Zuletzt gelesen #029: „Blue Note“ von Mathieu Mariolle und Mickaël Bourgouin

Man nehme die Fernsehserie Boardwalk Empire und füge den Martin Scorcese-Klassiker Raging Bull hinzu, dann erhält man das erste Kapitel vom Splitte Double (zwei Bände in einem) Blue Note. Das zweite Kapitel liest sich dagegen eher wie eine Mischung aus Boardwalk Empire und Woody Allens Sweet and Lowdown (allerdings sehr viel ernsthafter, nur thematisch). Ihr habt den Braten sicher längst gerochen: Der Comicautor Mathieu Mariolle und der Comiczeichner Mickaël Bourgouin lassen die Zeit der Prohibition wiederauferstehen.

Das überzeugende Konzept von Blue Note ist, in zwei Kapiteln dieselbe Zeitspanne anhand von zwei Protagonisten aus zwei Blickwinkel zu beleuchten. Der erste Fall ist (wie oben bereits angedeutet) ein Hard-Boiled-Boxer-Drama. Der Protagonist ist ein aufgrund von Manipulationen gescheiterter Boxprofi, der sich auf’s Land zurückgezogen hat, um als ehrlicher Barenuckel-Boxer abseits von Glanz und Glamour über die Runde zu kommen. Doch dann lockt ihn sein ehemaliger Manager erneut nach New York, damit er erneut gegen seinen alten Widersacher antreten kann. Das zweite Kapitel dreht sich dann um einen schwarzen Jazz-Gitarristen, der ebenfalls vom Land nach New York wechselt. In einem illegalen Alkoholclub, der vom sizilianischen Don der Stadt geleitet wird, versucht er, sein Talent unter das Volk zu bringen. Als augenzwinkernde Hommage wird der fiktive Jazz-Gitarrist Ray Emmet aus Sweet and Lowdown erwähnt.

Mariolle erzählt mit Einfühlungsvermögen in seinen beiden Protagonisten und mit cleveren Erzählstrategien bei der zeitlichen Überschneidung der beiden Stories. Durch diese multiperspektivische Erzählweise erhalten die Nebenfiguren und Plotdetails aus dem ersten Kapitel auf elegante Weise im zweiten Kapitel Ergänzungen. Die Charaktere erinnern an (stereotype) Figuren aus klassischen Gangsterfilmen, lediglich die Protagonisten verändern sich während der Geschichte. Für tiefgehende Charakterstudien reicht jeweils ein Kapitel allerdings nicht. Das ist der Nachteil des innovativen Erzählstils, der jedoch nicht zu schwer ins Gewicht fällt.

Das liegt allen voran an den stilvollen Illustrationen. Mariolle führt einen äußerst eleganten Strich mit feinen Schraffuren für Nuancen im Hintergrund und schwarzen, grob geschwungenen Pinselstrichen für Schatteneffekte. Die Figuren wirken minimal stilisiert. Die Historische Kulisse wirkt aufgrund einer sehr dichten Atmosphäre, die dank einer wundervollen Kolorierung entsteht, und exakten Darstellungen bei Architektur, Technik und Kostülmen beinahe glaubwürdiger als Boardwalk Empire. Beim Verlag gibt es eine Leseprobe.

Fazit

Blue Note ist ein stilvoller und thematisch variierender Ausflug in die letzten Tage der Prohibition. Während der erste Part deutlich Noir-lastiger ausfällt, überzeugt der zweite Teil durch Ausdrucksstärke im Bild, indem die Jazz-Musik stellenweise visualisiert wird. Beide schicksalhaften Geschichten sind von den Themen Gewalt, Macht und Manipulation gekennzeichnet. Es gibt interessante Charaktere (die man noch tiefer hätte skizzieren können, aber das ist Jammern auf hohem Niveau) vor einer turbulenten historischen Kulisse mit genialen Zeichnungen!

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