Christin & Juillard: Lena und die drei Frauen [zuletzt gelesen #063]

I3567m Paradies warten die Jungfrauen – das wird islamistischen Selbstmordattentätern gemeinhin versprochen. Doch was ist, wenn es Attentäterinnen sind, die (sich) für den Dschihad töten? Dieser Frage gehen Pierre Christin und André Juillard in Lena et les trois femmes (Dargaud; dt. Lena und die drei Frauen; Salleck Publications) nach. Wer Christin kennt, weiß, dass er ein Faible für politisch brisante und zeitgemäße Themen hat (man denke an seine Politfiktionen mit Enki Bilal aus den 1980er Jahren). Das Album ist keine direkte Fortsetzung von Le long voyage de Léna (Dargaud; dt. Lenas Reise; Carlsen/Salleck Publications), denn dieser Band war in sich abgeschlossen, jedoch erlebt die Titelheldin ein neues Abenteuer, wobei das Album problemlos als eigenständiges Werk gelesen werden kann (deshalb ist das Album auch nicht als Serie durchnummeriert).

From Outback to Paris

Lena ist eine Ex-Geheimagentin, die (nach den Ereignissen von Le long voyage de Léna) ein neues Leben in Australien begonnen hat. Doch dann unterbricht der französische Geheimagent Paul-Marie de Calluire ihre Wüstenrunden, die offenbaren, dass sie vielleicht doch nicht ganz zufrieden ist, mit ihrem Neuanfang. Lena soll noch einmal eine geheime Mission übernehmen, um einen Terroranschlag in Paris zu vereiteln. Gibt sie ihre neue Familie auf? Ist sie bereit, sich in ein Terrornetzwerk einschleusen zu lassen?

Christin und Juillard schildern unaufgeregt, aber (äußerst) stilvoll vom islamistischen Terror. Dabei stehen die Rekrutierung und Ausbildung von Attentätern im Mittelpunkt, was mit einer dokumentarischen Nüchternheit, aber nicht ohne Spannung inszeniert wird. In spröden (vollkommen positiv gemeint), realistischen Sequenzen begleitet der Leser die Titelheldin dabei, wie sie zunächst gebrieft wird und danch bei unspektakulären Wartezeiten oder schweißtreibenden Übungen im Terrorlager teilnimmt.

Die Geschichte erzählt Christin aus der Sicht von Lena, die in prosaischen (und ausführlichen) Texten als Ich-Erzählerin fungiert, wodurch sich Lenas Gefühlsleben vor dem Leser in der Tiefe ausbreitet. Die Namen der titelgebenden drei Frauen bzw. Muslima haben symbolischen Charakter. Dass Halima („sanft, liebich“), Ahlem („Traum“) und Suad („Wohlergehen“) zu Märtyerinnen werden wollen, kann als Widerspruch gedeutet werden, der die Absurdität des Terrors spiegelt.

Stilvoller Polit-Thriller

Die Erzählweise Chrisins unterstreicht dabei perfekt die typischen Illustrationen Juillards. Er führt einen prägnanten, flächigen und spitzen Strich, der in der Tradition der ligne claire steht, die Juillard allerdings verfeinert und erweitert. Die Farben sind flächig, zurückhaltend und realistisch. Die Einstellungen zeigen das Geschehen mit einer eleganten Beiläufigkeit. Auf Effekte verzichtet der Meister. Dabei beherrscht er das Outback genauso stilsicher wie die zerklüftete Lagerlandschaft und die Metropole.

Lena et les trois femmes ist beste Comicunterhaltung aus der Feder zweier Meister, die der Titelheldin aus Le long voyage de Léna eine weitere Geschichte schenken. Ihr Polit-Thriller erscheint quasi-dokumentarisch als stilbewusste Studie des Terrorismus. Die Dialoge einzelner Terroristen ist dabei authentischen Äußerungen entlehnt. Wer sehr gut illustrierte Polit-Thriller mag, sollte sich das Album nicht entgehen lassen. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe und Infos.

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