Die 3 besten Western-Comic-Serien: „W.E.S.T.“, „Bouncer“ und „Gus“

Lange Zeit habe ich das Genre gemieden. Warum? Vielleicht, weil ich bei Western immer an Lucky Luke denken musste (nichts gegen den Semi-Funny-Klassiker, ich les‘ ihn inzwischen sogar wieder, aber zuletzt hatte ich noch eine starke Abneigung gegen Semi-Funnies). Oder weil ich im Genre-Bereich ohnehin eine starke Präferenz für Science Fiction hatte. Jedenfalls hat sich diese Blockade mit der Zeit aufgelockert und deshalb präsentiere ich euch meine liebsten Westernserien (die rein zufällig alle aus dem franko-belgischen Bereich kommen).

Mystery bei W.E.S.T. (2003/ongoing)

Der Serientitel steht für „Weird Enforcement Special Team“: eine Art Special-Ops-Team, bestehend aus einem indianischem Exorzisten, einem Mann für’s Grobe, einem meisterlichen Schützen, einer charmanten Ärztin und einem Schamanen. Das faszinierende an der Serie der Autoren Xavier Dorison und Fabien Nury und des Zeichners Christian Ross ist

  1. der einmalige Genre-Spagat zwischen Mystery und Western: Der phantastische Horror wird dezent in die historische Kulisse eingewoben, vor der auch politische Themen ausgebreitet werden.
  2. die ambivalenten Charaktere: Die Protagonisten sind keine einwandfreien Helden und das talentierte Team erinnert an Superheldenformationen (jedoch ohne echte Superkräfte).
  3. die genialen Illustrationen: Die realistischen Zeichnungen erhalten durch nuanciert aquarellierten Farben eine reizvolle Plastizität (für wen das zu Geschwurbelt klingt: die Bilder sehen hammermäßig aus!)

W.E.S.T. erscheint auf Deutsch beim Piredda Verlag (die ersten beiden Bände waren auch bei der Ehapa Comic Collection erschienen und wurden nicht fortgesetzt). Es handelt sich zwar um eine fortlaufende Serie, aber sie enthält in sich abgeschlossene, zweibändige Zyklen. Man kann also problemlos nach zwei, vier oder sechs Bänden aufhören (wenn man nicht von der grandiosen Qualität überzeugt ist!).

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Nur die Harten kommen in‘ Garten.

Hard-Boiled bei Bouncer (2001/ongoing)

Bei Alejandro Jodorowsky denkt jeder gleich an Möbius (weil der Chilene soviel mit dem Zeichner zusammengearbeitet hat), Dune (weil urspürnlgich einmal der Autor – und nicht David Lynch! – beinahe die Filmadaption von Frank Herberts gleichnamigen Kultroman realisiert hätte) und an experimentelle Kunstfilme (die kein Mensch gesehen hat und nur auf Filmfestspielen gezeigt werden). Jedenfalls denkt kein Schwein an Western. Doch gemeinsam mit dem (von mir ungemein verehrten) Zeichner François Boucq schuf er bislang neun Bände von Bouncer. Warum ich die Serie liebe?

  1. Es handelt sich um einen schnörkellosen Auf-die-Fresse-Western mit eskalierender Gewalt, spröden Kulissen und schonungslosem Realismus.
  2. Die Serie hat einen charismatischen Protagonisten, der nicht aufgibt: Der Titelheld ist ein einarmiger Indianer, dessen Integrität, Mut und Moral immer wieder geprüft wird.
  3. Die Zeichnungen bestechen durch atmosphärische Farben und einen individuellen wie detaillierten Strich. Geniale Hintergrundblider und ungeschminkte Figuren visualisieren perfekt die harte Story.

Bouncer ist in der Ehapa Comic Collection erschienen. Die ersten fünf Bände bilden den ersten Zyklus und sind leider nur noch antiquarisch erhältlich (und das hat seinen guten Grund – die Mühe, Online Buch- und Comic-Antiquariate zu durchforsten lohnt sich – also keine Müdigkeit vortäuschen). Ab dann geht’s in zweibändigen Zyklen weiter und die Serie ist fortlaufend.

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Im Geiste schon alle Eventualitäten durchgesponnen.

Liebe und Satire bei Gus (2007/ongoing)

Bei Christophe Blain wird’s satirisch. Das Mitglied der innovativen Autorengilde L’Association ist bekannt für witzige Genre-Neuinterpretationen und Graphic Novels zu Gegenwartsthemen. In Gus gibt es drei Banditen, die in mehreren Episoden und unterschiedlichen Konstellationen Liebesabenteuer erleben und Banküberflälle aushecken. Jetzt kommt die Überleitung, bevor ich wieder drei Punkte aufliste.

  1. Der Western wird zu einem fabulierfreudigen Schauplatz für Romanzen und klassische Heists. Die Genre-Mischung und -Parodie gibt Liebhabern und Neulingen die Möglichkeit den Western von einer leichten Seite kennenzulernen.
  2. Blain verwendet immer wieder interessante wie haarsträubende medienreflexive Einfälle: So durchleidet ein Held im Geiste mehrere mögliche Szenarien mit einer Geliebten, was Blain durch Gedankenblasen darstellt, während der Protagonist in der (narrativen) Wirklichkeit still am Tisch sitzt oder etwas völlig Konträres sagt.
  3. Durch einen leichtfüßigen Strich gelingt Blain eine temporeiche Erzähldynamik und bringt stilisierende Charakterisierungen auf’s Papier. Die zunächst vielleicht gewöhnungsbedürftigen Illustrationen lösen sich (pfeilschnell) in Vergnügen auf.

Gus erscheint auf Deutsch bei Reprodukt. Bisher sind drei Bände erschienen und seitdem stockt es leider. Da es sich aber stets um lose miteinander verbundene Episoden handelt, kann man auch nach den drei Bänden (zur Not) aufhören (die Hoffnung stirbt zuletzt!).

Was sind eure liebsten Western-Serien? Mögt ihr lieber Spaghetti-Western oder Genre-Mixes?

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8 Kommentare

  1. comic review (@comicreview_de) · Februar 10, 2015

    Da wäre doch sicher auch East of West, The Sixth Gun oder Jonah Hex (in dem Fall von Jimmy Palmiotti) was für dich. Zu ersterem gibt es den Podcast „CRFF082 – East of West, Band 1“ und Band 2 kommt demnächst.

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    • z-wie-klugscheisser · Februar 10, 2015

      Danke für deine Tipps! East of West war mir beim Durchblättern bisher zu apokalyptisch – und ich mag Hickman. Die anderen werd ich beim nächsten mal anschauen 😉

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      • comic review (@comicreview_de) · Februar 10, 2015

        „The Sixth Gun“ ist richtig gut, auch beim zweiten Lesen, …CRFF097 – Die sechste Waffe 1 – Kalte tote Finger

        East of West kann ich deine Zurückhaltung verstehen, es hatte mich in Band 1 auch noch nicht so 100% aber es ist halt Hickman, der verliert selten das Große und Ganze auch dem Blick.

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      • z-wie-klugscheisser · Februar 10, 2015

        In welche Richtung geht TSG? Straight? Oder Genre-Mix? EOW geb ich vielleicht noch einmal eine Chance, aber gerade hab ich sehr viele Image-Serien am Laufen 😉

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      • comic review (@comicreview_de) · Februar 11, 2015

        Also es ist ein Genre-Mix, was es ja auch so reizvoll macht, aus Western, Horror (mild) und Mystery. Image bringt wirklich jede Menge gutes Zeug raus im Moment, deshalb kommen ja gefühlt 8/10 Heften die wir bei Hunting Down Comics besprechen von Image.

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      • z-wie-klugscheisser · Februar 11, 2015

        Also ich hab mir Online alle drei Titel angesehen.

        JH sieht mir zu stark nach Horror aus (aber ich kann mich da auch täuschen).

        TSG könnte was sein, wenn es nicht zuviel Horror ist, das muss ich im Laden noch einmal genauer unter die Lupe nehmen. Das Cover hat mich schon oft angelacht, aber bisher hatte ich den Titel liegen gelassen.

        EOW gebe ich wohl irgendwann noch eine Chance. Wenn mich der erste Trade überzeugt, steig ich ein 😉

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  2. Crayton · Mai 22, 2015

    Vielleicht ist auch dieser Western was für dich :- )

    https://craytoncomicblog.wordpress.com/2015/05/22/review-923-lucky-luke-93/

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