Runberg & Martin: Weiße Felder [zuletzt gelesen #067]

weisse_felderWer kennt das nicht? Man hat sich ein Projekt vorgenommen, kommt aber nicht wirklich voran. Egal, was man unternimmt, es ist wie blockiert. Doch was passiert, wenn aus der Blockade eine ausgewachsene Schaffenskrise wird? Wenn es kein kleines Projekt, sondern im Grunde hakt und alles in Frage gestellt ist? Cases Blanches (Bamboo Édition) von Sylvain Runberg und Olivier Martin beleuchtet diese Frage im Kontext eines Comiczeichners, der einfach nicht über die erste Seite eines neuen Bandes hinauskommt. Die Graphic Novel ist 2015 beim Splitter Verlag auf Deutsch unter dem Titel Weiße Felder erschienen.

Wenn der Erfolg drückt

Eigentlich kann sich Vincent Marbier überhaupt nicht beklagen: Nachdem er jahrelang nur Durchschnittsserien gezeichnet hatte, konnte er mit seinem Fantasy-Auftaktband „Der Pfad der Schatten“ einen Sensationserfolg verbuchen. Der Autor, sein Verlag und die Fans drängen nun auf den Fortsetzungsband, aber Marbier hat gerade mal mit den ersten Panels begonnen und dabei rückt der Abgabetermin immer näher. Doch ihm scheint die Inspiration zu fehlen. Kürzlich hat er sich auch von seiner Frau scheiden lassen. Steckt er in einer vorübergehenden Schaffens- oder existenziellen Lebenskrise?

Runberg erzählt behutsam die Geschichte vom Scheitern. Dabei bleiben den Lesern die Gedanken des Protagonisten verwehrt, da Runberg auf einen Erzähltext verzichtet. So rätselt der Leser genauso wie die Freunde und Kollegen des Protagonisten, was mit diesem los ist. Das besondere an Weiße Felder ist der Realismus, der keine Stilisierung des Protagonisten oder stereotypische Erfolgsgeschichte zulässt, sondern das Thema „Scheitern“ ernst nimmt und von verschiedenen Seiten durchdringt. Die künstlerische Angst vor den titelgebenden „Feldern“ wächst zu einer Sinnkrise heran. Im Anschluss an die Geschichte hat Runberg ein Interview mit den beiden Autoren von „Der Pfad der Schatten“ verfasst.

Hauchzarte Farben contra weiße Felder

Martin illustriert die Geschichte in nur minimal kolorierten Bildern. Hauchzart deuten sich hier und da Farbtöne an, die dezent Akzente setzen. Der detaillierte Zeichenstil erscheint leicht skizzenhaft und minimal stilisiert. Die freien Flächen sind entweder weiß oder nuanciert aquarelliert. Durch die leeren Flächen gibt es einen starken Kontrast (vielleicht ja auch bewusst ein Kontrast „weiße Felder“ und „zarte Farben“?). Die gefälligen Bilder spenden insgesamt eine dichte Atmosphäre und illustrieren stimmungsvoll die Geschichte.

Weiße Felder ist ein gelunges Künstlerdrama mit einem interessanten Einblick in die Mechanismen der Comicindustrie und einem tiefgehenden Eindruck in die Zeichnerseele. Garantiert nicht nur für Comicnerds, sondern auch für Liebhaber von Gegenwartsdramen im Allgemeinen eine interessante Leseempfehlung. Wie viel Autobiographisches uns dabei Runberg offenbart, bleibt dessen Geheimnis (aus der Graphic Novel geht jedenfalls nichts hervor). Beim Verlag gibt es weitere Infos und eine Leseprobe.

Charles Burns: Zuckerschädel [zuletzt gelesen #065]

9783956400346Es gibt Stories (egal ob Comic, Literatur oder Film), die sind glasklar erzählt und leicht verständlich. Alles, was dargestellt wird, bedeutet genau das und sonst nichts anderes. Die Handlung ist linear und es gibt keine weiteren Bedeutungsebenen. Dann gibt es Stories, die sind genau das Gegenteil: symbolisch aufgeladen, bedeutungsschwanger, verstörend – kurzum: interpretationsbedürftig. Sugar Skull (Pantheon Books) von Charles Burns zählt zu diesen Werken. Auf Deutsch ist die Graphic Novel unter dem Titel Zuckerschädel bei Reprodukt erschienen. Sie schließt eine Mystery-Trilogie ab, die mit X’ed Out (dt. X) begann und mit The Hive (dt. Die Kolonie) fortgesetzt wurde und eine bizarre Achterbahnfahrt zwischen Realität und Fiktion darstellt.

David Lynch in der Interzone

Doug (Fotograf und Beat-Poet) ist inzwischen gealtert und nicht mehr mit Sarah zusammen. Er wirkt immer noch sensibel und unsicher, hat mit Sally jedoch eine verständnisvolle Freundin und ist clean. Dennoch kommt er nicht ganz von Sarah los. Vor allem ein Konzertbesuch schleudert ihn wieder in vergangene Zeiten zurück. Auch seine Alpträume von seinem toten Vater suchen in noch heim. In einer grotesken Parallelwelt voller Echsenmenschen und mysteröser Eier spitzen sich die Ereignisse um Dougs Alter Ego Johnny indes zu.

Was soll diese verstörende Parallelwelt, deren Vorbild die Interzone aus William S.Burroughs Cut-Up-Kultroman Naked Lunch sein könnte (in beiden Fällen gibt es Echsenwesen und verschiedene Realitätsebenen). Ist sie eine parabelhafte Realitätsebene, um Dougs Gefühlswelt in der Wirklichkeit zu spiegeln? Ist sie eine drogeninduzierte Halluzination? Oder ist sie die eigentliche Realität und die Wirklichkeit nur Traum? In Zuckerschädel gibt Burns schließlich die Antwort auf diese Fragen, indem sich die Ebenen inhaltlich überlappen (oder doch nicht?). Die Wirklichkeit erscheint indes beklemmend und bedrohlich, wie ein Film von David Lynch.

Burns erzählt seine kafkesk-groteske Trilogie sprunghaft, assoziativ und verschachtelt. Auch in Zuckerschädel verlaufen die Übergänge zwischen fiktiver Parallelwelt und Wirklichkeit fließend. Dazu kommen Traumsequenzen, Rückblicke und Comic-im-Comic-Sequenzen (Sarah liest Comicromanzen, die Ausdruck für ihre vernachlässigten Gefühle sind), die die Story zusätzlich komplexer gestalten. Im Gegensatz dazu stehen die klaren Zeichnungen und geordneten Panels, die für Ruhe und Übersicht sorgen.

Neo Noir meets ligne claire

Burns verwendet zwei verschiedene Zeichenstile für beide Realitätsebenen. Die Wirklichkeit ist in seinem typisch düsteren Neo-Noir-Strich mit flächigen Farben und hartem Kontrast bzw. dunklen Schatten gezeichnet, wohingegen er die Parallelwelt im reduzierten ligne-claire-Strich zeichnet. Es ist keine bloße Anlehnung, sondern ein bewusstes Zitat, da Johnny tatsächlich stark an Tintin von Hergé erinnert (in der Wirklichkeit trägt Doug ein T-Shirt mit einem ikonisierten Tintin-Emblem). Die Parallelwelt wirkt karg und (aufgrund antinaturalistischer Farben) bizarr, wohingegen die Realität stilisiert und düster erscheint. Alleine das Artwork hat seine ganz eigene Sogkraft, die sich mit dem narrativen Strudel multipliziert.

Mit Zuckerschädel bietet Burns genug Antworten auf die Fragen, die er in den ersten Bänden aufgeworfen hat, um seine Leser zufriedenzustellen. Dennoch bleibt noch ein kleiner Interpretationsspielraum für jene, die gerne über Sinn und Unsinn grübeln. Insgesamt ist es eine hypnotisierende Trilogie aus einem Guss, die das Genre und das Medium erneuert. Sicherlich nichts für schwache Nerven oder Freunde von linearen Geschichten. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe.

Lorenz & Kreitz: Rohrkrepierer [zuletzt gelesen #064]

9783551783783Herbertstraße, Tauschwirtschaft, vaterlose Familien, Großmütter mit Feldstecher, Prinz Eisenherz und Catcher… Das St. Pauli der Nachkriegsjahre hat viele Gesichter, zumindest in der Graphic Novel Rohrkrepierer (Carlsen) von Isabel Kreitz. Die deutsche Comiczeichnerin hat für diese Milieustudie den gleichnamigen autobiographischen Roman von Konrad Lorenz adaptiert. Kreitz ist ja bereits eine (prämierte) Expertin, was historische Stoffe angeht. Die Sache mit Sorge ist ein ausgefeilter Spionage-Thriller, der während des Zweiten Weltkriegs spielt, Haarman (mit Peer Meter) eine geniale Studie eines historischen deutschen Serienmörders. Darüber hinaus hat sie Erich Kästners Pünktchen und Anton, Emil und die Detektive und Der 35. Mai als Comics adaptiert. In Rohrkrepierer entsteht ein Gesellschaftsbild zwischen Kleinbürgertum und Großstadtleben.

Sittengemälde und Coming-Of-Age

Rohrkrepierer ist nicht nur eine historische Mileu-Studie der Hamburger Nachkriegsjahre, sondern in erster Linie ein Coming-Of-Age-Drama über Kalle, den der Leser von der Schulzeit bis zur Wehrdienstzeit (die als Matrose umgeht) begleitet. Als Schüler lernt Kalle zum ersten Mal seinen Vater kennen, der als amerikanischer Kriegsgefangener heimkehrt. Als Teenager dreht sich alles um Ausgehen, die erste Liebe und sexuelle Erfahrungen („Rohrkrepierer“). Kalle ist ein sensibler wie lebensfroher Junge, der viele Achterbahnfahrten erlebt und mit seinen Erfahrungen reift.

Kreitz adaptiert den Roman ohne Erzähltext. In dialogreichen Szenen taucht der Leser in die völlig eigentümliche Welt von St. Pauli ein, in der der von der Damenwelt begehrte Arzt seine Hausbesuche macht, die Großmutter mit dem Feldstecher alles im Blick behält und gewissenhaft notiert, der Viertel-Schläger Ratten im Rohr fängt und dann gegen die Wand wirft („Rohrkrepierer“), Zigaretten als Zahlungsmittel fungieren und die Schüler das Catch-Turnier sehen wollen und um Prinz Eisenherz-Comics wetten. Es gibt insgesamt drei größere Lebensabschnitte Kalles und diese sind teils mit Sprüngen und verschiedenen Handlungsebenen versehen. Das macht die Erzählung vielschichtig und anspruchsvoll.

Parallelen zu Kästners Kinderbücher liegen nahe. Einige Dialoge weisen zudem Hamburger Dialekt auf und es wird gesungen. Das macht die Geschichte authentisch und lebendig, erfordert aber auch die Mitarbeit des Lesers, denn der Dialekt ist nicht immer einfach zu verstehen. Auch das große Figurenensemble und die wechselnden Handlungsebenen erfordern hohe Konzentration, um den Überblick zu bewahren, so dass sich die Graphic Novel nicht als Lektüre für Zwischendurch anbietet. Positiv formuliert: Die Graphic Novel besitzt alle Qualitäten eines historischen Romans.

Historische Lebendigkeit und dichte Atmosphäre

Auch die (ausgefeilte) Zeichenkunst Kreitz‘ erfordert die vollständige Aufmerksamkeit des (geneigten) Lesers. Die detailreichen und gut recherchierten Schwarzweißzeichnungen bestechen durch einen individuellen Strich. Die Bleistiftzeichnungen sind aufgrund von Schraffuren und Grauflächen nuanciert und nicht kontrastreich. Das historische St. Pauli-Viertel erscheint getreu und lebendig. Die Darstellung von Mode, Mobiliar, Kleidung und Straßenansichten beeindrucken durch Glaubwürdigkeit und Finesse. Bei den Figuren hatte ich manchmal das Problem, die Gesichter sofort richtig zuzuordnen, aber das liegt an der Detailfülle der Illustrationen.

Rohrkrepierer ist zugleich ausgefeilt illustrierte Comicliteratur, abwechslungsreiches Coming-of-Age-Drama und lebendiges Sittengemälde. Von Beginn an erzeugt Kreitz eine starke Sogwirkung, die den Leser tief in die verganene Zeit eintauchen lässt. Es macht sehr viel Spaß, dem Protagonisten beim Älterwerden und Heranreifen zuzusehen und die Eigentümlichkeiten des Hamburger Stadviertels kennenzulernen. Die Lektüre erfordert aufgrund der detaillierten Zeichnungen und anspruchsvollen Erzählweise jedoch auch die volle Aufmerksamkeit des Lesers. Auf der Verlagsseite gibt es alle Infos zur Graphic Novel.

Media Monday #219 u.a. über Idris Elba, James Gordon, verstörendes Kino und HBO-Serien

Mist. Da läuft schon mal Basketball im Deutschen Fernsehen und dann schaff ich’s trotzdem nicht. Für diese Woche hab‘ ich mir aber vorgenommen, die Spiele des deutschen Teams bei der EM zu verfolgen. Heute abend kommt auch der Nowitzki-Film im Fernsehen, das wäre auch toll. Dann ist auch noch das Fußball-Qualifikationsspiel und der Serien- und Filmstapel wird ja auch nicht kleiner (den Comicstapel erwähne ich gar nicht erst!) – puh, das wird wieder ein Abend voller Entscheidungen! Aber hier sind erstmal meine Antworten zu den montäglichen Fragen von Medien_Journal.

Media Monday #219

1. Sollte ich jemals Opfer eines Verbrechens werden, würde ich mir wünschen, dass James Gordon mit dem Fall betraut wird, schließlich arbeitet der Comissioner sehr gewissenhaft und genießt schlagfertige Rückendeckung.

2. Nachdem Idris Elba die Serie The Wire (aus welchem Grund und wie auch immer) verlassen hatte war ich froh, ihn in der Serie Luther wiederzusehen. Witzig war dann auch seine Nebenrolle in Thor als göttlicher Wächter Heimdall.

3. Lost Highway von David Lynch oder Tree of Life von Terrence Malick waren regelrecht verstörend, denn schließlich sind das Filme, die viele Interpretationsansätze bieten. Bei Lost Highway ließe sich beispielsweise alles als eine Psychose eines Schizophrenen deuten, da er sich im Laufe des Films (kafkaesk) verwandelt. Tree of Life lässt aufgrund der Meta-Ebene am Ende den Schluss auf Bedeutungen wie „Himmel“ zu.

4. Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand von Jonas Jonasson als eine(s) dieser viel gepriesenen Bücher(-Reihen) gefiel mir überraschend auch ganz gut, obwohl ich sonst nicht so den Bestseller-Geschmack habe. Nicht minder schlecht hat mir Bettler und Hase von Tuomas Kyrä gefallen, der in eine ähnliche Kerbe schlägt. Beide Romane vereinen eine leichtfüßige, fabulierfreudige und unzuverlässige Erzählweise (Satire halt) mit sozialkritischen Inhalten.

5. Für mich persönlich ist derzeit insbesondere HBO Garant für allerbeste Serienunterhaltung, schließlich war True Detective Season 1 sehr gut und aktuell läuft bei mir Boardwalk Empire Season 5. Zwei Serien, zwei Treffer. Dafür spricht auch, dass mich House of Cards Season 1 nicht überzeugt hat.

6. Die Graphic Novel Untergetaucht von Xavier Coste lässt sich nur schwierig in eine Schublade stecken, immerhin vereint sie Elemente des Heist-Thriller, Geschichte, Beziehungsdrama, Katastrophen-Thriller, Prison-Break und Survival-Drama. Eine vielschichtige Graphic Novel, die im Paris des Jahrhunderthochwasser spielt und visuelle Anspielgunen auf den Jugendstil enthält.

7. Zuletzt habe ich die ersten vier Episoden von Boardwalk Empire Season 5 gesehen und das war gut, weil dank Rückblicke in Nucky Thompsons Kindheit der Charakter mehr Tiefe erhält. Außerdem tut es der Serie gut, nicht schon wieder neue Charaktere einzuführen, sondern das bisherige Figurenensemble „auszuspielen“. Alles inallem bin ich aber trotzdem froh, wenn die Serie zu einem Abschluss kommt.

Media Monday #218 u.a. über Basketball, Remakes, Ermittler-Teams und True Detective

Das Wochenende war leider wieder viel zu kurz und schon wieder ist es Montag. Hier sind meine Antworten zum Media Monday von Medien_Journal.

1. Baskettball wusste mich vom ersten Moment an zu packen, schlicht weil es eine perfekte Mischung aus Bewegungsabläufen, Körperbeherrschung, Tempowechsel, Sprungkraft, Wettstreit, Fairplay, Schnelligkeit, Körpertäuschung, Raumverständnis, Teamplay und Wurfgefühl ist.

2. Die Zeit für die Remakes Dredd und Total Recall mit Colin Farell hätte ich mir echt schenken können, schließlich waren beide Filme eine uninspirierte Aneinanderreihung von Actionszenen. Robocop hab ich mir dann gleich gespart, wobei ich das Gefühl nich loswerde, dass genau der, der beste der drei Remakes ist.

3. Johnny Depp war auch schon mal zielsicherer in ihrer/seiner Rollenauswahl, denn schon seit Jahren lockt mich keiner seiner Filme mehr ins Kino.

4. Die ComicBuchreihe Pablo von Clément Oubrerie und Julie Birmant ist eine lebensbejahend-kraftvoll erzählte und leichtfüßig-ausdrucksstark gezeichnete Biographie über den Künstler Pablo Picasso. Absolut empfehlenswert.

5. ____ ist ja eines der coolsten Ermittler-Teams, denn ____ . Ich mach mir nichts aus „coolen“ Ermittler-Teams. Ich mochte jedoch das Team/die Charaktere aus den Serien The Wire und KDD sehr gerne.

6. Dank eines Geschenks konnte ich endlich auch der Serie House of Cards mit Kevin Spacey eine Chance geben, denn von selbst hätte ich die Serie niemals angeschaut und nach der ersten Staffel habe ich auch keine Lust mehr, weiterzuschauen.

7. Zuletzt habe ich True Detective mit Matthew McConaughey und Woody Harrelson gesehen und das war genial, weil die Serie in puncto Charakterisierung, Filmmusik, Erzählweise und Spannung auftrumpft. Aufgrund zahlreicher negativer Kritiken (Mundpropaganda und Filmkritik) und Zeitmangel werde ich jedoch die zweite Staffel nicht sichten.

Sebastiano & Lorenzo Toma: Der Himmel über Berlin [zuletzt gelesen #058]

u1_mykPoetisch. Meditativ. Innovativ. Ohne jeden Zweifel ganz großes Autoren-/Kunstkino. Einer jener Filme, für die man die passende Stimmung mitbringen muss, aber für die Ewigkeit gedreht. Ja, Wim Wenders‘ Der Himmel über Berlin (1987) ist eines jener Filmgedichte, wie sie nur wenige Regisseure vollbringen. Andrej Tarkowski oder Terrence Malick sind solche Filmpoeten, die das Kino als sequentielle Verquickung aus Fotografie und Literatur interpretieren. Solche Filmregisseure stehen für anspruchsvolle Werke, die für eine assoziierende Bildsprache und Erzählweise stehen, wobei die Gedanken- und Gefühlsewelt der Protagonisten im Vordergrund steht und die Handlung vernachlässigt wird. Dadurch gelingen diesen Filmemachern tiefgehene Arbeiten, die zum (Mit-)Denken bewegen, grundlegende Fragen des Lebens behandeln und hypnotische Bilder enthalten. Das alles vermag eben auch Der Himmel über Berlin. Und nun haben Sebastiano & Lorenzo Toma diesen Film als Graphic Novel neu interpretiert.

Meisterwerk des Kinos im neuen Gewand

Die phantastische Geschichte dreht sich um die beiden Engel Damiel und Cassiel, die als schweigende Wächter die Menschen im Alltag begleiten. Sie hören ihre Gedanken und Gefühle, ohne eingreifen oder Trost spenden zu können. Damiel verliebt sich in die Trapezartistin Marion und hadert damit, selbst Mensch zu werden. Ein auktorialer Erzähler führt uns die Geschichte ein, nur um sich allsbald zu verabschieden und uns allein mit den Gedanken der Protagonisten und Menschen zu lassen, denen die Engel unmittelbar in der U-Bahn, auf der Straße oder in Wohnungen begegnen. Dazwischen tauschen sich die Engel in Dialogen aus und auch Lieder und kurze wiederkehrende Gedichtpassagen sorgen für eine abwechslungsreiche Erzählweise.

Zum 70. Geburtstag von Wim Wenders hat Jacoby & Stuart deren freie Graphic-Novel-Interpretation von Der Himmel über Berlin  veröffentlicht. Eine (wohltuende) Neuinterpretation der Toma-Brüder stellt die Verlagerung des Settings in das Berlin der Gegenwart dar. Dadurch ergeben sich zwangsläufit weitere künstlerische Freiräume, da sich seit den 1980er Jahren vieles verändert hat. So gibt es beispielsweise ein Szene am Holocaust-Mahnmal. Und auch sonst übertragen die Toma-Brüder nicht alle Szenen eins-zu-eins in ihre Graphic Novel, was ihrem Werk Originalität verleiht und von der Vorlage erfrischend abhebt.

Momentaufnahmen für die Ewigkeit

Streng genommen handelt es sich bei Der Himmel über Berlin der Toma-Brüder um keinen Comic. Es gibt keine Panels und keine Panelabfolgen, also auch keine Sequenzen. Die dargestellten Szenen nehmen oft eine ganze Seite ein. Manchmal überlagern sich Szenen oder Szenenmotive blendenartig, aber in der Regel arbeiten die Toma-Brüder mit starren Momentaufnahmen, die sich Kunstgemälden ähnlich tief einprägen, jedoch auf der anderen Hand kein dynamisches Potential bergen. Die Szenen wechseln zwar stets die Schauplätze, aber eine richtige sequentielle Abfolge ist nicht in Reinform vorhanden. Das schmälert den Lesegenuss jedoch nicht, da es sich um eine surreale Geschichte mit Tiefgang handelt.

Dazu enthält die Graphic Novel keine Sprech- und Gedankenblasen. Der Text wird frei in den ohnehin flächigen und leeren Hintergrund gesetzt, was die Strenge zusätzlich betont und ein weiteres Indiz für eine comicunübliche Form ist und die Notwendigkeit des Begriffs „Graphic Novel“ ausnahmseise einmal erforderlich macht (doch das müsste ausführlicher besprochen werden). Davon abgesehen variiert das Lettering zwischen dem auktorialen Erzähler und den Gedanken und Dialogen.

Hypnotischer Stream of Conscousness

Sebastiano Toma ist eigentlich Regisseur und Produzent am Theater, hält seine Projekte stets aber auch zeichnerisch fest. Lorenzo Toma studiert Design. Deshalb sind sie dem Medium „Comic“ nicht so nahe, aber auch darum enthält Der Himmel über Berlin ein rundum stil- und kunstvolles Artwork, das sich aus einem realistischen Strich und einer stilisierten Farbgebung zusammensetzt. Die Szenen wirken beinahe fotorealistisch, was durch die Kolorierung ins Surreale verschoben wird: Die beinahe monochromen Bilder liegen oft auf einem pechschwarzen Hintergrund, wobei ein harter Schwarzweißkontrast durch feine Schraffuren und nuancierte Grauabstufungen verhinderter wird. Dazu sorgen die Toma-Brüder stellenweise mit dezenten Brauntönen für stilvolle Akzente. Teilweise erinnert die Technik auch an den Linolschnitt, wenn leuchtende Furchen das Dunkelschwarz bündelartig und filigran durchzucken.

Die Autoren von Der Himmel über Berlin machen nicht den Fehler und liefern eine uninspirierte oder lediglilch ästhetisch aufgehübschte Version von Wenders‘ Filmklassiker. Nein, sie fügen dem Original inhaltlich und ästhetisch neue Facetten hinzu, weshalb die Neuinterpretation legitim und sinnvoll erscheint. Es macht Spaß die Engel (erneut) zu begleiten, wobei eine vorhergehende Sichtung des Films nicht notwendig ist. Die Graphic Novel steht für sich und zeigt, dass Literatur auch abseits von Literatur stattfindet. Mehr Infos gibt es auf der Verlagsseite.

Xavier Coste: Untergetaucht [zuletzt gelesen #057]

9783868738056Das Heist-Genre ist ein hochspannendes Subgenre des Thrillers. Jede Menge Filmklassiker sind Heist-Filme. The Killing (1956) von Stanley Kubrick, Pickpocket (1959) von Robert Bresson, Le Cercle rouge (1970) von Jean-Pierre Melville, Ocean’s Eleven (2001) von Steven Soderbergh oder Public Enemy No. 1 von Jean-François Richet bilden sicherlich nur die Spitze des Eisberges. Im Comic sind Heist-Thriller rar gesät. Mir fallen spontan nicht vieleTitel renommierter Comicautoren ein, die in das Genre passen. Es gibt Crime-Geschichten, bei denen auch ein Bankraub oder Überfall thematisiert wird, aber nicht umfassend, wo sich alles um den Raub (also Planung etc.) dreht. Ausnahmen wären Les faux visages (dt. Die falschen Gesichter) von David B. und Hervé Tanquerelle oder Pierre qui roule (dt. Hot Rock) von Lax. Eines der berühmtesten realhistorischen Beispiele ist das Gangsterpaar Bonnie und Clyde. Und auch in À la dérive (Casterman) von Xavier Coste wird ein historischer Fall aufgegriffen. Auf Deutsch ist die Graphic Novel unter dem Titel Untergetaucht bei Knesebeck erschienen.

Paris, Land unter

Coste siedelt seinen Heist-Thriller im Paris 1910 an, zur Zeit des Jahrhunderthochwassers. Durch den Ich-Erzähler Eddie erfahren wir von dessen Schicksal: Um seine Spielschulden innerhalb einer Woche zu begleichen, wandert er mit seiner Frau Agatha von Amerika nach Frankreich aus. In Paris prostituiert sich seine Frau, um das Geld aufzutreiben. Als Leser steigen wir zu Beginn in das Boot der beiden ein und begleitet sie durch das surreale Paris zu Wasser.

Nicht nur anhand des Ich-Erzählers, sondern auch anhand von Alltagsdialogen und Rückblicken führt uns Coste in die historische Lebenswelt des Paares ein, das sich zunehmend unter Druck gesetzt fühlt, so dass sie trotz großer Skrupel mit Hilfe von zwei Kriminellen einen Bankraub planen. Dabei macht Coste immer wieder kleine Zeitsprünge, so dass die Geschichte trotz Erzähltext temporeich vorangeht. Die Situation des Paares wird ambivalent dargestellt, voller Extreme und Widersprüche.

Die Geschichte ist spannend erzählt und wandelt sich nach der Hälfte. Insgesamt wirkt die Graphic Novel erzählerisch an manchen Stellen etwas holzschnittartig, aber dieser Schlaglicht-Effekt trübt nicht weiter. Was schwerer wiegt ist, dass Agathe weitestgehend blass bleibt. Sie tritt zwar immer wieder auch in Aktion, aber in Bezug auf ihren Charakter erfahren wir kaum etwas. Auch die Selbstverständlichkeit zur Prostitiuierung wird einfach vorausgesetzt und nicht wirklich nachvollziehbar gemacht.

Hommage an den Jugendstil

Eine große Stärke von Coste, der mir in ästhetischen Gesichtspunkten bereits in der expressiven Künstlerbiographie Egon Schiele (ebenfalls Knesebeck) gefallen hat, das Panellayout. Als Hommage an den Jugendstil hat er mehrere Panelformen an die typischen Formen des Jugendstils angepasst. Konkret sind es Ornamente und verspielte Formen, die der Kunstströumung entlehnt sind. Nicht nur einzelne Panels, sondern auch Panelabfolgen verneigen sich vor dieser Kunstströmung. Überhaupt variiert Coste die Seitenarchitektur mehrmals und bringt dadurch einerseits viel Abwechslung, aber auch Unruhe in seine Erzählweise.

Die expressiv kololierten und konturschwach gezeichneten Bilder wirken plastisch, stellenweise surreal und schwanken zwischen leichter Reduktion und Stilisierung. Es sind äußerst kunstvolle Bilder, auf die man sich einlassen muss. Hat man das einmal gemacht, taucht man tief in das Paris von 1910 ein. Stellenweise wirken die Illustrationen etwas hölzern, dafür aber auch umso ausdruckstärker. Die Farben wirken zum Teil wie von einem breiten Pinsel aufgetragen, dann aber auch wieder nuanciert-aquarelliert, insgesamt also sehr abwechslungsreich, jedoch auch unruhig. Aber genau diese narrative (siehe oben) und visuelle Unruhe passen hervorragend zurm Hochwasser-Paris und zu den aufgewühlten Emotionen der Charaktere.

À la dérive hat Stärken und Schwächen. Coste hätte noch mehr für seine Figuren machen können, glänzt jedoch durch die Verwendung innovativer Panelarchitektur und emotionsgeladener Bilder. Die Graphic Novel verströmt eine unruhige Stimmung, die gut zur inneren und äußeren Lebenswirklichkeit der Protagonisten passt. Lesenswert für diejenigen, die Heist mögen und für künstlerisch ambitionierte Illsutrationen offen sind. Beim Verlag gibt es eine Leseprobe.

Media Monday #214 u.a. über Filmfinale, Untote und Lieblingsautoren

Am Wochenende bin ich medienbezogen nicht zu viel gekommen: Kein Film, dafür Bombenwetter und deshalb standen Basketball und Comiclesen auf dem Programm: Supreme: Blue Rose von Warren Ellis und Tula Lotay. Letztere läuft Gefahr, zu meiner neuen Lieblingszeichnerin zu werden: Konnte sie mich schon mit ihrem Beitrag zu Bodies von Si Spencer überzeugen, zementierte sie ihr Können nun zusätzlich. Inhaltlich ist Supreme: Blue Rose ein verschachtelt erzählt und innovativ illustrierter Zeitreise-Thriller, abgeschlossen in einem Band. Es handelt sich dabei jedoch nicht um geläufige Genrekost, sondern um ein konzeptuell ausgeklügeltes Szenario mit komplexer Handlung, interessanten Figuren und kaum Action. Doch genug davon, hier sind wie meine Antworten zum Media Monday von Medien_Journal.

Media Monday #214

1. Inspiriert von heute: Was war euer Nerven aufreibendstes, schlimmstes, ärgerlichstes Blog-Erlebnis? Bisher hatte ich glücklicherweise kein vergleichbares Blog-Erlebnis *dreimal auf Holz geklopft*.

2. Am meisten enttäuschendes Filmfinale für mich war ja Dredd, weil im Prinzip der gesamte Film ein „enttäuschendes Filmfinale“ darstellt.

3. Interpretationen von Untoten gab es ja schon in jeglicher Coleur, ob jetzt von Zombies, Vampiren oder sonst etwas die Rede ist. Die mir liebste Auslegung/Darstellung ist und bleibt allerdings From Dusk till Dawn, denn noch nie gab es einen ungewöhnlicheren Ansatz.

4. Müsste ich eine/n Lieblingsautor/in oder -schriftsteller/in benennen, es wäre wohl schwierig, sich auf einen festzulegen. Momentan sind es Ales Kot und Ed Brubaker im US-Comicbereich, Manu Larcenet und Gipi bei Graphic Novels, Jean Dufaux und André Juillard im franko-belgischen Comicbereich. Im klassischen Romanbereich wäre es wohl Philipp K. Dick (aber das ist phasenweise bei mir).

5. Es wäre der absolute Traum, in/auf Ökotopia aus der literarischen Utopie Ecotopia von Ernest Callenbach zu leben, denn dort ist alles nach ökologisch und sozial verträglichen Gesichtspunkten strukturiert.

6. Filmische Satiren sind nicht mir Paradodien zu verwechseln und sind meist nicht so gut, wie literarische Satiren.

7. Zuletzt habe ich House of Cards Season 1 und das war nur okay, weil der Protagonist keine Gegner und keine Herausforderung hatte, die Thematik mich kalt ließ und die Charaktere allesamt unsympathisch waren.

Zuletzt gelesen #050: „Pablo 4“, „Die Heimatlosen“ und „Blast 4“

Heute bündel‘ ich drei widerspruchslos empfehlenswerte Graphic Novels aus dem Hause Reprodukt.

Zuerst ist da ein Fortsetzungsband: Pablo 4 – Picasso von Clément Oubrerie und Julie Birmant. Es ist eine leichtfüßige und heitere Biographie über den welberühmten Künstler, der so gar kein langweiliges Leben hatte. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Picassos Geliebten. Picasso kämpft gegen Matisse und dessen Vorherrschaft, indem er die Kunstgeschichte revolutioniert. Der vierte Band hat mir sehr gut gefallen, nachdem der dritte etwas nachgelassen hatte!

Dann gab’s auch noch einen fetten Schinken: Die Heimatlosen von Paco Roca geht über 300 Seiten! In einem multiperspektivischen Verfahren (Gegenwartsebene: Interview mit antifaschistischem Widerstandskämpfer und Vergangenheit: Zweiter Weltkrieg) und zwei verschiedenen Illustrationsstilen erzählt Roca leicht zugänglich und unterhaltsam von spannenden Erlebnissen spanischer Anarchisten und Kommunisten im Kampf gegen den Faschismus. Einfach nur genial!

Noch ein Abschluss: Blast 4 – Hoffentlich irren sich die Buddhisten von Manu Larcenet zählt zu meinem absouluten Lieblingsserien. Der philosophische Krimi lotet erzählerisch, inhaltlich und ästhetisch die Grenzen aus. Ein Freidenker lösst sich von gesellschaftlichen Vorstellungen und lebt als Einsiedler in der Natur. Drogenkonsum, Gewalt und Exzesse führen in die Hände der Polizei, die in wegen Mordes gefangen nimmt. Mich hat das Szenario stark an Martin Suters Roman Auf der dunklen Seite des Mondes erinnert (nur noch besser!). Der Abschlussband bringt alles zu einem herrlichen Abschluss!

Zuletzt gelesen #049: „The Fall“, „The Massive 5“, „Secret Avengers 3“, „Bodies“ und „Captain America 4“

So, diesmal pack‘ ich euch ein paar US-Leseerfahrungen zusammen in einen Beitrag.

Da wäre zum einen The Fall (Drawn&Quarterly – dt. Herbstfall, Reprodukt) von zwei meiner Lieblingsautoren Jason Lutes und Ed Brubaker. Es ist kein Crime Noir – wie man es von Brubaker (zur Recht) erwarten könnte -, sondern ein psychologierendes Krimidrama um einen jungen Mann, der einen uralten Mordfall aufklären will. Das ganze spielt in der Gegenwart und der Mann wird aus seinem Alltag herausgerissen. Keine Cops, keine harten Kerle, sondern ein „Jedermann“ wie „Du und ich“ liest die Spuren im Stadtdschungel. Souverän in Schwarzweiß gezeichnet von Lutes und mit Sogwirkung erzählt von Brubaker!

Einen Serienabschluss gab’s mit The Massive 5 – Ragnarok (Dark Horse) von Brian Wood, Garry Brown und Jordie Bellaire. Die Serie spielt vor einer realistisch inszenierten postapokalyptischen Zukunftswelt, die nach einem verheerenden Klimakollaps spielt. Es gibt Umweltaktivisten, die das Schiff „The Massive“ sucht, wodurch sie in diverse Abenteuer gerät. Hier führt Wood alle Fäden gekonnt und übersichtlich zu einem überraschenden Ende zusammen. Das Artwork hat auch sehr gut gefallen!

Noch ein Abschluss: Secret Avengers 3 – God Level (Marvel) von Ales Kot und Michael Walsh. Geniale Superheldenserie zwischen selbstreflexiver Ironie, spannender Action und witzige Charaktere. Coulson kommt wieder zur Besinnung, M.O.D.O.K. ist immer noch in Maria Hill verliebt und was macht eigentlich Deadpool in einem VW-Bus mit Hawkeye als Logo? Erfahrt es in dem irrwitzigen Meta-Trip mit stilsicherem Artwork!

In Bodies (Vertigo) von Si Spencer, Tula Lotay, Phil Winslade, Meghan Hetrick und Dean Ormston gibt es vier Zeitebenen mit vier Mordfällen, die alle miteinander in Verbindung stehen und von verschiedenen Zeichnern illustriert wurden. Gutes Konzept, guter One-Shot!

Ach ja: Captain America 4 – The Iron Nail (Marvel) von Rick Remender war enttäuschend! Die Gegner sind nicht ernstzunehmend, Captain America taucht kaum auf, die Charaktere sind schwach, der Plot noch schlimmer. Ich hader‘ mit mir, ob ich den abschließenden fünften Band lese (aber ich kenn‘ mich doch eh, halbe Sachen mach ich nicht!).