Milo Manara: Caravaggio 1 – Mit Pinsel und Schwert [zuletzt gelesen #051]

Düster,677 bedrohlich, hypnotisch, faszinierend, einmalig… Das sind alles Adjektive, mit denen man Caravaggio und sein Werk umschreiben kann. Künstler sind ja immer exzentrisch, aber Michelangelo Merisi (oder auch Michael Angelo Merigi) Caravaggio war mehr als nur ein Exzentriker. Er war ein mondsüchtiger Rebell mit einem starken Willen und aufbrausendem Temperament, vielleicht noch verrucht. Er widersetzte sich gesellschaftlichen Normen und war ein glühender künstlerischer Revoluzzer. Kurz: Er zählt zu meinen absoluten Lieblingskünstlern (hier habe ich einen opulenten Bildband von ihm besprochen) und schrieb Kunstgeschichte, indem er im Frühbarock einen neuartigen Realismus einführte, was damals noch stärker einschlug, als das 3D-Kino in der Gegenwart.

Panini geht fremd

Stichpunkt Gegenwart: Nun hat sich Erotik-Comic-Meister Milo Manara an eine Biographie in Serie herangewagt, die im Original 2015 bei Glénat (Caravaggio 1 – La palette et l’épée) und auf Deutsch bei Panini Comics (Caravaggio 1 – Mit Pinsel und Schwert) erschien. Moment! Irgendwas vom letzten Satz war doch verwirrend. Glénat? Alles klar, ein traditionsreicher franko-belgischer Verlag, nicht weiter verwunderlich. Panini? Das sind doch die zuverlässigen Spezialisten für US-Comics, also vor allem viel Marvel und DC. Was haben die plötzilch mit franko-belgischem Stoff zu tun, den man eher beim Splitter Verlag oder bei schreiber&leser vermutet hätte? Die Antwort lautet: Panini erweitert sein Programm ab sofort auch um franko-belgische Alben. Nun gibt der franko-belgische Markt tatsächlich mehr her, als es die deutschen Verlage abbilden (können), und Konkurrenz belebt ja das Geschäft (und umgekehrt hat Splitter inzwischen ja auch auf US-Comics erweitert).

Manara is back

Aber wieder zurück zu Manara. Den gebürtigen Südtiroler und Maestro des erotischen Comics habe ich auf dem Comic-Salon in Erlangen als bescheidenen und bedachten Zeitgenossen kennengelernt. Zuletzt konnte er trotz vielversprechender Kollaborationen nicht mehr so überzeugen wie früher: Du sang pour le pape mit Alejandro Jodorowski (dt. Borgia) oder X-Men: Ragazze In Fuga mit Chris Claremont (dt. X-Men: Frauen auf der Flucht) waren zu gekünstelte Zusammenarbeiten, die augenscheinlich nur dazu dienten, Steilvorlagen für Manara zu liefern. Bei Caravaggio hat er nun wieder alle Fäden selbst in der Hand, außer bei der Kolorierung, wo ihm noch Simona Manara zur Hand ging.

Caravaggio im barocken Rom

Der titelgebende Künstler wird von Manara als aufbrausender und gerechtigkeitsliebender Künstler eingeführt, der sich im (räumlich wie sozial) verschachtelten Rom schnell seinen Weg bahnt. Ohne viel Erzähltext nimmt die Geschichte ein schnelles Erzähltempo ein, das nur durch die wuchtigen Zeichnungen gebremst wird. Passend zu Caravaggios Werk erzeugt Manara eine düstere, entrückte Atmosphäre, die das Rom mit seinen Bauten und Palazzi wie einen surrealen Ort erscheinen lassen, in dem der Künstler gegen Zuhälter kämpft und Dirnen als Modelle für seine Mariendarstellungen rekrutiert. Man taucht als Leser deshalb tief in die vergangene Zeit ein und wird vom Sog der dichten Stimmung und faszinierenden Geschichte mitgerissen.

In einem besoneren Moment erhebt Caravaggio ein Panel zur Leinwand, indem er eine Schlüsselszene caravaggioesk darstellt, wovon er in der Fortsetzung gerne mehr nachliefern darf. Auch erzählerisch gibt es im Auftaktband der Serie ein kleines Highlight: Kurzzeitig fasst Manara jüngste Handlungselemente derart zusammen, dass er Caravaggios Freunde über den Künstler erzählen lässt. Das bringt angenehme und überraschende Abwechslung in die ansonsten linear erzählte Geschichte hinein. In puncto Erotik hält er sich für seine Verhältnisse zurück, liefert aber dennoch seine typischen Frauen, die allesamt naiv, lasziv, schlank und langbeinig durch seinen individuell-realistischen Strich dargestellt werden.

Man merkt auf jeder Seite, dass sich Manara viel angelesen hatte, um die Serie zu realisieren, obwohl sich natürlich längst nicht alles genauso zugetragen hat, wie es von ihm geschildert wird. Das Wesen von Caravaggio und die Essenz von dessen Kunst werden jedenfalls glaubhaft, spannend und künstlerisch würdig von Manara eingefangen. Das Album enthält ein ausführliches Vorwort, eine umfangreiche Bibliographie zu Caravaggio und zu Manara. Der Band ist zudem auch als limitierte Sonderausgabe im Überformat und mit Bonusmaterial erhältlich.

Manara at his best!

 Caravaggio 1 – La palette et l’épée ist ein herausragender Serienauftakt, der von Manara spannend und historisierend erzählt und stilvoll illustriert wird. Die Serie entfaltet eine herrliche Atmosphäre und schildert unterhaltsam das illustre Leben eines faszinierenden Künstlers. Panini hat gute Arbeit geleistet (Aufmachung, Übersetzung, Lettering), einzig den Originaltitel habe ich vermisst. Der Verlag kann also auch franko-belgische Comics publizieren und ich freue mich schon auf den Fortsetzungsband!

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