Hill, Matz, Jef: Querschläger [zuletzt gelesen #052]

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Die Prohibition hat schon öfter Anlass für das ein oder andere Crime-Szenario in der Literatur-, Film- und Comicgeschichte gegeben. Martin Scorceses HBO-Serie Boardwalk Empire hat in jüngster Vergangenheit auch einiges zur Populatität des Settings beigetragen. Nun liegt mit Balles Perdues (Rue de Sèveres) ein weiterer Comic vor, der zu dieser Zeit spielt und auf Deutsch unter dem Titel Querschläger beim Splitter Verlag erschienen ist. Das Grundgerüst stammt vom Filmemacher Walter Hill, der sich durch Filme wie Red Heat oder 48 Hours in den 1980ern einen Namen gemacht hat. Angeregt durch einen Freund, holte er ein bis dato unrealisiertes Filmdrehbuch (eines von 30 möglichen!) aus der Schublade, um es als Comic doch noch zu realisieren.

Hard-Boiled und Crime

Zur Verwirklichung haben sich mit dem Comicautor Matz und dem Zeichner Jef zwei Talente gefunden, die die Vorlage zu einer kompromisslosen Mischung aus Hard-Boiled und Crime formten. Ohne Erzähltext erleben wir den wortkargen Auftragskiller Roy Nash, der für seinen Boss Al aus Chicago nach Arizona und Los Angeles reist, um dort seinen Job zu machen. Mit an Bord ist sein (noch wortkargerer) Fahrer. Gemeinsam ziehen sie los, um die Aufträge zu erfüllen und nebenher noch Roys Liebe, die sich in den Fängen eines Gangsterbosses befindet, zu befreien.

Ja, das sind die archetypischen Zutataten (Zyniker würden sagen „stereotypisch“) von Balles Perdues. Die Geschichte hat aufgrund des Verzichts auf einen Erzähltext ein sehr hohes Erzähltempo, die Panels und Sequenzen erscheinen äußerst filmisch, beides erzeugt eine hohe Sogwirkung. Bis auf einen kurzen Rückblick wird die Story linear vorangebracht. Es fliegen viele Kugeln und es fließt viel Blut. Die Sprüche sind trocken und der Protagonist, dessen Antriebsfeder die Liebe seines Lebens ist, sieht aus wie der französische Schauspieler Alain Delon (leider stand im enthaltenen Interview dazu nichts, hätte mich interessiert, ob die Ähnlichkeit beabsichtigt ist, ob Hill tatsächlich an Delon dachte, oder ob sich die Comickünstler das überlegt haben).

Whiskeydurchtränkt und rauchgeschwängert

Die atmosphärisch ungeheuer dichten Bilder scheinen von Whiskey durchtränkt zu sein, die Farbgebung kommt einerseits lichtdurchflutet und andererseits verwaschen daher. So entsteht passenderweise zur Prohibition eine „alkoholisierte“ Ästhetik, die durch Jefs Strich verstärkt wird, denn oft entgleisen den Figuren scheinbar urplötzlich die Gesichtszüge, Augen werden aufgerissen, die Zigarette wird lässig geraucht oder die Hand zieht die Thompson-Maschinenpistole.

Insgesamt bietet Balles Perdues kurzweiliges Vergnügen für alle, die das Setting und Action lieben (allerdings wäre der Stoff als Film noch besser gewesen). Wer allerdings auch noch eine interessante Psychologisierung oder historisierende Hintergründe wünscht, wird in diesem Hard-Boiled-Crime-Crossover nicht fündig, denn darum ging es Hill nie, wie er selbst (einsilbig!) im Interview verrät. (Wem danach ist, der sollte unbedingt in Blue Note reinschauen: gleiches Setting, expressives Artwork, starke Charakterisierung, auch in Splitter-Qualität!). Für alle, die jetzt neugierig geworden sind: bei Splitter gibt es eine Leseprobe.

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