Zuletzt gelesen #035: „Berlin 1 – Steinerne Stadt“ von Jason Lutes

Mir war der vielfach von Kritikern und Feuilletons gefeierten Comicautor Jason Lutes nur durch das kompakte wie geniale Houdini: The Handcuff King (unbedingt lesen!!!) ein Begriff. Obwohl mir die spannende Story über den bekannten Entfesselungskünstler richtig gut gefallen hat, hab‘ ich bis jetzt nix weiteres von ihm gelesen. Dann bin ich beim Titel Berlin Book 1 – City of Stones (enthält acht Ausgaben der Serie, die der Indie-Verlag Drawn & Quarterly als Sammelband veröffentlichte) hängengeblieben, der mir zwar schon sehr oft begegnet war, aber mich dann nie so weit gereizt hat, dass ich ihn gekauft habe. Nachdem ich zuletzt sehr viel Pulp- (Image Comics) und Superheldencomics (Marvel) gelesen habe, dürstete es mich nach Comics mit ernsteren Themen, Stoffen, die nicht zwangsweise schwer zugänglich sind bzw. mehr fordern, sondern inhaltlich mehr bieten.

Berlin Book 1 – City of Stones spielt Ende der 1920er Jahre, als die Weimarer Republik im Dämmerzustand dem Nationalsozialismus entgegentaumelt. Eine Kunststudentin geht zum Studium nach Berlin und lernt dort einen älteren Journalisten kennen, den sie zunächst aus den Augen verliert, dann aber wieder trifft. Derweil spitzen sich die Demonstrationen der Kommunisten und Faschisten auf den Straßen zu.

Lutes erzählerische Fähigkeiten sind denen eines Schriftstellers ebenbürtig: Er verwendet eine multiperspektivische Herangehensweise und breitet anhand von verschiedenen Figuren, die nicht alle miteinander zu tun haben, ein authentisches Großstadtkaleidoskop aus. Die Erzählung macht teilweise Sprünge zwischen und innerhalb von den Kapiteln, weshalb der Leser gefordert ist, mitzudenken (oh Gott, bei vielen dürfte das schon zu viel Anspruch sein). Teilweise stellt der Autor die banalen, alltäglichen Gedanken aller Mitfahrer in einer Straßenbahn dar, die mehr über die historische soziale Realität offenbaren als ein Geschichtsbuch mit trockenen Fakten.

Die Figuren werden mit Einfühlvermögen charakterisiert, allerdings könnte Lutes noch mehr Ambivalenz an den Tag legen, denn die Charaktere wirken schon etwas typisiert, ist aber okay, weil er ja die verschiedenen vorherrschenden Meinungen widerspiegelt. Lutes präsentiert die Gedankenwelt der beiden Protagonisten durch assoziative Voice-Over-Passagen, die er als Tagebucheinträge in die Sequenzen eingebaut. Dadurch erfahren wir viel über die Gefühlswelt und Probleme der Kunststudentin und des Journalisten.

Lutes Schwarzweißbilder haben detaillierte Hintergründe, so dass die historische Kulisse authentisch vermittelt wird. Bei den Frauenfiguren hatte ich manchmal etwas Probleme die Gesichter richtig zuzuordnen. Die Stärke des Artworks liegt mehr auf dem Seitenlayout und der Strukturierung der Sequenzen, die sehr filmisch und übersichtlich wirken (Lutes ist stark von Comic-Erklärguru Scott McCloud beeinflusst worden). Eine kleine visuelle Innovation war die Egoperspektive des brilletragenden Journalisten: In einer Schuss-Gegenschuss-Sequenz sehen wir abwechselnd den Journalisten in normaler Ästhetik und die Kunststudentin verschwommen, aus der Sicht des sehschwachen ohne Brille.

Hier ist ein Interview mit dem Autor mit ein paar Beispielseiten. Auf Deutsch ist die Graphic Novel unter dem Titel Berlin 1 – Steinerne Stadt bei Carlsen erschienen.

Fazit

Lutes hat in Berlin Book 1 – City of Stones nichts weniger als ein eindrucksvolles Stittengemälde des Berlins der ausgehenden Zwanziger Jahre geschaffen. Die Graphic Novel kann sich problemlos mit der Qualität eines historischen Romans messen lassen und überrascht akzentuiert durch erzählerisch-grafische Innovationen. Einhziges Manko: Die deutsche Ausgabe ist vom Format her relativ klein, so dass die Texte teilweise sehr klein ausfallen, wodurch das Lesen ins Stocken gerät (ich weiß nicht, ob die US-Ausgabe ein größeres Format hat, aber das findet ihr ja schnell raus). Ich freu‘ mich schon auf den Fortsetzungs- und Aschlussband!

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