Zuletzt gesichtet #004: „Interstellar“ von Christopher Nolan

Was war ich gespannt auf den neuen Nolan! Treue Leser meines Blogs wissen vielleicht schon, dass Christopher Nolan einer meiner Lieblingsregisseure ist. Mit Interstellar hat er nach Inception erneut Science-Fiction-Gefilde betreten. Genau genommen ist Interstellar eine Mischung aus Postapokalypse, Space-Kolonialisierung und Vater-Tochter-Drama. Die Erde befindet sich in einer nicht allzu entfernten Zukunftswelt, die mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert sind. Deshalb sucht die Nasa neuen Lebensraum im Weltall.

Nolan baut seine Geschichte zunächst linear, stringent und ruhig auf, wobei trotz Überlänge keine Minute zu lang erscheint, weil er nichts unnötig einbaut, im Gegenteil, tendentiell sehr schlank erzählt. Dadurch kommt der Plot schnell voran ohne hastig zu wirken, weil der Schnitt, Bilder und Sequenzen Ruhe ausstrahlen. Das Ganze unterstreicht Hans Zimmer kongenial mit minimalistischer Klassik.

Im zweiten Drittel spitzen sich die Ereignisse dann zu und Nolan wechselt von einer linearen Erzählweise zu einer Parallelmontage, teilweise mit Voice-Over-Passagen. Dazu gibt Zimmer in den Weltraumszenen bedrohliche Orgelklänge zum Besten, die nicht von Ungefähr an die Kubrik’sche Untermalung in 2001: A Space Odyssey erinnert. Doch Nolan verneigt sich nicht nur vor Kubrick, sondern ergänzt dessen Klassiker um eigene, neue Inhalte. So gibt es auch typische Nolan-Sujets: Das letzte Drittel erinnert stark an das Konzept aus Inception.

Im Gegensatz zu Kubrick driftet Nolan weder in eine Mensch-Maschine-Dramatisierung (der Computer HAL 2000 aus 2001: A Space Odyssey hat mit Tars aus Interstellar nichts gemein, denn er bleibt den Menschen treu), noch in einen subjektiven Metatrip ab. Wie Kubrick greift Nolan das Evolutionskonzept auf (berühmt der Kubrik’sche Match-Cut, der den Übergang vom Primaten zum Weltraumfahrer anhand einer Überblendung eines hochgeworfenen Knochens in ein knochenähnliches Werkzeug), doch beleuchtet Nolan nicht die Technik- oder Fortschrittsgeschichte durch Werkzeuge, sondern die Kolonialisierung neuer Planeten für die Menschheit, die die Erde heruntergewirtschaftet hat.

Matthew McConaughey spielt souverän einen willensstarken Vater und Ingenieur, der aufgrund des Klimawandels kurzerhand zum Bauer wird, aber seine alten NASA-Erfahrungen wieder anwenden kann. Thematisch ist Interstellar auch eine Vater-Tochter-Drama vor der Kulisse eines Endzeitsettings, das sich erst zum Outer-Space-Final-Frontier-Thriller ausdehnt. Auch der restliche Cast (Anne Hathaway, Jessíca Chastain und Michael Caine) überzeugen in ihren Rollen, wobei die energische Chastain, die etwas blaße Hathaway aussticht. Festzuhalten ist auch, dass Action sehr rar gesät ist, vor allem im Vergleich zum Nolan-Gesamtwerk. Von daher kann man insgesamt tatsächlich eine leichte Abkehr von Hitchcock zu Kubrick verzeichnen, wobei das letztlich vollkommen egal ist, solange das Niveau so hoch angelegt ist.

Fazit

Interstellar ist ein berührendes Meisterwerk der Filmgeschichte, das das Nolan’sche Repertoire überraschend erweitert: Abgesehen von nervenaufreibenden, realistischen und raffiniert erzählten Thrillern kann er also auch Dramen, die sich um Zwischenmenschliches drehen und das auch noch vor einem interessanten Science-Fiction-Szenario. Ein Film der Sorte „Muss ich noch einmal anschauen“ – und davon gibt’s nur wenige!

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11 Kommentare

  1. stiefelniels · April 16, 2015

    Hachja, Interstellar hat vor einigen Monaten eine Wirkung entfaltet, wie ich sie lange nicht mehr im Kino erlebt habe.
    Bei Zweitsichtung fallen ein paar erzählerische Schwachstellen doch ein wenig mehr ins Gewicht, letztlich sitz ich aber trotzdem staunend vor diesem Stück und muss dran denken, wie wunderbar das Medium Film doch ist.

    Unnützes Wissen:
    Nolan hat Zimmer vor der Zusammenarbeit nicht erzählt, wovon die Geschichte handeln wird, nur dass es sich grob im Genre Sci-Fi abspielt. Zimmer hat komponiert, was eben nun zu hören ist, war aber vollkommen überzeugt, der Score würde nicht zu dem sehr gefühlvollen Vater-Tocher Drama passen, als er die Story nach Beendigung seiner Arbeit dann zu sehen bekam.
    Genau so gewollt von Nolan, der Score hat für mich wunderbar funktioniert.

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  2. Frau Margarete · April 16, 2015

    Sehr schöner Beitrag! Interstellar hat mich auch sehr begeistert, sowohl auf der optischen Ebene wie auch auf der gefühlvollen. Habe ihn bisher ein Mal im Kino gesehen, aber der Film wird auch hier bei mir Zuhause einziehen und dann noch mal angeschaut werden.

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  3. bullion · April 16, 2015

    Ich fand „Interstellar“ auch toll, wenn auch bei weitem nicht fehlerfrei. Dennoch zweifellos ein Film, den ich auch noch einmal sehen möchte…

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  4. Schlopsi · April 16, 2015

    Hmm, hat er dich also auch umgeblasen. 😉
    Die Geschichte fand ich auch angenehm ruhig. Allerdings schien mir gerade der Plot auf der Erde alles andere als schlank. Vielleicht hatte er mir gerade deswegen so gut gefallen.

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  5. Pingback: Zuletzt gelesen #014: “Trillium” von Jeff Lemire | z-wie-klugscheisser

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