingsautoren Jason Lutes und Ed Brubaker. Es ist kein Crime Noir – wie man es von Brubaker (zur Recht) erwarten könnte -, sondern ein psychologierendes Krimidrama um einen jungen Mann, der einen uralten Mordfall aufklären will. Das ganze spielt in der Gegenwart und der Mann wird aus seinem Alltag herausgerissen. Keine Cops, keine harten Kerle, sondern ein „Jedermann“ wie „Du und ich“ liest die Spuren im Stadtdschungel. Souverän in Schwarzweiß gezeichnet von Lutes und mit Sogwirkung erzählt von Brubaker!

Einen Serienabschluss gab’s mit The Massive 5 – Ragnarok (Dark Horse) von Brian Wood, Garry Brown und Jordie Bellaire. Die Serie spielt vor einer realistisch inszenierten postapokalyptischen Zukunftswelt, die nach einem verheerenden Klimakollaps spielt. Es gibt Umweltaktivisten, die das Schiff „The Massive“ sucht, wodurch sie in diverse Abenteuer gerät. Hier führt Wood alle Fäden gekonnt und übersichtlich zu einem überraschenden Ende zusammen. Das Artwork hat auch sehr gut gefallen!

Noch ein Abschluss: Secret Avengers 3 – God Level (Marvel) von Ales Kot und Michael Walsh. Geniale Superheldenserie zwischen selbstreflexiver Ironie, spannender Action und witzige Charaktere. Coulson kommt wieder zur Besinnung, M.O.D.O.K. ist immer noch in Maria Hill verliebt und was macht eigentlich Deadpool in einem VW-Bus mit Hawkeye als Logo? Erfahrt es in dem irrwitzigen Meta-Trip mit stilsicherem Artwork!

In Bodies (Vertigo) von Si Spencer, Tula Lotay, Phil Winslade, Meghan Hetrick und Dean Ormston gibt es vier Zeitebenen mit vier Mordfällen, die alle miteinander in Verbindung stehen und von verschiedenen Zeichnern illustriert wurden. Gutes Konzept, guter One-Shot!

Ach ja: Captain America 4 – The Iron Nail (Marvel) von Rick Remender war enttäuschend! Die Gegner sind nicht ernstzunehmend, Captain America taucht kaum auf, die Charaktere sind schwach, der Plot noch schlimmer. Ich hader‘ mit mir, ob ich den abschließenden fünften Band lese (aber ich kenn‘ mich doch eh, halbe Sachen mach ich nicht!).

Zuletzt gelesen #043: „Ritter des verlorenen Landes 4 – Sill Valt“ von Jean Dufaux und Philippe Delaby

Mit Fantasy hab‘ ich eigentlich so meine Schwierigkeiten. Ich mag dieses rückwärtsgewandte soziale Prinzip nicht besonders: Oft gibt es ein feudales Herrschaftssystem und stereotype Figuren (gut, gibt es auch in anderen Genres). Dann die Drachen und Elfen, das ertrage ich nur im Blockbuster-Kino (und auch da nur selten). Nur wenige Autoren und Zeichner vermögen es, mir das Genre dennoch schmackhaft zu machen. Jean Dufaux und Philippe Delaby hatten mich schon im historisierenden Murena von ihrem Können überzeugt. Für die Vorgeschichte zum ersten Zyklus Das verlorene Land haben sich die beiden ein allerletztes Mal vereint, denn leider ist Delaby gestorben.

Der Abschlussband Ritter des verlorenen Landes 4 – Sill Valt bringt den Kampf der Ritter der Vergebung gegen den Guinea Lord und die Morrigans zu einem gelungenen Abschluss. Im Fokus steht der (Unter-)Titelheld, der sich gegen die Morrigan-Anführerin behaupten muss.

Dufaux wechselt geschickt zwischen Erzähltexten und Dialogen und erzählt seine Geschichte linear mit zwei Handlungsebenen: dem Ritter und dessen Novizen (dem wir in Das verlorene Land erneut begegnen bzw. den wir daher bereits kennen), konzentriert sich in diesem Band aber auf den Ritter. Dufaux bietet hier keine großen Schlachten, sondern haarsträubendes Kammerspiel, Intrigen und Illusionen. In der ganzen Serie gibt es eine angenehm überschaubare Anzahl an Fabelwesen und phantastischen Elementen.

Archetypisch, mehr wie ein düsteres Märchen als Heroic-Fantasy schleicht sich der eiskalte Schauer in unser Rückenmark. Faszinierend, verspielt, fatal und abstoßend wirkt das Spiel zwischen Ritter und Hexe. Die Stimmung erinnert mehr an die bedrohlichen Momente eines David Lynch-Films, allerdings mit klassischem Fantasy- oder Horror-Setting und hat vieles von einer Vampirgeschichte.

Delaby präsentiert uns ein letztes Mal plastische, realistische Bilder mit wenigen Konturen und vielen Details. Seine Bilder haben mehr mit den alten Meister der Kunstgeschichte als mit herkömmlichen Comics gemein. Seine Stärken liegen in der Darstellung von ikonischen Bildern mit Symbolkraft. Dazu war auch Jérémy (den wir aus Dufaux‘ Baracuda kennen) an diesem Abschlussband illustrativ beteiligt (vermutlich um Rest zu vollenden, den Delaby nicht mehr geschafft hat). Er versucht in Delabys Fußstapfen zu treten. Bei Splitter gibt es eine Leseprobe.

Fazit

Ritter des verlorenen Landes 4 – Sill Valt ist ein fokussierter Abschluss, der nicht hektisch viele Fäden zusammenbringt, sondern auf den Punkt die Landung schafft. Geniale Fantasy-Serie, nicht nur für Game of Thrones– und Genre-Fans. Hoffentlich macht Dufaux einen neuen Zyklus!

Zuletzt gelesen #038: Romane von Juli Zeh, Arkadi & Boris Strugatzki, Stanislaw Lem und Dashiell Hammett

Wie ihr gemerkt habt, war es hier im Blog die letzten beiden Wochen verdächtig ruhig. Nun, ich war im wohlverdienten Urlaub und hab‘ ein paar Romane gelesen.

Zum Einstieg habe ich auf einen Rutsch Juli Zehs Insel-Drama Nullzeit gelesen: Kammerspiel auf Tauchparadiesinsel mit Dreiecksbeziehung, kleines Figurenensembe, schlanke Erzählweise, Ich-Erzähler (Bericht), inhaltlich leicht, sehr spannend erzählt, lesenswert, aber kein Brüller.

Danach gab’s klassische Science Fiction von meinen Lieblingsautoren Arkadi & Boris StrugatzkisEin Gott zu sein ist schwer (googelt euch den russischen Originaltitel gefälligst selbst!): Dünnes Science-Fiction-Szenario, eigentlich historisches Setting (kommunistischer Agent infiltriert feudal regierten und technisch mittelalterlichen Planeten), inhaltlich politisch-philosophische Themen, satirischer Erzählton, klassische Erzählweise, spannend, dramatisch, sehr gut!

Der dritte Roman war Generation A von Douglas Coupland: Dünnes Near-Future-Thriller-Setting (Bienen sind ausgestorben und Ökosystem zusammengebrochen), erzählerisch multiperspektivisch (Ego-Perspektive von 5 Protagonisten in eigenen Kapiteln), rasant und modern erzählt, beginnt sehr interessant, endet aber ehr mäßig.

Danach gab’s wieder klassische Science Fiction von meinen Lieblingsautor Stanislaw LemSolaris: zuvor schon beide Verfilmungen gesehen (Andrej Tarkowskis Adaption ist gut gelungen, Steven Soderberghs Adaption ist mäßig), aber bisher erst viele andere Romane von Lem gelesen, völlig klassisch und detailliert erzählt (als Bericht aus der Ego-Perspektive des Protagonisten, der auf einer Station einen Planten mit einem intelligenten Meersystem untersucht und dabei mit einem moralisch-psychisch-emotional haarsträubendem Phänomen konfrontiert wird), mit interessanten fiktiven wissenschaftlichen Exkursen und philosophischem Inhalt, viel Tiefgang mit interessantem Setting!

Zum Abschluss hab‘  ich einen Klassiker des Kriminalromans gelesen. Dashiell Hammetts The Maltese Falcon zählt zu den Klassikern des Noir-Genres, bisher hatte ich nur die Filmadaption von John Huston gesehen (die sich vor allem im Ende stark von der Vorlage unterscheidet!): schnörkellos und rigoros erzählt, anwachsendes Figurenensemble mit Verstrickungen, authentische Charaktere, schlagfertige Dialoge, komplexe Story, hat mir gefallen, obwohl ich die Verfilmung schon kannte, allerdings erschließt sich mir der Hype um Hammett aus diesem Roman (noch) nicht ganz.

Zuletzt gelesen #037: „Nemo – River of Ghosts“ von Alan Moore und Kevin O’Neill

Der grummelige und dickköpfige Brite Alan Moore zählt zu meinen absoluten Lieblingsautoren. Mit seiner Serie The Leaugue of Extraordinary Gentlemen hat er gemeinsam mit dem Zeichner Kevin O’Neill eine vielschichtige und verweisverspielte Hommage und Persiflage auf die Klassiker der Abenteuer- und Avantgardeliteratur (von Jules Verne und H. G. Wells bis zu William S. Burroughs und Thomas Pynchon) realisiert, die in der viktorianischen Epoche beginnt und eine Abenteuergeschichte mit Sci-Fi- und fantastischen Elementen darstellt.

Nachdem Moore mit dem Blackdossier einen vorübergehenden Höhepunkt in puncto Qualität erreichte, sank er in den drei Century-Bänden (jeder Band spielte in einer anderen Epoche: „1910“, „1968“, „2009“) leider etwas ab (sehr obskur und überfrachtet, jedoch immer noch lesenswert). Durch den Spin-Off Nemo („Heart of Ice“ und „Roses of Berlin“) wechselte er das Figurenensemble, indem er die Tochter Nemos in den Fokus rückte, das Niveau stieg wieder an, weil die Geschichten schlanker und abenteuerlastiger wurden.

Im dritten Band Nemo – River of Ghosts (Top Shelf/Knockabaout) ist Nemos Tochter inzwischen eine betagte Greisin. Allein ihre Nemesis befeuert sie zu seinem letzten Abenteuer mit der Nautilus. Im Zentrum steht die Weltbedrohung durch verrückte Nazi-Wissenschaftler. Bei Moore ist das alles (angenehm) überzeichnet und übertrieben, genauso wie Gewaltdarstellung. Die Heldin ist ein abgeklärter, einsilbiger Charakter, die genau weiß, was sie will und resolut ihr Ziel anstrebt. Sie steht in Kontakt mit ihren Ahnen, die nur sie sieht (dadurch entstehen witzige Situationen).

Moore verwendet keinen Erzähltext. Manche Passagen sind auch dialogfrei. Er ist ein Meister der stummen Erzählung: durch filmische Einstellungen (Einstellungsperspektiven, die sich wiederholen) und filmische Sequenzen (seitenbreite Panels und Figuren, die sich in puncto Körperhaltung minimal verändern und gestikulieren). Die Dialoge wiederum sind schlagfertig und unterhaltsam.

Die Illustrationen sind sehr farbenfroh und unterstreichen die Stimmung der Erzählung. O’Neills Strich ist individuell mit einem karikierenden und kantigem Einschlag. Seine Stärke liegt in der übertriebenen Darstellung von Gewalt und detailreichen „Wimmel“-Szenen. Gefällig sind seine technischen Gadgets und Vehikel, die sich an der klassischen Abenteuerliteratur orientieren. Der Band ist gebunden und bei Top Shelf erschienen.

Fazit

Nemo – River of Ghosts macht ungemein Spaß! Die Story ist fabulierfreudig, die Charaktere sympathisch und die Zeichnungen leichtfüßig. Der Band ist nicht so überfrachtet, sondern linearer als die Century-Bände. Doch nun sollte sich das Kreativteam etwas Neues ausdenken. Vielleicht ein neuer Spin-Off? Es gäbe ja noch genug Figuren!

Der Captain America-Run von Ed Brubaker Teil 5: Post-Fear Itself

So, ich mag es ja kaum glauben, aber der (ellenlange) Captain America-Run aus der Feder von Ed Brubaker ist tatsächlich vorbei! Zuletzt hatte sich der Autor auf Steve Rogers als Commander (Special-Ops und Secret Avengers) fokussiert. Nun wechseln die Masken/Kostüne wieder zurück und Steve Rogers wird wieder zu Cap, während Bucky wieder zum Winter Soldier mutiert.

In der Mini-Serie Winter Soldier steht Bucky Barnes im Zentrum: Nach den Ereignissen von Fear Itself (den Mega-Event habe ich nicht gelesen und dennoch alles nachvollziehen können) wird er für Tod erklärt und schlüpft im Verdeckten wieder in seine alte Rolle als titelgebender Spion/Special-Ops-Agent, der von seiner Freundin Black Widow unterstützt wird.

Hier erleben wir Brubaker erneut auf der Höhe seines Könnens. Winter Soldier ist mit das Beste, was der Run zu bieten hat. Das liegt daran, dass Brubaker eigentlich ein Bucky Barnes/Winter Soldier-Experte ist, weil ihm die Figur viel besser liegt als Captain America. Die Barnes-Stories (egal, ob als Cap oder Winter Soldier) sind allgemein düsterer, härter und rauer, eben typischer Brubaker.

Winter Soldier ist so etwas wie der Link zwischen Brubakers Mainstreamcomics und Independentcomics. Mich haben Erzählweise, -ton und Artwork mehr an Incognito als typischen Marvel-Mainstream erinnert. Hier bekommt es Barnes mit einem russischen Schläfer zu tun, den er ausgebildet hatte und der nun einen neuen kleinen Kalten Krieg initiiert. Die Sogwirkung ist enorm, die Stimmung kalt und düster.

Die Erzählweise ist strukturierter und weniger fahrig, Brubaker hat hier alle Fäden fest im Griff. Die Charakter werden manipuliert und gebrochen. Das Noir-typische Artwork von Butch Guice und Michael Lark ist phänomenal (stellenweise sogar innovativer und stilvoller als die Indie-Arbeiten)! Wenn man schon nicht den kompletten Run lesen will, dann unbedingt aber diesen Trade (geht auch ohne viel Vorkenntnisse).

Da Barnes wieder als Winter Soldier agiert, übernimmt Rogers wieder sein Schild und seine Führungsposition als Avengerchef. In den vier Volumes Captain America by Ed Brubaker (Zeichner: 1 mit Steve McNiven, 2 mit Alan Davis, 3 mit Patrick Zircher, 4 mit Scot Eaton und Steve Epting und Cullen Bunn war noch als Co-Autor tätig). Hier geht es darum, dass alte Freund aus dem Zweiten Weltkrieg plötzlich auf den Plan treten, um mit Unterstützung von Hydra Captain America zu schaden.

Im ersten Volume gibt es eine nette Philipp K. Dick-typische Story mit Scheinrealitäten, die zweite Story ist eher Durchschnittskost, in der dritten gibt es mit The Scourge immerhin wieder einen interessanten Gegegner und der Showdown im vierten Band ist auch nicht übel. Insgesamt jedoch nicht wirklich vergleichbar mit der Qualität von Winter Soldier, kann aber dennoch Spaß machen.

Fazit

Der Captain America-Run ist sehr durchwachsen mit qualitativen Höhen und Tiefen, Lückenfüllern und atypischem Brubker-Stoff. Herausragend und empfehlenswert sind die Barnes-Story-Arcs Captain America: Winter SoldierCaptain America: Red Menace, The Death of Captain America, die Heroic-Age mit Barnes als Cap und Winter Soldier. Brubakers Daredevil-Run und Gotham Central sind wesentlich kompakter und homogener, was die Qualität angeht (ich erwähne die beiden Reihen, weil es auch Mainstreamcomics von ihm sind).

Hier noch einmal der komplette Run mit seinen Stationen.

Pre-Death of Captain America:

  • [The Marvels Project]
  • Captain America: Winter Soldier
  • Captain America: Red Menace
  • Captain America: Civil War (collected in The Death of Captain America)

Death of Captain America:

  • The Death of Captain America (Vol. 1-3)
  • The Man with No Face
  • Road to Reborn
  • Captain America: Reborn

Heroic Age (Bucky as Cap):

  • Two Americas
  • No Escape
  • The Trial of Captain America
  • Prisoner of War
  • Captain America & Bucky Vol. 1
  • Captain America & Bucky Vol. 2

Heroic Age (Steve):

  • Steve Rogers: Super Soldier
  • Secret Avengers Vol. 1
  • Secret Avengers Vol. 2

Post-Fear Itself:

  • Winter Soldier
  • Captain America by Ed Brubaker Vol. 1
  • Captain America by Ed Brubaker Vol. 2
  • Captain America by Ed Brubaker Vol. 3
  • Captain America by Ed Brubaker Vol. 4

Zuletzt gelesen #026: „Scene of the Crime“ von Ed Brubaker

Nachdem ich 2014 in San Francisco war, habe ich Scene of the Crime bei der zweiten Lektüre mit ganz anderen Augen gelesen. Natürlich ist Frisco als Crime-Setting ohnehin aus den Filmklassikern Vertigo von Alfred Hitchcock oder Chinatown von Roman Polanski bekannt. Aber wenn man selbst dort war, ist es halt nochmal was anderes.

Die Miniserie stammt aus der Feder von Ed Brubaker und markiert seinen Durchburch Ende der 1990er Jahre. Danach folgten seine vielfach ausgezeichneten Mainstream-Meisterwerke (der Daredevil-Run und seine Gotham Central-Miniserie), die letztlich wiederum zu den creator-owned Serien (wie Sleeper oder Criminal) führten.

Gemeinsam mit seinen Lieblingszeichnern Michael Lark (Daredevil, Gotham Central und Captain America) und Sean Philips (Sleeper, Criminal, Fatale und The Fade Out) überträgt Brubaker den klassischen Noir-Thriller von Dashiell Hammett und Raymond Chandler in den Comic und die Gegenwart. Ein Privatdetektiv erhält den Auftrag die Schwester einer jungen Frau zu finden. Ab dann nimmt alles seinen typischen Gang inklusive Sogwirkung.

Das Besondere an Scene of the Crime ist zunächst die Noir-Erzählweise: Brubaker (der bis dato noch keine vergleichbar lange Miniserie realisierte) nutzt viel und einen nüchternen Erzähltext, der die Gedankenwelt des Protagonisten widergibt. Die Dialoge sind üppig (Brubaker findet zu üppig, er selbst würde das heute nicht mehr so machen, wie er im Bonusmaterial verrät) und zeitgemäß.

Inhaltich präsentiert Brubaker einen ambivalten Charakter mit Vergangenheit, die ihn in verschiedenen Formen einholt (ein typisches Brubaker-Element, dass er fortan als festen Bestandteil seines narrativen Arsenals nutzt). Die Figuren sind Ambivalent, das Setting und die Handlung sehr realistisch. Es gibt kaum Actionszenen, aber durchaus Gewaltdarstellungen. Insgesamt wirkt die Story noch sehr klar und klassisch wie eine Art Brubaker-Light. Dennoch fesselt die Geschichte und die Figuren sind interessant.

Die Zeichnungen von Lark sind realistisch-stilisiert, die Einstellung wirken sehr filmisch, wobei Lark hier noch nicht auf dem Höhepunkt seines Könnens ist. Die Tusche von Philips sorgt dank des großzügigen Einsatzes von Schwarz für harte Kontraste und die perfekte Stimmung. Im Bonusmaterial sehen wir, dass die Bilder in Schwarzweiß vielleicht sogar die bessere Wahl gewesen wären. Trotzdem schöne Illustrationen, die sehr europäisch wirken und durchschnittliche US-Publikationen immer noch in den Schatten stellen.

Fazit

Scene of the Crime hat den Stein ins Rollen gebracht und ist eine herausragende Crime-Miniserie, die als abgeschlossene Hardcover-Ausgabe (mit Bonusmaterial) von Image Comics neu aufgelegt wurde. Noch nicht so düster und fatal wie die späteren Brubaker-Arbeiten, auf alle Fälle klarer und realistischer. Ein Muss für Crime-Fans!

Zuletzt gelesen #025: „Miracleman Book Three – Olympus“ von Alan Moore

Es gibt nur wenige Comicautoren wie Alan Moore. Ich will jetzt gar nicht alle Klassiker von ihm auflisten oder in Lobhudelei verfallen, aber er zählt schon auch zu meinen Lieblingsautoren (wem es noch nicht aufgefallen ist, „Lieblingsautoren“ ist eine eigene Kategorie in diesem Blog).

Aus seinem Frühwerk (Anfang der 1980er Jahre) stammt die hochgelobte und über Jahre vergriffene Serie Miracleman. Marvel hatte sich die Rechte schon in den 2000er Jahren gesichert und Gerüchte über eine Neuauflage machten die Runde. Immer wieder hatte sich der Termin verschoben (was mich immer wieder dazu getrieben hatte nach überteuerten Ausgaben in Online-Antiquariaten zu schielen). Nun liegt die Serie endlich vollständig, neu koloriert und mit zahlreichem Bonusmaterial versehen auf Englisch als schöne Hardcover-Ausgabe vor (auf Deutsch erscheint die Serie bei Panini als erschwingliche Softcover-Ausgabe).

Warum hat die Neuauflage so lange auf sich warten lassen? Nicht zuletzt auch wegen Rechtsstreitigkeiten. Moore hat sich dagegen erfolgreich gewehrt, dass die Neuauflage mit seinem Namen versehen ist! Der querulantige Kauz hatte sich schon bei den Filmadaptionen zu The Leaugue of Extraordinary Gentlemen, Watchmen und V for Vendetta durchgesetzt, dass sein Name nirgends erscheint (zu stark wog anscheinend die Enttäuschung über die Verfilmung seines Werks From Hell). Marvel hat es so gelöst, dass als Autor „The Original Writer“ angegeben wird, in dem Vertraufen darauf, dass eh alle Comicnerds wissen, wovon die Rede ist.

Doch nun zur Serie und zum dritten Band „Olympus“. Miracleman erscheint zunächst als archetypische Superheldenserie: Der Titelheld wird (durch das Schlüsselwort „Kimota“ – rückwärts und leicht abgewandelt von „Atomic“) unverhofft zum übermächtigen Metawesen und bekämpft seine Nemisis. Was ist jetzt das Besondere an der Serie? Moore greift (für die damalige Zeit) inhaltlich revolutionäre Themen auf wie die Schwangerschaft, denn im Alltag und ohne Keyword ist der Held ein Normalsterblicher mit ganz gewöhnlichen Problemen.

„Olympus“ ist der finale Akt der Serie, in dem sich Moore zu Höchstleistungen steigert: Der Erzähltext liest sich wie hochliterarische Prosa (weshalb für die Englischschwachen die deutsche Übersetzung vorteilhaft ist) und dringt in die seelischen Tiefen des Charakters. Ich kenne wirklich sonst nichts Vergleichbares aus der (Superhelden-)Comicwelt, was bildliche Beschreibungen, Charakterisierung und sprachliche Formulierung berifft. So liest sich der Band/die Serie auch nicht konsumierleicht nebenher, vielmehr erfordert der Text die komplette Aufmerksamkeit des Lesers.

Inhaltlich betritt Moore in „Olympus“ in utopische Gefilde: Schon der Titel spielt auf die Olympier der antiken griechischen Mythologie, die die Titanen vertrieben. Die Metawesen errichten in Moores Comic dank ihrer Gaben auf Erden utopische Zustände (ähnlich wie übrigens in Mark Gruenwalds Marvel-Miniserie Squadron Supreme von 1985/86). Dadurch erhält der Superheld eine gestalterische, politische Dimension, die es bis dato so nicht im Comic gab. Und auch sonst enhthält Miracleman viele Elemente der antiken griechischen Mythologie (die ich hier niemals alle auflisten kann).

Ein philosophischer Grundstein der Serie und des dritten Bandes ist Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra: Der Übermensch überwindet den Nihilismus (der sich aus dem Tod Gottes ergibt) und entwirft religionsunabhängige Moralvorstellungen. Miraclemans Nemisis verkörpert die amoralische Variante des Übermenschen. So bilden die beiden Metawesen eine Medallie mit zwei Seiten. Dieses dualistische Prinzip von Gut und Böse greif auf das gnostische Grundprinzip zurück, das im Comic visuell aufgegriffen wird: Miracleman erscheint hell und blod, wohingegen der Schurke düster und schwarzhaarig ist. Ihr seht also, dass viel Metaphysisches in Miracleman steckt.

Daneben gibt es natürlich auch Actionszenen und Superheldencomicelemente, die jedoch deutlich hinter der Meta-Ebene zurücktreten und vor dem philosophischen Kontext gelesen werden müssen. Auch hier revolutioniert Moore das Genre, indem er die Auswirkungen eines Superheldenkampfes in London fatalistisch für die Bevölkerung inszeniert, indem die Londoner wie die Fliegen sterben und die Stadt ruiniert wird.

Narrativ ist die innovative Erzählweise Moores hervorzuheben, der mit Parallelmontagen und ungewöhnlichen Sequenzen/Seitenlayouts aufwaretet. Noch heute wirken die Panelformen und Sequenzen neu, raffiniert und andersartig. Für die Zeichnungen ist John Totleben verantwortlich, der sich für die utopischen Szenerien beim Zeitungsstripklassiker Winsor McCay (Little Nemo in Slumberland) orientiert und barocke Hintergründe erschafft hat. Im Bonusmaterial kann man seinen Schaffensprozess von der Bleistiftzeichnung zur Tuschierung nachvollziehen und dadurch zum Teil Änderungen beobachten. Überhaupt ist das Bonusmaterial mit einem kommentierten Making-Of (vergleichbar mit einem Audiokommentar bei Filmen) sehr aufschlussreich und gibt sogar noch Interpretationsansätze mit auf den Weg.

Fazit

Nach der Lektüre von Miracleman bleibt mir nichts anderes übrig, als die Lobesfanfare anderer Kritiker nachzuahmen. Die Serie war inhaltich, erzählerisch und visuell seiner Zeit voraus und ist bis heute kaum erreicht (dekonstruktivistische Superheldencomics wie Watchmen ausgenommen, aber das ist ja wieder Moore). Autoren wie Warren Ellis (Supergods) oder Kieron Gillen (The Wicked + The Divine) kratzen mit ihren Werken nur an der Oberfläche von Miracleman. Nichts für Zwischendurch, dafür für die Ewigkeit!