Zuletzt gelesen #011: „Die Farbe der Luft“ von Enki Bilal

Es gibt Comiczeichner und es gibt Comickünstler. Was ist der Unterschied? Unter erster Gruppe verstehe ich (Vor-)Zeichner und Inker, die Auftragsarbeiten annehmen und Szenarien von Comicautoren illustrieren. Unter der zweiten Gruppe verstehe ich einen Comicschaffenden, der oft Autor, Zeichner und Kolorist in Personalunion ist, also alles in Eigenregie macht und deshalb sein eigener Herr ist. Bei deren Werken spricht man deshalb auch von Autorencomics (analog zum Autorenkino).

Enki Bilal zählt zweifelsohne zur zweiten Gruppe. Der serbische Comicschaffende und Filmemacher ist bekannt für seinen malerischen Stil, der unter anderem von groben Kreidestrichen gekennzeichnet ist, und für seine mäandernden Science-Fiction-Werke, die oft vor einem sozialkritischen Szenario stattfinden. Dazu pflegt er einen Erzählton, der an das Noir-Genre angelehnt ist und auch die romantischen Elemente erinnern an den Film Noir.

La couleur de l’air (dt. Die Farbe der Luft) ist der dritte und abschließende Teil von Bilals „Blutsturz“-Trilogie. Das Setting liegt in einer nahen und postapokalyptischen Zukunftswelt, die vom Klimawandel völlig und buchstäblich umgestaltet wurde. Ohne Kenntnis der beiden vorangegangenen Bände erschließt sich die Geschichte nicht, denn Bilal knüpft an den beiden Bänden an, die aufgrund der wechselnden Protagonisten jeweils für sich standen (nur das Szenario war gleich). In La couleur de l’air führt er die Fäden zusammen und verbindet die beiden ersten Teile mit einem dritten Handlungsstrang und Figurenensemble.

Die „Blutsturz“-Trilogie erscheint wie ein groteskes Theaterstück mit futuristischem Erzählton, existenzialistischen Themen, lakonischen Dialogen, Literaturzitaten und einer dichten Noir-Atmosphäre. Es ist als hätten sich Friedrich Nietzsche, Samuel Beckett, Albert Camus, Arno Schmid, Raymond Chandler, Dashiell Hammet, H. G. Wells und Stanislaw Lem vereint, um einen Comic zu machen.

Ästhetisch hat sich Bilal im Gegensatz zu früheren Arbeiten verändert: Er hat seine Farbpalette weggesperrt und dem Seznario entsprechend eine düstere (Noir-)Grundstimmung aus Grau geschaffen, das hin und wieder durch Farbzuckungen durchbrochen wird. Jedes Einzelbild mal Bilal dabei übrigens noch auf eine Leinwand bzw. auf einen Untergrund. Die Ästhetik ist vielleicht nicht Jedermanns Sache und der ein oder andere Fan vermisst vielleicht die Farben. Dennoch ist es immer noch eine beeindruckende Optik, die zudem exakt zum Inhalt passt.

Fazit

La couleur de l’air ist ein phänomenaler Abschlussband der „Blutsturz“-Trilogie. Die ersten beiden kryptischen Bände werden inhaltlich sinnvoll zusammengeführt und ergeben ein rundes Gesamtwerk. Intelligent erzählt und kunstvoll illustriert!

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2 Kommentare

  1. Natthias · April 23, 2015

    Der Einteilung von Comicschaffenden in Künstler und nicht Künstler halte ich für tendenziell unglücklich gewählt. Am Ende zählt doch nur eins: Machen sie gute Comics oder nicht.
    P.s. Was wäre Fassbinder ohne Ballhaus

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    • z-wie-klugscheisser · April 25, 2015

      Fakt ist, Bilal stellt Leinwände in Kunstausstellungen aus. Abgesehen davon: wie soll ich qualitativ-handwerkliche Unterschiede beschreiben? Für mich persönlich heißt das ja nicht, dass die einen besser oder schlechter sind, sondern einen anderen Ansatz wählen. Klar können derart typologische Klassifizierungen zu Missverständnissen führen 😉

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