Warum ist „Rork“ von Andreas ein vielschichtiges Meisterwerk der Phantastik?

Während ich Cromwell Stone bisher liegen gelassen habe (sträflich, ich weiß, ich weiß, werd‘ ich bald nachholen, versprochen!), hat mich Rork gleich angesprochen. Der phantastische Klassiker des deutschen Comickünstlers Andreas (Martens) erscheint in einer schmucken Neuauflage als zweibändige Gesamtausgabe bei schreiber&leser, also zugreifen! Bisher kannte ich von Andreas (zu meiner Schande) lediglich die zynische Geschichtsgroteske Quintos (sehr empfehlenswert!) über den spanischen Bürgerkrieg.

Um was geht Rork? Keine Ahnung. Nein, Spaß beiseite, so wirklich weiß ich jetzt nach dem ersten Band der Gesamtausgabe tatsächlich noch nicht. Der Titelheld ist ein zeitloser Weißhaariger mit übernatürlichen Fähigkeiten, der an Hugo Pratts mystisch wie stoisch veranlagten Abenteurer Corto Maltese erinnert, nur dass er nicht durch die Weltgeschichte mäandert, sondern ähnlich wie Major Grubert in Moebius‚ Le Garage Hermétique durch Realitäten.

Zunächst begleiten wir den Helden durch Kurzgeschichten und fragen uns, was das ganze soll? Nette phantastische Kurzgeschichten, die von ihrer Qualität an die literarischen Kurzgeschichten eines H. G. Wells oder Ray Bradbury erinnern, aber nur Stückwerk bleiben. Nein. Denn Andreas schafft es nach einer Weile alle Fäden zusammenzuführen und aus mal mehr, mal weniger pointierten Kurzgeschichten eine ausgewachsene Story zu fabrizieren. Und das macht Spaß.

Andreas zeigt sich als vielseitiger Erzähler, der durch die Variation von Rhythmus, Seitenlayout und den gezielten Einsatz von Erzähltext, Dialog und stummen Sequenzen für viel Abwechslung sorgt. Diese grafische (schwarzweiß und koloriert) wie narrative Heterogenität wirkt auf den ersten Blick vielleicht etwas unentschieden, entfaltet auf lange Sicht aber eine ungeheure Originalität wie wir sie selten zu Gesicht bekommen. Die innovative Comicsprache lässt sich schwer vergleichen, aber Anklänge an Antoine-Marc Mathieu oder François Boucq.

Der deutsche Comiczeichner führt einen spitzen Strich mit kantigen Gesichtern und detailverliebten Hintergründen, Schraffuren und einer Vorliebe/Stärke für architektonische und (bedeutungsschwangere) geometrische Motive. Phantastische Wesen und Elemente prallen auf historische Bauwerke und die Natur. Insofern ist zweifelsohne eine Parallele zum Werk der belgischen Schuiten-Brüder vorhanden, doch wirkt Andreas‘ Arbeit abwechslungsreicher, weil er die geometrische Strenge immer wieder durchbricht.

Fazit

Rork ist eine rätselhafte Phantastik-Serie, die die Qualität von literarischen Klassikern mit einer erzählerischen und grafischen Raffinesse vereint. Andreas breitet seine Genialität behutsam und mit langem Atem, aber um so einschlägiger auf und ich bin untröstlich, dass ich bisher so wenig vom Deutschen gelesen habe. Das wird sich ändern!

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