Lorenz & Kreitz: Rohrkrepierer [zuletzt gelesen #064]

9783551783783Herbertstraße, Tauschwirtschaft, vaterlose Familien, Großmütter mit Feldstecher, Prinz Eisenherz und Catcher… Das St. Pauli der Nachkriegsjahre hat viele Gesichter, zumindest in der Graphic Novel Rohrkrepierer (Carlsen) von Isabel Kreitz. Die deutsche Comiczeichnerin hat für diese Milieustudie den gleichnamigen autobiographischen Roman von Konrad Lorenz adaptiert. Kreitz ist ja bereits eine (prämierte) Expertin, was historische Stoffe angeht. Die Sache mit Sorge ist ein ausgefeilter Spionage-Thriller, der während des Zweiten Weltkriegs spielt, Haarman (mit Peer Meter) eine geniale Studie eines historischen deutschen Serienmörders. Darüber hinaus hat sie Erich Kästners Pünktchen und Anton, Emil und die Detektive und Der 35. Mai als Comics adaptiert. In Rohrkrepierer entsteht ein Gesellschaftsbild zwischen Kleinbürgertum und Großstadtleben.

Sittengemälde und Coming-Of-Age

Rohrkrepierer ist nicht nur eine historische Mileu-Studie der Hamburger Nachkriegsjahre, sondern in erster Linie ein Coming-Of-Age-Drama über Kalle, den der Leser von der Schulzeit bis zur Wehrdienstzeit (die als Matrose umgeht) begleitet. Als Schüler lernt Kalle zum ersten Mal seinen Vater kennen, der als amerikanischer Kriegsgefangener heimkehrt. Als Teenager dreht sich alles um Ausgehen, die erste Liebe und sexuelle Erfahrungen („Rohrkrepierer“). Kalle ist ein sensibler wie lebensfroher Junge, der viele Achterbahnfahrten erlebt und mit seinen Erfahrungen reift.

Kreitz adaptiert den Roman ohne Erzähltext. In dialogreichen Szenen taucht der Leser in die völlig eigentümliche Welt von St. Pauli ein, in der der von der Damenwelt begehrte Arzt seine Hausbesuche macht, die Großmutter mit dem Feldstecher alles im Blick behält und gewissenhaft notiert, der Viertel-Schläger Ratten im Rohr fängt und dann gegen die Wand wirft („Rohrkrepierer“), Zigaretten als Zahlungsmittel fungieren und die Schüler das Catch-Turnier sehen wollen und um Prinz Eisenherz-Comics wetten. Es gibt insgesamt drei größere Lebensabschnitte Kalles und diese sind teils mit Sprüngen und verschiedenen Handlungsebenen versehen. Das macht die Erzählung vielschichtig und anspruchsvoll.

Parallelen zu Kästners Kinderbücher liegen nahe. Einige Dialoge weisen zudem Hamburger Dialekt auf und es wird gesungen. Das macht die Geschichte authentisch und lebendig, erfordert aber auch die Mitarbeit des Lesers, denn der Dialekt ist nicht immer einfach zu verstehen. Auch das große Figurenensemble und die wechselnden Handlungsebenen erfordern hohe Konzentration, um den Überblick zu bewahren, so dass sich die Graphic Novel nicht als Lektüre für Zwischendurch anbietet. Positiv formuliert: Die Graphic Novel besitzt alle Qualitäten eines historischen Romans.

Historische Lebendigkeit und dichte Atmosphäre

Auch die (ausgefeilte) Zeichenkunst Kreitz‘ erfordert die vollständige Aufmerksamkeit des (geneigten) Lesers. Die detailreichen und gut recherchierten Schwarzweißzeichnungen bestechen durch einen individuellen Strich. Die Bleistiftzeichnungen sind aufgrund von Schraffuren und Grauflächen nuanciert und nicht kontrastreich. Das historische St. Pauli-Viertel erscheint getreu und lebendig. Die Darstellung von Mode, Mobiliar, Kleidung und Straßenansichten beeindrucken durch Glaubwürdigkeit und Finesse. Bei den Figuren hatte ich manchmal das Problem, die Gesichter sofort richtig zuzuordnen, aber das liegt an der Detailfülle der Illustrationen.

Rohrkrepierer ist zugleich ausgefeilt illustrierte Comicliteratur, abwechslungsreiches Coming-of-Age-Drama und lebendiges Sittengemälde. Von Beginn an erzeugt Kreitz eine starke Sogwirkung, die den Leser tief in die verganene Zeit eintauchen lässt. Es macht sehr viel Spaß, dem Protagonisten beim Älterwerden und Heranreifen zuzusehen und die Eigentümlichkeiten des Hamburger Stadviertels kennenzulernen. Die Lektüre erfordert aufgrund der detaillierten Zeichnungen und anspruchsvollen Erzählweise jedoch auch die volle Aufmerksamkeit des Lesers. Auf der Verlagsseite gibt es alle Infos zur Graphic Novel.

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