Zuletzt gelesen #049: „The Fall“, „The Massive 5“, „Secret Avengers 3“, „Bodies“ und „Captain America 4“

So, diesmal pack‘ ich euch ein paar US-Leseerfahrungen zusammen in einen Beitrag.

Da wäre zum einen The Fall (Drawn&Quarterly – dt. Herbstfall, Reprodukt) von zwei meiner Lieblingsautoren Jason Lutes und Ed Brubaker. Es ist kein Crime Noir – wie man es von Brubaker (zur Recht) erwarten könnte -, sondern ein psychologierendes Krimidrama um einen jungen Mann, der einen uralten Mordfall aufklären will. Das ganze spielt in der Gegenwart und der Mann wird aus seinem Alltag herausgerissen. Keine Cops, keine harten Kerle, sondern ein „Jedermann“ wie „Du und ich“ liest die Spuren im Stadtdschungel. Souverän in Schwarzweiß gezeichnet von Lutes und mit Sogwirkung erzählt von Brubaker!

Einen Serienabschluss gab’s mit The Massive 5 – Ragnarok (Dark Horse) von Brian Wood, Garry Brown und Jordie Bellaire. Die Serie spielt vor einer realistisch inszenierten postapokalyptischen Zukunftswelt, die nach einem verheerenden Klimakollaps spielt. Es gibt Umweltaktivisten, die das Schiff „The Massive“ sucht, wodurch sie in diverse Abenteuer gerät. Hier führt Wood alle Fäden gekonnt und übersichtlich zu einem überraschenden Ende zusammen. Das Artwork hat auch sehr gut gefallen!

Noch ein Abschluss: Secret Avengers 3 – God Level (Marvel) von Ales Kot und Michael Walsh. Geniale Superheldenserie zwischen selbstreflexiver Ironie, spannender Action und witzige Charaktere. Coulson kommt wieder zur Besinnung, M.O.D.O.K. ist immer noch in Maria Hill verliebt und was macht eigentlich Deadpool in einem VW-Bus mit Hawkeye als Logo? Erfahrt es in dem irrwitzigen Meta-Trip mit stilsicherem Artwork!

In Bodies (Vertigo) von Si Spencer, Tula Lotay, Phil Winslade, Meghan Hetrick und Dean Ormston gibt es vier Zeitebenen mit vier Mordfällen, die alle miteinander in Verbindung stehen und von verschiedenen Zeichnern illustriert wurden. Gutes Konzept, guter One-Shot!

Ach ja: Captain America 4 – The Iron Nail (Marvel) von Rick Remender war enttäuschend! Die Gegner sind nicht ernstzunehmend, Captain America taucht kaum auf, die Charaktere sind schwach, der Plot noch schlimmer. Ich hader‘ mit mir, ob ich den abschließenden fünften Band lese (aber ich kenn‘ mich doch eh, halbe Sachen mach ich nicht!).

Zuletzt gelesen #046: „Narren“ von Jason Lutes

Nachdem mich bereits Houdini und Berlin dermaßen begeistert hatte, wollte ich unbedingt mehr von von Jason Lutes lesen. Zack – eh ich mich’s versah, hatte ich sein Erstlingswerk Jar of Fools (Drawn & Quarterly) als Sammelband in den Händen. Klingt nach Zauberei und darum geht es auch in dieser Graphic Novel. Ein abgehalfteter Zauberer hat keine Aufträge, liegt mit der Miete im Rückstand und trifft seinen schrulligen Mentor wieder. Die Ex des Zaubertrickkünstlers arbeitet in einem Diner und lässt sich ausrauben von einem alleinerziehenden Vater, der seine Tochter durchfüttern muss, ausrauben.

Lutes verwebt die Schicksale dieser Anti-Helden zu einem liebenswert nostalgischem Gegenwartscomic über veraltete Künste, die keinen Platz mehr in einer technisierten Welt haben. Daneben ist es ein Drama über Beziehungen gebeutelter Charaktere, die sich ihr Daseinsrecht mit jedem Tag erkämpfen. Es sind diese grundsympathischen und charakterstarken Figuren, die die Geschichte sehr lebendig und besonders machen.

Erzählerisch nimmt Lutes schon vieles Vorweg, was er hinterher in seiner Berlin-Trilogie zur Blüte treibt: beobachtende, stumme Sequenzen durchbrechen die dialogreichen Szenen. Auf einen Erzähltext verzichtet er vollständig, wodurch wir den Charakteren neutral begegnen. Allegorische Traumsequnzen wechseln mit tragischen und emotionalen Momenten oder humorvollen Szenen.

Die Schwarzweißzeichnungen sind reduziert und im Vergleich zu Berlin gröber. Der harte Kontrast wird durch Schatteneffekte verstärkt. Es gibt ausreichen Details damit der Blick auch mal hängenbleibt, aber insgesamt wirken die Bilder dennoch sehr roh. Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Narren bei Carlsen erschienen (wird aber leider nicht mehr auf der Verlagsseite aufgeführt).

Fazit

Jar of Fools ist eine wunderbare Geschichte mit feinen Charakterstudien vor einem urbanen Setting. Damit hat er alles, was einen guten Arthouse-Film oder einen modernen Großsstadtroman ausmacht. Sollte genauso wie Berlin und Houdini in keiner gut sortierten Comicsammlung (mit Anspruch) fehlen!

Zuletzt gelesen #041: „Das Schweigen unserer Freunde“ von Mark Long, Jim Demonakos und Nate Powell

Das Thema „Bürgerrechtsbewegung“ erinnert mich an meine Facharbeit über die Black Panthers und deren Rolle der US-Bürgerrechtsbewegung. Dann gibt es ja noch einige Filme (PantherMalcolm X  oder Selma), die das Thema behandeln. Im Comicbereich hab‘ ich bereits die empfehlenswerte Graphic Novel Martin Luther King gelesen.

Die Comicautoren Mark Long und Jim Demonakos haben sich in The Silence of Our Friends (im Original bei First Second erschienen) nicht dafür entschieden, eine schillernde Persönlichkeit aus der Bürgerrechtsbewegung hervorzuheben. Vielmehr haben sie einen (meiner Meinung nach erfrischend) andere Vorgehensweise gewählt, indem sie die verwobenen Schickale einer weißen und einer afro-amerikanische Familie als spannendes Sozialdrama in Houston im geschichtsträchtigen Jahr 1968 inszenieren.

Der Vater der weißen Familie ist Alkoholiker und Fernsehreporter (angelehnt an Longs eigenen Vater) und gerät dabei zwischen die Fronten von repressiver Polizei auf der einen Seite und demonstrierenden Afro-Amerikaner auf der anderen Seite. Er hadert täglich mit seinem Gewissen, denn sein Vorgesetzter ist ein Rassist. Der Vater der afro-amerikanischen Familie ist Bürgerrechtsaktivist mit Kontakten zur Black Panther-Partei. Er verteidigt den Fernsehreporter und schießt Freundschaft mit ihm.

Die beiden Autoren erzählen ihre Story linear, ohne Erzähltext und sehr temporeich: Man liest die 208 Seiten problemlos in einer guten Stunde, zum Teil auch aufgrund stummer Sequenzen. Sie konzentrieren sich ganz auf die beiden Familien, deren Schicksale sich kreuzen. Dabei charakterisieren sie vor allem die Familienväter und die Kinder, wodurch sie eine multiperspektivische Sichtweise auf diesen umwälzenden Abschnitt der Bürgerrechtsbewegung eröffnen. Ohne „Faktenregen“ und Zeigefinger (aber mit moralischer Parteinahme für die Bürgerrechtsbewegung) zeigen sie Kampf und Opfer auf allen Seiten. Das macht die vergangenen Ereignisse sehr greifbar.

Der Zeichner Nate Powell hat einen leichtfüßgien, eleganten Strich. Die Figuren weisen einen leichten Einschlag an Zuspitzung auf, die Hintergründe sich etwas reduziert. Der Kontrast der schwarzweißen Zeichnungen wird durch Graustufen und Schrafuren aufgeweicht, so dass die inhaltliche Vielschichtigkeit auch grafisch vermittelt wird. Insgesamt hat mir das Artwork sehr gut gefallen. Zur deutschen Ausgabe Das Schweigen unserer Freunde gibt es eine Leseprobe bei Egmont Graphic Novel.

Fazit

The Silence of Our Friends ist eine unterhaltsame und gleichzeitig vielseitige Graphic Novel über ein brisantes Thema. Natürlich schaffen die Autoren keinen Überblick über die US-Bürgerrechtsbewegung, aber das Buch macht auch dank des schönen Artworks leicht zugänglich, was ein Kernpunkt der sozialen Bewegung war, und warum es in solchen Zeiten schwer ist, sich selbst treu zu bleiben. Hat Spaß gemacht!

Zuletzt gelesen #039: „Berlin 2 – Bleierne Stadt“ von Jason Lutes

Schon Berlin Book 1 – City of Stones (Drawn & Quarterly) hat mich in jeder Hinsicht überzeugt. So war meine Erwartungshaltung beim zweiten Teil Berlin Book 2 – City of Smoke nicht gerade niedrig. Kurz und knapp: Jason Lutes konnte sich sogar noch einmal steigern. Warum?

Thematisch variiert er noch mehr. Anahnd der Liebesbeziehung des Journalisten und der Kunststudentin zeigt er beispielsweise die Spaltung der Epoche: Während sich der Journalist als konservativ gegenüber Jazz im Speziellen und Amüsment im Allgemeinen zeigt, öffnet sich die Studentin hierfür und lernt die hedonistischen und frivolen Seiten Berlins kennen. Als neue Protagonisten erscheinen afro-amerikanische Jazz-Musiker, die auch inhaltlich für Abwechslung sorgen. Dazu kommen authentisch wirkende Einzelschicksale, die den Leser erfreifen.

Erzählerisch zieht Lutes alle Register: Er verwendet nicht mehr so stark, aber weiterhin auch Tagebucheinträge und Gedanken der Protagonisten. Darüber hinaus auch politische Agitation, Berliner Dialekt und viele Songs (was schon stark an das Brecht’sche Theater erinnert). An manchen Stellen folgt Lutes einer Nebenfigur eine Seite lang auf ihrem alltäglichen Weg nach Hause von einem Interview mit dem Journalisten. Das geschieht komplett textfrei und der Leser sieht neben den Straßen Berlins (anhand von der Inneneinrichtung und/oder Alltagszene zu Hause) wie die Lebensrealität der Menschen war.

Auch grafisch hat sich Lutes weiterentwickelt: Sein Strich wirkt nun eine Spur filigraner und sicherer als zuvor. Er variiert zwischen kontraststarken Nachtszenen, detailreichen Hintergründen und schnellen Panelabfolgen. Manchmal zeigt er nur Details und deutet etwas an, das sich nur durch „Mitarbeit“ des Lesers erschließt. So sehen wir zum Beispiel einen Mann, der in Abfolge mehrerer stummer Panels in eine Kabine geht (man weiß nicht genau, was es genau ist [oder ich bin einfach nur zu doof]), woruafhin man unten, im nicht abgeschossenen Abschnitt der Kabine, nur noch ein Paar Schuhe sieht. Dann gesellt sich ein zweites Paar Schuhe hinzu und die Schuhe „umarmen“ sich. Das zeigt welches Potential im grafischen Erzählen bzw. im Medium „Comic“ steckt und auch, welches Talent Lutes besitzt. Auf Deutsch ist der Band bei Carlsen erschienen.

Fazit

Lutes schafft es tatsächlich und steigert sich in Berlin Book 2 – City of Smoke sogar noch gegenüber dem ersten Band. Wir erleben hautnah das Berlin in den letzten Atemzügen der Weimarer Republik in alle seinen Facetten. Die Graphic Novel ist Klassiker, der in keiner gut sortierten Comic-Bibliothek fehlen darf, die einen literarischen Anspruch erhebt. Ich bin gespannt auf den Abschlussteil!

Zuletzt gelesen #037: „Nemo – River of Ghosts“ von Alan Moore und Kevin O’Neill

Der grummelige und dickköpfige Brite Alan Moore zählt zu meinen absoluten Lieblingsautoren. Mit seiner Serie The Leaugue of Extraordinary Gentlemen hat er gemeinsam mit dem Zeichner Kevin O’Neill eine vielschichtige und verweisverspielte Hommage und Persiflage auf die Klassiker der Abenteuer- und Avantgardeliteratur (von Jules Verne und H. G. Wells bis zu William S. Burroughs und Thomas Pynchon) realisiert, die in der viktorianischen Epoche beginnt und eine Abenteuergeschichte mit Sci-Fi- und fantastischen Elementen darstellt.

Nachdem Moore mit dem Blackdossier einen vorübergehenden Höhepunkt in puncto Qualität erreichte, sank er in den drei Century-Bänden (jeder Band spielte in einer anderen Epoche: „1910“, „1968“, „2009“) leider etwas ab (sehr obskur und überfrachtet, jedoch immer noch lesenswert). Durch den Spin-Off Nemo („Heart of Ice“ und „Roses of Berlin“) wechselte er das Figurenensemble, indem er die Tochter Nemos in den Fokus rückte, das Niveau stieg wieder an, weil die Geschichten schlanker und abenteuerlastiger wurden.

Im dritten Band Nemo – River of Ghosts (Top Shelf/Knockabaout) ist Nemos Tochter inzwischen eine betagte Greisin. Allein ihre Nemesis befeuert sie zu seinem letzten Abenteuer mit der Nautilus. Im Zentrum steht die Weltbedrohung durch verrückte Nazi-Wissenschaftler. Bei Moore ist das alles (angenehm) überzeichnet und übertrieben, genauso wie Gewaltdarstellung. Die Heldin ist ein abgeklärter, einsilbiger Charakter, die genau weiß, was sie will und resolut ihr Ziel anstrebt. Sie steht in Kontakt mit ihren Ahnen, die nur sie sieht (dadurch entstehen witzige Situationen).

Moore verwendet keinen Erzähltext. Manche Passagen sind auch dialogfrei. Er ist ein Meister der stummen Erzählung: durch filmische Einstellungen (Einstellungsperspektiven, die sich wiederholen) und filmische Sequenzen (seitenbreite Panels und Figuren, die sich in puncto Körperhaltung minimal verändern und gestikulieren). Die Dialoge wiederum sind schlagfertig und unterhaltsam.

Die Illustrationen sind sehr farbenfroh und unterstreichen die Stimmung der Erzählung. O’Neills Strich ist individuell mit einem karikierenden und kantigem Einschlag. Seine Stärke liegt in der übertriebenen Darstellung von Gewalt und detailreichen „Wimmel“-Szenen. Gefällig sind seine technischen Gadgets und Vehikel, die sich an der klassischen Abenteuerliteratur orientieren. Der Band ist gebunden und bei Top Shelf erschienen.

Fazit

Nemo – River of Ghosts macht ungemein Spaß! Die Story ist fabulierfreudig, die Charaktere sympathisch und die Zeichnungen leichtfüßig. Der Band ist nicht so überfrachtet, sondern linearer als die Century-Bände. Doch nun sollte sich das Kreativteam etwas Neues ausdenken. Vielleicht ein neuer Spin-Off? Es gäbe ja noch genug Figuren!

Zuletzt gelesen #035: „Berlin 1 – Steinerne Stadt“ von Jason Lutes

Mir war der vielfach von Kritikern und Feuilletons gefeierten Comicautor Jason Lutes nur durch das kompakte wie geniale Houdini: The Handcuff King (unbedingt lesen!!!) ein Begriff. Obwohl mir die spannende Story über den bekannten Entfesselungskünstler richtig gut gefallen hat, hab‘ ich bis jetzt nix weiteres von ihm gelesen. Dann bin ich beim Titel Berlin Book 1 – City of Stones (enthält acht Ausgaben der Serie, die der Indie-Verlag Drawn & Quarterly als Sammelband veröffentlichte) hängengeblieben, der mir zwar schon sehr oft begegnet war, aber mich dann nie so weit gereizt hat, dass ich ihn gekauft habe. Nachdem ich zuletzt sehr viel Pulp- (Image Comics) und Superheldencomics (Marvel) gelesen habe, dürstete es mich nach Comics mit ernsteren Themen, Stoffen, die nicht zwangsweise schwer zugänglich sind bzw. mehr fordern, sondern inhaltlich mehr bieten.

Berlin Book 1 – City of Stones spielt Ende der 1920er Jahre, als die Weimarer Republik im Dämmerzustand dem Nationalsozialismus entgegentaumelt. Eine Kunststudentin geht zum Studium nach Berlin und lernt dort einen älteren Journalisten kennen, den sie zunächst aus den Augen verliert, dann aber wieder trifft. Derweil spitzen sich die Demonstrationen der Kommunisten und Faschisten auf den Straßen zu.

Lutes erzählerische Fähigkeiten sind denen eines Schriftstellers ebenbürtig: Er verwendet eine multiperspektivische Herangehensweise und breitet anhand von verschiedenen Figuren, die nicht alle miteinander zu tun haben, ein authentisches Großstadtkaleidoskop aus. Die Erzählung macht teilweise Sprünge zwischen und innerhalb von den Kapiteln, weshalb der Leser gefordert ist, mitzudenken (oh Gott, bei vielen dürfte das schon zu viel Anspruch sein). Teilweise stellt der Autor die banalen, alltäglichen Gedanken aller Mitfahrer in einer Straßenbahn dar, die mehr über die historische soziale Realität offenbaren als ein Geschichtsbuch mit trockenen Fakten.

Die Figuren werden mit Einfühlvermögen charakterisiert, allerdings könnte Lutes noch mehr Ambivalenz an den Tag legen, denn die Charaktere wirken schon etwas typisiert, ist aber okay, weil er ja die verschiedenen vorherrschenden Meinungen widerspiegelt. Lutes präsentiert die Gedankenwelt der beiden Protagonisten durch assoziative Voice-Over-Passagen, die er als Tagebucheinträge in die Sequenzen eingebaut. Dadurch erfahren wir viel über die Gefühlswelt und Probleme der Kunststudentin und des Journalisten.

Lutes Schwarzweißbilder haben detaillierte Hintergründe, so dass die historische Kulisse authentisch vermittelt wird. Bei den Frauenfiguren hatte ich manchmal etwas Probleme die Gesichter richtig zuzuordnen. Die Stärke des Artworks liegt mehr auf dem Seitenlayout und der Strukturierung der Sequenzen, die sehr filmisch und übersichtlich wirken (Lutes ist stark von Comic-Erklärguru Scott McCloud beeinflusst worden). Eine kleine visuelle Innovation war die Egoperspektive des brilletragenden Journalisten: In einer Schuss-Gegenschuss-Sequenz sehen wir abwechselnd den Journalisten in normaler Ästhetik und die Kunststudentin verschwommen, aus der Sicht des sehschwachen ohne Brille.

Hier ist ein Interview mit dem Autor mit ein paar Beispielseiten. Auf Deutsch ist die Graphic Novel unter dem Titel Berlin 1 – Steinerne Stadt bei Carlsen erschienen.

Fazit

Lutes hat in Berlin Book 1 – City of Stones nichts weniger als ein eindrucksvolles Stittengemälde des Berlins der ausgehenden Zwanziger Jahre geschaffen. Die Graphic Novel kann sich problemlos mit der Qualität eines historischen Romans messen lassen und überrascht akzentuiert durch erzählerisch-grafische Innovationen. Einhziges Manko: Die deutsche Ausgabe ist vom Format her relativ klein, so dass die Texte teilweise sehr klein ausfallen, wodurch das Lesen ins Stocken gerät (ich weiß nicht, ob die US-Ausgabe ein größeres Format hat, aber das findet ihr ja schnell raus). Ich freu‘ mich schon auf den Fortsetzungs- und Aschlussband!

Media Monday #207 u.a. über Lieblingsautoren, coole Schauspieler und Western

Am Wochenende gab’s viel Sonne. Neben Sonnencreme und -brille hatte ich auch wieder spannendes zum Lesen: Nemo: River of Ghosts von Alan Moore und Kevin O’Neill, Berlin 2 – City of Smoke von Jason Lutes, Thor 4 – Goddess of Thunder von Jason Aaron sowie Copperhead 1 – A New Sheriff in Town von Jay Faerber. Und hier sind meine Antworten zum wöchentlichen Media Monday von Medien_Journal.

Media Monday #207

1. Am liebsten wäre ich Teil der Film- oder Serien-Familie ____ ,weil ____ . Ich will kein Teil einer fiktionalen Familie sein, weil mir keine einfällt, die in irgendeiner Hinsicht reizvoll wäre.

2. Eine/r meine/r LieblingsautorInnen ist Philip K. Dick, weil er einfallsreich philosphische Ansatze und Konzepte in Science-Fiction-Settings zu unterhaltsamen wie inspirierenden Stories verwebt.

3. Christian Bale hat ja schon so einige Rollen gespielt, aber ich würde hätte sie/ihn ja gerne mal als Titelheld in Noah gesehen, denn dafür war er ursprünglich mal vorgesehen.

4. Mit Splatter, Horror, Liebes- und Feelgood-Komödien, Actionfilmen kann/konnte ich ja so überhaupt nichts anfangen, weil es mich kalt lässt, nervt oder langweilt und vorhersehbar ist.

5. Jeff Bridges ist an Coolness kaum zu übertreffen, schließlich war er nicht nur der Dude, sondern ebenso der Rooster.

6. Wäre ja schon cool, wenn es den Lebensbaum aus The Fountain auch im wahren Leben gäbe, denn dann könnte man vielleicht schwere Krankheiten heilen oder gar den Tod überwinden.

7. Western hat mich früher nie gereizt, aber mittlerweile habe ich gefallen daran gefunden, zumindest die jüngeren Filme, (noch) nicht die Klassiker.

Zuletzt gelesen #033: „Capote in Kansas“ von Ande Parks und Chris Samnee

Der (von mir überaus geschätzte) Crime-Comicautor Ed Brubaker ist von der Graphic Novel Capote in Kansas (Oni Press)  Ande Parks (Szenario) und Chris Samnee (Illustrationen) so begeistert, dass er die beiden Autoren sogleich auf seine Favoritenliste setzt. Nun, das ist ein Wort!

Zuvor hatte ich noch nie etwas vom Schriftsteller Truman Capote gelesen. Obwohl ich ein Fan von Filmklassiker bin, habe ich auch keine der Filmadaptionen gesehen. Das einzige, was ich schon gesichtet hatte, war der Film Capote, der über den Schriftsteller und den Entstehungsprozess seines Tatsachenromans In Cold Blood (dt. Kaltblütig). Leider ist es schon ein paar Jährchen her, dass ich den Film gesehen habe, aber vielleicht erinnert sich ja noch jemand von euch an den Film und es entsteht eine Diskussion.

Und genau darum geht es auch in Capote in Kansas (Parks stammt übrigens aus Kansas, kennt den Schauplatz und die Menschen). Der renommierte New Yorker Schriftsteller Capote geht nach Kansas, um einen Mord als Grundlage für den ersten Tatsachenroman der Literaturgeschichte heranzunehmen. Dabei stößt er bei den Einwohnern auf viele (provinzielle) Vorbehalte gegenüber seiner (großstädtischen) Person. Auf der anderen Seite fasziniert ihn einer der verurteilten Mörder, der mehr ist als er zu sein scheint.

Parks verzichtet vollständig auf einen Erzähltext, wodurch das Erzähltempo flüssig ist. Allein durch die Dialoge und Handlungen schreitet die Handlung voran. Ein narrativer Kunstgriff liegt darin, dass Parks eines der Opfer als Geist in Szene setzt (sie erscheint und unterhält sich mit Capote, wodurch unter anderem moralische Aspekte von Capotes Arbeit thematisiert werden, aber auch dessen Charaktereigenschaften unterstrichen werden).

Samnee ist ein Virtuose was harte Schwarzweißkonstraste und akurate Zeichnungen angehen. Die Figuren haben mich stark an den deutschen Comicautor Reinhard Kleist erinnert. Die teils geometrisch aufgebauten Schatten- und Lichteffekte und leicht stilisierten Hintergründe (jedoch mit verspielten Details) vermitteln eine strenge Akuratesse und erinnern an den franko-belgischen Comicautor Marc-Antoine Mathieu oder an den bedrohlich-mysteriösen US-Comicautor Charles Burns. Die Illustrationen sind deshalb reichhaltig, so dass der Blick beim Lesen auch ohne Erzähltext öfter an einem Panel hängen bleibt. Insgesamt herrscht eine enorm dichte Noir-Atmosphäre vor. Auf der Verlagsseite von Panini Comics gibt es eine Leseprobe für die deutsche Ausgabe (Hardcover).

Fazit

Der erzählerische Kunstgriff und die genialen Illustrationen lassen den Leser tief in die Provinzwelt, den Mordfall und Capotes Seelenleben bei der Recherchearbeit eintauchen. Capote in Kansas ist eine exakt aufbereitete und stimmungstark illustrierte Graphic Novel über einen höchst interessanten Hintergrund der Literaturgeschichte!

Zuletzt gelesen #030: „Der Astronaut“ von Danilo Beyruth

2013 war Brasilien im Fokus der Frankfurter Buchmesse. Zu diesem Anlass hat Panini Comics die Graphic Novel Der Astronaut des brasilianischen Illustrators und Comicautors Danilo Beyruth ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht. Die Figur stammt ursprünglich aus Comicstrips aus den 1960er Jahren von Mauricio de Sousa. Beyruth hat aus dem klassischen Kinderstrip einen Erwachsenencomic gemacht.

Im Zentrum der Story steht ein brasilianischer Astrounaut, der auf eine einsame wie gefährliche Mission ins Weltall fliegt. Er soll iom Dienste der Wissenschaft Messdaten von einem Magnetar einholen. Das war’s auch schon kurz und knapp zusammengefasst und bei der dünnen Story wäre alles weitere schon Spoiler. Inhaltlich handelt es sich demnach also um realistische, anspruchsvolle Raumfahrt-Science Fiction ohne Laserschwert, Raumschiffschlachten oder Aliens. Vielmehr ist Der Astronaut eine ruhige, parabelhafte Geschichte, die vom polnischen Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem stammen könnte. Wer Filme wie Solaris (eine Filmadaption eines gleichnamigen Lem-Romans) oder Gravitiy mag, dem könnte Der Astronaut zusagen.

Beyruth macht seine Aufgabe insofern gut, als dass er den Kinderstrip modernisiert und die Vorlage tatsächlich für ein erwachsenes Publikum aufbereitet, indem die Figur realistischen Gefahren aussetzt und auf eine vorstellbaren Mission schickt. Als Rahmenhandlung bettet er den Astronauten in einen Kindheitsrückblick ein, wo ihm der Großvater einen Rat für’s Leben mitgibt. Die Geschichte ist an sich gelungen und spannend erzählt. Beyruht hat sogar ein paar narrative Kniffs auf Lager: Er stellt die Monotonie des gestrandeten Astronauten durch Wiederholung einer kompletten Seite dar, zunächst als identische Seite, dann durch Verkleinerungen der Seite auf immer kleiner werdende Panelgrößen (alles klar, was labbert der da?).

Das Problem von Beyruht ist nur der, dass neben dem guten Ansatz von Geschichte und Erzählweise die Charakterisierung des Protagonisten viel zu kurz kommt. Den Leser berührt das Schicksal des strandenden Astronauten, der unter Lagerkoller zu leiden beginnt, nicht, weil er nicht als komplexe Figur mit interessanter Vorgeschichte dargestellt wird. Dafür ist die Geschichte zu kurz geraten und bleibt leider nur szenarisch und formal interessant.

Die Illustrationen sind grundsolide, leicht reduziert und stilisiert. Die Farben haben mir nicht sonderlich gefallen. Die Kolorierung schafft es nicht, eine dichte Atmosphäre herzustellen, sondern wirkt aufdringlich und plakativ (teilweise zu grell, künstlich). Beim Verlag gibt es eine Leseprobe.

Fazit

Der Astronaut ist im Ansatz und vom Setting her höchstinteressant und deshalb absulut lesenswert, aber in der Umsetzung letztlich leider nur halbgar. Man hat nach der Lektüre das Gefühl, dass etwas fehlt bzw., dass es jetzt erst richtig losgeht. Wer sich für diese Art von Science Ficiton interessiert, sollte lieber gleich zu einem Lem-Roman greifen – das geht hundertprotzentig in die Tiefe!

Zuletzt gelesen #028: „Die Katze des Rabbiners – Gesamtausgabe 2“ von Joann Sfar

Das Judentum wird oft negativ assoziiert: entweder mit dem Holocaust oder mit dem Nahostkonflikt. Die schillernden Seiten werden dabei oft vergessen. Dabei enthält die jüdische Kultur viel kreatives Potential: Angefangen von jüdischen Denkern und Künstlern bis hin zur Klezmer-Musik. Einige jüdische Künstler zeichnen sich durch selbstreflexiven-satirischen Humor aus. Man denke zum Beispiel an Ethan & Joel Coen und ihren Film A Serious Man. (So und jetzt kommt der Übergang zum Comic!) Natürlich habt ihr es schon geahnt, auch in der Welt der Sprechblasen und Panels gibt es solche jüdischen Künstler.

Joann Sfar, Mitglied der (berühmt-berüchtigten) L’Assocation (französische Comicvereinigung, die sich vom Mainstream abkoppelte, um experimentelle Autorencomics zu realisieren), ist bekannt für seine humorvollen Geschichten vor dem Hintergrund jüdischer Kultur. Seine bekannteste Serie Le Chat du Rabbin (dt. Die Katze des Rabbiners) erscheint als gebundene Gesamtausgabe mit schmuckem Leinenrücken.

Die zweite Gesamtausgabe enthält die Bände 4 (dt. „Das irdische Paradies“) und 5 (dt. „Jerusalem in Afrika“), womit dann alle aktuellen Bände der fortlaufenden Serie vorliegen. Allgemein handelt die Serie von der titelgebenden sprechenden und philosophierenden Katze, die einem Rabbiner gehört, und die zu Beginn des 20. Jahrhunderts Abenteuer an der Seite verschiedener und wechselnder Protagonisten erfährt. In „Das irdische Paradies“ begleitet die Katze eine gealterte Legende mit einem Löwen in Afrika. In „Jerusalem in Afrika“ macht sich die Katze mit einer illustren Truppe auf, um in Äthiopien das jüdische Utopia zu suchen.

Le Chat du Rabbin zeichnet sich durch Fabulierfreude aus: Sfar schweift thematisch gerne mal ab oder führt den Leser auf’s Glatteis (Achtung: jetzt wird’s wirr!), indem eine erzählte fiktive Geschichte in der Geschichte zunächst als normale Handlung erkennbar ist und erst nach Ausgang als erzählte Geschichte erkennbar wird (und? Alles verstanden?). Der Autor schafft außerdem phänomenal, nebenher und beiläufig jüdische Themen zu vermitteln: in Verkleidung der Satire und des Abenteuers.

Die leichtfüßigen und farbenfrohen Zeichnungen (die Kolorierung stammt von Brigitte Fidalky) enthalten genug Details für die historische Kulisse, nehmen sich sonst aber viele grafische Freiheiten. So führt Sfar einen krakeligen Strich, der eine sympathische Grundstimmung erzeugt. Selbst wenn keine Pointe oder kein schlagfertiger Dialog vorkommt, hat man beim Lesen deshalb immer ein Lächeln auf den Lippen. Beim Verlag gibt es eine Leseprobe.

Fazit

Auch der zweite Sammelband von Le Chat du Rabbin kann die Qualität der vorangegangenen Episoden halten. Es macht einfach Spaß in den Kosmos aus jüdischer Kultur/jüdischem Humor, schräger und kautziger Charakteren und nicht zuletzt der philosophierenden Katze einzutauchen. Klassiker und Pflichtlektüre!