Warum beflügelt die Satire „Birdman“ von Alejandro G. Iñárritu?

Als ich gelesen hatte, dass Alejandro González Iñárritu eine Satire machen will, war ich zunächst skeptisch: Nach seiner genialen alles-hängt-zusammen-Trilogie (Amores Perros, 21 Gram, Babel) und seinem leicht schwächeren (aber immer noch überdurchschnittlichen) Biutiful hatte sich der Mexikaner doch so meisterlich auf das Drama eingeschossen. Egal! Dann wurden immer mehr Gerüchte laut, es handele sich um eine Superhelden-Satire, und das spannte mich dann vollends auf die Folter.

Gleich vorweg: Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance) von 2014 ist keine Superhelden-Satire geworden. Vielmehr hat der mexikanische Filmemacher eine geniale Satire über das Schauspiel gemacht: das Schauspiel in Form der Institution (also das Theater) und in Form der Akteure (hier: psychotische und egozentrische Darsteller).

Michael Keaton (und jetzt kommt der Bogen zum Superheldencomicgenre) mimt einen abgehalfterten Schauspielregisseur, der seit seinem Erfolg als „Birdman“ (ein Verweis auf Keatons Rolle in Tim Burtons Batman-Adaptionen) nichts mehr vorgebracht hat. Der Gealterte will ein karriere-pushendes Stück aufführen und alles geht dabei drunter und drüber und dazu hört er auch noch die Stimme seiner Ex-Rolle, die ihn beschimpft und einredet, er hätte Superkräfte (siehe Bild). Auch die Protagonisten des Theaterstücks (überzeugend gespielt von Edward Norton und Naomi Watts) verweisen auf jeweils frühere Arbeiten: Norton prügelt sich in einer Szene in bester Fight Club-Manier und Watts hat ein kurze Lesbenszene, die an Mulholland Drive erinnert.

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Michael Keaton hat einen Vogel.

Das geniale an Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance) ist neben den schauspielerischen Darbietungen des Ensembles (die Darsteller müssen ständig zwischen Ihren jeweiligen Rollen als Theaterschauspieler und nichtprofessionellen Rollen switchen) die meisterhafte Kameraarbeit – und das kann gar nicht oft genug betont werden! Im Prinzip ist der Film (zumindest theoretisch betrachtet) eine 110 minütige Kamerafahrt mit wenigen Schnitten am Anfang und am Ende.

Die Kamera begleitet und umrundet die Schauspieler, ohne dass es offensichtliche Schnitte gibt (mich würde dazu mal die Gage und der Zeitaufwand des Cutters interessieren). Es ist einfach unglaublich, wie virtuos in einer einzigen Fahrt die Schauplätze und Protagonisten wechseln und, wie Sprünge in der Erzählzeit flüssig und clever gelöst werden. Die marathonhafte Kamerafahrt ist von großem filmhistorischen Wert und überbietet selbst die Leistung von Orson Welles berüchtigter Fahrt in Touch of Evil oder Alfred Hitchcocks phänomenaler Kameraarbeit in Rear Window.

++++Achtung: Spoiler-Gefahr++++

Raum zur Interpretation gibt neben dem offenen Ende die narrative Klammer: Zu Beginn und zum Ende sehen wir einen Kometschweif (oder Asteroidschweif? hey, ich bin kein Astrophysiker. Oder Astronom), der in bedeutungsschwangerer Unerklärtheit auf die Erde rast. Oder starrt Keatons Filmtochter Emma Stone am Ende auf den verglühenden Klumpen Stein (ich hoffe, es handelt sich tatsächlich um einen Stein)?

Ansonsten begeistert auch die Filmmusik: der kurze Einsatz von klassischer Musik war die Ausnahme, ansonsten begnügt sich der mexikanische Regisseur mit stakkatohaften Drums aus dem On (man sieht den Drummer sogar in einer Szene). Selbst in der Filmmusik gibt es einen kleinen Verweis: In einer Szene wird dieselbe Ravel-Sequenz eingespielt wie in Christopher Nolans Dark Knight Rises, der den Komponisten in einer festlichen Tanzszene verwendet.

Darüber hinaus kritisiert und parodiert Iñárritu den stupiden Bombast und die inhaltsleere Schnelligkeit der inflationären Superheldencomicadaptionen. Auch witzig: Der Mexikaner lässt in einer Szene kein gutes Haar an uns Filmkritikern! Er kritisiert (genauer Keaton), dass wir nur gescheiterte Schauspieler und Regisseure wären und aus Faulheit lauter Schubladen und Vergleiche verwenden, um die harte Arbeit der Filmemacher zu zerstören. Was soll ich sagen: ich bin der schlimmste, was Genre-Einordnungen und Referenzen angeht (siehe oben!). Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass ich das bei ihm diesbezüglich ausschließlich lobend mache. Zudem hab ich hier neben Referenzen und Kategorien auch aus eigener Kraft (Analyse, Beschreibung) versucht, das Einzigartige des Werks herauszustellen.

Fazit

Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance) ist nichts weniger als eine kongeniale Theater-Satire von einem Ausnahmeregisseur! Der Film ist bissig-witzig, bietet Stoff zum Nachdenken und fesselt von der ersten Minute. Nicht verpassen!

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Ein Kommentar

  1. franziska-t · Februar 22, 2015

    Mir hat Birdman auch sehr gut gefallen. Ich stimme dir in vielen Fällen zu. Die Kamera und die Anspielungen an BATMAN und andere Superheldenfilme sind wirklich gut. Über den Soundtrack lässt sich sicherlich streiten. Ich fand das permanente Schlagzeuggehämmere manchmal etwas too much ebenso wie das Einbauen des Schlagzeugers in die Handlung (Thomson läuft um die Ecke und da spielt ein Schlagzeuger in der Ecke). Edward Norton und Michael Keaton machen den Film aber unglaublich sehenswert. Mal sehen, wie gut der Film bei den Oscars heute nacht abschneidet.

    Hier meine Kritik: https://filmkompass.wordpress.com/2015/02/02/birdman-2014/

    Gefällt 1 Person

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