Schuiten & Peeters: Die Mauern von Samaris [zuletzt gelesen #054]

titel481Die Zutaten lauten „Architektur und Phantastik“. Les Murailles de Samaris (Casterman) von François Schuiten und Benoît Peeters stammt aus den frühen 1980er Jahren und zählt zur Reihe „Les Cités obscures“ (dt. „Die geheimnisvollen Städte“). Nein, dieser Comic zählt nicht nur zur besagten Reihe, sondern läutete sie sogar ein. Alle darauf folgenden Einzelbände von „Les Cités obscures“ beziehen sich inhaltlich nicht aufeinander und haben keine einheitlichen Figuren. Was sie verbindet ist lediglich, dass sie stets phantastisch-mysteriöse Szenarien aufweisen, archetiktonisch reizvolle Fantasiestädte präsentieren und kafkaeske Geschichten erzählen. 2015 ist auf Deutsch eine Neuausgabe bei schreiber&leser erschienen, die nicht nur den Band Les Murailles de Samaris (dt. Die Mauern von Samaris), sondern auch das für die Neuausgabe überarbeitete Episodenfragment Les mystères de Pâhry (dt. Die Geheimnisse von Pahry) enthält.

Biedermeierlich und obskur

In Les Murailles de Samaris verwendet Peeters den Offizier Franz als Ich-Erzähler, der in Retrospektive seine Erlebnisse mit seiner Reise nach Samaris schildert. Es ist eine alternative Realität, die biedermeierlich-phantastisch daherkommt, irgendwo zwischen zurückhaltender Sprödheit (Charaktere) und barockem Bombast (Architektur). Der Protagonist nimmt die beschwerliche Geschäftsreise an, obwohl andere nicht mehr von dort zurückgekommen sind. Anders als in manch darauffolgenden Bänden der „Cités obscures“ erklärt Peeters durch den Ich-Erzähler sehr viel, wodurch sich Les Murailles de Samaris hervorragend zum Einstieg in das Universum eignet.

Schuiten erschafft Samaris als opulente (aber auch monströse) Stadt, die verschiedene Baustile vereint und dadurch eine labyrinthartige Fata Morgana darstellt, in der Franz die Orientierung verliert. Die stilistisch eindrucksvollen Zeichnungen bestechen dabei durch Detailverliebtheit, Strenge, Geometrie, Schraffur und (als Kontrast) dezent aufgetragene, zumt Teil unnatürliche Farben. An der Kolorierung hat schreiber&leser nichts geändert (das hat meine Überprüfung mit der Feest-Ausgabe ergeben), so dass die ursprüngliche Stimmung beibehalten wurde.

Schein und Sein

Les mystères de Pâhry besteht aus vier fragmentarischen und unzusammenhängenden Episoden, die eine Hommage an Paris darstellen („Pâhry“ orientierts sich an der landesüblichen Aussprache von „Paris“ – also ohne „s“ am Schluss). Der Grundgedanke der Autoren war, eine Stadt voller Geheimgänge als eine Art Organismus zu entwerfen. Die Episoden weisen alle Zutaten typischer „Les Cités obscures“-Bände auf, wobei die ersten drei schwarzweiß sind und die vierte farbig illustriert wurde. Wer die anderen Bände der Reihe kennt, wird das ein oder andere Motiv vielleicht wiedererkennen.

Was Les Murailles de Samaris und Les mystères de Pâhry eint, ist das buchstäbliche Offenlegen von Strukturen, die sich hinter illusorischen Fassaden verbergen, was allegorisch ausgelegt werden kann. Was ist Schein? Was ist Sein? Was macht Realität aus? Was verbirgt sich hinter selbstverständlichen Oberflächen? Während sich Les Murailles de Samaris hervorragend zum Einstieg in die Reihe eignet, stellt Les mystères de Pâhry lediglich eine nette Fingerübung der Autoren dar, die vor allem für Komplettisten interessant sein dürfte. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe und alle andere erschienen Neuausgaben der beeindruckenden „Cités obscures“.

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