Charles Burns: Zuckerschädel [zuletzt gelesen #065]

9783956400346Es gibt Stories (egal ob Comic, Literatur oder Film), die sind glasklar erzählt und leicht verständlich. Alles, was dargestellt wird, bedeutet genau das und sonst nichts anderes. Die Handlung ist linear und es gibt keine weiteren Bedeutungsebenen. Dann gibt es Stories, die sind genau das Gegenteil: symbolisch aufgeladen, bedeutungsschwanger, verstörend – kurzum: interpretationsbedürftig. Sugar Skull (Pantheon Books) von Charles Burns zählt zu diesen Werken. Auf Deutsch ist die Graphic Novel unter dem Titel Zuckerschädel bei Reprodukt erschienen. Sie schließt eine Mystery-Trilogie ab, die mit X’ed Out (dt. X) begann und mit The Hive (dt. Die Kolonie) fortgesetzt wurde und eine bizarre Achterbahnfahrt zwischen Realität und Fiktion darstellt.

David Lynch in der Interzone

Doug (Fotograf und Beat-Poet) ist inzwischen gealtert und nicht mehr mit Sarah zusammen. Er wirkt immer noch sensibel und unsicher, hat mit Sally jedoch eine verständnisvolle Freundin und ist clean. Dennoch kommt er nicht ganz von Sarah los. Vor allem ein Konzertbesuch schleudert ihn wieder in vergangene Zeiten zurück. Auch seine Alpträume von seinem toten Vater suchen in noch heim. In einer grotesken Parallelwelt voller Echsenmenschen und mysteröser Eier spitzen sich die Ereignisse um Dougs Alter Ego Johnny indes zu.

Was soll diese verstörende Parallelwelt, deren Vorbild die Interzone aus William S.Burroughs Cut-Up-Kultroman Naked Lunch sein könnte (in beiden Fällen gibt es Echsenwesen und verschiedene Realitätsebenen). Ist sie eine parabelhafte Realitätsebene, um Dougs Gefühlswelt in der Wirklichkeit zu spiegeln? Ist sie eine drogeninduzierte Halluzination? Oder ist sie die eigentliche Realität und die Wirklichkeit nur Traum? In Zuckerschädel gibt Burns schließlich die Antwort auf diese Fragen, indem sich die Ebenen inhaltlich überlappen (oder doch nicht?). Die Wirklichkeit erscheint indes beklemmend und bedrohlich, wie ein Film von David Lynch.

Burns erzählt seine kafkesk-groteske Trilogie sprunghaft, assoziativ und verschachtelt. Auch in Zuckerschädel verlaufen die Übergänge zwischen fiktiver Parallelwelt und Wirklichkeit fließend. Dazu kommen Traumsequenzen, Rückblicke und Comic-im-Comic-Sequenzen (Sarah liest Comicromanzen, die Ausdruck für ihre vernachlässigten Gefühle sind), die die Story zusätzlich komplexer gestalten. Im Gegensatz dazu stehen die klaren Zeichnungen und geordneten Panels, die für Ruhe und Übersicht sorgen.

Neo Noir meets ligne claire

Burns verwendet zwei verschiedene Zeichenstile für beide Realitätsebenen. Die Wirklichkeit ist in seinem typisch düsteren Neo-Noir-Strich mit flächigen Farben und hartem Kontrast bzw. dunklen Schatten gezeichnet, wohingegen er die Parallelwelt im reduzierten ligne-claire-Strich zeichnet. Es ist keine bloße Anlehnung, sondern ein bewusstes Zitat, da Johnny tatsächlich stark an Tintin von Hergé erinnert (in der Wirklichkeit trägt Doug ein T-Shirt mit einem ikonisierten Tintin-Emblem). Die Parallelwelt wirkt karg und (aufgrund antinaturalistischer Farben) bizarr, wohingegen die Realität stilisiert und düster erscheint. Alleine das Artwork hat seine ganz eigene Sogkraft, die sich mit dem narrativen Strudel multipliziert.

Mit Zuckerschädel bietet Burns genug Antworten auf die Fragen, die er in den ersten Bänden aufgeworfen hat, um seine Leser zufriedenzustellen. Dennoch bleibt noch ein kleiner Interpretationsspielraum für jene, die gerne über Sinn und Unsinn grübeln. Insgesamt ist es eine hypnotisierende Trilogie aus einem Guss, die das Genre und das Medium erneuert. Sicherlich nichts für schwache Nerven oder Freunde von linearen Geschichten. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe.

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