Runberg & Martin: Weiße Felder [zuletzt gelesen #067]

weisse_felderWer kennt das nicht? Man hat sich ein Projekt vorgenommen, kommt aber nicht wirklich voran. Egal, was man unternimmt, es ist wie blockiert. Doch was passiert, wenn aus der Blockade eine ausgewachsene Schaffenskrise wird? Wenn es kein kleines Projekt, sondern im Grunde hakt und alles in Frage gestellt ist? Cases Blanches (Bamboo Édition) von Sylvain Runberg und Olivier Martin beleuchtet diese Frage im Kontext eines Comiczeichners, der einfach nicht über die erste Seite eines neuen Bandes hinauskommt. Die Graphic Novel ist 2015 beim Splitter Verlag auf Deutsch unter dem Titel Weiße Felder erschienen.

Wenn der Erfolg drückt

Eigentlich kann sich Vincent Marbier überhaupt nicht beklagen: Nachdem er jahrelang nur Durchschnittsserien gezeichnet hatte, konnte er mit seinem Fantasy-Auftaktband „Der Pfad der Schatten“ einen Sensationserfolg verbuchen. Der Autor, sein Verlag und die Fans drängen nun auf den Fortsetzungsband, aber Marbier hat gerade mal mit den ersten Panels begonnen und dabei rückt der Abgabetermin immer näher. Doch ihm scheint die Inspiration zu fehlen. Kürzlich hat er sich auch von seiner Frau scheiden lassen. Steckt er in einer vorübergehenden Schaffens- oder existenziellen Lebenskrise?

Runberg erzählt behutsam die Geschichte vom Scheitern. Dabei bleiben den Lesern die Gedanken des Protagonisten verwehrt, da Runberg auf einen Erzähltext verzichtet. So rätselt der Leser genauso wie die Freunde und Kollegen des Protagonisten, was mit diesem los ist. Das besondere an Weiße Felder ist der Realismus, der keine Stilisierung des Protagonisten oder stereotypische Erfolgsgeschichte zulässt, sondern das Thema „Scheitern“ ernst nimmt und von verschiedenen Seiten durchdringt. Die künstlerische Angst vor den titelgebenden „Feldern“ wächst zu einer Sinnkrise heran. Im Anschluss an die Geschichte hat Runberg ein Interview mit den beiden Autoren von „Der Pfad der Schatten“ verfasst.

Hauchzarte Farben contra weiße Felder

Martin illustriert die Geschichte in nur minimal kolorierten Bildern. Hauchzart deuten sich hier und da Farbtöne an, die dezent Akzente setzen. Der detaillierte Zeichenstil erscheint leicht skizzenhaft und minimal stilisiert. Die freien Flächen sind entweder weiß oder nuanciert aquarelliert. Durch die leeren Flächen gibt es einen starken Kontrast (vielleicht ja auch bewusst ein Kontrast „weiße Felder“ und „zarte Farben“?). Die gefälligen Bilder spenden insgesamt eine dichte Atmosphäre und illustrieren stimmungsvoll die Geschichte.

Weiße Felder ist ein gelunges Künstlerdrama mit einem interessanten Einblick in die Mechanismen der Comicindustrie und einem tiefgehenden Eindruck in die Zeichnerseele. Garantiert nicht nur für Comicnerds, sondern auch für Liebhaber von Gegenwartsdramen im Allgemeinen eine interessante Leseempfehlung. Wie viel Autobiographisches uns dabei Runberg offenbart, bleibt dessen Geheimnis (aus der Graphic Novel geht jedenfalls nichts hervor). Beim Verlag gibt es weitere Infos und eine Leseprobe.

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4 Kommentare

  1. stiefelniels · November 8, 2015

    Hi, ich habe dich für den Liebster Award nominiert:
    https://tarankino.wordpress.com/2015/11/08/liebster-award-vom-filmaffen/

    Gefällt 1 Person

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