Zuletzt gelesen #031: „Das Seidenband“ von Hannes Nüsseler

Der Journalist Hannes Nüsseler hat Literatur und Geschichte studiert. Von daher hat er vorab schonmal gute Voraussetzungen für die Umsetzung von historischen Stoffen als Comic. Doch für zur Realisierung eines Comics gehört ja bekanntlich noch mehr: das Illustrieren. Mich hat der Stoff jedenfalls sehr neugierig gemacht: Das Seidenband ist in der napoleonischen Zeit angelegt. Der Kaiser hat ein Handelsembargo über Großbritannien verlegt. Schmuggler wissen das aber clever zu umgehen. Deshalb erpressen die Franzosen einen ehemaligen Kriegsgefangen, als Spion nach Basel zu reisen, um diese Machenschaften zu enttarnen. Doch der Agent stößt vor Ort auf ein noch viel größeres Verbrechen.

Nüsseler verwendet für sein Historiendrama einen narrativen Rahmen: Ein Paar zieht in eine Wohnung um, wobei die Frau ein altes Tagebuch entdeckt, das von einem Vorfahren ihres Mannes handelt. Während ihr Mann vor den Ereignissen der Olympischen Spiele in Peking dahindöst, vertieft sie sich in die mitreißenden Erlebnisse eines Mannes, der zum Spionieren erpressst wird. Dieser äußere Rahmen wirkt nicht gekünstelt und erinnert ein wenig an Art Spiegelmanns Erzählrahmen bei Maus (nur war dieser autobiographisch gegründet).

Ab und zu verässt der Autor die Vergangenheit und kehrt in die Gegenwart (des Paares und des Lesers) zurück. Dieser Rahmen bleibt jedoch nicht formell, sondern fungiert letztlich als inhaltlicher Brückenschlag von der napoleonischen Zeit in die Gegenwart (was genau gemeint ist, müsst ihr schon selbst lesen, da es die Pointe am Ende ist). Ansonsten wechselt der Autor zwischen dialogreichen und stummen Sequenzen, was die Lektüre angenehm auflockert, zum Teil aber auch etwas erzwungen wirkt. Das Erzähltempo ist schwungvoll, der Band liest sich sehr schnell.

Die schwarzweißen Zeichnungen sind grundsolide, aber kein künstlerischer Geniestreich: Die Figuren werden skizzenhaft und reduziert dargestellt, die Hintergründe etwas realistischer. Der Stil wirkt schabkartonartig mti harten Kontrasten, die durch Schraffuren aufgeweist werden. Man muss sich auf den Stil einlassen, dann taucht man nach ein paar Seiten in die Epoche ein. Es ist eine Graphic Novel, die definitiv inhaltlich und nicht ästhetisch überzeugt. Auf der Verlagshomepage gibt es eine Leseprobe.

Fazit

Das Seidenband ist eine interessante wie mitreißende Geschichte über ein Kapitel der Wirtschaftsgeschichte zur Zeit Napoleons, die jedoch universell und parabelhaft zu jeder Zeit gültig ist (Geld und Handel strukturieren immer das Handeln der Welt, Boykotte und Schmuggel gibt es immer wieder). Während die Story voll und ganz überzeugt, sind die Zeichungen nur durchschnittlich gut, was den Genuss der Lektüre jedoch nur minimal schmälert. In Zeiten, in denen vor allem Adaptionen von Literatur und Biographien den Graphic-Novel-Markt dominieren, scheint Das Seidenband positiv heraus.

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