Dufaux & Jérémy: Barracuda 5 – Kannibalen [zuletzt gelesen #066]

U_3863_1A_ECC_BARRACUDA_05.IND8Das Piratengenre feiert ein Revival – und das ist gut so. Wobei die Seeräuber und Rum trinkenden Schatzsucher im Comicbereich nie wirklich weg waren. Mit Barracuda (Dargaud) machen Jean Dufaux und Jérémy eine Serie (sechs Bände sind geplant, aber da wäre ich vorsichtig, bei Dufaux kann es mitunter auch mehr werden), die das Genre nicht grundlegend erweitert (auch hier geht es um einen Schatz), aber resolut und mit interessanten Figuren umsetzt. Dufaux hat sich als Meister von Abenteuerserien vor historischen Kulissen erwiesen: Serien wie Murena oder Giacomo C. zählen zum besten, was der Belgier gemacht hat. Erfreulicherweise verzichtet er in Barracuda auf phantastische Elemente (wie im schwächeren Conquistador), es gibt nur wenige magische Elemente. Nun hat die Egmont Comic Collection den fünften Band unter dem Titel „Kannibalen“ auf Deutsch veröffentlicht.

Wenn sich Schicksale und Säbel kreuzen

17. Jahrhundert: Raffy (Sohn des Piraten Blackdog) ist in den Händen der Spanier, nachdem diese Puerto Blanco erfolgreich eingenommen haben und die wollen den Ehebrecher am liebsten massakrieren. Seine Herzensdame Maria del Scuebo und Jean Forehand, die den Roten Falken zu Hilfe ruft, wollen ihn mit den verbliebenen Freunden befreien. Auch Blackdog befindet sich in Gefangenschaft: die kannibalistischen Moori verlangen (wie alle anderen auch) den Diamenten von Kashar. Gibt Blackdog seinen Schatz Preis, um seinen Sohn zu retten und seine Freiheit zu erkaufen? Was hat es mit dem Roten Falken auf sich?

Auch im fünften Band spielt sich alles hauptsächlich auf der Insel ab. Dennoch gibt es einige typische Piratenmomente. Die „Barracuda“ bekommt einen Kurzeinsatz und die Freibeuter kämpfen vereint gegen die Spanier. Die Ereignisse spitzen sich jetzt drastisch zu (Dufaux hat alle Fäden fest in der Hand), so dass im abschließenden sechsten Band das endgültige Finale kommen darf. Der Belgier erzählt sehr rasant (wenig dialogreiche Szenen) und verwendet einen (sparsam eingesetzten) Erzähler. Er wechselt dabei immer wieder die Handlungsebenen und Schauplätze und schafft es, das große Figurenensemble mit Überblick einzusetzen.

Kraftvolle und intensive Bilder

Jérémys Illustrationen bestechen aufgrund intensiver Farben durch eine greifbare Unmittelbarkeit. Seine Zeichnungen sind eindrucksvoll, weil er einen individuellen Strich führt und kraftvolle Bilder schafft, egal ob historische Kleidung, Waffen, Schiffe oder Gebäude, Figuren, Kampfszenen oder ruhige Szenen. Sein großes Vorbild könnte der verstorbene Comiczeichner Philippe Delaby gewesen sein (mit dem Dufaux in Murena und Ritter des verlorenen Landes zusammengearbeitet hat). Das besondere an Jérémys Bildern ist die dichte Atmosphäre, die zwischen Realismus und magischer Entrücktheit oszilliert. Man spürt förmlich den Urwald auf der Insel, das plätschernde Meer und die Energie, die von den Protagonisten ausgeht (dabei ist Jérémy noch ein blutiger Anfänger).

In Barracuda 5 spitzen sich die Handlungen zu, die Spannung erreicht einen vorläufigen Höhepunkt. Dufaux und Jérémy haben alles fest im Griff und bescheren dem Leser beste Piratenkost mit viel Gewalt, interessanten Charakteren und einem magischen Schatz. Was mir auch sehr gut gefallen hat, war das graue Vorsatzpapier, das mit einer Kampfszene (man sieht die Kannibalen-Horde) illustriert ist. Mehr Infos zur Serie gibt es auf der Verlagsseite.

Advertisements

Christin & Juillard: Lena und die drei Frauen [zuletzt gelesen #063]

I3567m Paradies warten die Jungfrauen – das wird islamistischen Selbstmordattentätern gemeinhin versprochen. Doch was ist, wenn es Attentäterinnen sind, die (sich) für den Dschihad töten? Dieser Frage gehen Pierre Christin und André Juillard in Lena et les trois femmes (Dargaud; dt. Lena und die drei Frauen; Salleck Publications) nach. Wer Christin kennt, weiß, dass er ein Faible für politisch brisante und zeitgemäße Themen hat (man denke an seine Politfiktionen mit Enki Bilal aus den 1980er Jahren). Das Album ist keine direkte Fortsetzung von Le long voyage de Léna (Dargaud; dt. Lenas Reise; Carlsen/Salleck Publications), denn dieser Band war in sich abgeschlossen, jedoch erlebt die Titelheldin ein neues Abenteuer, wobei das Album problemlos als eigenständiges Werk gelesen werden kann (deshalb ist das Album auch nicht als Serie durchnummeriert).

From Outback to Paris

Lena ist eine Ex-Geheimagentin, die (nach den Ereignissen von Le long voyage de Léna) ein neues Leben in Australien begonnen hat. Doch dann unterbricht der französische Geheimagent Paul-Marie de Calluire ihre Wüstenrunden, die offenbaren, dass sie vielleicht doch nicht ganz zufrieden ist, mit ihrem Neuanfang. Lena soll noch einmal eine geheime Mission übernehmen, um einen Terroranschlag in Paris zu vereiteln. Gibt sie ihre neue Familie auf? Ist sie bereit, sich in ein Terrornetzwerk einschleusen zu lassen?

Christin und Juillard schildern unaufgeregt, aber (äußerst) stilvoll vom islamistischen Terror. Dabei stehen die Rekrutierung und Ausbildung von Attentätern im Mittelpunkt, was mit einer dokumentarischen Nüchternheit, aber nicht ohne Spannung inszeniert wird. In spröden (vollkommen positiv gemeint), realistischen Sequenzen begleitet der Leser die Titelheldin dabei, wie sie zunächst gebrieft wird und danch bei unspektakulären Wartezeiten oder schweißtreibenden Übungen im Terrorlager teilnimmt.

Die Geschichte erzählt Christin aus der Sicht von Lena, die in prosaischen (und ausführlichen) Texten als Ich-Erzählerin fungiert, wodurch sich Lenas Gefühlsleben vor dem Leser in der Tiefe ausbreitet. Die Namen der titelgebenden drei Frauen bzw. Muslima haben symbolischen Charakter. Dass Halima („sanft, liebich“), Ahlem („Traum“) und Suad („Wohlergehen“) zu Märtyerinnen werden wollen, kann als Widerspruch gedeutet werden, der die Absurdität des Terrors spiegelt.

Stilvoller Polit-Thriller

Die Erzählweise Chrisins unterstreicht dabei perfekt die typischen Illustrationen Juillards. Er führt einen prägnanten, flächigen und spitzen Strich, der in der Tradition der ligne claire steht, die Juillard allerdings verfeinert und erweitert. Die Farben sind flächig, zurückhaltend und realistisch. Die Einstellungen zeigen das Geschehen mit einer eleganten Beiläufigkeit. Auf Effekte verzichtet der Meister. Dabei beherrscht er das Outback genauso stilsicher wie die zerklüftete Lagerlandschaft und die Metropole.

Lena et les trois femmes ist beste Comicunterhaltung aus der Feder zweier Meister, die der Titelheldin aus Le long voyage de Léna eine weitere Geschichte schenken. Ihr Polit-Thriller erscheint quasi-dokumentarisch als stilbewusste Studie des Terrorismus. Die Dialoge einzelner Terroristen ist dabei authentischen Äußerungen entlehnt. Wer sehr gut illustrierte Polit-Thriller mag, sollte sich das Album nicht entgehen lassen. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe und Infos.

Patrice Pellerin: Der Schrei des Falken Gesamtausgabe 3 [zuletzt gelesen #062]

650-307508-20140620133755Exotische Schauplätze, spannende Schatzsuche, ausgefuchstes Katz-und-Maus-Spiel, historisch beeindruckende Bilder und finaler Showdown! Die historisiende Abenteuerserie L’Epervier (Dupuis) von Patrice Pellerin geht in die letzte Runde. Bei comicplus+ ist die Comicserie unter dem Titel Der Schrei des Falken – Gesamtausgabe auf Deutsch in einer edlen Gesamtausgabe erschienen. In drei Bänden liegt der erste Zyklus der Serie vollständig vor (ursprünglich sechs Bände, ebenfalls comicplus+). Der dritte Band der Gesamtausgabe enthält die beiden Bände „Der Schatz am Mahury“ und „Die Tränen des Tlaloc“ sowie Bonusmaterial aus dem französischen Begleitband Archives secrètes.

Exotische Kulisse, historische Pracht und finaler Showdown

Nachdem das Abenteuer in der Bretagne begann und auf hoher See fortgesetzt wurde, landen die Protagonisten 1742 schließlich in Guyana. Yann de Kermeur („Der Falke“) hat die „Pomone“ gestohlen und verfolgt die „Medusa“, die (nachwievor) von den (immer noch) Niederträchtigen Marquis de la Motte und Hervé de Villeneuve gesteuert wird, um die Gräfin Agnès de Kermellec zu befreien und um wieder Herr über sein eigenes (königliches) Schiff zu sein. Doch zunächst holt ihn seine Vergangenheit (und die Intrige) auch in Übersee ein und er wird (wieder einmal) festgenommen und eingesperrt. Währendessen zwingen die Widersacher Kermeurs Mannschaft, gefährliche Tauchgänge in Tonnen durchzuführen, um den Schatz zu bergen. Kann der Falke seine (rechtmäßige) Unschuld beweisen? Die „Medusa“ (samt tapferer Crew) befreien? Und was ist mit dem Schatz (Aztekengold)?

Pellerin streift in dieser Gesamtausgabe nebenbei Themen wie Kolonialisierung und Sklaverei. Der Protagonist erhält dadurch zusätzliche Möglichkeiten zur Demonstration seiner Moralvorstellungen und etabliert sich noch klarer zum integren Helden. Er ist ganz der klassische Held in Reinform, ohne ambivalente Tendenzen und vielschichtige Facetten wie sie der (Anti-)Held der jüngeren Vergangenheit (in der Popkultur) besitzt. Umgekehrt sind die Schurken noch waschechte Schurken, ganz ohne nuancierte Zwischentöne, einfach unmoralisch (zumindest Villeneuve). Komplex sind nicht die Charaktere, sie sind mustergültige Schablonen, allerdings vor einer komplex erzählten und vielschichtig gespinnten Geschichte. Das (und die historische Genauigkeit) macht den Reiz von L’Epervier aus. Beim Frauenbild gibt es jedoch insofern eine Modernisierung, als dass die Gräfin selbstbewusst und mutig auftritt und sogar dem Chevalier das Leben retten darf.

Pellerin führt einen klaren Strich, der sich am Stil seines Vorbilds André Juillard orientiert. Mit einer unnachahmlichen Vorliebe für Details lässt er das 18. Jahrhundert (vor allem die Seefahrt) lebendig werden. Band drei der Gesamtausgabe enthält beeindruckende Bilder von Gebäuden (Kolonialstil), Waffen, Ausrüstung, Urwald, Kleidung und Schiffen. Genial ist beispielsweise auch eine Szene, in der sich Yann mit einem Kajak durch die Mangroven manövriert. Man spürt auf jeder Seite, dass Pellerin befreundete Historiker befragt hat und ausgiebig recherchiert hat. Dieser Umstand und die gewissenhafte Arbeitsweise (Pellerin schreibt, zeichnet und koloriert in Eigenregie!) entschuldigen auch die lange Veröffentlichungsdauer der Einzelbände (alle zwei Jahre erscheint ein neuer Band). In puncto Raumverständnis und Einstellung hat er sich zudem von Jean Giraud (und dessen an den Film angelegtes Panellayout) inspirieren lassen.

Klassiker des Abenteuercomics in edler Ausgabe

Die Aufmachung der Gesamtausgabe lässt keinen Wunsch offen. Der gebundene Band wird auf Vorder- und Rückseite mit Spotlack veredelt. Die wunderschöne Ausgabe wird durch ein leicht strukturiertes, griffiges Vorsatzpapier (hier Dunkelgrün) abgerundet. Das Bonusmaterial enthält einen Kurzcomic sowie illustrierte Erläuterungen über Yann als Korsar und bei Hofe. L’Epervier wurde übrigens gleichnamig verfilmt, nur leider (noch) nicht ins Deutsche synchronisiert.

Der Schrei des Falken – Gesamtausgabe 3 begeistert durch eine spannende Zuspitzung aller vorangegangenen Ereignisse bis zum Finale. Ein erstklassiger Abschluss des ersten Zyklus‘ einer genialen Abenteuerserie. Es wäre mehr als begrüßenswert, wenn auch der zweite Zyklus (bisher zwei Bände) derart prachtvoll zugänglich wird. Auf der Verlagshomepage gibt es mehr Infos zur Gesamtausgabe und beim Comicvertrieb PPM gibt es Leseproben. Für mich ist L’Epervier ohnehin einer der besten Seefahrercomics.

Patrice Pellerin: Der Schrei des Falken Gesamtausgabe 2 [zuletzt gelesen #061]

650-307502Aufgeblähte Segel, steil aufragende Masten, Frauen im Korsett, Schergen mit Perücke und tapfere Narbengesichter. Die historisiende Abenteuerserie L’Epervier (Dupuis) von Patrice Pellerin geht weiter. Bei comicplus+ ist die Comicserie unter dem Titel Der Schrei des Falken – Gesamtausgabe auf Deutsch in einer edlen Gesamtausgabe erschienen. In drei Bänden liegt der erste Zyklus der Serie vollständig vor (ursprünglich sechs Bände, ebenfalls comicplus+). Der zweite Band der Gesamtausgabe enthält die beiden Bände „Die Medusa läuft aus“ und „Verräter an Bord“ sowie Bonusmaterial u.a. aus dem französischen Begleitband Archives secrètes.

Seefahrt-Abenteuer – spannend erzählt und eindrucksvoll illustriert

Pellerin macht genau da weiter, wo er nach den ersten beiden Bänden aufgehört hatte. Bretagne im 18. Jahrhundert: de Kermeur alias „Der Falke“ wird wegen Mordes gesucht und will dennoch seine Crew befreien. Die Gräfin Agnès de Kermellec wurde von ihrem Cousin (Hervé de Villeneuve) niedergeschlagen und erinnert sich nicht mehr an die Vorkommnisse. Gemeinsam mit dem Marquis de la Motte und der „Medusa“ plant de Villeneuve sie in See zu stechen (in Richtung Guyana). Kann der „Falke“ seine (loyale und tapfere) Crew befreien? Schafft er es, wieder (rechtmäßiger) Herr über seine „Medusa“ zu werden? Was hat es mit dem (rätselhaften) Schatz auf sich? Erinnert sich die (hübsche) Gräfin wieder und entlarvt ihren (niederträchtigen) Cousin?

Pellerin erzählt seine fesselnde Geschichte dialogreich und erzähltextarm. Dadurch wirkt das Dargestellte sehr unmittelbar. Aufgrund mehrerer Handlungsebenen und eingebauter Rückblicke verwendet er zudem eine komplexe Erzählweise. Bei den Rückblicken rundet er seine Panels ab, wodurch diese visuell als solche erkennbar sind. Durch das große Figurenensemble und die Schauplatzwechsel sorgt Pellerin für viel Abwechslung und einen stets aufrechterhaltenen Spannungsbogen. Trotz des erzählerischen Anspruchs wirkt die Serie stets überschaubar und spannend.

Die Charakterisierung des Protagonisten erschließt sich indirekt – aus seinen Taten und Worten. Dazu kommen die im Bonusmaterial enthaltenen prägende Lebensstationen (Guyana, Piraten, Galeerensklave, Freiheit), die in Form von Kurzcomics und illustrierten Texten aufgerollt werden und dem Charakter Tiefe verleihen. Die Gesamtausgabe lohnt sich also auch für diejenigen, die die Serie bereits in Einzelbänden besitzen oder schon gelesen haben.

Pellerin führt einen klaren Strich, der sich am Stil seines Vorbilds André Juillard orientiert. Mit einer unnachahmlichen Vorliebe für Details erweckt er das 18. Jahrhundert und die Seefahrt zum Leben. Der zweite Band der Gesamtausgabe enthält beeindruckende Szenen von Schiffen auf hoher See. Man merkt, dass Pellerin befreundete Historiker befragt hat und gewissenhaft recherchiert hat. Dieser Umstand und die ausgefeilte Illustrationskunst (Pellerin schreibt, zeichnet und koloriert in Eigenregie!) entschuldigen auch die lange Veröffentlichungsdauer der Einzelbände (alle zwei Jahre erscheint ein neuer Band). In puncto Raumverständnis und Einstellung hat er sich zudem von Jean Giraud und dessen filmischen Verständnis inspirieren lassen, was vor allem bei den Schiffsmanövern auf hoher See zum Tragen kommt.

Klassiker des Abenteuercomics in schmuckem Gewand

Die Aufmachung der Gesamtausgabe lässt keinen Wunsch offen. Der gebundene Band wird auf Vorder- und Rückseite mit Spotlack veredelt. Die wunderschöne Ausgabe wird durch ein leicht strukturiertes, griffiges Vorsatzpapier (hier Dunkelgrün) abgerundet. L’Epervier wurde übrigens gleichnamig verfilmt, nur leider (noch) nicht ins Deutsche synchronisiert.

Der Schrei des Falken – Gesamtausgabe 2 besticht weiterhin durch (inhaltliche) Vieseitigkeit, (erzählerische) Komplexität, (historische) Authentizität und (visuelle) Finesse. Kurzum: eine anspruchsvolle wie mitreißende Abenteuerserie, die seinesgleichen sucht und comicplus+ veröffentlicht sie in vollendeter Form. Es wäre mehr als begrüßenswert, wenn auch der zweite Zyklus (bisher zwei Bände) derart prachtvoll zugänglich wird. Auf der Verlagshomepage gibt es mehr Infos zur Gesamtausgabe und beim Comicvertrieb PPM gibt es Leseproben. Für mich ist L’Epervier ohnehin einer der besten Seefahrercomics.

Patrice Pellerin: Der Schrei des Falken Gesamtausgabe 1 [zuletzt gelesen #060]

gafalke1Kanonenfeuer und Fechtkunst, schnelle Schiffe und schöne Frauen! Das sind die altbekannten Zutaten für Seefahrerabenteuer. Die historisiende Abenteuerserie L’Epervier (Dupuis) von Patrice Pellerin vereint jedoch nicht nur diese altbekannten Zutaten, sondern bereichert und erneuert das Genre. Die Comicserie ist auf Deutsch in einer edlen Gesamtausgabe unter dem Titel Der Schrei des Falken – Gesamtausgabe bei comicplus+ erschienen. In drei Bänden liegt der erste Zyklus der Serie vollständig vor (ursprünglich sechs Bände, ebenfalls comicplus+). Der erste Band der Gesamtausgabe enthält die ersten beiden Bände („Kermellecs Geheimnis“ und „Der Totenkopf-Felsen“) und Bonusmaterial u.a. aus dem französischen Begleitband Archives secrètes.

Klassisches Abenteuer, komplexe Erzählweise und realistische Illustrationen

Pellerin fackelt nicht lange herum, sondern geht sofort ins Eingemachte: Der Chevalier Yann de Kermeur (ehrenwehrter Kapitän der „Medusa“ mit dem Spitznamen „Der Falke“) will sich vor der bretonischen Küste mit seinem Freund (dem Grafen de Kermellec) treffen. Er findet Kermellec aber sterbend auf, aber dieser verrät ihm noch ein rätselhaftes Geheimnis. Während der wahre Mörder mit einer Tonstatue geflohen ist, wird nun Kermeur für den Mord angeklagt. Die Enkelin (Gräfin Agnès de Kermellec) verständigt den Marquis de la Motte aus Brest, um Kermeur vor Gericht zu bringen. Ihr Cousin (Hervé de Villeneuve) verhält sich indes immer merkwürdiger ihr gegenüber. Indessen lässt der Marquis (in Brest) die „Medusa“ entern und die Crew verhaften. Gelingt dem (unschuldigen) „Falken“ die Flucht? Überlebt die (loyale) Crew die Folter? Was hat es mit der (unscheinbaren) Tonpuppe auf sich? Wer ist der (maskierte) Mörder?

Ohne viel Erzähltext und mit sprudelnden Dialogen nimmt die verschachtelt erzählte Story schnell an Fahrt auf. Dank zahlreicher und wechselnder Schauplätze, parallelen Handlungsebenen und einem reichhaltigen Figurenensemble strickt Pellerin in windeseile ein fesselndes Gespinnst aus (adeliger) Intrige, (ausgefuchsten) Fluchtplänen, (anbahnender) rätselhafter Schatzsuche, (einer Prise) Romantik, (detailgetreuer) Seefahrt, (bewährter) Fecht- und Kampfkunst und (eingeschworener) Seefahrermännlichkeit. Die komplexe Narration und die historische Glaubwürdigkeit hebt L’Epervier weit über den Durchschnitt, wobei es Pellerin gelingt, alles klar und leicht wirken zu lassen – die Story ist nie überfordernd oder unübersichtlich. Einziger Makel sind die zum Teil gesteltzten Sprüche (aber wer weiß schon, wie die Menschen sich damals unterhalten haben).

Das liegt vor allem an seinem klaren Strich, der sich am Stil seines Vorbilds André Juillard orientiert. Ohne Schraffuren, aber mit einer unnachahmlichen Detailverliebtheit, erweckt er die vergangene Epoche zum Leben. Der erste Band der Gesamtausgabe enthält stellenweise atemberaubende Szenen von Schiffen, Schiffswerften und Fachwerkhäusern. Man merkt, dass Pellerin befreundete Historiker befragt hat und gewissenhaft recherchiert hat. Dieser Umstand und die ausgefeilte Illustrationskunst (Pellerin schreibt, zeichnet und koloriert in Eigenregie!) entschuldigen auch die lange Veröffentlichungsdauer der Einzelbände (alle zwei Jahre erscheint ein neuer Band). In puncto Raumverständnis und Einstellung hat er sich zudem von Jean Giraud und dessen filmischen Verständnis inspirieren lassen.

Klassiker des Abenteuercomics in vollendeter Form

Die Aufmachung der Gesamtausgabe lässt keinen Wunsch offen. Der gebundene Band wird auf Vorder- und Rückseite mit Spotlack veredelt. Die wunderschöne Ausgabe wird durch ein leicht strukturiertes, griffiges Vorsatzpapier (hier Dunkelgrün) abgerundet. Dazu enthält der Band als Bonusmaterial Hintergrundinformationen zur Serie und zum Autor sowie einen exklusiven dreiseitigen Comic über die Familie Kermeur. Die Gesamtausgabe lohnt sich also auch für diejenigen, die die Serie bereits in Einzelbänden besitzen oder schon gelesen haben. L’Epervier wurde übrigens gleichnamig verfilmt, nur leider (noch) nicht ins Deutsche synchronisiert.

Der Schrei des Falken – Gesamtausgabe 1 beginnt (inhaltlich) vieseitig, (erzählerisch) komplex, (historisch) authentisch und (zeichnerisch) eindrucksvoll. Kurzum: Pellerin liefert uns eine anspruchsvolle wie mitreißende Abenteuerserie, die seinesgleichen sucht und comicplus+ veröffentlicht sie in schmuckem Gewand. Es wäre mehr als wünschenswert, wenn auch der zweite Zyklus (bisher zwei Bände) derart prachtvoll zugänglich wird. Auf der Verlagshomepage gibt es mehr Infos zur Gesamtausgabe und beim Comicvertrieb PPM gibt es Leseproben. Für mich ist L’Epervier ohnehin einer der besten Seefahrercomics.

Didier Convard: Das geheime Dreieck – Gesamtausgabe 7 [zuletzt gelesen #059]

Krimis sind imm650-308130-20141202084312er wieder faszinierend. Und esoterische Krimis erfreuen sich (nicht erst) seit Dan Brown größter Beliebtheit. Freimaurer, Geheimkulte, ganz klar, das passt hervorragend zum Krimi. Le Triangle Secret (dt. Das geheime Dreieck) ist eine solche esoterische Krimiserie und sie stammt aus der Feder des Comicszenaristen Didier Convard, der dazu mit wechselnden Zeichnern zusammengearbeitet hat. Was ist noch so besonders an der Serie? Die Handlung des Krimis ist eigentlich in der Gegenwart angesiedelt, aber durch Rückblicke in die Geschichte gibt es immer wieder längere Passagen, die in verschiedenen Epochen der Menschheitsgeschichte spielen. Außerdem gibt noch zwei weitere unschlagbare Komponenten. Die eine ist die Vorstellung, dass der Vatikan eine eigene militante Untergrundschwadron unterhält, um seine Ziele mit Gewalt durchzusetzen. Die zweite ist die Thematisierung der Unsterblichkeit, die universell erscheint und eng an Jesus Christus geknüpft wurde.

Überblick über die Serie oder: Was ist bisher passiert?

Der erste Zyklus ist seinerzeit beim ehemaligen Ehapa Verlag erschienen und längst vergriffen. Hier geht es um die „Erste Loge“, die sich als Traditionsahnen von Jesus Christius sehen, aber nicht in religiöser, sondern in wissenschaftlicher Hinsicht. Sie suchen das fünfte Evangelion, das „Narrentestament“, das von einer Verwechslung beim Tode Christi handelt. Gegner sind die „Hüter des Blutes“, die das kirchliche Dogma (Jesus starb am Kreuz und ist wiederauferstanden) mit Gewalt verteidigt.

Ab dem zweiten Zyklus hat comicplus+ das Ruder übernommen. Hier geht es weiterhin um den Kampf zwischen den Parteien. Ein Ritualmörder hackt seinen Opfer die rechte Hand ab und markiert deren Stirne mit einer fünf, die auf die Ritter verweisen, die das Grab von Christi Bruder Thomas gefunden haben. Der zweite Zyklus markiert den Höhepunkt der Serie. Gerade die historischen Episoden sind genial.

Dritter Zyklus „Die Hüter des Blutes“

Mit Le Triangle Secret L’intégrale (dt. Das geheime Dreieck – Gesamtausgabe) liegt nun eine neunbändige edle Gesamtausgabe vor, die auf Deutsch ebenfalls bei comicplus+ erscheint und die Serie in edler Form zugänglich macht. Band 7 der Gesamtausgabe enthält die ersten beiden Einzelbände des dritten Zyklus „Les Gardiens du Sang“ (dt. „Die Hüter des Blutes“), der zeitlich vor den Ereignissen der ersten beiden Zyklen spielt. Von daher kann man den Zyklus im Prinzip ohne Vorkenntnisse bzw. vor den anderen beiden Zyklen lesen, aber davon würde ich trotzdem abraten.

Hier steht Professor Jean Nomane im Fokus, der überraschend nach drei Jahren wieder bei seiner ehemaligen Freundin auftaucht und wegen Mordes an Kardinal Mottelli gesucht wird. Nach und nach wird jedoch klar, dass es eine geschickt eingefädelte Intrige der „Hüter des Blutes“ war, die ihn zum Verdächtigen gemacht hat. Währenddessen forscht eine geheime vatikanische Forschungsgruppe in Kooperation mit einem Schweizer Konzern an einer Essenz für die Unsterblichkeit.

Dialogreich und detailliert

Convard erzählt seine Geschichte hauptsächlich mit dialogreichen Sequenzen. Dadurch werden wir als Leser unmittelbar in das Geschehen hineingeworfen und erfahren nach und nach mehr von den Verstrickungen und Drahtziehern im Hintergrund. Andererseits ist es auch ein erklärungswütiger Erzählstil, man muss viel lesen, was nicht heißt, dass nichts passiert. Im Gegenteil, die Schauplätze ändern sich oft und es passiert viel. Es gibt ein großes Figurenensemble, bei dem man den Überblick bewahren muss. Dennoch macht das alles sehr viel Spaß. Es ist nur kein Comic, den man nebenher oder zwischendurch konsumiert, sondern einer, der die volle Aufmerksamkeit erfordert.

Im Allgemeinen erzählt Convard sehr ruhig, klassisch und spröde, was ich nicht negativ, sondern positiv auslege. Im dritten Zyklus hat er sich jedoch herausgenommen eine Idee drastischer zu werden, was jedoch immer noch im Rahmen bleibt. Denis Falque zeichnet die Gegenwartsepisoden. Er führt einen detailliert-realistischen Strich mit leicht individueller Note, wodurch alles schön übersichtlich bleibt, aber auch reizvoll erscheint. Die Pariser Stadtszenen wirken sehr realistisch und die Figuren haben einen individuellen Stil.

Die historischen Rückblicke werden von wechselnden Zeichnern übernommen und führen uns diesmal zu Cagliostro, der hier als Universalgenie und geistiger Bruder von Christus inszeniert wird. Die ersten historischen Abschnitt hat Patrick Jusseaume gezeichnet, der einen reduzierten Strich plegt, der im Vergleich mit den anderen Zeichnern unspektakulärer und stilisierter wirkt. Den zweiten hat André Juillard (der Meister höchstselbst!) übernommen, der bislang auch schon die Cover illustriert hat und für seinen unnachahmlichen klaren Stil bekannt ist. Während Convard den ersten Rückblick mit Dialogen und Nomane als Erzähler ausstattet, wird der zweite Rückblick ausschließlich von Nomane erzählt. In Voice-Over-Passagen berichtet er von Cagliostros Abenteuer in Ägypten, wobei die Szenen systematisch in seitenbreiten, filmischen Panels angelegt sind. Dadurch wirkt diese Passage schematischer als die erste, die in abwechslungsreichen Panelstrukturen angelegt ist.

Guter Inhalt und schöne Aufmachung

Der siebte Band von Le Triangle Secret L’intégrale verspricht spannende Krimikost, wobei der dritte Zyklus nicht an die herausragende Qualität des zweiten Zyklus anknüpfen kann. Vor allem die historischen Rückblicke waren im zweiten Zyklus beeindruckender. Convard liebäugelt außerdem mit dem Heldenkino, wenn immer wieder Anspielungen auf jenes ausgeprochen werden und es gibt einen stilisierten Vollstrecker. Dennoch wissen auch diese beiden Abenteuer zu fesseln und enthalten einen interessanten Hauptcharakter. Wer nicht genug bekommt vom Le Triangle Secret-Universum, sollte unbedingt zugreifen. Für Schmalspurleser reichen sicherlich auch die ersten beiden Zyklen.

Die Gesamtausgabe erscheint in gebundenen Bänden mit Spotlack und enthält insgesamt neben den drei Zyklen („Das geheime Dreieck“, „I.N.R.I.“ und „Die Hüter des Blutes“) die ersten beiden Bände des Spin-Offs „Hertz“. Jeder Band der Gesamtausgabe ist jeweils auf 1.000 Exemplare limitiert und enthält Bonusmaterial. Diesmal eine bewertende Einordnung des dritten Zyklus, eine Skizze von Jusseaume, eine Studie von Juillard und eine Infobox über Cagliostro. Die wunderschöne Aufmachung wird durch ein leicht strukturiertes Vorsatzpapier (hier Gelb) abgerundet. Beim Verlag gibt es mehr Infos zur Gesamtausgabe und beim Comicvertrieb PPM gibt es (eine) Leseprobe(n).

Lafebre & Zidrou: Lydie [zuletzt gelesen #056]

457 Phantasie? Traum? Was wäre die Welt ohne diese Zutaten? Richtig, ein trostloser Ort. Manchmal kann man sich die Realität einfach nur schönträumen. Und manchmal ist eine Illusion besser als die Wahrheit. In der Tragikomödie wird durch „Flucht nach vorn“ oft ein Ventil geschaffen, um traumatische Erlebnisse zu verarbeiten. Im Film Good Bye, Lenin! von Wolfgang Becker glaubt eine Mutter nach dem Mauerfall immer noch an die Existenz der DDR. Im Spielfilm La vita è bella macht Roberto Benigni den Holocaust zu einem Ausflug mit Tochter. Dabei geht es weniger um die Trivialisierung des Traumas, sondern um die clevere (De-)Konstruktion von Realität. Bei Salleck Publications ist auf Deutsch ein abgescholossener Comic erschienen, der genau in diese Kategorie passt: Lydie von Jordi Lafebre und Zidrou (im Original bei Dargaud erschienen) breitet vor einem tragischen Schicksal eine Geschichte voller Wohlfühlstimmung aus.

Außergewöhnliche Erzählperspektive

Camille erscheint als liebenswerte, jedoch nicht ganz helle junge Frau, die ihr Baby bei der Geburt verliert. Der Vater des Babys ist über alle Berge und ihr eigener Vater vermag es nicht, sie zu trösten. Nach zwei Wochen verkündet sie jedoch voller Euphorie, dass ihr Baby doch überlebt hat und zurückgekehrt ist. Zidrou zeigt sich gleich von Beginn an als gewiefter Erzähler, indem er einen ungewöhnlichen auktorialen Erzähler wählt: eine Marienstatue. Es ist nicht irgendeine Marienstatute. Nein, es ist diejenige, die sich genau in der Gasse befindet, in der Camille lebt.

Anfangs folgt der Leser einer Panelsequenz mit Voice-Over-Passagen der Statue und taucht dadurch in die besagte Gasse ein. Die Erzählerin macht sich einen Spaß und verweist den Leser mit dabei mit einem Augenzwinkern darauf, dass sie sich nicht im gezeigten Panel, sondern oberhalb davon befindet. Der Kniff mit der Erzählerin funktioniert insgesamt sehr gut und Zidrou beutet das Stilmittel nicht weiter unnötig aus, sondern lässt auch die Protagonisten selbst viel zu Wort kommen.

Dezente Farben

Auch in der Panelarchitektur kann sich Zidrou behaupten: Im anfänglichen Schlüsselmoment arbeitet er mit einer Parallelmontage, bei der er auf einer Seite eine Sequenz mit der Geburt von Katzen zeigt, die ertränkt werden, und auf der darauffolgenden Seite, in einer ähnlich strukturierten Sequenz, die Fehlgeburt. Durch diese Gegenüberstellung von zuviel Leben, das von Menschenhand getötet wird, auf der einen Seite und Leben, das sich nie entfalten kann, betont Zidrou die Willkür des Schicksals.

Lafebre illustriert die einfühlsame wie heitere Geschichte durch seine schönen detaillierten Zeichnungen, die im typischen Semi-Funny-Stil gehalten sind, jedoch eine elegante individuelle Note aufweisen. Die Figuren erscheinen dadurch (je nach ihrem Charakter) besonders liebenswürdig oder jähzornig. Auch Lafebres Kolorierung verdient besonderes Lob, denn er versteht es, eine geniale Mischung aus dezenten Farben aufzutragen, die er gelegentlich mit kleinen Schatteneffekten ergänzt. Das wundervolle Artwork passt insgesamt perfekt zur Geschichte.

Lydie ist eine herzerweichende Tragikomödie, die den Leser garantiert ein Lächeln abringt und für alle Fans von Das Nest (von Régis Loisel und Jean-Louis Tripp) eine absolute Pflichtlektüre darstellt. Es gibt auch eine limitierte Vorzugsausgabe mit signiertem Druck und zusätzlichen Skizzenseiten. Beim Verlag gibt es eine Leseprobe.

Schuiten & Peeters: Die Mauern von Samaris [zuletzt gelesen #054]

titel481Die Zutaten lauten „Architektur und Phantastik“. Les Murailles de Samaris (Casterman) von François Schuiten und Benoît Peeters stammt aus den frühen 1980er Jahren und zählt zur Reihe „Les Cités obscures“ (dt. „Die geheimnisvollen Städte“). Nein, dieser Comic zählt nicht nur zur besagten Reihe, sondern läutete sie sogar ein. Alle darauf folgenden Einzelbände von „Les Cités obscures“ beziehen sich inhaltlich nicht aufeinander und haben keine einheitlichen Figuren. Was sie verbindet ist lediglich, dass sie stets phantastisch-mysteriöse Szenarien aufweisen, archetiktonisch reizvolle Fantasiestädte präsentieren und kafkaeske Geschichten erzählen. 2015 ist auf Deutsch eine Neuausgabe bei schreiber&leser erschienen, die nicht nur den Band Les Murailles de Samaris (dt. Die Mauern von Samaris), sondern auch das für die Neuausgabe überarbeitete Episodenfragment Les mystères de Pâhry (dt. Die Geheimnisse von Pahry) enthält.

Biedermeierlich und obskur

In Les Murailles de Samaris verwendet Peeters den Offizier Franz als Ich-Erzähler, der in Retrospektive seine Erlebnisse mit seiner Reise nach Samaris schildert. Es ist eine alternative Realität, die biedermeierlich-phantastisch daherkommt, irgendwo zwischen zurückhaltender Sprödheit (Charaktere) und barockem Bombast (Architektur). Der Protagonist nimmt die beschwerliche Geschäftsreise an, obwohl andere nicht mehr von dort zurückgekommen sind. Anders als in manch darauffolgenden Bänden der „Cités obscures“ erklärt Peeters durch den Ich-Erzähler sehr viel, wodurch sich Les Murailles de Samaris hervorragend zum Einstieg in das Universum eignet.

Schuiten erschafft Samaris als opulente (aber auch monströse) Stadt, die verschiedene Baustile vereint und dadurch eine labyrinthartige Fata Morgana darstellt, in der Franz die Orientierung verliert. Die stilistisch eindrucksvollen Zeichnungen bestechen dabei durch Detailverliebtheit, Strenge, Geometrie, Schraffur und (als Kontrast) dezent aufgetragene, zumt Teil unnatürliche Farben. An der Kolorierung hat schreiber&leser nichts geändert (das hat meine Überprüfung mit der Feest-Ausgabe ergeben), so dass die ursprüngliche Stimmung beibehalten wurde.

Schein und Sein

Les mystères de Pâhry besteht aus vier fragmentarischen und unzusammenhängenden Episoden, die eine Hommage an Paris darstellen („Pâhry“ orientierts sich an der landesüblichen Aussprache von „Paris“ – also ohne „s“ am Schluss). Der Grundgedanke der Autoren war, eine Stadt voller Geheimgänge als eine Art Organismus zu entwerfen. Die Episoden weisen alle Zutaten typischer „Les Cités obscures“-Bände auf, wobei die ersten drei schwarzweiß sind und die vierte farbig illustriert wurde. Wer die anderen Bände der Reihe kennt, wird das ein oder andere Motiv vielleicht wiedererkennen.

Was Les Murailles de Samaris und Les mystères de Pâhry eint, ist das buchstäbliche Offenlegen von Strukturen, die sich hinter illusorischen Fassaden verbergen, was allegorisch ausgelegt werden kann. Was ist Schein? Was ist Sein? Was macht Realität aus? Was verbirgt sich hinter selbstverständlichen Oberflächen? Während sich Les Murailles de Samaris hervorragend zum Einstieg in die Reihe eignet, stellt Les mystères de Pâhry lediglich eine nette Fingerübung der Autoren dar, die vor allem für Komplettisten interessant sein dürfte. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe und alle andere erschienen Neuausgaben der beeindruckenden „Cités obscures“.

Lupano & Cauuet: Die alten Knacker 1 – Die übrig bleiben [zuletzt gelesen #053]

01Alte Menschen stehen nicht so oft im Zentrum von (Comic-)Geschichten: Sie sind langsam, gebrechlich, hören schlecht… das absolute Gegenteil des Standardhelden! Doch es gibt trotzdem Comics, in denen alte Menschen die Protagonisten sind. In Enki Bilal und Pierre Christins Les Phalanges de l’Ordre Noir (dt. Der Schlaf der Vernunft) treffen sich gealterte Anarchisten, um gegen den Faschismus zu kämpfen (selten so gelacht!), in Pascal Rabatés Les Petits Ruisseaux (dt. Bäche und Flüsse) startet ein Rentner sein Leben noch einmal neu oder in Paco Rocas Arrugas (dt. Kopf in den Wolken) büchsen Geleichgesinnte aus dem Altenheim aus. Und Les Vieux Fourneux (Dargaud) von Wilfred Lupano und Paul Cauuet (dt. Die alten Knacker 1 – Die übrig bleiben, Splitter Verlag) ist eine sozialkritische Komödie zwischen Altersheim, Schwangerschaft und Road Trip.

Flucht nach vorn

Lupano erzählt mit aller Übersicht und sprudelnden Dialogen von den Siebzigjährigen Pierrot, Mimile und Antoine, die sich seit ihrer Kindheit kennen. Ohne Erzähltext und mit wenigen Rückblenden schreitet die Geschichte linear und schwungvoll voran. Der Tod von Antoines Frau Lucette wird zum Ausgangspunkt für einen haarsträubenden Road Trip. Aufgrund des Inhalts eines hinterlassenen Briefes, lässt Antoine mir-nichts-dir-nichts alles stehen und liegen, um mit einem Gewehr nach Italien zu fahren.

Dabei arbeitet Lupano mit Situationskomik und kokettiert mit dem Altsein, indem die schrulligen Charaktere noch einmal ordentlich „auf den Putz hauen“. Antoines hochschwangere Enkelin Sophie steigt gemeinsam mit den anderen beiden „alten Knackern“ in ihren Theaterbus, um die Verfolgungsjagd aufzunehmen. Dabei fungiert sie als sozialkritisches Sprachrohr, indem sie die Fehler der älteren Generation aufzählt. Es ist eine irrwitzige Geschichte mit sympathischen Charakteren und feinem Humor.

Farben- und lebensfroh

Dabei überzeugt Les Vieux Fourneux mit einem übersichtlichen und angenehm gestaltetem Seitenlayout. Es dominieren große Panels, wobei die Panelart variiert. Dazu besticht der Auftaktband durch schöne Illustrationen: Cauuet führt einen detaillierten, karikierenden Strich und verwendet dabei flächige, bunte Farben, die perfekt zur Geschichte passen und eine harmonische, gute Stimmung verbreiten.

Lupano und Cauuet inszenieren vorzüglich eine Mischung aus Generationenkonflikt, Humor und ungebremster Leidenschaft. Les Vieux Fourneux beginnt zwar mit dem Tod, aber besteht dennoch nur aus einer lebensbejahenden Essenz, die wie die aufgehende Sonne in der Toskana wirkt, wie eine wohltuende Verjüngungskur mit Hirn und Charme! Hier geht’s zur Leseprobe bei Splitter.

Media Monday #215 u.a. über unrealistische Szenen, Parodien, Buchvorlagen und exklusive TV-Serien

Schon wieder beginnt eine neue Woche. Bei dem genialen Sommer momentan (keine Ironie! Ich genieße das heiße Wetter in vollen Zügen!) komme ich noch weniger zum Filmeschauen als sonst. Dabei würde mich Ant-Man schon interessieren. Dafür hab‘ ich ein paar gute Comics gelesen. Der Fortsetzungsband von The Wicked + The Divine (für diejenigen, die nicht wissen, wovon ich spreche, ist hier meine Review zum ersten Band) hat mir vor allem erzählerisch und (wieder) stilistisch gut gefallen, allerdings muss die Serie im nächsten Band einen Zahn zulegen. Denn jetzt, wo alle Pop-Götter definiert sind, ist es Zeit, dass sich das Geplänkel Form annimmt, sonst wird’s doch langweilig. Apropos Geplänkel, genug Vorspiel, hier sind meine Antworten zum heutigen Media Monday vom Medien_Journal.

Media Monday #215

1. Ein aufgrund von Handfeuerwaffen explodierendes Auto wird eigentlich in Filmen/Serien immer dermaßen unrealistisch dargestellt, denn Autos sind dermaßen kompakt, dass sie nicht gleich explodieren. Klar, der Tank entündet sich schon, aber dann würde das Auto erstmal brennen. Auch die Explosionen selber sind meist übertrieben.

2. Ralph Azham von Lewis Trondheim ist in meinen Augen eine der besten Parodien, denn die Fantasy-Serie ist zum Totlachen und ernst zugleich. Abenteuer, Gefahren und Verluste gehen mit aberwitzigen und haarsträubenden Szenen und Dialogen einher.

3. Enemy von Denis Villeneuve hätte ein wenig mehr erzählerischer Feinschliff gut getan, denn das Mystery-Drama verläuft sich im prätentiösen Einerlei ohne Spannungsbogen.

4. Do Androids Dream of Electric Sheep ist als Buch(reihe) noch weitaus überzeugender als Blade Runner, schließlich hat Ridley Scott die philosophischen Aspekte in seiner Filmadaption vollständig untergraben.

5. NBA Live von EA Sports schlug mich als Spiel lange Zeit in seinen Bann, denn früher hatte ich noch eine Playstation und als Basketballer lag war das Spiel Pflicht, weil man mit seinem Lieblingsteam eine ganze Saison spielen konnte mit allem drum und dran (Draft, Spielerwechsel etc.).

6. Von den ganzen Netflix, Amazon- und sonstwas-exklusiven Serien interessiert mich langfristig Ridley Scotts Adaption von The Man in the High Castle, einem der wenigen bekannten Romane Dicks, die ich noch nicht gelesen habe.

7. Zuletzt habe ich die Cromwell Stone Gesamtausgabe von Andreas gelesen und das war schmerzhaft-gut, weil die detailversessene Zeichenkunst mit einer einmaligen Vorliebe für Strenge, Geometrie und einem Wechselspiel aus Symmetrie und Asymmetrie, das fabulierfreudige und spannungerzeugende Storytelling und das innovative Panellayout derart einen vom Hocker reißen. Wer sich für rätselhafte Phantastik von klassischer Qualität interessiert, sollte hier unbedingt zuschlagen!.