Zuletzt gelesen #047: „The Nobody“ von Jeff Lemire

Zunächst klingt The Nobody gar nicht wie eine Hommage an H. G. Wells Romanklassiker The Invisible Man. Gut, ein „Nobody“ kann sprichwörtlich auch ein „Unsichtbarer“ sein. Der Kanadier Jeff Lemire hat hier eine moderne Interpretation frei nach Wells‘ Scientific Romance (aus dessen Frühwerk) geschaffen, die namentlich und charakteristisch den Protagonisten aufgreift und in die Gegenwart verfrachtet: Bandagiert flieht der unsichtarbe Wissenschaftler in die Provinz, um in Ruhe seinen Forschungen nachgehen zu können. Einzig eine Schülerin behandelt ihn vorurteilsfrei und freundet sich mit ihm an. Dennoch umwittert den Bandagierten eine rätselhafte Aura und es dauert nicht lange, bis die Situation sich zuspitzt.

Lemire gelingt es vorzüglich den klassischen Stoff zu erneuern, ohne Verrat beim Meister zu begehen: Wells nutzte seine Scientific Romances nicht nur zur Unterhaltung, sondern immer auch für sozialkritische Aspekte. Lemire thematisiert die Isolierung des Fremden aus der Gemeinschaft durch äußerliche Merkmale. Bei Lemire wird das Unsichtbarsein zum Stigma und zur Allegorie, während es bei Wells auch als Gabe erscheint. Wie in Lemires anderen Werken auch (Trillium, Essex County) spielen auch Erinnerung, Vergangenheit und Liebe eine wichtige Rolle.

Erzählerisch fällt einen ruhige und behutsame Erzählweise auf: Lemire lässt sich Zeit und verwendet gerne auch stumme, filmische Sequenzen. Als Erzählerin fungiert das Mädchen, das von ihrem Erlebnis mit dem Unsichtbaren berichtet. Dadurch bleibt dem Leser der Zugang zum Protagonisten auch versperrt: Nur durch Traumsequenzen und Erinnerungen bekommen wir Zugriff auf dessen Charakter.

Lemire pflegt einen individuellen Strich mit Hang zur Reduzierung und Stilisierung: Die Aufgen sind kleine runde Kreise, die Nasen markant, die Hintergründe detailliert. Die schwarzweißen Zeichnungen erhalten nur durch einen dezente einfarbige Beigabe eines grün-grauen Farbtons Licht- und Schatteneffekte, die zusätzlich die jeweilige Stimmung akzentuieren.

Fazit

The Nobody ist eine herausragende Comic-Allegorie, in die man tief eintaucht und die hängenbleibt. Keine Durchschnitts-Genre-Kost, sondern leicht zugänglich bebilderte Comicliteratur mit Tiefflug!

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