Wochenendlese #002: Oscarverleihung 2015

So. Gestern wurden die Oscars vergeben. Und natürlich komm‘ jetzt auch ich nicht umhin über das Thema zu sprechen. Dieser Jahrgang erleichtert das Ganze jedoch: wurden doch mit Interstellar (auch wenn es nur „Beste visuelle Effekte“ war), Grand Budapest Hotel, Boyhood und Birdman gleich vier Filme von Lieblingsregisseuren nominiert – und schließlich ausgezeichnet!

Boyhood und Richard Linklater

Doch so sehr ich mich darüber freu‘, so sehr bedauer‘ ich, dass Boyhood nicht mehr abräumt, denn Richard Linklater hätte das vedient, aber immerhin gut, dass Patricia Arquette einen erhalten hat und der Film überhaupt nominiert wurde. Für alle, die noch gar nicht über das Coming-Of-Age-Drama wissen: der Film wurde über 12 Jahre (!) gedreht, d.h., dass die Schauspieler mitgealtert sind und der Protagonist im Alter von 5 bis 18 Jahren dargestellt wird und wir als Zuschauer miterleben, wie er aufwächst. Das erzeugt eine ungemeine Sogwirkung und der 165 Minüter wird zu einer Art Mini-Serie mit Soap-Atmosphäre im Kinoformat.

Linklater war schon immer ein Konzept-Regisseur: sehr zu empfehen sind seine Animationsrealfilme Waking Life und die Philip K. Dick-Adaption A Scanner Darkly, bei denen sie Sequenzen mit realen Darstellen in realen Kulissen gedreht wurden und im Nachhinein digitial bearbeitet und animiert wurden. Dazu sind beide Filme narrative reizvolle und anspruchsvolle Werke mit philosophischen Inhalten.

Ganz nett ist die Orson Welles-Hommage Me & Orson Welles und überraschend gut die romantisch-philosophische Trilogie (Before Sunrise, Before Sunset, Before Midnight) mit Ethan Hawke und Julie Delpy, bei denen das Filmpaar jeweils in einer Stadt zusammenkommt und in schlagfertigen Dialogen philosophiert und austauscht. Das klint wenig sensationell, funktioniert aber so gut, dass man unterhalten wird und stets ein Spannungsbogen vorhanden ist.

Birdman und Alejandro González Iñárritu

Im Fall von Birdman bin ich dagegen schon zufriedener: A. G. Iñárritu ist einer der ganz Großen und hat den Goldjungen in der Königskategorie „Bester Film“ und in „Bese Regie“ und „Bestes Originaldrehbuch“ mehr als verdient. Eine vollständige Review findet ihr hier in meinem Blog (siehe Verlinkung im Filmtitel) und dort sind auch weitere Verlinkungen zu Rezensionen seiner anderen (genialen!) Filme.

The Grand Budapest Hotel und Wes Anderson

Bei Grand Budapest Hotel hat’s mich doch sehr überrascht, damit hatte ich nicht gerechnet: Daumen hoch, auch wenn es nur Nebendisziplinen waren, in denen Wes Andersons Komödie ausgezeichnet wurde. Mir persönlich sticht dieses Werk jetzt nicht viel weiter hervor im Gegensatz zu seinem bisherigen Werk, aber es zählt gemeinsam mit der rotzfrechen Pfadfinder-Insel-Satire Moonrise Kingdom und dem liebvoll inszenierten The Fantastic Mr. Fox zu meinen persönlichen Favoriten, wobei natürlich auch The Royal Tannenbaums,

Und jetzt mal eine Frage in die Runde: Welche Filme wurde mit dem Oscar prämiert, aber hatten euch enttäuscht? Ich fand zum Beispiel The Curious Case of Benjamin Button mit 13 Nominierungen heillos überbewertet.

Und: welche Filme mögt ihr, die zwar vielfach nominiert wurden, aber am Ende nichts bekommen oder, die gar nicht erst nominiert wurden? American Hustle und True Grit wurden jeweils zehn mal nominiert und sind leer ausgegangen. Oder: Brad Pitt und Johnny Depp warten noch heute auf eine Auszeichnung.

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20 Kommentare

  1. bullion · Februar 23, 2015

    Ja, finde es auch schade, dass „Boyhood“ und speziell Linklater weitgehend leer ausgegangen sind, kenne allerdings „Birdman“ auch noch nicht.

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    • z-wie-klugscheisser · Februar 23, 2015

      Ich hab halt die anderen Gewinner-Beiträge nicht gesichtet: speziell die beiden Filme für die Kategorien „Beste Darsteller“ kenn‘ ich nicht, aber die reizen mich auch nicht – und das ist ja auch schon aussagekräftig. Dazu kommt, dass Linklater schon immer durchdachte Filmkonzepte realisiert und dafür eigentlich endlich mal belohnt gehört.

      „Birdman“ würde ich jedem empfehlen, der sich was aus origineller Story, Schauspiel als Thema, Kamereaarbeit und ausdrucksstarke Darstellerleistungen macht.

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  2. Lukas Gedziorowski · Februar 23, 2015

    Es stimmt schon: Für einen Wes Anderson-Fan ist Grand Budapest Hotel „nur“ ein weiteres Meisterwerk. Aber die vielen Nominierungen zeigen, dass Anderson endlich im Mainstream ankommt, mit anderen Worten: er bekommt die Anerkennung, die er seit den 90ern verdient.
    Benjamin Button ist halt – in der Tradition von Forrest Gump – ein Film, der irgendwie alles richtig macht – und deswegen dem konservativen Geschmack der Academy entspricht. Dass er zu den schwächeren Kandidaten (und Fincher-Filmen) zählt, liegt auf der Hand. Er ist einfach zu brav. Das gleiche gilt für True Grit – aber das macht ihn so langweilig. Der Film ist einer der unzeitgemäßesten, die seit langem auf der Oscar-Liste standen. Handwerklich perfekt, aber altbacken und konservativ.
    American Hustle war für mich (neben Her) die Enttäuschung des vergangenen Jahres. Mehr Schein als Sein. Weder besonders witzig noch mitreißend.
    Das größte Verbrechen der Oscar-Geschichte ist wohl, dass Die Verurteilten keinen bekommen haben. Hat aber dem Status des Films nicht geschadet.

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    • z-wie-klugscheisser · Februar 23, 2015

      Bei Wes Anderson, „LOBB“ und „Her“ bin ich ganz bei dir.

      Aber bei „True Grit“ und „American Hustle“ komm ich nicht mit, sorry.

      „TG“ konservativ? War doch spaßig mit dem Mädchen als Heldin und auch die geniale Erzählweise. Für mich der beste Western der letzten Jahre, auch besser als „Django Unchained“.

      „AH“ nicht witzig? Okay, vielleicht überbewertet und kein Meisterwerk, aber schlecht war der auf keinen Fall, die gleiche Liga wie „Wolf of Wallstreet“.

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      • Lukas Gedziorowski · Februar 23, 2015

        Sorry, „True Grit“ ist für mich eine überholte Rachegeschichte nach Schema F. So etwas muss meiner Meinung nach nicht mehr sein (außerdem war die John Wayne-Fassung völlig ausreichend). Ich hatte mehr Spaß an einem Western wie „Todeszug nach Yuma“. Und gegen den „Wolf of Wall Street“ kommt wenig an, dagegen wirkt „American Hustle“ sehr blass. Es ist doch immer wieder interessant zu sehen, wie unterschiedlich man die Filme wahrnimmt. 😉

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      • z-wie-klugscheisser · Februar 23, 2015

        Allerdings. Mich hat bei TG auch mehr das Erzählen und weniger der Inhalt so meisterlich gefallen. Den Todeszug fand ich aber auch gelungen.

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      • z-wie-klugscheisser · Februar 23, 2015

        Was sagst du dann eigentlich zu anderen Rache-Filmen wie „Old Boy“ oder „Kill Bill“? Das Thema ist ja dann spätestens am seit dem Nibelungenlied abgehandelt.

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      • Lukas Gedziorowski · Februar 24, 2015

        Das ist leider nicht mein Fachbereich, bzw. einfach nicht mein Geschmack. Old Boy habe ich aus Langeweile abgebrochen (ja, Schande über mich), Kill Bill habe ich gemieden (ja, noch mal Schande über mich), aber Tarantino ist einfach nicht mein Fall. Ausnahme: Inglorious Basterds, aber auch da habe ich mich mit dem Gemetzel am Ende schwer getan … Viel interessanter fand ich in diesem Zusammenhang Dogville.

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      • z-wie-klugscheisser · Februar 24, 2015

        Ach so, du magst einfach gar keine Rache-Filme, okay, jetzt verstehe ich 😉

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      • Lukas Gedziorowski · Februar 24, 2015

        Ja, „Auge um Auge“ ist so was von … Altes Testament? Da fällt mir ein: „Out of the Furnace“ war auch so einer. „Die Fremde in dir“ – schrecklich! Für die Amis ist Selbstjustiz immer noch ein großes Thema …

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      • z-wie-klugscheisser · Februar 24, 2015

        Okay. Aber sind nicht alle Geschichten schon einmal dagewesen – wo du gerade das AT ansprichst? Oder in den Mythen? Alle tragischen oder dramatischen Grundmotive sind doch schon seit Äonen da – und von daher gibt es streng genommen dann gar nichts Neues mehr. Ob Liebesgeschichten, Utopien oder Satiren. Auch das typische Abenteuer verläuft immer nach Schema F: Alltag – Ruf – Heldenreise – Absturz – Bewährung – Reife. Tausendfach kopiert.

        Ich will dich ja gar nicht bekehren. Wenn dir Rache-Stories nicht gefallen ist das dein gutes Recht 🙂 Nur von der Argumentationsweise kommt man schnell ins Rechtfertigungshintertreffen 😉 Ich meine, dass für dich dann eigentlich gar nichts mehr übrigbleibt?

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      • Lukas Gedziorowski · Februar 24, 2015

        Nein, ich will gar nicht argumentieren, dass alles schon mal da war – das führt zu nichts. Ich meine nur, dass Rache ein Motiv ist, über dem eine aufgeklärte Gesellschaft stehen müsste. Deshalb wünsche ich mir Filme, die mit dem Thema differenzierter umgehen, statt die Selbstjustiz zu zelebrieren. Konflikte aufgrund von permanenten „Vergeltungsschlägen“ haben wir schon genug. Aber vielleicht bin ich da zu Gandhi. 😉

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      • z-wie-klugscheisser · Februar 24, 2015

        Ich halte es für legitim, wenn du sagst, du magst das nicht aus sozialkritischen Gründen. Der Nachteil ist nur, dass du dann einige Filmperlen kategorisch ausschließt.

        Ich selbst schau‘ ja auch aus kategorischen Gründen ja so gut wie keine Horror-, Liebes und (reine) Actionfilme oder Komödien. Nur hab‘ ich da nicht das Gefühl, etwas zu verpassen.

        Ist aber letztlich egal bei dem Überangebot an Unterhaltungsangeboten ;-D

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  3. jacker · Februar 25, 2015

    BOYHOOD hätte tatsächlich mehr bekommen dürfen.
    Dass GBH 4 Statuen bekam, macht mir aber viel Freude. Den Film empfand ich nicht als Anderson’s stärksten, die Auszeichnungen aber irgendwie überfällig!

    Und dass AMERICAN HUSTLE keinen der 10 bekommen hat ist völlig zu recht geschehen. Ist der nächste Hypefilm aus 2014 mit dem ich GAR NICHTS anfangen kann!

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  4. z-wie-klugscheisser · Februar 25, 2015

    Okay, „American Hustle“ mag hier ürgendwie niemand. Ich mochte von David O. Russel schon „The Fighter“ und eben auch „American Hustle“. Hätte man sicherlich mehr draus machen können, aber für mich war er weit über Durchschnitt, wenn auh (wie WOW) mit Längen behaftet.

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  5. stiefelniels · Februar 25, 2015

    Ich habe Boyhood tatsächlich immer noch nicht gesehen! Ist ja jetzt sogar ein Sequel angekündigt worden. Nach dem was ich so gehört habe frage ich mich allerdings, wie das am Ende aussehen soll?

    Allgemein ist mir diese Oscar-Verleihung wieder einmal aufgefallen, wie extrem unwichtig die Auszeichnung für mich persönlich am Ende doch ist. Natürlich freue ich mich, wenn mein Liebling gewinnt. Aber letztendlich ändert es auch nichts daran , ob ich einen Film jetzt gut oder schlecht finde. Ich beschäftige mich in meiner Freizeit so viel mit der Filmwelt, dass ich früher oder später sowieso über die meisten der Nominierten stolpere (sofern sie mich interessieren). Für die breite Masse, die nur 4-5 Mal das Jahr in’s Kino rennt, macht’s auch nicht wirklich einen Unterschied. Klar kriegt ein Film wie Birdman jetzt auch vom Massenpublikum nochmal mehr Aufmerksamkeit, aber am Ende wird dann doch die Kinokarte für 50 Shades gelöst befürchte ich. Doof dabei natürlich, dass die nominierten Filme eh meist erst kurz vorher bzw. sogar nach der Verleihung ins Kino kommen. Macht’s nochmal schwerer wirklich teilzunehmen am ganzen Spektakel.

    Ansonsten kann ich mit den Gewinnnern unter den Nominierten dieses Jahr recht gut leben.

    Benjamin Button fand ich damals schrecklich. Viel zu langatmig, viel zu pathetisch und irgendwie sehr schwermütig. Der wollte unbedingt was besonderes sein und das hat mir nicht gefallen. Da schrie alles nach „Oscar“.
    American Hustle fand ich komischerweise erst beim zweiten Schauen hervorragend. Das erste Mal war ich jedoch ziemlich enttäuscht.

    Was ich jedoch echt schade finde: Wo es schon die Kategorie für den besten fremdsprachigen Film gibt würde ich mir eigentlich auch wünschen, dass ausländische Schauspieler auch die Möglichkeit für den ganz großen Preis haben. Denn auch schauspieltechnisch glänzt nicht immer nur alles was aus den USA kommt! 😉

    Nebenbei: Ich bin froh, dass Jonny Depp noch keine goldene Statue sein Eigen nennen darf. Seine Zeit ist vorbei, keine wirklich guten Filme mehr (die auch schauspielerisch von ihm getragen werden) seit mindestens zehn Jahren.

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    • z-wie-klugscheisser · Februar 25, 2015

      Stimm dir in allem zu. Depp hätte halt vor Äonen mal einen verdient gehabt. Für Fear&Loathing in Las Vegas z.B. Aber seit Public Enemies hab ich ihn gemieden und den hab ich nur wegen Bale gesichtet. Ja. Viel Gedöns. ..

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    • z-wie-klugscheisser · Februar 26, 2015

      Zu deiner Frage mit „Boyhood“: Wieso? Ich verstehe die Bedenken nicht, ist doch ganz einfach. Linklater dreht die nächsten 13 Jahre der Protagonisten. Fertig aus. Ganz banal. Solange keiner der Darsteller stirbt (Gott behüte!), verstehe ich die Skepsis nicht.

      Kennst du die anderen Linklater-Filme eigentlich?

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      • stiefelniels · Februar 27, 2015

        Ich gehe jetzt nur von den Aussagen aus, die ich so vernommen habe. Oft hieß es, ohne das Gimmick des so langen, konstanten Dreh’s wäre der Film nicht besonders außergewöhnlich. Und dieser „Aha-Effekt“ ist bei einem Wiederholen des Konzepts doch irgendwie verfogen. Frage mich außerdem, ob sowohl Regisseur, als auch Darsteller und Crew nochmal so ne Aufgabe angreifen wollen. Ist natürlich alles sehr(!) wage was ich hier sage, n richtiges Urteil kann ich für mich da erst machen wenn ich’s gesehen hab. 🙂
        Auch kaum, ist echt an mir vorbeigegangen. Vor Jahren mal Scool of Rock, aber da auch nicht bewusst als Linklater-Film.
        Du bist ziemlicher Fan der meisten Werke oder?

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      • z-wie-klugscheisser · Februar 28, 2015

        Die animierten Filme sind sehr gut. Die Romanzen ganz nett.

        Ob und wie Boyhood zu Manhood wird, bleibt abzuwarten. Kann tatsächlich das ein oder andere Problem geben, stimmt.

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