Xavier Coste: Untergetaucht [zuletzt gelesen #057]

9783868738056Das Heist-Genre ist ein hochspannendes Subgenre des Thrillers. Jede Menge Filmklassiker sind Heist-Filme. The Killing (1956) von Stanley Kubrick, Pickpocket (1959) von Robert Bresson, Le Cercle rouge (1970) von Jean-Pierre Melville, Ocean’s Eleven (2001) von Steven Soderbergh oder Public Enemy No. 1 von Jean-François Richet bilden sicherlich nur die Spitze des Eisberges. Im Comic sind Heist-Thriller rar gesät. Mir fallen spontan nicht vieleTitel renommierter Comicautoren ein, die in das Genre passen. Es gibt Crime-Geschichten, bei denen auch ein Bankraub oder Überfall thematisiert wird, aber nicht umfassend, wo sich alles um den Raub (also Planung etc.) dreht. Ausnahmen wären Les faux visages (dt. Die falschen Gesichter) von David B. und Hervé Tanquerelle oder Pierre qui roule (dt. Hot Rock) von Lax. Eines der berühmtesten realhistorischen Beispiele ist das Gangsterpaar Bonnie und Clyde. Und auch in À la dérive (Casterman) von Xavier Coste wird ein historischer Fall aufgegriffen. Auf Deutsch ist die Graphic Novel unter dem Titel Untergetaucht bei Knesebeck erschienen.

Paris, Land unter

Coste siedelt seinen Heist-Thriller im Paris 1910 an, zur Zeit des Jahrhunderthochwassers. Durch den Ich-Erzähler Eddie erfahren wir von dessen Schicksal: Um seine Spielschulden innerhalb einer Woche zu begleichen, wandert er mit seiner Frau Agatha von Amerika nach Frankreich aus. In Paris prostituiert sich seine Frau, um das Geld aufzutreiben. Als Leser steigen wir zu Beginn in das Boot der beiden ein und begleitet sie durch das surreale Paris zu Wasser.

Nicht nur anhand des Ich-Erzählers, sondern auch anhand von Alltagsdialogen und Rückblicken führt uns Coste in die historische Lebenswelt des Paares ein, das sich zunehmend unter Druck gesetzt fühlt, so dass sie trotz großer Skrupel mit Hilfe von zwei Kriminellen einen Bankraub planen. Dabei macht Coste immer wieder kleine Zeitsprünge, so dass die Geschichte trotz Erzähltext temporeich vorangeht. Die Situation des Paares wird ambivalent dargestellt, voller Extreme und Widersprüche.

Die Geschichte ist spannend erzählt und wandelt sich nach der Hälfte. Insgesamt wirkt die Graphic Novel erzählerisch an manchen Stellen etwas holzschnittartig, aber dieser Schlaglicht-Effekt trübt nicht weiter. Was schwerer wiegt ist, dass Agathe weitestgehend blass bleibt. Sie tritt zwar immer wieder auch in Aktion, aber in Bezug auf ihren Charakter erfahren wir kaum etwas. Auch die Selbstverständlichkeit zur Prostitiuierung wird einfach vorausgesetzt und nicht wirklich nachvollziehbar gemacht.

Hommage an den Jugendstil

Eine große Stärke von Coste, der mir in ästhetischen Gesichtspunkten bereits in der expressiven Künstlerbiographie Egon Schiele (ebenfalls Knesebeck) gefallen hat, das Panellayout. Als Hommage an den Jugendstil hat er mehrere Panelformen an die typischen Formen des Jugendstils angepasst. Konkret sind es Ornamente und verspielte Formen, die der Kunstströumung entlehnt sind. Nicht nur einzelne Panels, sondern auch Panelabfolgen verneigen sich vor dieser Kunstströmung. Überhaupt variiert Coste die Seitenarchitektur mehrmals und bringt dadurch einerseits viel Abwechslung, aber auch Unruhe in seine Erzählweise.

Die expressiv kololierten und konturschwach gezeichneten Bilder wirken plastisch, stellenweise surreal und schwanken zwischen leichter Reduktion und Stilisierung. Es sind äußerst kunstvolle Bilder, auf die man sich einlassen muss. Hat man das einmal gemacht, taucht man tief in das Paris von 1910 ein. Stellenweise wirken die Illustrationen etwas hölzern, dafür aber auch umso ausdruckstärker. Die Farben wirken zum Teil wie von einem breiten Pinsel aufgetragen, dann aber auch wieder nuanciert-aquarelliert, insgesamt also sehr abwechslungsreich, jedoch auch unruhig. Aber genau diese narrative (siehe oben) und visuelle Unruhe passen hervorragend zurm Hochwasser-Paris und zu den aufgewühlten Emotionen der Charaktere.

À la dérive hat Stärken und Schwächen. Coste hätte noch mehr für seine Figuren machen können, glänzt jedoch durch die Verwendung innovativer Panelarchitektur und emotionsgeladener Bilder. Die Graphic Novel verströmt eine unruhige Stimmung, die gut zur inneren und äußeren Lebenswirklichkeit der Protagonisten passt. Lesenswert für diejenigen, die Heist mögen und für künstlerisch ambitionierte Illsutrationen offen sind. Beim Verlag gibt es eine Leseprobe.

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