Warum ist Reinhard Kleists „Der Traum von Olympia“ so mitreißend?

Wie schnell die Zeit doch vergeht! Ich erinnere mich ganz genau, als ich im September 2013 auf der Tagung „Sketching the past – Vermittlung von Gewaltgeschichte im Comic“ in Frankfurt/Oder war. Mein Vortrag ging über das Thema „Die Darstellung des Holocaust im Comic – MAUS und sonst nichts?“ (wer sich für das Thema interessiert: hier ein Lesetipp). Und Reinhard Kleist war wegen seiner Graphic Novel Der Boxer anwesend. Bei einer Stadtführung hatte ich die Gelegenheit mit Kleist zu sprechen und da kamen wir natürlich auch auf sein seinerzeit aktuelles Projekt zu sprechen. Er erzählte mir etwas über eine afrikanische Läuferin, die in Peking bei der Olympiade lief und dann durch ein Flüchtlingsdrama in die Schlagzeilen kam.

Den Namen der Athletin hatte ich zu meiner Schande gleich wieder vergessen, aber Kleists Vorhaben spannte mich sofort auf die Folter. Letztes Wochenende war es dann endlich soweit: ich stand im Laden meines Vertrauens und hatte eher zufällig Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar entdeckt. Das wurde dann zu einem jener Fälle, in denen man völlig unvernünftig noch einen weiteren Titel auf den (viel zu hohen) Stapel an der Kasse legt, und dass, obwohl das Monatsbudget im Prinzip schon längst aufgebraucht war.

20150126_123033

Die Familie fiebert vor dem Fernsehr mit.

Doch kommen wir zum Eigentlichen zurück. Der Traum von Olympia erschien vorab in Episoden in der F.A.Z., von daher hätte ich eigentlich gar nicht so lange warten müssen, aber ich bin halt einfach kein Freund von Stückwerk und dazu halte ich auch gerne ein Buch in der Hand (aber ich schweif‘ ja schon wieder ab). Es geht um Folgendes: Die Sprinterin Samia Yusuf Omar vertrat Somalia bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking. Sie wollte natürlich auch bei den nächsten Spielen in London dabei sein, aber die Umstände im bürgerkriegszerrütetten und verarmten Somalia erschwerten ihr das Training.

Kleist beschreibt dieses tragische Kapitel Omars in sehr mitreißender und mitfühlender Form. Vieles wird (grafisch wie inhaltlich) nur angedeutet, aber dafür taucht man umso intensiver in die Geschehnisse ein, die Omar tatsächlich erlebt hatte. Die Graphic Novel klärt jetzt nicht belehrend über die afrikanische Flüchltingsproblematik auf: weder liefern die holzschnittartigen Schwarzweißbilder dokumentarische Bilder, noch kann Kleist einen Anspruch auf detailgetreue Abbildung der Wahrheit erheben (die genauen Umstände von Omars Flucht sind nie genau bekannt geworden).

20150126_120340

Der offzielle facebook-Account von Omar wurde gelöscht.

In grafischer Hinsicht bietet Kleist wie schon in Castro (2010) oder Der Boxer (2012) einen eleganten wie schnellen Strich, der die Erzähldynamik hervorragend visualisiert. Er konzentriert sich auf das Wesentliche und legt das Gewicht auf den Ausdruck und den Inhalt. Durch die graue Füllfarbe weicht er den harten Schwarzweißkontrast etwas auf und setzt atmosphärische Akzente. Dank eines aufschlussreichen Vorwortes des Künstlers und eines ergänzenden Nachwortes des Journalisten Elias Bierdel wird die Geschichte in seinem Entstehungskontext (Kleist) erläutert und in den politischen Rahmen gestellt (Bierdel).

Fazit

Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar ist für alle geeignet, die nicht vor sozialkritischen Themen zurückschrecken, packende Biographien und/oder Sport als Thema mögen. Was Kleist schafft, ist eine paradigmatische und packende Geschichte mit einer sympathischen Protagonistin zu erzählen – ohne diese zu glorifizieren oder pathetisch zu verklären. Man muss nach der Lektüre auch gar nicht in eine Betroffenheitsstarre verfallen oder depressiv werden angesichts der Tragik. Wichtig ist dabei, dass die Athletin nicht in Vergessenheit gerät und die anonymen Flüchtlingszahlen so etwas wie ein Gesicht bekommen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s