Runberg & Martin: Weiße Felder [zuletzt gelesen #067]

weisse_felderWer kennt das nicht? Man hat sich ein Projekt vorgenommen, kommt aber nicht wirklich voran. Egal, was man unternimmt, es ist wie blockiert. Doch was passiert, wenn aus der Blockade eine ausgewachsene Schaffenskrise wird? Wenn es kein kleines Projekt, sondern im Grunde hakt und alles in Frage gestellt ist? Cases Blanches (Bamboo Édition) von Sylvain Runberg und Olivier Martin beleuchtet diese Frage im Kontext eines Comiczeichners, der einfach nicht über die erste Seite eines neuen Bandes hinauskommt. Die Graphic Novel ist 2015 beim Splitter Verlag auf Deutsch unter dem Titel Weiße Felder erschienen.

Wenn der Erfolg drückt

Eigentlich kann sich Vincent Marbier überhaupt nicht beklagen: Nachdem er jahrelang nur Durchschnittsserien gezeichnet hatte, konnte er mit seinem Fantasy-Auftaktband „Der Pfad der Schatten“ einen Sensationserfolg verbuchen. Der Autor, sein Verlag und die Fans drängen nun auf den Fortsetzungsband, aber Marbier hat gerade mal mit den ersten Panels begonnen und dabei rückt der Abgabetermin immer näher. Doch ihm scheint die Inspiration zu fehlen. Kürzlich hat er sich auch von seiner Frau scheiden lassen. Steckt er in einer vorübergehenden Schaffens- oder existenziellen Lebenskrise?

Runberg erzählt behutsam die Geschichte vom Scheitern. Dabei bleiben den Lesern die Gedanken des Protagonisten verwehrt, da Runberg auf einen Erzähltext verzichtet. So rätselt der Leser genauso wie die Freunde und Kollegen des Protagonisten, was mit diesem los ist. Das besondere an Weiße Felder ist der Realismus, der keine Stilisierung des Protagonisten oder stereotypische Erfolgsgeschichte zulässt, sondern das Thema „Scheitern“ ernst nimmt und von verschiedenen Seiten durchdringt. Die künstlerische Angst vor den titelgebenden „Feldern“ wächst zu einer Sinnkrise heran. Im Anschluss an die Geschichte hat Runberg ein Interview mit den beiden Autoren von „Der Pfad der Schatten“ verfasst.

Hauchzarte Farben contra weiße Felder

Martin illustriert die Geschichte in nur minimal kolorierten Bildern. Hauchzart deuten sich hier und da Farbtöne an, die dezent Akzente setzen. Der detaillierte Zeichenstil erscheint leicht skizzenhaft und minimal stilisiert. Die freien Flächen sind entweder weiß oder nuanciert aquarelliert. Durch die leeren Flächen gibt es einen starken Kontrast (vielleicht ja auch bewusst ein Kontrast „weiße Felder“ und „zarte Farben“?). Die gefälligen Bilder spenden insgesamt eine dichte Atmosphäre und illustrieren stimmungsvoll die Geschichte.

Weiße Felder ist ein gelunges Künstlerdrama mit einem interessanten Einblick in die Mechanismen der Comicindustrie und einem tiefgehenden Eindruck in die Zeichnerseele. Garantiert nicht nur für Comicnerds, sondern auch für Liebhaber von Gegenwartsdramen im Allgemeinen eine interessante Leseempfehlung. Wie viel Autobiographisches uns dabei Runberg offenbart, bleibt dessen Geheimnis (aus der Graphic Novel geht jedenfalls nichts hervor). Beim Verlag gibt es weitere Infos und eine Leseprobe.

Dufaux & Jérémy: Barracuda 5 – Kannibalen [zuletzt gelesen #066]

U_3863_1A_ECC_BARRACUDA_05.IND8Das Piratengenre feiert ein Revival – und das ist gut so. Wobei die Seeräuber und Rum trinkenden Schatzsucher im Comicbereich nie wirklich weg waren. Mit Barracuda (Dargaud) machen Jean Dufaux und Jérémy eine Serie (sechs Bände sind geplant, aber da wäre ich vorsichtig, bei Dufaux kann es mitunter auch mehr werden), die das Genre nicht grundlegend erweitert (auch hier geht es um einen Schatz), aber resolut und mit interessanten Figuren umsetzt. Dufaux hat sich als Meister von Abenteuerserien vor historischen Kulissen erwiesen: Serien wie Murena oder Giacomo C. zählen zum besten, was der Belgier gemacht hat. Erfreulicherweise verzichtet er in Barracuda auf phantastische Elemente (wie im schwächeren Conquistador), es gibt nur wenige magische Elemente. Nun hat die Egmont Comic Collection den fünften Band unter dem Titel „Kannibalen“ auf Deutsch veröffentlicht.

Wenn sich Schicksale und Säbel kreuzen

17. Jahrhundert: Raffy (Sohn des Piraten Blackdog) ist in den Händen der Spanier, nachdem diese Puerto Blanco erfolgreich eingenommen haben und die wollen den Ehebrecher am liebsten massakrieren. Seine Herzensdame Maria del Scuebo und Jean Forehand, die den Roten Falken zu Hilfe ruft, wollen ihn mit den verbliebenen Freunden befreien. Auch Blackdog befindet sich in Gefangenschaft: die kannibalistischen Moori verlangen (wie alle anderen auch) den Diamenten von Kashar. Gibt Blackdog seinen Schatz Preis, um seinen Sohn zu retten und seine Freiheit zu erkaufen? Was hat es mit dem Roten Falken auf sich?

Auch im fünften Band spielt sich alles hauptsächlich auf der Insel ab. Dennoch gibt es einige typische Piratenmomente. Die „Barracuda“ bekommt einen Kurzeinsatz und die Freibeuter kämpfen vereint gegen die Spanier. Die Ereignisse spitzen sich jetzt drastisch zu (Dufaux hat alle Fäden fest in der Hand), so dass im abschließenden sechsten Band das endgültige Finale kommen darf. Der Belgier erzählt sehr rasant (wenig dialogreiche Szenen) und verwendet einen (sparsam eingesetzten) Erzähler. Er wechselt dabei immer wieder die Handlungsebenen und Schauplätze und schafft es, das große Figurenensemble mit Überblick einzusetzen.

Kraftvolle und intensive Bilder

Jérémys Illustrationen bestechen aufgrund intensiver Farben durch eine greifbare Unmittelbarkeit. Seine Zeichnungen sind eindrucksvoll, weil er einen individuellen Strich führt und kraftvolle Bilder schafft, egal ob historische Kleidung, Waffen, Schiffe oder Gebäude, Figuren, Kampfszenen oder ruhige Szenen. Sein großes Vorbild könnte der verstorbene Comiczeichner Philippe Delaby gewesen sein (mit dem Dufaux in Murena und Ritter des verlorenen Landes zusammengearbeitet hat). Das besondere an Jérémys Bildern ist die dichte Atmosphäre, die zwischen Realismus und magischer Entrücktheit oszilliert. Man spürt förmlich den Urwald auf der Insel, das plätschernde Meer und die Energie, die von den Protagonisten ausgeht (dabei ist Jérémy noch ein blutiger Anfänger).

In Barracuda 5 spitzen sich die Handlungen zu, die Spannung erreicht einen vorläufigen Höhepunkt. Dufaux und Jérémy haben alles fest im Griff und bescheren dem Leser beste Piratenkost mit viel Gewalt, interessanten Charakteren und einem magischen Schatz. Was mir auch sehr gut gefallen hat, war das graue Vorsatzpapier, das mit einer Kampfszene (man sieht die Kannibalen-Horde) illustriert ist. Mehr Infos zur Serie gibt es auf der Verlagsseite.

Media Monday #221 u.a. über den VFB Stuttgart, Delphine und das Ende von Z-wie-Klugscheißer

Liebe Leser, das ist mein letzter Blogeintrag (es folgen demnächst noch ein paar letzte noch ausstehende Reviews), ich leg‘ das Projekt erstmal wieder auf Eis. Aus beruflichen Gründen hatte ich das Projekt begonnen und aus denselben Gründen beende ich es jetzt wieder. Ich sage nicht für immer (denn man weiß ja nie), aber vorerst werde ich keine Zeit mehr zum Bloggen haben. Wer will, kann sich künftig mit mir über Twitter (@marcobehringer) über Comics und Filme austauschen. Hier sind meine letzten Antworten zum Media Monday von Medien_Journal. Ansonsten: Adios, Adieu, Au revoir!

Media Monday #221

1. Als ich damals mit meinem Dissertationsprojekt (über ein Thema zu den Bereichen Science Fiction und Utopie) begann, ahnte ich nicht, was für ein Marathon das werden würde. Nun befinde ich mich in den letzten Zügen und bin froh, wenn ich das Werk einreichen kann.

2. Sollte es jemals einen Trick geben, die Zeit zu manipulieren, ich wäre dafür zu haben. Wenn man viele Interessen (und Verpflichtungen) hat, dann fehlt sie einfach hinten und vorne.

3. Beim VFB Stuttgart bleibt zumindest alles beim Alten, schließlich haben diese Saison noch kein einziges Spiel gewonnen, und das, obwohl sie durchaus zu Chancen kommen und Einsatz zeigen (das macht es eigentlich noch bitterer).

4. Delphine in freier Wildbahn zu sehen war eine unglaubliche Erfahrung, einfach weil es intelligente und verspielte Tiere sind.

5. Obwohl sich alle einig sind, dass die Space-Opera-Serie Saga so toll ist, bin ich ja der Meinung, dass der Comicautor Brian K. Vaughan überschätzt wird und Saga schlechte Dialoge enthält. Auch die Charaktere hatten mir überhaupt nicht gefallen, so dass ich die Serie abgebrochen habe. Mein Tipp ist der Comicautor Ales Kot und sein futuristischer Agenten-Thriller Zero (ebenfalls Image Comics). Für mich der am meisten unterschätzte und unbeachtete Autor derzeit. Wenn ich nur eine Serie empfehlen dürfte, wäre es definitiv Zero: überschaubar (weil in vier Trades abgeschlossen), ausdruckstarkes Artwork (mit wechselnden Illustratoren) und innovatives Storytelling (mit Zeitsprüngen, Wechsel von ruhigen Szenen und Actionsequenzen etc.). Unbedingt lesen!

6. Alles in allem hat das Projekt „Z-wie-Klugscheißer“ Spaß gemacht, denn immerhin habe ich nette Blogger-Kollegen kennen- und schätzengelernt. Auch für jedes Feedback war ich dankbar, man werkelt sonst so im luftleeren Raum vor sich hin und hat keine Ahnung, wie das ankommt, was man da so fabriziert hat. Allerdings habe ich (mit Neid) festgestellt, dass die Filmblogger auf deren Blogs sehr viel mehr diskutieren, als die Comicblogger (generell und hier).

7. Zuletzt habe ich die Fernsehserie (alle schreiben nur noch „TV“, ich verwende sehr gerne den Begriff, den man auch tatsächlich beim sprechen verwendet) Fargo gesehen und das war gute Unterhaltung, weil der echte Fall schön verstrickt ist und gut erzählt wird. Billy Bob Thornton hat mir sehr gut gefallen und die Ereignisse haben sich immer mehr zugespitzt. Insgesamt jedoch nicht ganz so gut wie vergleichbare Serien und der typische schwarze Coen-Humor kam etwas zu kurz.

Charles Burns: Zuckerschädel [zuletzt gelesen #065]

9783956400346Es gibt Stories (egal ob Comic, Literatur oder Film), die sind glasklar erzählt und leicht verständlich. Alles, was dargestellt wird, bedeutet genau das und sonst nichts anderes. Die Handlung ist linear und es gibt keine weiteren Bedeutungsebenen. Dann gibt es Stories, die sind genau das Gegenteil: symbolisch aufgeladen, bedeutungsschwanger, verstörend – kurzum: interpretationsbedürftig. Sugar Skull (Pantheon Books) von Charles Burns zählt zu diesen Werken. Auf Deutsch ist die Graphic Novel unter dem Titel Zuckerschädel bei Reprodukt erschienen. Sie schließt eine Mystery-Trilogie ab, die mit X’ed Out (dt. X) begann und mit The Hive (dt. Die Kolonie) fortgesetzt wurde und eine bizarre Achterbahnfahrt zwischen Realität und Fiktion darstellt.

David Lynch in der Interzone

Doug (Fotograf und Beat-Poet) ist inzwischen gealtert und nicht mehr mit Sarah zusammen. Er wirkt immer noch sensibel und unsicher, hat mit Sally jedoch eine verständnisvolle Freundin und ist clean. Dennoch kommt er nicht ganz von Sarah los. Vor allem ein Konzertbesuch schleudert ihn wieder in vergangene Zeiten zurück. Auch seine Alpträume von seinem toten Vater suchen in noch heim. In einer grotesken Parallelwelt voller Echsenmenschen und mysteröser Eier spitzen sich die Ereignisse um Dougs Alter Ego Johnny indes zu.

Was soll diese verstörende Parallelwelt, deren Vorbild die Interzone aus William S.Burroughs Cut-Up-Kultroman Naked Lunch sein könnte (in beiden Fällen gibt es Echsenwesen und verschiedene Realitätsebenen). Ist sie eine parabelhafte Realitätsebene, um Dougs Gefühlswelt in der Wirklichkeit zu spiegeln? Ist sie eine drogeninduzierte Halluzination? Oder ist sie die eigentliche Realität und die Wirklichkeit nur Traum? In Zuckerschädel gibt Burns schließlich die Antwort auf diese Fragen, indem sich die Ebenen inhaltlich überlappen (oder doch nicht?). Die Wirklichkeit erscheint indes beklemmend und bedrohlich, wie ein Film von David Lynch.

Burns erzählt seine kafkesk-groteske Trilogie sprunghaft, assoziativ und verschachtelt. Auch in Zuckerschädel verlaufen die Übergänge zwischen fiktiver Parallelwelt und Wirklichkeit fließend. Dazu kommen Traumsequenzen, Rückblicke und Comic-im-Comic-Sequenzen (Sarah liest Comicromanzen, die Ausdruck für ihre vernachlässigten Gefühle sind), die die Story zusätzlich komplexer gestalten. Im Gegensatz dazu stehen die klaren Zeichnungen und geordneten Panels, die für Ruhe und Übersicht sorgen.

Neo Noir meets ligne claire

Burns verwendet zwei verschiedene Zeichenstile für beide Realitätsebenen. Die Wirklichkeit ist in seinem typisch düsteren Neo-Noir-Strich mit flächigen Farben und hartem Kontrast bzw. dunklen Schatten gezeichnet, wohingegen er die Parallelwelt im reduzierten ligne-claire-Strich zeichnet. Es ist keine bloße Anlehnung, sondern ein bewusstes Zitat, da Johnny tatsächlich stark an Tintin von Hergé erinnert (in der Wirklichkeit trägt Doug ein T-Shirt mit einem ikonisierten Tintin-Emblem). Die Parallelwelt wirkt karg und (aufgrund antinaturalistischer Farben) bizarr, wohingegen die Realität stilisiert und düster erscheint. Alleine das Artwork hat seine ganz eigene Sogkraft, die sich mit dem narrativen Strudel multipliziert.

Mit Zuckerschädel bietet Burns genug Antworten auf die Fragen, die er in den ersten Bänden aufgeworfen hat, um seine Leser zufriedenzustellen. Dennoch bleibt noch ein kleiner Interpretationsspielraum für jene, die gerne über Sinn und Unsinn grübeln. Insgesamt ist es eine hypnotisierende Trilogie aus einem Guss, die das Genre und das Medium erneuert. Sicherlich nichts für schwache Nerven oder Freunde von linearen Geschichten. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe.

Lorenz & Kreitz: Rohrkrepierer [zuletzt gelesen #064]

9783551783783Herbertstraße, Tauschwirtschaft, vaterlose Familien, Großmütter mit Feldstecher, Prinz Eisenherz und Catcher… Das St. Pauli der Nachkriegsjahre hat viele Gesichter, zumindest in der Graphic Novel Rohrkrepierer (Carlsen) von Isabel Kreitz. Die deutsche Comiczeichnerin hat für diese Milieustudie den gleichnamigen autobiographischen Roman von Konrad Lorenz adaptiert. Kreitz ist ja bereits eine (prämierte) Expertin, was historische Stoffe angeht. Die Sache mit Sorge ist ein ausgefeilter Spionage-Thriller, der während des Zweiten Weltkriegs spielt, Haarman (mit Peer Meter) eine geniale Studie eines historischen deutschen Serienmörders. Darüber hinaus hat sie Erich Kästners Pünktchen und Anton, Emil und die Detektive und Der 35. Mai als Comics adaptiert. In Rohrkrepierer entsteht ein Gesellschaftsbild zwischen Kleinbürgertum und Großstadtleben.

Sittengemälde und Coming-Of-Age

Rohrkrepierer ist nicht nur eine historische Mileu-Studie der Hamburger Nachkriegsjahre, sondern in erster Linie ein Coming-Of-Age-Drama über Kalle, den der Leser von der Schulzeit bis zur Wehrdienstzeit (die als Matrose umgeht) begleitet. Als Schüler lernt Kalle zum ersten Mal seinen Vater kennen, der als amerikanischer Kriegsgefangener heimkehrt. Als Teenager dreht sich alles um Ausgehen, die erste Liebe und sexuelle Erfahrungen („Rohrkrepierer“). Kalle ist ein sensibler wie lebensfroher Junge, der viele Achterbahnfahrten erlebt und mit seinen Erfahrungen reift.

Kreitz adaptiert den Roman ohne Erzähltext. In dialogreichen Szenen taucht der Leser in die völlig eigentümliche Welt von St. Pauli ein, in der der von der Damenwelt begehrte Arzt seine Hausbesuche macht, die Großmutter mit dem Feldstecher alles im Blick behält und gewissenhaft notiert, der Viertel-Schläger Ratten im Rohr fängt und dann gegen die Wand wirft („Rohrkrepierer“), Zigaretten als Zahlungsmittel fungieren und die Schüler das Catch-Turnier sehen wollen und um Prinz Eisenherz-Comics wetten. Es gibt insgesamt drei größere Lebensabschnitte Kalles und diese sind teils mit Sprüngen und verschiedenen Handlungsebenen versehen. Das macht die Erzählung vielschichtig und anspruchsvoll.

Parallelen zu Kästners Kinderbücher liegen nahe. Einige Dialoge weisen zudem Hamburger Dialekt auf und es wird gesungen. Das macht die Geschichte authentisch und lebendig, erfordert aber auch die Mitarbeit des Lesers, denn der Dialekt ist nicht immer einfach zu verstehen. Auch das große Figurenensemble und die wechselnden Handlungsebenen erfordern hohe Konzentration, um den Überblick zu bewahren, so dass sich die Graphic Novel nicht als Lektüre für Zwischendurch anbietet. Positiv formuliert: Die Graphic Novel besitzt alle Qualitäten eines historischen Romans.

Historische Lebendigkeit und dichte Atmosphäre

Auch die (ausgefeilte) Zeichenkunst Kreitz‘ erfordert die vollständige Aufmerksamkeit des (geneigten) Lesers. Die detailreichen und gut recherchierten Schwarzweißzeichnungen bestechen durch einen individuellen Strich. Die Bleistiftzeichnungen sind aufgrund von Schraffuren und Grauflächen nuanciert und nicht kontrastreich. Das historische St. Pauli-Viertel erscheint getreu und lebendig. Die Darstellung von Mode, Mobiliar, Kleidung und Straßenansichten beeindrucken durch Glaubwürdigkeit und Finesse. Bei den Figuren hatte ich manchmal das Problem, die Gesichter sofort richtig zuzuordnen, aber das liegt an der Detailfülle der Illustrationen.

Rohrkrepierer ist zugleich ausgefeilt illustrierte Comicliteratur, abwechslungsreiches Coming-of-Age-Drama und lebendiges Sittengemälde. Von Beginn an erzeugt Kreitz eine starke Sogwirkung, die den Leser tief in die verganene Zeit eintauchen lässt. Es macht sehr viel Spaß, dem Protagonisten beim Älterwerden und Heranreifen zuzusehen und die Eigentümlichkeiten des Hamburger Stadviertels kennenzulernen. Die Lektüre erfordert aufgrund der detaillierten Zeichnungen und anspruchsvollen Erzählweise jedoch auch die volle Aufmerksamkeit des Lesers. Auf der Verlagsseite gibt es alle Infos zur Graphic Novel.

Christin & Juillard: Lena und die drei Frauen [zuletzt gelesen #063]

I3567m Paradies warten die Jungfrauen – das wird islamistischen Selbstmordattentätern gemeinhin versprochen. Doch was ist, wenn es Attentäterinnen sind, die (sich) für den Dschihad töten? Dieser Frage gehen Pierre Christin und André Juillard in Lena et les trois femmes (Dargaud; dt. Lena und die drei Frauen; Salleck Publications) nach. Wer Christin kennt, weiß, dass er ein Faible für politisch brisante und zeitgemäße Themen hat (man denke an seine Politfiktionen mit Enki Bilal aus den 1980er Jahren). Das Album ist keine direkte Fortsetzung von Le long voyage de Léna (Dargaud; dt. Lenas Reise; Carlsen/Salleck Publications), denn dieser Band war in sich abgeschlossen, jedoch erlebt die Titelheldin ein neues Abenteuer, wobei das Album problemlos als eigenständiges Werk gelesen werden kann (deshalb ist das Album auch nicht als Serie durchnummeriert).

From Outback to Paris

Lena ist eine Ex-Geheimagentin, die (nach den Ereignissen von Le long voyage de Léna) ein neues Leben in Australien begonnen hat. Doch dann unterbricht der französische Geheimagent Paul-Marie de Calluire ihre Wüstenrunden, die offenbaren, dass sie vielleicht doch nicht ganz zufrieden ist, mit ihrem Neuanfang. Lena soll noch einmal eine geheime Mission übernehmen, um einen Terroranschlag in Paris zu vereiteln. Gibt sie ihre neue Familie auf? Ist sie bereit, sich in ein Terrornetzwerk einschleusen zu lassen?

Christin und Juillard schildern unaufgeregt, aber (äußerst) stilvoll vom islamistischen Terror. Dabei stehen die Rekrutierung und Ausbildung von Attentätern im Mittelpunkt, was mit einer dokumentarischen Nüchternheit, aber nicht ohne Spannung inszeniert wird. In spröden (vollkommen positiv gemeint), realistischen Sequenzen begleitet der Leser die Titelheldin dabei, wie sie zunächst gebrieft wird und danch bei unspektakulären Wartezeiten oder schweißtreibenden Übungen im Terrorlager teilnimmt.

Die Geschichte erzählt Christin aus der Sicht von Lena, die in prosaischen (und ausführlichen) Texten als Ich-Erzählerin fungiert, wodurch sich Lenas Gefühlsleben vor dem Leser in der Tiefe ausbreitet. Die Namen der titelgebenden drei Frauen bzw. Muslima haben symbolischen Charakter. Dass Halima („sanft, liebich“), Ahlem („Traum“) und Suad („Wohlergehen“) zu Märtyerinnen werden wollen, kann als Widerspruch gedeutet werden, der die Absurdität des Terrors spiegelt.

Stilvoller Polit-Thriller

Die Erzählweise Chrisins unterstreicht dabei perfekt die typischen Illustrationen Juillards. Er führt einen prägnanten, flächigen und spitzen Strich, der in der Tradition der ligne claire steht, die Juillard allerdings verfeinert und erweitert. Die Farben sind flächig, zurückhaltend und realistisch. Die Einstellungen zeigen das Geschehen mit einer eleganten Beiläufigkeit. Auf Effekte verzichtet der Meister. Dabei beherrscht er das Outback genauso stilsicher wie die zerklüftete Lagerlandschaft und die Metropole.

Lena et les trois femmes ist beste Comicunterhaltung aus der Feder zweier Meister, die der Titelheldin aus Le long voyage de Léna eine weitere Geschichte schenken. Ihr Polit-Thriller erscheint quasi-dokumentarisch als stilbewusste Studie des Terrorismus. Die Dialoge einzelner Terroristen ist dabei authentischen Äußerungen entlehnt. Wer sehr gut illustrierte Polit-Thriller mag, sollte sich das Album nicht entgehen lassen. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe und Infos.

Liebster Blog-Award von „Paranoyer“

LiebsterBlogAward

Mein geschätzter Blogger-Kollege Jan Noyer alias Paranoyer hat mich für den Liebster-Blog-Award nominiert. Danke dafür! Er hat sich dafür entschuldigt, dass die Fragen sich nicht nur auf Comics beziehen. Kein Ding! Schließlich gibt es im (Medien-)Leben noch mehr (aber nicht viel!). Ne, tolle Sache, der ich mich mit Freude (und sorgfalt) widme. Hier sind die Fragen von Jan und meine Antworten. Und allen von mir Nominierten rate ich, auch mitzumachen!

1. Aliens begegnen uns ja ständig in allen möglichen Medien. Doch wie sieht es für dich in der Realität aus? Glaubst du an die Existenz von außerirdischem Leben irgendwo im All oder hältst du die Erde für einen (für uns) glücklichen Zufall?

Sag niemals nie! Ich selbst glaube nicht daran, aber ausschließen würde ich es auch nicht.

2. Empfindest du TV-Serie wirklich, wie immer mal wieder postuliert wird, als „Medium der Zukunft“, dass dem Kino den Rang ablaufen wird (oder es schon getan hat)? Oder ist das alles zu sehr gehypt?

TV-Serien sind wohl eher das „Medium der Stunde“. Wie es für die Zukunft aussieht, steht auf einem anderen Blatt. Momentan sieht ganz danach aus, als würde der Boom weitergehen. Aber was passiert in zehn Jahren, wenn es irgendeine neue mediale Innovation gibt und sich das Publikum neu orientiert? Was, wenn es keine originellen Stories mehr gibt? Ich glaube nicht, dass TV-Serien in Zukunft komplett aussterben werden, aber vielleicht stagniert der Hype irgendwann. Da braucht nur mal ein Drehbuchautorenstreik o.ä. kommen und Zack! kann es ganz schnell gehen.

3. Ganz ehrlich: Verfolgst du manche Blogs nur, damit du über die dort veröffentlichten Meinungen den Kopf schütteln kannst?

Nope. Wenn ich merke, dass mich ein Blog so gar nicht anspricht, dann lass ich es auch. Meine Zeit ist mir dazu zu schade.

4. Manche Leute lehnen schwarz/weiß-Filme kategorisch ab. Findest du diese Haltung albern oder kannst du sie, zumindest auf irgendeiner Ebene, nachvollziehen?

Also ich selbst kann mich an eine Zeit erinnnern, in der ich auch so eingestellt war: „Das ist doch altmodisch/langweilig“! Das war in meiner Jugend (in der ich hauptsächlich Hollywood- und Blockbusterfilme geschaut habe), bis ich Jim Jarmusch und danach die Filmgeschichte entdeckt habe. Wenn ich mich in den obsoleten Entwicklungsstand zurückversetze, dann kann ich es nachvollziehen, aber man sollte sich eben auch weiterentwickeln und offen sein.

5. „Mann benutzt lebenden Igel als Fußball.“ Wie sehr regen dich solche Meldungen auf bzw. lassen sie dich an dem Zustand der Menschheit verzweifeln (alternativ kann auch jede andere Meldung eingesetzt/gedacht werden)?

Das macht mich sehr wütend und traurig, ich hasse Tierschänder abgrundtief. Und ja, das erinnert mich an die verwerflichen Seiten der Menschheit. Deshalb spende ich auch gezielt an WWF, weil Tiere unschuldig sind und beschützt werden sollen.

6. Was sind deine Strategien, um nach einem stressigen Tag wieder einen Ausgleich zu finden?

Wenn, das Adrenalin rauscht und der Puls schlägt, dann hilft bei mir nur Fitnesstraining (zuhause, nicht in der Muckibude!) und/oder Basketball – kurzum Sport. Dabei kann ich abschalten, das beruhigt die Nerven und der Kopf fühlt sich danach wieder frei an. Dann habe ich die Muße, um (übermäßig) Medien zu konsumieren!

7. Auf welches Medium/Kunstform könntest du persönlich am ehesten verzichten (ohne es selbstredend ganz abschaffen zu wollen, da ja jeder sein Faible haben darf)? Bücher, TV, Radio, Videospiele oder etwas ganz anderes?

Videospiele. Das ist keine Hypothese, dafür habe ich mich schon lange entschieden. Hat mir schon immer Spaß gemacht, aber mit dem Älterwerden muss man halt priorisieren.

8. Blogger, besonders die Film- und/oder Buchaffinen, berichten ja immer wieder von Platzproblemen. Kennst du das oder hast du deine Sammelwut im Griff bzw. einen Weg gefunden, alles unterzubringen?

Ich gehöre ganz klar zu den Platzproblem-Typen. Ich betrachte mich nicht als Sammler im eigentlichen Sinne, also ich bin kein bibliophiler Sammler oder Sammler um des Anhäufens Willen. Nein, vielmehr bin ich einfach nur Vielleser und Filmfan und konsumiere ganz einfach nur viel. Der Unterschied liegt darin, dass ich (schlechte Titel) immer wieder auch aussortiere und verkaufe und nicht alles behalte, was ich mir anschaffe.

9. Wo wir gerade bei Sammelwut sind: hast du als Kind Zeitschriften gesammelt? Wenn ja, welche und vor allem: tust du es heute noch?

Ja, als Kind habe ich den Tierfreund und Limit gesammelt. Als Jugendlicher dann Cinema, The Source und Basket. Und heute sind es brand eins, Philosophie Magazin und 11 Freunde.

10. Twitter interessiert es, den Deutschen im Klischee sowieso, andere nehmen es einfach hin: das Wetter. Welche Jahreszeit entspricht deiner Vorstellung von einem „super Wetter“ am ehesten und warum?

(Hoch-)Sommer! Dann kann am Baggersee liegen und Comics/Romane/Zeitschriften lesen, sich abkühlen, vom 10-Meter-Turm springen und danach auf dem Freiplatz Basketball spielen gehen. Dann ist es lange hell und man kann in den Biergarten. Man braucht nicht so viele Kleidungsstücke, keine Heizung und kann eiskalt duschen. Das Eis und Bier schmeckt dann am besten und Grillen ist angesagt.

Das war’s auch schon – es hat sehr viel Spaß  gemacht!

Und hier die Nominierten, von denen ich mir eine Beantwortung meiner Fragen erhoffe:

Lukas von Fragmentum und Das Batman Projekt.

Tobias von Texte und Bilder.

Thies von Tradepaperback.

Marco von Mind’s Delight.

Philipp von Comickladde.

Meine Fragen:

1.) Jeder Comicleser hat so seine Vorlieben. Wie liest du am liebsten? Hefte oder Paperbacks? Original oder auf Deutsch? Softcover oder Hardcover? Oder ist dir alles egal, Hauptsache Comic?

2.) Die meisten verbinden mit Comics Superheldencomics, dabei gibt es so viel mehr. Liest du (nur) US-Comics oder (auch) franko-belgische Comics und Graphic Novels? Warum bzw. in welchen Anteilen?

3.) Ein gutes Artwork kann einen umhauen, aber wenn die Story langweilt bringen die besten Illustrationen nichts. Auf was achtest du mehr: Autor oder Zeichner?

4.) In der Comicsammlug zählt der Überblick. Nach welchen Kriterien sortierst du deine Sammlung? Alphabetisch? Nach Verlagen? Autoren?

5.) Der Klimawandel verändert vielleicht unser Leben. Die Ressourcen sind begrenzt. Bist du eher Optimist oder Pessimist was die Entwicklung der Menschheit angeht?

6.) Comics gelten oft als eskapistisches Medium, reine Unterhaltung, wirklichkeitsfremd. Beschäftigst du dich mit Politik oder gesellschaftlichen Entwicklungen?

7.) Dein Chef gibt dir einen Tag frei/die Uni fällt aus. Was machst du (wenn du keine Comics liest)?

8.) Urlaub ist die schönste Zeit. Welche Art Urlaub machst du? Bist du eher der Bildungs-/Städtereisetyp oder relaxt du lieber am Strand?

9.) Es gibt viele Leser, die keine Klassiker lesen, weil ihnen das altbackene Artwork missfällt. Kannst du das nachvollziehen?

10.) Kein Mensch ist eine Insel. Lässt du dich gern von anderen (Comic-)Bloggern beeinflussen?

Die Regeln, wenn du nominiert wurdest und mitmachst:

Danke dem Blogger, der Dich nominiert hat.

Verlinke den Blogger, der Dich nominiert hat.

Füge eines der Liebster-Blog-Award Buttons in Deinen Post ein.

Beantworte die Dir gestellten Fragen.

Erstelle 10 neue Fragen für die Blogger, die Du nominierst.

Nominiere Blogs, die weniger als 300 Follower (halte ich persönlich für eine optionale Angabe) haben.

Informiere die Blogger über einen Kommentar, dass Du sie nominiert hast.

Media Monday #220 u.a. über den italienischen Neorealismus, Kieron Gillen und Fargo

Nein, ich betone diesmal nicht, dass die Zeit zu schnell vergeht (das wisst ihr ja schließich selbst bzw. sonst wird es langweilig). Wie ihr bestimmt mitbekommen habt, hat mich derzeit wieder stärker das Serienfieber gepackt (True Detective S01, Boardwalk Empire S05 und nun Fargo S01). Am Wochenende habe ich dennoch auch wieder eine paar Comics gelesen, die mich allerdings leider eher enttäuscht haben: das assoziative Afterlife-Meta-Drama Appartement 23 von Guillaume Sorel hat gemischte Gefühle bei mir hinterlassen. Silbermond über Providence von Eric Herenguel war ein Fehlgriff, weil ich mir irrtümlicherweise einen Western mit Heldin vorgestellt hatte (das Cover vermittelt den Eindruck) und einen Mystery-Western mit einem großen Figurenensemble bekam. Zudem war die Story etwas wirr erzählt. Auch von der Kolonialisierungsmystery Conquistador von Jean Dufaux (eigentlich Lieblingsautor) hatte ich mir mehr erwartet, aber nach zwei Bänden werde ich die Serie wohl nicht mehr weiterlesen, weil sie nicht an die anderen Dufaux-Serien heranreicht. Hier sind meine Antworten zu den Fragen vom Medien_Journal.

1. Die Serienepisode ____ wird mich vermutlich noch lange beschäftigen, denn ____ . Obwohl ich hin und wieder die Zeit finde, Serien zu schauen, beschäftigt mich normalerweise keine einzelne Episode längerfristig. Klar, The Wire oder Breaking Bad hatten einen Nachhall auf meine Gedankenwelt, aber exzessiv hatte ich mich nicht mit deren Episoden beschäftigt. Zuletzt hatte ich bei Boardwalk Empire Season 5 gerätselt, wie es wohl weitergeht, aber mehr auch nicht. So wichtig ist mir das ganze dann doch nicht bzw. so viel Zeit habe ich nicht (mehr). Für mich sind Serien reine Unterhaltung, Denkanstöße kommen eher aus der Literatur oder von Comics.

2. Ein Durchschnittsmensch kann ja wirklich nicht gerade herausragend schauspielern, aber der Rückgriff des italienischen Neorealismus (zum Beispiel Roberto Rosselini oder Frederico Fellini) auf Laiendarsteller hat sich damals bezahlt gemacht. Das war einfach eine neue Art des Kinos, authentisch und unmittelbar.

3. Als Fan der ersten Stunde macht es mir sehr viel Spaß die Karrieren von Filmemachern wie Darren Aronofsky (seit Pi) oder Christopher Nolan (seit Memento, The Following kam erst danach) zu verfolgen. Klar, auch die beiden machen nicht immer alles richtig, aber sie bewahren sich eine eigene Handschrift und schaffen einen guten Spagat zwischen Mainstream- und Kunstkino.

4. Fernsehen kann man ja dank Streaming etc. mittlerweile quasi überall, doch muss ich sagen, dass ich überhaupt keinen Bock hab‘, mich an meinen Computer im Arbeitszimmer zu setzen und zu streamen, wenn ich einen großen Fernseher im gemütlichen Wohnzimmer habe. Was ich aber ab und an mal streame sind Sportübertragungen, sogar auch schon mal auf dem Smartphone, aber da steht die Gemütlichkeit nicht so im Vordergrund, da geht’s dann mehr um das mitfiebern oder darum, sich kurz ein Bild vom Geschehen zu machen, und das bleibt der Gang zur Apotheke.

5. Bei der Lektüre von Kritiken, die stichhaltig meiner Meinung widersprechen, muss ich immer meine eigene Kritik auf den Prüfstein stellen. Ich kann da nicht anders und hinterfrage, ob ich zu mild oder zu hart mit einem Titel war. Ich meine, ich weiß sicher, ob ich nach dem Konsum/der Rezeption eines Titels zufrieden/enttäuscht war oder gemischten Gefühle empfinde und das ändert sich dann auch nicht wirklich, aber es erschüttert meine die Grundfeste meiner Ansicht.

6. Von der Marvel-Miniserie Journey into Mystery von Kieron Gillen hätte ich mir ja doch deutlich mehr erwartet, denn schließlich erhält sie sehr gute Kritiken und der Autor wird ohnehin hochgelobt. Doch die Story hat mich zeitweise ermüdet, obwohl das Ausgangsszenario (Hintergrund zu Marvel-Megaevent Feat Itself) und der Protagonist (Kid Loki) sehr interessant sind. Seine Young Avengers-Miniserie (ebenfalls Marvel) hat mir auch sehr viel besser gefallen, wobei auch dort nicht die Story, sondern das Storytelling und das Artwork entscheidend war. Nahezu dasselbe gilt für seine creator-owned-Serie The Wicked + The Divine (Image Comics), bei der seine typischen Motive vereint (Musik und Mystery).

7. Zuletzt habe ich die ersten beiden Episoden von Fargo Season 1 gesehen und das war recht unterhaltsam, aber noch nicht herausragend, weil viele Coen-Elemente zwar aufgegriffen wurden, aber das gewisse Etwas noch fehlt. Die Episoden sind im Vergleich zu den Coen-Filmen atmosphärisch nicht dicht genug, das Pfeffer fehlt noch, aber ich bin dennoch gespannt, wie es jetzt weitergeht und ich muss mir wohl auch klarmachen, dass die Coens ja nur auführend produzieren und nicht Regie führen (ein Dilemma, dass ich auch bei Man of Steel und Christopher Nolan hatte).

Patrice Pellerin: Der Schrei des Falken Gesamtausgabe 3 [zuletzt gelesen #062]

650-307508-20140620133755Exotische Schauplätze, spannende Schatzsuche, ausgefuchstes Katz-und-Maus-Spiel, historisch beeindruckende Bilder und finaler Showdown! Die historisiende Abenteuerserie L’Epervier (Dupuis) von Patrice Pellerin geht in die letzte Runde. Bei comicplus+ ist die Comicserie unter dem Titel Der Schrei des Falken – Gesamtausgabe auf Deutsch in einer edlen Gesamtausgabe erschienen. In drei Bänden liegt der erste Zyklus der Serie vollständig vor (ursprünglich sechs Bände, ebenfalls comicplus+). Der dritte Band der Gesamtausgabe enthält die beiden Bände „Der Schatz am Mahury“ und „Die Tränen des Tlaloc“ sowie Bonusmaterial aus dem französischen Begleitband Archives secrètes.

Exotische Kulisse, historische Pracht und finaler Showdown

Nachdem das Abenteuer in der Bretagne begann und auf hoher See fortgesetzt wurde, landen die Protagonisten 1742 schließlich in Guyana. Yann de Kermeur („Der Falke“) hat die „Pomone“ gestohlen und verfolgt die „Medusa“, die (nachwievor) von den (immer noch) Niederträchtigen Marquis de la Motte und Hervé de Villeneuve gesteuert wird, um die Gräfin Agnès de Kermellec zu befreien und um wieder Herr über sein eigenes (königliches) Schiff zu sein. Doch zunächst holt ihn seine Vergangenheit (und die Intrige) auch in Übersee ein und er wird (wieder einmal) festgenommen und eingesperrt. Währendessen zwingen die Widersacher Kermeurs Mannschaft, gefährliche Tauchgänge in Tonnen durchzuführen, um den Schatz zu bergen. Kann der Falke seine (rechtmäßige) Unschuld beweisen? Die „Medusa“ (samt tapferer Crew) befreien? Und was ist mit dem Schatz (Aztekengold)?

Pellerin streift in dieser Gesamtausgabe nebenbei Themen wie Kolonialisierung und Sklaverei. Der Protagonist erhält dadurch zusätzliche Möglichkeiten zur Demonstration seiner Moralvorstellungen und etabliert sich noch klarer zum integren Helden. Er ist ganz der klassische Held in Reinform, ohne ambivalente Tendenzen und vielschichtige Facetten wie sie der (Anti-)Held der jüngeren Vergangenheit (in der Popkultur) besitzt. Umgekehrt sind die Schurken noch waschechte Schurken, ganz ohne nuancierte Zwischentöne, einfach unmoralisch (zumindest Villeneuve). Komplex sind nicht die Charaktere, sie sind mustergültige Schablonen, allerdings vor einer komplex erzählten und vielschichtig gespinnten Geschichte. Das (und die historische Genauigkeit) macht den Reiz von L’Epervier aus. Beim Frauenbild gibt es jedoch insofern eine Modernisierung, als dass die Gräfin selbstbewusst und mutig auftritt und sogar dem Chevalier das Leben retten darf.

Pellerin führt einen klaren Strich, der sich am Stil seines Vorbilds André Juillard orientiert. Mit einer unnachahmlichen Vorliebe für Details lässt er das 18. Jahrhundert (vor allem die Seefahrt) lebendig werden. Band drei der Gesamtausgabe enthält beeindruckende Bilder von Gebäuden (Kolonialstil), Waffen, Ausrüstung, Urwald, Kleidung und Schiffen. Genial ist beispielsweise auch eine Szene, in der sich Yann mit einem Kajak durch die Mangroven manövriert. Man spürt auf jeder Seite, dass Pellerin befreundete Historiker befragt hat und ausgiebig recherchiert hat. Dieser Umstand und die gewissenhafte Arbeitsweise (Pellerin schreibt, zeichnet und koloriert in Eigenregie!) entschuldigen auch die lange Veröffentlichungsdauer der Einzelbände (alle zwei Jahre erscheint ein neuer Band). In puncto Raumverständnis und Einstellung hat er sich zudem von Jean Giraud (und dessen an den Film angelegtes Panellayout) inspirieren lassen.

Klassiker des Abenteuercomics in edler Ausgabe

Die Aufmachung der Gesamtausgabe lässt keinen Wunsch offen. Der gebundene Band wird auf Vorder- und Rückseite mit Spotlack veredelt. Die wunderschöne Ausgabe wird durch ein leicht strukturiertes, griffiges Vorsatzpapier (hier Dunkelgrün) abgerundet. Das Bonusmaterial enthält einen Kurzcomic sowie illustrierte Erläuterungen über Yann als Korsar und bei Hofe. L’Epervier wurde übrigens gleichnamig verfilmt, nur leider (noch) nicht ins Deutsche synchronisiert.

Der Schrei des Falken – Gesamtausgabe 3 begeistert durch eine spannende Zuspitzung aller vorangegangenen Ereignisse bis zum Finale. Ein erstklassiger Abschluss des ersten Zyklus‘ einer genialen Abenteuerserie. Es wäre mehr als begrüßenswert, wenn auch der zweite Zyklus (bisher zwei Bände) derart prachtvoll zugänglich wird. Auf der Verlagshomepage gibt es mehr Infos zur Gesamtausgabe und beim Comicvertrieb PPM gibt es Leseproben. Für mich ist L’Epervier ohnehin einer der besten Seefahrercomics.

Media Monday #219 u.a. über Idris Elba, James Gordon, verstörendes Kino und HBO-Serien

Mist. Da läuft schon mal Basketball im Deutschen Fernsehen und dann schaff ich’s trotzdem nicht. Für diese Woche hab‘ ich mir aber vorgenommen, die Spiele des deutschen Teams bei der EM zu verfolgen. Heute abend kommt auch der Nowitzki-Film im Fernsehen, das wäre auch toll. Dann ist auch noch das Fußball-Qualifikationsspiel und der Serien- und Filmstapel wird ja auch nicht kleiner (den Comicstapel erwähne ich gar nicht erst!) – puh, das wird wieder ein Abend voller Entscheidungen! Aber hier sind erstmal meine Antworten zu den montäglichen Fragen von Medien_Journal.

Media Monday #219

1. Sollte ich jemals Opfer eines Verbrechens werden, würde ich mir wünschen, dass James Gordon mit dem Fall betraut wird, schließlich arbeitet der Comissioner sehr gewissenhaft und genießt schlagfertige Rückendeckung.

2. Nachdem Idris Elba die Serie The Wire (aus welchem Grund und wie auch immer) verlassen hatte war ich froh, ihn in der Serie Luther wiederzusehen. Witzig war dann auch seine Nebenrolle in Thor als göttlicher Wächter Heimdall.

3. Lost Highway von David Lynch oder Tree of Life von Terrence Malick waren regelrecht verstörend, denn schließlich sind das Filme, die viele Interpretationsansätze bieten. Bei Lost Highway ließe sich beispielsweise alles als eine Psychose eines Schizophrenen deuten, da er sich im Laufe des Films (kafkaesk) verwandelt. Tree of Life lässt aufgrund der Meta-Ebene am Ende den Schluss auf Bedeutungen wie „Himmel“ zu.

4. Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand von Jonas Jonasson als eine(s) dieser viel gepriesenen Bücher(-Reihen) gefiel mir überraschend auch ganz gut, obwohl ich sonst nicht so den Bestseller-Geschmack habe. Nicht minder schlecht hat mir Bettler und Hase von Tuomas Kyrä gefallen, der in eine ähnliche Kerbe schlägt. Beide Romane vereinen eine leichtfüßige, fabulierfreudige und unzuverlässige Erzählweise (Satire halt) mit sozialkritischen Inhalten.

5. Für mich persönlich ist derzeit insbesondere HBO Garant für allerbeste Serienunterhaltung, schließlich war True Detective Season 1 sehr gut und aktuell läuft bei mir Boardwalk Empire Season 5. Zwei Serien, zwei Treffer. Dafür spricht auch, dass mich House of Cards Season 1 nicht überzeugt hat.

6. Die Graphic Novel Untergetaucht von Xavier Coste lässt sich nur schwierig in eine Schublade stecken, immerhin vereint sie Elemente des Heist-Thriller, Geschichte, Beziehungsdrama, Katastrophen-Thriller, Prison-Break und Survival-Drama. Eine vielschichtige Graphic Novel, die im Paris des Jahrhunderthochwasser spielt und visuelle Anspielgunen auf den Jugendstil enthält.

7. Zuletzt habe ich die ersten vier Episoden von Boardwalk Empire Season 5 gesehen und das war gut, weil dank Rückblicke in Nucky Thompsons Kindheit der Charakter mehr Tiefe erhält. Außerdem tut es der Serie gut, nicht schon wieder neue Charaktere einzuführen, sondern das bisherige Figurenensemble „auszuspielen“. Alles inallem bin ich aber trotzdem froh, wenn die Serie zu einem Abschluss kommt.