Zuletzt gelesen #005: Warum ist Sergio Toppis „The Collector“ eine kunstvolle Abenteuer-Serie?

Es gibt Comics (oder Filme oder Romane), die lassen sich einfach und schnell konsumieren. Diese sind leicht zugänglich, weil sie unseren Sehgewohnheiten entsprechen und nicht viel abverlangen. Dann gibt es Comics für Genießer. Diese haben aufwendige, meist künstlerisch wertvolle Artworks, die sich von gewohnten Sehgwohnheiten unterscheiden und in denen jedes einzelne Panel genauso gut in einer Kunstausstellung hängen könnte. Enki Bilal, François Schuiten, Kent Willliams, Jon J. Muth, Bill Sienkiewicz, Dave McKean, André Juillard, Gibrat oder Sergio Toppi (hier ist ein Teaser zu meinem Reddition-Artikel über Toppi) sind solche Comickünstler.

Von zuletzt genanntem stammt die fünfbändige, leicht mystisch angehauchte Abenteuerserie Le collectionneur, die ich mir auf Englisch als Gesamtausgabe (von Archaia) gegönnt hab‘. Inhaltlich stellt die Serie eine Mischung aus Hugo Pratts Corto Maltese und George Lucas‘ Indiana Jones dar. Der Protagonist ist wie Corto Maltese ein charismatischer, stoischer Abenteurer, der mit seinem schlitzohrigen Lächeln und einer mystischen Verbindung zu höheren Mächten allen Gefahren trotzt. Er ist aber entgegen Maltese ein durchaus ambitionierter Abenteurer, denn er sammelt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts legendenumwobene Artefakte wie Waffen oder Kunstgegenstände.

Toppi nutzt die Legenden um die Artefakte für interessante historische Rückblicke, die er in seine Abenteuer einstreut. Die fünf Bände ähneln sich konzeptionell: es gibt ein Artefakt, dass der Sammler begehrt, aber jede Menge Hindernisse, die es zu überwinden gibt (hier variiert der italienische Autor so viel wie geht). Deshalb ist es besser die Bände nicht in einem Rutsch zu lesen, sondern portioniert mit Pausen, denn dann freut man sich jedesmal wieder und kann die unzusammenhängenden Abenteuer ohne Schmälerung genießen.

Das Seitenlayout bricht oft die gängige Abfolge von Panels zugunsten einer freien Darstellungsweise ohne Panels auf. Toppi verwendet in narrativer Hinsicht auch eine ungewohnte Form des Rückblicks: in einem Panel sehen wir einen Erzähler, der im Sprechblasentext etwas Vergangenes wiederaufleben lässt (Legende eines Artefakts) in den darauffolgenden Panels erhalten wir in stummen Panels Impressionen des Geschilderten. Standardisierte narrative Erzählweisen sind Voice Overs aus dem Off (Dialog oder Erzähltext) zu vergangenen Ereignissen (oft sind diese dann auch stilistisch oder farblich anders gestaltet). Toppis Vartiante ist ungewöhnlich und ist deshalb (auch noch heute) sehr innovativ.

Die exotischen Schauplätze wechseln, so dass wir mal in Irland, Neuseeland, Australien oder Neuguinea unterwegs sind. Die jeweiligen Eingeborenen mit ihren malerischen Kriegsbemalungen und exotischen Kleidungen stellen für Toppis ornamentalen Strich eine Steilvorlage dar, die er gemeinsam mit den Naturhintergrunddarstellungen meisterlich zu nehmen weiß. Das schwarzweiße Artwork ist etwas für Genießer, deren Blick auch einmal länger auf einem Panel haften bleibt, um die genuinen Ornamente in den kleidungen, Haaren oder Landschaften zu bestaunen. Diesem Ornamentalstil liegt nicht nur handwerkliche Meisterschaft, sondern auch ein mystisches Raunen zugrunde, das man aus dem Filmbereich sonst nur von Andrej Tarkowski kennt.

Hier ist eine Leseprobe der französischen Gesamtausgabe.

Fazit

Le collectionneur ist eine stilistisch meisterliche Abenteuerserie mit Klassikerstatus. Man braucht dazu allerdings ein Faible für Kunst (Toppi ist stark von der Gravur und Gustav Klimt beeinflusst worden) oder künstlerische Illustrationen, um Freude daran zu finden.

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