Zuletzt gesichtet #005: „A Most Violent Year“ von J. C. Chandor

J. C. Chandor ging augenscheinlich bei Regisseuren wie Martin Scorcese (Raging Bull) und Sidney Lumet (Serpico) zur Schule. Zumindest lässt sich das bei seinem Crime-Drama A Most Violent Year behaupten.

Darin geht es um einen integren und aufstrebenden Heizölunternehmer (Oscar Isaac orientiert sich augenfällig an Robert DeNiro und liefert eine sehr gute Leistung ab), der alles zu haben scheint: Eine Frau (ebenfalls sehr gut: Jessica Chastain, die nach Filmen wie Interstellar, Zero Dark Thirty, Tree Of Life oder Take Shelter, zwar nur die zweite Geige spielt, aber dafür demonstriert, dass sie in problemlos in verschiedenste Rollen schlüpfen kann), eine Villa, zwei Kinder und ein Heizölimperium. Doch gleich von Beginn an bekommt dieses Bild vom amerikanischen Traum Risse: Diebe überfallen die Transporter, ein New Yorker Staatsanwalt wird unbequem und der Kauf eines wichtigen Grundstücks droht zu scheitern.

Das Drama ist handwerklich sehr gut umgesetzt. So überzeugen Kameraarbeit, Licht und Schnitt durch eine an die 1980er Jahre angelehnte Ästhetik und (entschleunigtes) Erzähltempo. A Most Violent Year ist ein dialoglastiger Film mit Ausschlägen zu ausbrechenden Gewaltszenen oder ruhigen, dialogfreien Szenen.

Dadurch rückt die schaupielerische Leistung und die Atmosphäre des Films in den Vordergrund: Die Stimmung ist zwar deutlich (auch dank der überragenden Musik) angelehnt an die 1980er Jahre, aber nicht verklärt/pathetisch, sondern nüchternd aufgreifend und minimal modernisierend.

Das heißt zum Beispiel, dass die Synthies 80er assozieren, aber dezent aufgetragen werden. Chastain erinnert nicht zufälllig an Michelle Pfeiffer und Isaac an Al Pacino aus Scarface (1983), wobei die Geschlechterrollen differenziert wurden: Die Frau darf auch aktiv mitarbeiten im Unternehmen und ist nicht nur Zierde und der Mann darf auch mal zögerlicher sein, als die Frau.

Etwas problematisch ist, dass Chandor keine Fallhöhe aufbaut, die Hauptfigur wird auch nicht ambivalent genug inszeniert: Wir erleben den Protagonisten nie als Familienmenschen und kaum als Ehemann, sondern nur als Geschäftsmann, der Aufstieg wird ausgelassen. Dazu hätte man sie Story des episch angelegten Dramas vielleicht auch etwas raffen können, aber genau dieses Zeit-in-Anspruch-nehmen und das entschleunigte Erzähltempo vermitteln das Lebensgefühl der 1980er Jahre, als es noch kein Internet und keine Smartphones gab.

Fazit

A Most Violent Year ist ein überdurchschnittlicher Film, der als Hommage an das Kino und die Ära der 1980er Jahre verstanden werden muss. Es ist ein handwerklich makelloses, aber storytechnisch verbesserungswürdiges Crime-Drama für Vollblutcineasten, die sich an Verweisen erfreuen und auch mit ruhigen Momenten und/oder vielen Dialogen ihren Spaß haben. Ein klassisches Meisterwerk ist es nicht geworden, dennoch sehenswert, vor allem wegen den Schauspielern und der Inszenierung!

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