Flurin von Salis: Der Mont Ventoux [zuletzt gelesen #055]

9773d__14salis_mont_14ventoux_14coverMasochisten und Touristen, Gipfelstürmer und Naturliebhaber, Hobbyradler und Vollblutsporter – sie alle zieht es hin zum „Riesen der Provence“. Gemeint ist der berüchtigte Mont Ventoux. Der „geschälte Berg“ (die Spitze ist abgeholzt und kahl) erhebt sich majestätisch über die pittoreske Urlaubsregion Südfrankreichs und lockt mit Ausnahme der Winterzeit Scharen an. Es muss nicht betont werden, dass auch die Tour de France auf dem Berg ausgetragen wird. Schön und gut, aber ist das auch für einen Normalsterblichen zu schaffen? Ja. Der gebürtige Gallener Flurin von Salis ist (trotz defizitärer Kondition) auf den Mont Ventoux hochgeradelt. Das hat er nicht nur aus Spaß an der Freude gemacht (oder um sich zu quälen), sondern für seine Bachelorarbeit im Fach Visuelle Kommunikation. Der Verlag Edition Moderne hat die Abschlussarbeit 2015 unter dem Titel Der Mount Ventoux veröffentlicht. Herausgekommen ist ein illustriertes Buch.

Die Lust am Exzess

In Prosa verfasst, berichtet von Salis retrospektiv von seiner eigenen Auffahrt. Wie ein Ethnologe hält er mit scharfer Beobachtungsgabe und Sinn für das Detail – quasi in Feldforschung – auch alles drumherum fest: Die Eigenheiten und typischen Charaktere vor Ort, die Profisportler mit ihren Energyriegel, die Fahrradwerkstatt, etc. Die Prosa ist schön anschaulich verfasst und führt den Leser in die Welt des Mont Ventoux ein. Dazu fügt von Salis geographische, kulturelle und historische Fakten zum Berg auf, die interessant sind und übersichtsartig vermittelt werden.

Zum Beispiel schlüsselt er die Herkunft des Namens auf: er geht auf den keltischen Windgott zurück. Interessant sind auch die Zitate berühmter historischer Radsportler, die pointiert und aussagekräftig Aufschluss über den Berg liefern. Ein weiteres positves Merkmal des Buches ist das Seitenlayout: Der Text wurde in sehr großen Lettern und äußerst großzügig auf die Seiten angebracht, so dass keine Bleiwüsten vorherrschen und ein flüssiges Lesetempo ermöglicht ist. Das Faszinierende an Der Mont Ventoux ist das Eintauchen in die Welt voller Extreme, in die Welt des Radsports und damit in die Welt des Exzessiven mit alle seinen Absonderheiten, Andekdoten und Legenden, die überraschen oder zum Schmunzeln verleiten.

Minimalismus in Schwarzweiß

Diese unterhaltsam verpackte Mischung aus persönlichem Erlebnis und aufschlussreicher Faktenzusammenfürhung illustriert von Salis in schwarzweißen Zeichnungen. Diese sind sporadisch und ganz- oder doppelseitig zwischen den Textteilen eingebaut und lockern die Prosa auf bzw. ergänzen diese. Von Salis‘ Stärke sind eindeutig die Landschaftsmotive, die beinahe abstrakt und in feinen Schattierungen oder filigranen Details erscheinen. Seine Schwäche sind die Figuren, die behelfsmäßig und an Kinderzeichnungen erinnern, da die Proportionen und die Perspektiven nicht immer sitzen.

Die Illustrationen sind minimalistisch stechen klar auf dem großflächigen, weißen Untergrund hervor, so dass alles Gezeigte schnell erfasst wird und das Lesetempo nicht gebremst wird. Durch diese Reduktion auf das Wesentliche kann sich einerseits die Phantasie des Lesers entfalten. Andererseits hätte man an der einen oder anderen Stelle realistischere oder detailreichere Darstellungen sicherlich begrüsst. Da es keine Panels, Sequenzen und Sprechblasen gibt handelt sich Der Mont Ventoux um keinen Comic, obwohl auch von Salis Text und Bild verknüpft. Insgesamt ist die Abschlussarbeit ein ganz nettes Anschauuungsmaterial für alle, die sich für den Mont Ventoux, Radsport oder ganz allgemein extreme Phänomene interessieren – textlich stark, aber visuell durchwachsen.

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