Sebastiano & Lorenzo Toma: Der Himmel über Berlin [zuletzt gelesen #058]

u1_mykPoetisch. Meditativ. Innovativ. Ohne jeden Zweifel ganz großes Autoren-/Kunstkino. Einer jener Filme, für die man die passende Stimmung mitbringen muss, aber für die Ewigkeit gedreht. Ja, Wim Wenders‘ Der Himmel über Berlin (1987) ist eines jener Filmgedichte, wie sie nur wenige Regisseure vollbringen. Andrej Tarkowski oder Terrence Malick sind solche Filmpoeten, die das Kino als sequentielle Verquickung aus Fotografie und Literatur interpretieren. Solche Filmregisseure stehen für anspruchsvolle Werke, die für eine assoziierende Bildsprache und Erzählweise stehen, wobei die Gedanken- und Gefühlsewelt der Protagonisten im Vordergrund steht und die Handlung vernachlässigt wird. Dadurch gelingen diesen Filmemachern tiefgehene Arbeiten, die zum (Mit-)Denken bewegen, grundlegende Fragen des Lebens behandeln und hypnotische Bilder enthalten. Das alles vermag eben auch Der Himmel über Berlin. Und nun haben Sebastiano & Lorenzo Toma diesen Film als Graphic Novel neu interpretiert.

Meisterwerk des Kinos im neuen Gewand

Die phantastische Geschichte dreht sich um die beiden Engel Damiel und Cassiel, die als schweigende Wächter die Menschen im Alltag begleiten. Sie hören ihre Gedanken und Gefühle, ohne eingreifen oder Trost spenden zu können. Damiel verliebt sich in die Trapezartistin Marion und hadert damit, selbst Mensch zu werden. Ein auktorialer Erzähler führt uns die Geschichte ein, nur um sich allsbald zu verabschieden und uns allein mit den Gedanken der Protagonisten und Menschen zu lassen, denen die Engel unmittelbar in der U-Bahn, auf der Straße oder in Wohnungen begegnen. Dazwischen tauschen sich die Engel in Dialogen aus und auch Lieder und kurze wiederkehrende Gedichtpassagen sorgen für eine abwechslungsreiche Erzählweise.

Zum 70. Geburtstag von Wim Wenders hat Jacoby & Stuart deren freie Graphic-Novel-Interpretation von Der Himmel über Berlin  veröffentlicht. Eine (wohltuende) Neuinterpretation der Toma-Brüder stellt die Verlagerung des Settings in das Berlin der Gegenwart dar. Dadurch ergeben sich zwangsläufit weitere künstlerische Freiräume, da sich seit den 1980er Jahren vieles verändert hat. So gibt es beispielsweise ein Szene am Holocaust-Mahnmal. Und auch sonst übertragen die Toma-Brüder nicht alle Szenen eins-zu-eins in ihre Graphic Novel, was ihrem Werk Originalität verleiht und von der Vorlage erfrischend abhebt.

Momentaufnahmen für die Ewigkeit

Streng genommen handelt es sich bei Der Himmel über Berlin der Toma-Brüder um keinen Comic. Es gibt keine Panels und keine Panelabfolgen, also auch keine Sequenzen. Die dargestellten Szenen nehmen oft eine ganze Seite ein. Manchmal überlagern sich Szenen oder Szenenmotive blendenartig, aber in der Regel arbeiten die Toma-Brüder mit starren Momentaufnahmen, die sich Kunstgemälden ähnlich tief einprägen, jedoch auf der anderen Hand kein dynamisches Potential bergen. Die Szenen wechseln zwar stets die Schauplätze, aber eine richtige sequentielle Abfolge ist nicht in Reinform vorhanden. Das schmälert den Lesegenuss jedoch nicht, da es sich um eine surreale Geschichte mit Tiefgang handelt.

Dazu enthält die Graphic Novel keine Sprech- und Gedankenblasen. Der Text wird frei in den ohnehin flächigen und leeren Hintergrund gesetzt, was die Strenge zusätzlich betont und ein weiteres Indiz für eine comicunübliche Form ist und die Notwendigkeit des Begriffs „Graphic Novel“ ausnahmseise einmal erforderlich macht (doch das müsste ausführlicher besprochen werden). Davon abgesehen variiert das Lettering zwischen dem auktorialen Erzähler und den Gedanken und Dialogen.

Hypnotischer Stream of Conscousness

Sebastiano Toma ist eigentlich Regisseur und Produzent am Theater, hält seine Projekte stets aber auch zeichnerisch fest. Lorenzo Toma studiert Design. Deshalb sind sie dem Medium „Comic“ nicht so nahe, aber auch darum enthält Der Himmel über Berlin ein rundum stil- und kunstvolles Artwork, das sich aus einem realistischen Strich und einer stilisierten Farbgebung zusammensetzt. Die Szenen wirken beinahe fotorealistisch, was durch die Kolorierung ins Surreale verschoben wird: Die beinahe monochromen Bilder liegen oft auf einem pechschwarzen Hintergrund, wobei ein harter Schwarzweißkontrast durch feine Schraffuren und nuancierte Grauabstufungen verhinderter wird. Dazu sorgen die Toma-Brüder stellenweise mit dezenten Brauntönen für stilvolle Akzente. Teilweise erinnert die Technik auch an den Linolschnitt, wenn leuchtende Furchen das Dunkelschwarz bündelartig und filigran durchzucken.

Die Autoren von Der Himmel über Berlin machen nicht den Fehler und liefern eine uninspirierte oder lediglilch ästhetisch aufgehübschte Version von Wenders‘ Filmklassiker. Nein, sie fügen dem Original inhaltlich und ästhetisch neue Facetten hinzu, weshalb die Neuinterpretation legitim und sinnvoll erscheint. Es macht Spaß die Engel (erneut) zu begleiten, wobei eine vorhergehende Sichtung des Films nicht notwendig ist. Die Graphic Novel steht für sich und zeigt, dass Literatur auch abseits von Literatur stattfindet. Mehr Infos gibt es auf der Verlagsseite.

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