Zuletzt gelesen #025: „Miracleman Book Three – Olympus“ von Alan Moore

Es gibt nur wenige Comicautoren wie Alan Moore. Ich will jetzt gar nicht alle Klassiker von ihm auflisten oder in Lobhudelei verfallen, aber er zählt schon auch zu meinen Lieblingsautoren (wem es noch nicht aufgefallen ist, „Lieblingsautoren“ ist eine eigene Kategorie in diesem Blog).

Aus seinem Frühwerk (Anfang der 1980er Jahre) stammt die hochgelobte und über Jahre vergriffene Serie Miracleman. Marvel hatte sich die Rechte schon in den 2000er Jahren gesichert und Gerüchte über eine Neuauflage machten die Runde. Immer wieder hatte sich der Termin verschoben (was mich immer wieder dazu getrieben hatte nach überteuerten Ausgaben in Online-Antiquariaten zu schielen). Nun liegt die Serie endlich vollständig, neu koloriert und mit zahlreichem Bonusmaterial versehen auf Englisch als schöne Hardcover-Ausgabe vor (auf Deutsch erscheint die Serie bei Panini als erschwingliche Softcover-Ausgabe).

Warum hat die Neuauflage so lange auf sich warten lassen? Nicht zuletzt auch wegen Rechtsstreitigkeiten. Moore hat sich dagegen erfolgreich gewehrt, dass die Neuauflage mit seinem Namen versehen ist! Der querulantige Kauz hatte sich schon bei den Filmadaptionen zu The Leaugue of Extraordinary Gentlemen, Watchmen und V for Vendetta durchgesetzt, dass sein Name nirgends erscheint (zu stark wog anscheinend die Enttäuschung über die Verfilmung seines Werks From Hell). Marvel hat es so gelöst, dass als Autor „The Original Writer“ angegeben wird, in dem Vertraufen darauf, dass eh alle Comicnerds wissen, wovon die Rede ist.

Doch nun zur Serie und zum dritten Band „Olympus“. Miracleman erscheint zunächst als archetypische Superheldenserie: Der Titelheld wird (durch das Schlüsselwort „Kimota“ – rückwärts und leicht abgewandelt von „Atomic“) unverhofft zum übermächtigen Metawesen und bekämpft seine Nemisis. Was ist jetzt das Besondere an der Serie? Moore greift (für die damalige Zeit) inhaltlich revolutionäre Themen auf wie die Schwangerschaft, denn im Alltag und ohne Keyword ist der Held ein Normalsterblicher mit ganz gewöhnlichen Problemen.

„Olympus“ ist der finale Akt der Serie, in dem sich Moore zu Höchstleistungen steigert: Der Erzähltext liest sich wie hochliterarische Prosa (weshalb für die Englischschwachen die deutsche Übersetzung vorteilhaft ist) und dringt in die seelischen Tiefen des Charakters. Ich kenne wirklich sonst nichts Vergleichbares aus der (Superhelden-)Comicwelt, was bildliche Beschreibungen, Charakterisierung und sprachliche Formulierung berifft. So liest sich der Band/die Serie auch nicht konsumierleicht nebenher, vielmehr erfordert der Text die komplette Aufmerksamkeit des Lesers.

Inhaltlich betritt Moore in „Olympus“ in utopische Gefilde: Schon der Titel spielt auf die Olympier der antiken griechischen Mythologie, die die Titanen vertrieben. Die Metawesen errichten in Moores Comic dank ihrer Gaben auf Erden utopische Zustände (ähnlich wie übrigens in Mark Gruenwalds Marvel-Miniserie Squadron Supreme von 1985/86). Dadurch erhält der Superheld eine gestalterische, politische Dimension, die es bis dato so nicht im Comic gab. Und auch sonst enhthält Miracleman viele Elemente der antiken griechischen Mythologie (die ich hier niemals alle auflisten kann).

Ein philosophischer Grundstein der Serie und des dritten Bandes ist Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra: Der Übermensch überwindet den Nihilismus (der sich aus dem Tod Gottes ergibt) und entwirft religionsunabhängige Moralvorstellungen. Miraclemans Nemisis verkörpert die amoralische Variante des Übermenschen. So bilden die beiden Metawesen eine Medallie mit zwei Seiten. Dieses dualistische Prinzip von Gut und Böse greif auf das gnostische Grundprinzip zurück, das im Comic visuell aufgegriffen wird: Miracleman erscheint hell und blod, wohingegen der Schurke düster und schwarzhaarig ist. Ihr seht also, dass viel Metaphysisches in Miracleman steckt.

Daneben gibt es natürlich auch Actionszenen und Superheldencomicelemente, die jedoch deutlich hinter der Meta-Ebene zurücktreten und vor dem philosophischen Kontext gelesen werden müssen. Auch hier revolutioniert Moore das Genre, indem er die Auswirkungen eines Superheldenkampfes in London fatalistisch für die Bevölkerung inszeniert, indem die Londoner wie die Fliegen sterben und die Stadt ruiniert wird.

Narrativ ist die innovative Erzählweise Moores hervorzuheben, der mit Parallelmontagen und ungewöhnlichen Sequenzen/Seitenlayouts aufwaretet. Noch heute wirken die Panelformen und Sequenzen neu, raffiniert und andersartig. Für die Zeichnungen ist John Totleben verantwortlich, der sich für die utopischen Szenerien beim Zeitungsstripklassiker Winsor McCay (Little Nemo in Slumberland) orientiert und barocke Hintergründe erschafft hat. Im Bonusmaterial kann man seinen Schaffensprozess von der Bleistiftzeichnung zur Tuschierung nachvollziehen und dadurch zum Teil Änderungen beobachten. Überhaupt ist das Bonusmaterial mit einem kommentierten Making-Of (vergleichbar mit einem Audiokommentar bei Filmen) sehr aufschlussreich und gibt sogar noch Interpretationsansätze mit auf den Weg.

Fazit

Nach der Lektüre von Miracleman bleibt mir nichts anderes übrig, als die Lobesfanfare anderer Kritiker nachzuahmen. Die Serie war inhaltich, erzählerisch und visuell seiner Zeit voraus und ist bis heute kaum erreicht (dekonstruktivistische Superheldencomics wie Watchmen ausgenommen, aber das ist ja wieder Moore). Autoren wie Warren Ellis (Supergods) oder Kieron Gillen (The Wicked + The Divine) kratzen mit ihren Werken nur an der Oberfläche von Miracleman. Nichts für Zwischendurch, dafür für die Ewigkeit!

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