Lafebre & Zidrou: Lydie [zuletzt gelesen #056]

457 Phantasie? Traum? Was wäre die Welt ohne diese Zutaten? Richtig, ein trostloser Ort. Manchmal kann man sich die Realität einfach nur schönträumen. Und manchmal ist eine Illusion besser als die Wahrheit. In der Tragikomödie wird durch „Flucht nach vorn“ oft ein Ventil geschaffen, um traumatische Erlebnisse zu verarbeiten. Im Film Good Bye, Lenin! von Wolfgang Becker glaubt eine Mutter nach dem Mauerfall immer noch an die Existenz der DDR. Im Spielfilm La vita è bella macht Roberto Benigni den Holocaust zu einem Ausflug mit Tochter. Dabei geht es weniger um die Trivialisierung des Traumas, sondern um die clevere (De-)Konstruktion von Realität. Bei Salleck Publications ist auf Deutsch ein abgescholossener Comic erschienen, der genau in diese Kategorie passt: Lydie von Jordi Lafebre und Zidrou (im Original bei Dargaud erschienen) breitet vor einem tragischen Schicksal eine Geschichte voller Wohlfühlstimmung aus.

Außergewöhnliche Erzählperspektive

Camille erscheint als liebenswerte, jedoch nicht ganz helle junge Frau, die ihr Baby bei der Geburt verliert. Der Vater des Babys ist über alle Berge und ihr eigener Vater vermag es nicht, sie zu trösten. Nach zwei Wochen verkündet sie jedoch voller Euphorie, dass ihr Baby doch überlebt hat und zurückgekehrt ist. Zidrou zeigt sich gleich von Beginn an als gewiefter Erzähler, indem er einen ungewöhnlichen auktorialen Erzähler wählt: eine Marienstatue. Es ist nicht irgendeine Marienstatute. Nein, es ist diejenige, die sich genau in der Gasse befindet, in der Camille lebt.

Anfangs folgt der Leser einer Panelsequenz mit Voice-Over-Passagen der Statue und taucht dadurch in die besagte Gasse ein. Die Erzählerin macht sich einen Spaß und verweist den Leser mit dabei mit einem Augenzwinkern darauf, dass sie sich nicht im gezeigten Panel, sondern oberhalb davon befindet. Der Kniff mit der Erzählerin funktioniert insgesamt sehr gut und Zidrou beutet das Stilmittel nicht weiter unnötig aus, sondern lässt auch die Protagonisten selbst viel zu Wort kommen.

Dezente Farben

Auch in der Panelarchitektur kann sich Zidrou behaupten: Im anfänglichen Schlüsselmoment arbeitet er mit einer Parallelmontage, bei der er auf einer Seite eine Sequenz mit der Geburt von Katzen zeigt, die ertränkt werden, und auf der darauffolgenden Seite, in einer ähnlich strukturierten Sequenz, die Fehlgeburt. Durch diese Gegenüberstellung von zuviel Leben, das von Menschenhand getötet wird, auf der einen Seite und Leben, das sich nie entfalten kann, betont Zidrou die Willkür des Schicksals.

Lafebre illustriert die einfühlsame wie heitere Geschichte durch seine schönen detaillierten Zeichnungen, die im typischen Semi-Funny-Stil gehalten sind, jedoch eine elegante individuelle Note aufweisen. Die Figuren erscheinen dadurch (je nach ihrem Charakter) besonders liebenswürdig oder jähzornig. Auch Lafebres Kolorierung verdient besonderes Lob, denn er versteht es, eine geniale Mischung aus dezenten Farben aufzutragen, die er gelegentlich mit kleinen Schatteneffekten ergänzt. Das wundervolle Artwork passt insgesamt perfekt zur Geschichte.

Lydie ist eine herzerweichende Tragikomödie, die den Leser garantiert ein Lächeln abringt und für alle Fans von Das Nest (von Régis Loisel und Jean-Louis Tripp) eine absolute Pflichtlektüre darstellt. Es gibt auch eine limitierte Vorzugsausgabe mit signiertem Druck und zusätzlichen Skizzenseiten. Beim Verlag gibt es eine Leseprobe.

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