Patrice Pellerin: Der Schrei des Falken Gesamtausgabe 2 [zuletzt gelesen #061]

650-307502Aufgeblähte Segel, steil aufragende Masten, Frauen im Korsett, Schergen mit Perücke und tapfere Narbengesichter. Die historisiende Abenteuerserie L’Epervier (Dupuis) von Patrice Pellerin geht weiter. Bei comicplus+ ist die Comicserie unter dem Titel Der Schrei des Falken – Gesamtausgabe auf Deutsch in einer edlen Gesamtausgabe erschienen. In drei Bänden liegt der erste Zyklus der Serie vollständig vor (ursprünglich sechs Bände, ebenfalls comicplus+). Der zweite Band der Gesamtausgabe enthält die beiden Bände „Die Medusa läuft aus“ und „Verräter an Bord“ sowie Bonusmaterial u.a. aus dem französischen Begleitband Archives secrètes.

Seefahrt-Abenteuer – spannend erzählt und eindrucksvoll illustriert

Pellerin macht genau da weiter, wo er nach den ersten beiden Bänden aufgehört hatte. Bretagne im 18. Jahrhundert: de Kermeur alias „Der Falke“ wird wegen Mordes gesucht und will dennoch seine Crew befreien. Die Gräfin Agnès de Kermellec wurde von ihrem Cousin (Hervé de Villeneuve) niedergeschlagen und erinnert sich nicht mehr an die Vorkommnisse. Gemeinsam mit dem Marquis de la Motte und der „Medusa“ plant de Villeneuve sie in See zu stechen (in Richtung Guyana). Kann der „Falke“ seine (loyale und tapfere) Crew befreien? Schafft er es, wieder (rechtmäßiger) Herr über seine „Medusa“ zu werden? Was hat es mit dem (rätselhaften) Schatz auf sich? Erinnert sich die (hübsche) Gräfin wieder und entlarvt ihren (niederträchtigen) Cousin?

Pellerin erzählt seine fesselnde Geschichte dialogreich und erzähltextarm. Dadurch wirkt das Dargestellte sehr unmittelbar. Aufgrund mehrerer Handlungsebenen und eingebauter Rückblicke verwendet er zudem eine komplexe Erzählweise. Bei den Rückblicken rundet er seine Panels ab, wodurch diese visuell als solche erkennbar sind. Durch das große Figurenensemble und die Schauplatzwechsel sorgt Pellerin für viel Abwechslung und einen stets aufrechterhaltenen Spannungsbogen. Trotz des erzählerischen Anspruchs wirkt die Serie stets überschaubar und spannend.

Die Charakterisierung des Protagonisten erschließt sich indirekt – aus seinen Taten und Worten. Dazu kommen die im Bonusmaterial enthaltenen prägende Lebensstationen (Guyana, Piraten, Galeerensklave, Freiheit), die in Form von Kurzcomics und illustrierten Texten aufgerollt werden und dem Charakter Tiefe verleihen. Die Gesamtausgabe lohnt sich also auch für diejenigen, die die Serie bereits in Einzelbänden besitzen oder schon gelesen haben.

Pellerin führt einen klaren Strich, der sich am Stil seines Vorbilds André Juillard orientiert. Mit einer unnachahmlichen Vorliebe für Details erweckt er das 18. Jahrhundert und die Seefahrt zum Leben. Der zweite Band der Gesamtausgabe enthält beeindruckende Szenen von Schiffen auf hoher See. Man merkt, dass Pellerin befreundete Historiker befragt hat und gewissenhaft recherchiert hat. Dieser Umstand und die ausgefeilte Illustrationskunst (Pellerin schreibt, zeichnet und koloriert in Eigenregie!) entschuldigen auch die lange Veröffentlichungsdauer der Einzelbände (alle zwei Jahre erscheint ein neuer Band). In puncto Raumverständnis und Einstellung hat er sich zudem von Jean Giraud und dessen filmischen Verständnis inspirieren lassen, was vor allem bei den Schiffsmanövern auf hoher See zum Tragen kommt.

Klassiker des Abenteuercomics in schmuckem Gewand

Die Aufmachung der Gesamtausgabe lässt keinen Wunsch offen. Der gebundene Band wird auf Vorder- und Rückseite mit Spotlack veredelt. Die wunderschöne Ausgabe wird durch ein leicht strukturiertes, griffiges Vorsatzpapier (hier Dunkelgrün) abgerundet. L’Epervier wurde übrigens gleichnamig verfilmt, nur leider (noch) nicht ins Deutsche synchronisiert.

Der Schrei des Falken – Gesamtausgabe 2 besticht weiterhin durch (inhaltliche) Vieseitigkeit, (erzählerische) Komplexität, (historische) Authentizität und (visuelle) Finesse. Kurzum: eine anspruchsvolle wie mitreißende Abenteuerserie, die seinesgleichen sucht und comicplus+ veröffentlicht sie in vollendeter Form. Es wäre mehr als begrüßenswert, wenn auch der zweite Zyklus (bisher zwei Bände) derart prachtvoll zugänglich wird. Auf der Verlagshomepage gibt es mehr Infos zur Gesamtausgabe und beim Comicvertrieb PPM gibt es Leseproben. Für mich ist L’Epervier ohnehin einer der besten Seefahrercomics.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s